Autor: Marah Jade & anonyma
Genre: Drama, Whump
Rating: FSK 16
Pairing: Tiva meets Kribbs (und wenn ihr mehr über Kristen erfahren wollt: Klick)
Inhalt: Nach einer schrecklichen Katastrophe versucht jedes Teammitglied wieder Fuß zu fassen - jeder auf seine Art. Doch kaum scheint das Schlimmste überstanden, da bahnt sich ein neues Drama an.

Disclaimer: Alle Charaktere und sämtliche Rechte an Navy CIS gehören CBS, Paramount und Belisarius Productions. Diese Fanfic wurde lediglich zum Spass geschrieben und nicht um damit Geld zu verdienen. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden und toten Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Alle weiteren Charaktere sind Eigentum des Autors.

 

 

 

 

1. Kapitel




Mit Schwung hob der grauhaarige Mann einen Karton auf die Ladefläche seines Pickups. Mit einem zufriedenen Blick überprüfte er ein letztes Mal, ob alle Kisten, Kartons und Pakete sicher verstaut waren, dann machte er sich daran die schwere Plane darüber zu spannen.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie der vertraute rote Mini die Straße hinunter fuhr, schwungvoll in die Auffahrt seines Hauses glitt und hinter seinem Wagen zum stehen kam.
Lächelnd wandte er sich um und breitete die Arme aus. Die dunkelhaarige Frau erwiderte das Lächeln und nahm die Einladung zu einer Umarmung gern an.
Gibbs küsste sie sanft auf die Stirn und hielt seine ehemalige Agentin dann auf Armeslänge von sich. „Du siehst gut aus, Ziva. Dir scheint die Schwangerschaft gut zu bekommen."
Lachend legte die Israeli eine Hand an seine unrasierte Wange. „Und dir scheint das Leben in der Wildnis zu bekommen! Du siehst aus wie ein Bär! Newberry scheint eine ähnliche Wirkung auf dich zu haben, wie Mexiko!"
Schmunzelnd führte der Silberfuchs die Jüngere zum Haus. „Lass uns reingehen. Ich habe Teewasser aufgesetzt!"
Zivas Augenbrauen schnellten in die Höhe. „Wow! Die neue Frau an deiner Seite scheint einen richtigen Zombie aus dir zu machen!"
Amüsiert die Stirn runzelnd zog Gibbs hinter ihnen die Haustür zu. „Ich glaube nicht, dass du Zombie gemeint hast. Zombies sind... Untote? Sowas wie Gespenster."
Die Dunkelhaarige presste ungläubig die Lippen aufeinander. „Nein. Das glaube ich nicht. Ich denke, dass Zombies so Kuscheltypen sind. Na, eben Männer die schwangeren Frauen Tee kochen und dazu Schokokekse hinstellen." Sie zwinkerte ihrem ehemaligen Boss verschmitzt zu.
"Softies! Diese Kreaturen von denen du sprichst sind Softies!" Grinsend nickte der Grauhaarige in Richtung Esstisch, der einsam und ein wenig verloren mitten im Zimmer stand. „Tony hat mich schon vorgewarnt. Gewürztee und Schokokekse... Bitte sehr! Dem kleinen Geheimagenten soll es an nichts fehlen!"
Ohne auf Gibbs Worte einzugehen ließ Ziva den Blick durch den beinahe leeren Raum schweifen. "Tony hatte also recht..."
"Womit?" hakte der Silberfuchs nach.
"Dieses Mal ist deine Kündigung wirklich endgültig..."
Seufzend zog Gibbs die werdende Mutter in seine Arme. „Ja, meine Entscheidung steht fest, Ziva."
Ein Schatten huschte über das Gesicht der Jüngeren. Sie löste sich aus der Umarmung und zog eine braune Mappe aus ihrer Handtasche und reichte sie Gibbs.
„Ich würde gern zu einem Fall deine Meinung hören..."

***



Langsam war der blaue Lieferwagen, in einiger Entfernung zu dem roten Mini, in die East Laurel Street gefahren und hatte am Straßenrand gehalten.
Durch die Fensterscheiben des blau-grauen Hauses erkannte er zwei Personen. Eine von ihnen war eindeutig Special Agent Ziva David. Dank der Wanze, die er im Supermarkt unauffällig in die Handtasche der Ermittlerin hatte gleiten lassen, verstand er nun jedes Wort. Gibbs... Hastig startete er ein Programm auf dem Bildschirm seines Notebooks und tippte den Namen ein. Gibbs...
Ein Lächeln umschmeichelte seine Lippen, als er die gewünschten Informationen erhielt. Ehemaliger Special Agent... Das machte seinen Auftrag nur noch interessanter.

Man hatte seine Dienste in Anspruch genommen, weil die kleine Agentin zu tief im Schlamm gewühlt hatte. Eine Akte, die längst hätte vernichtet werden sollen, war in ihre Hände geraten. Und dieses Weibsbild hatte einen verdammt guten Riecher. Er hatte eigentlich nur herausfinden sollen, welche Informationen Ziva David hatte sammeln können und ob sie zu einer echten Bedrohung werden würde. Doch nach nur einigen Stunden Arbeit hatte der Mann gewusst, dass sie bereits bis zur Brust im Dreck steckte und ihr Wissen seinem Auftraggeber unwiederbringlichen Schaden zu fügen würde, sollte irgendetwas davon an die Öffentlichkeit gelangen.
Nun lautete sein Auftrag sich des Problems anzunehmen. Und das würde er, aber er liebte es nun einmal mit seiner Beute zu spielen... Nicht umsonst war sein Krafttier der Puma und dieser beobachtete seine Opfer, hielt sie in seinen Fängen und neckte sie um sie schließlich mit Brutalität und Schnelligkeit zu erlegen.
Seine Beute war glanzvoll. Die schöne Frau und der Krieger...
Die Vorfreude breitete sich mit einem warmem Kribbeln in seinem ganzen Körper aus.

***



„Na komm schon Tony, eine Runde schaffst du noch“, feuerte ihn der junge Therapeut an, der neben einer Art Barren stand.
Wieder war er am Ende der Stangen angekommen. Mühsam versuchte er das Wirrwarr, seiner nutzlosen Beine zu richten, um sich selbst zwischen den Stangen zu drehen. Wut stieg langsam in ihm hoch, als es auch nach dem dritten Versuch nicht klappen wollte. Wut über die Situation in die er gekommen war, Wut auf sich selber und Wut auf den Mann, der das alles zu verantworten hatte.
„AAAaarrrgghhh“, ein Verzweiflungsschrei entfuhr dem Brünetten, als er alle Kraft in seine rechte Hüfte verlagerte, um sein Bein in die richtige Position zu bringen.
„Mach langsam, Tony! Wenn du wütend wirst, bringt es dir nichts, außer dass deine Muskeln und Nerven verrückt spielen.“
Bisher hatte DiNozzo sich voll auf seine Schritte konzentriert, doch jetzt fuhr sein Kopf hoch und er warf seinem Therapeuten einen eiskalten Blick zu.
„Du steckst auch nicht in diesem Körper, Jeff“, knurrte Tony und hatte es endlich geschafft sein rechts geschientes Bein so in Stellung zu bringen, dass es sein Gewicht für die Drehung tragen würde.
„Na gut, dann lassen wir es für Heute gut sein und machen Morgen weiter“, unterbrach Jeff, den verbitterten Versuch seines Patienten.
„Nein!“
Der Therapeut hob die Brauen und rollte mit den Augen. Jeden Tag das gleiche Spiel: Erst ließ er sich nur schwer zur Mitarbeit bewegen, doch wenn es einmal lief, fand er kein Ende mehr.
„Sieh dich an, du bist vollkommen fertig. Schluss für heute!“
„Nein, verdammt!“ Reine Sturheit hielt ihn auf den Beinen. Mit einem verbissenen Gesichtsausdruck hatte er wieder das Ende der Stangen erreicht und machte sich gerade fertig zur nächsten Drehung.
„Doch! Es reicht“, warf Jeff noch einmal ein.
„Noch zwei Durchgänge“, presste Tony zwischen den Lippen hervor. Seine ganze Konzentration auf seine Beine gerichtet, die einfach nicht so wollten wie er.
Jeff seufzte tief. „Ein Durchgang und nicht mehr.“
„Okay, Deal!“, kam es von dem Braunhaarigen und er vollführte noch einmal die Drehung.
„Kommt deine Freundin heute nicht?“, erkundigte sich der Physiotherapeut bei seinem Patienten.
Tony sah hoch, während er sich mit seinen Händen und Armen in aufrechter Position hielt. Mittlerweile lief der Schweiß ihm in Strömen den Rücken herunter. Diesmal verlagerte er die linke Hüfte vor, um sein nutzloses Bein in eine senkrechte Linie unter seinen Körper zu bringen.
„Doch....“, zischte er mit höchster Konzentration auf seinen Körper. „Doch, aber heute etwas später. Sie hat noch was zu erledigen.“
Jeff wandte sich dem Rollstuhl zu und holte ihn näher.
„Du kennst das Spiel, ich löse gleich die Kniesperren deiner Beinorthesen und du hältst dich solange aufrecht. Okay?“
„Fang schon an.“ Tony atmete noch einmal tief durch und verlagerte sein ganzes Gewicht auf die Arme. Schnell waren die Sperren gelöst und er Agent spürte, wie er etwas nach unten absackte. Seine Arme zitterten vor Anstrengung und Schweiß perlte ihm die Schläfen herunter.
„Geht es noch?“, fragte sein Therapeut und als er seinen Patienten nicken sah, schob er ihm den Rollstuhl unter. „Und jetzt langsam abwärts.“
Mit einem mehr oder weniger eleganten Plumps ließ Tony sich in den Rollstuhl fallen. Jeff half ihm aus den Schienen und schob die Beine auf die Fußraster.
„Ich bring dich jetzt auf dein Zimmer und gebe einer Pflegekraft Bescheid, die geht dir dann zur Hand.“ Grinsend sah er ihn an und zwinkerte ihm zu. „Wir wollen doch nicht, dass du Ziva in deinen verschwitzten Klamotten empfangen musst.“
Tony rollte nur mit den Augen, sein Leben war eine einzige Farce geworden.




2. Kapitel




Fröstelnd zog die brünette Frau ihre Wollmütze tiefer ins Gesicht und griff mit entschlossenem Gesichtsausdruck nach ihren groben Lederhandschuhen. Das sonst so geschmeidige Leder war steif geworden in der Kälte. Sie ballte die Hände zu Fäusten um es zu lockern, dann griff sie nach zwei Halftern und langen Stricken.
Eine American Foxhound - Hündin lag vor der Tür einer Pferdebox und hechelte erschöpft. Mitfühlend strich die Brünette dem Tier über den Kopf.
„Deine Babys kommen bestimmt bald, Cara, armes Mädchen. Nun komm, steh auf. Nicht, dass du unter die Hufe gerätst." Sanft, aber mit Nachdruck zupfte die Frau am Halsband der Hündin und half ihr auf die Beine zu kommen. Der pralle Leib schien das sonst so geschmeidige Tier plump und ungelenk wirken.
Als die Stallgasse frei war, fiel der Blick der Frau auf zwei Pferdeboxen aus denen ungeduldiges Hufscharren zu hören war.
"Na dann..." murmelte die Brünette und legte einer dunkelbraunen Stute, über die halbhohe Boxentür hinweg, ein Halfter an. Nachdem sie auch dem Fuchs in der benachbarten Box das Kopfstück über die Ohren gezogen hatte, wollte sie die Tür öffnen, doch eine Stimme hielt sie davon ab.
„Kristen? Bist du hier?"
Mit einem Grinsen wand die Frau sich dem Mann zu, der soeben das Stallgebäude betreten hatte. „Steve! Dein Timing ist perfekt! Ich muss die vier Youngster raus schaffen, die mussten die letzten beiden Tage im Stall verbringen und..."
Ein hochgewachsener Mann mit schütterem blondem Haar und Nickelbrille stand vor ihr und betrachtete skeptisch die ungeduldigen Pferde. „Hätte ich das gewusst, wäre ich erst nach Newberry gefahren... Ich wollte eigentlich nur wissen ob du was aus der Stadt brauchst? Bei dem Wetter wirst du mit deinem winzigen VW hier nicht wegkommen!" Ein belustigter Ausdruck trat in seinen Blick.
Kristen verdrehte die Augen und drückte ihrem Nachbarn, einem Geschichtslehrer aus der Nachbargemeinde, der mit seiner Frau in einem kleinen Haus am Little Two Heartet Lake lebte, einen Strick in die Hand. „Großstadt-Cowboy! Na los, du nimmst Eagle, die Fuchsstute, die ist ganz friedlich. Und wenn sie wirklich anfängt an der Hand rum zu toben, dann lässt du sie einfach los!" Suchend schaute die Brünette sich im Stall um und ging dann auf ein Board an der Stirnseite des Gebäudes zu. „Jethros Handschuhe. Die solltest du besser anziehen."
Der Mann rollte mit den Augen und folgte ihrem Rat. „Wann kommt dein spezieller Special Agent denn zurück?"
Kristen strich der nervösen Stute beruhigend über die Nüstern. „Er fährt heute Vormittag los. Eigentlich hatte er schon in der Nacht starten wollen um dann bis zum Abend hier zu sein, aber eine seiner Agents hat ihn noch kurzfristig um ein Treffen gebeten." Sie zuckte mit den Schultern. „Mal sehen wann er loskommt. Wenn es zu spät wird, fährt er heute bis Detroit und morgen früh dann weiter hier her. Bei dem Wetter sollte er hier oben besser nicht über Nacht fahren. Wie sind die Straßen?"
Steve zuckte mit den Schultern. „Willy Flick hat schon ein bißchen vom Schnee weg geschoben, aber bei uns ist total landunter. Vorm Haus liegen eineinhalb Meter Schnee. Ich hatte den Wagen vorn am großen Weg gelassen und bin hingelaufen."
Kristen zog grinsend die Augenbrauen hoch. „Sportlich, sportlich mein Lieber. Dann mach hier mal gleich weiter. Die Damen haben genug vom Smalltalk."

Mit vereinten Kräften schafften sie es, die ungestümen Tiere hinaus ins Freie zu schaffen. Sofort brach unter den Pferden ein wildes Fangspiel aus. Halb belustigt, halb besorgt beobachtete Kristen die Vierbeiner.
„Hoffentlich brechen die Chaoten sich nicht die Beine...", meinte sie und ging dann an der Seite ihres Besuchers in Richtung Wohnhaus. „Magst du noch einen Kaffee trinken, bevor du dich weiter durch die Schneemassen kämpfst?"
Steve grinste sie verschmitzt an. „Da sage ich nicht nein. Aber... Bitte! Trinkbaren, nicht dieses Marine-Zeug, das keiner ertragen kann."
Lachend schüttelte Kristen den Kopf. „Solange der Marine nicht da ist, gibt es vernünftigen Kaffee."
Mit schleppendem Gang schloss sich die schwarz-braune Hündin den Zweibeinern an. Der blonde Mann beobachtete das Tier mit einem mitleidigen Blick. „Genauso watschelt Alice auch durch die Gegend."
"Oh ja, wie lange noch bis das Baby kommt?", erkundigt sich Kristen mit unverhohlener Neugier. Ihr Baby war mittlerweile erwachsen und ging seine eigenen Wege, aber die Brünette wusste noch zu gut, wie beschwerlich die letzten Wochen einer Schwangerschaft waren. Sie war froh, dass sie das schon hinter sich hatte. Von den schlaflosen Nächten einmal ganz abgesehen.
„Mpfh... eigentlich hat sie noch sechs Wochen, aber sie sieht aus, als würde sie jeden Moment platzen."
Die Beiden lachten leise, während sie sich die schneenassen Stiefel abstreiften und auf Socken über die knarrenden Dielen in die Küche gingen.
„Könntest du mir etwas aus dem Drugstore mitbringen?" Sie kritzelte eine Notiz auf einen Zettel und reichte diesen, zusammen mit einer Tasse Kaffee ihrem Gast. Sie selbst nahm sich eine Tasse Tee und setzte sich an den massiven, hölzernen Küchentisch.
"Magentabletten und Tee? Bist du krank?" Steve warf ihr einen prüfenden Blick zu.
"Nein... Nicht wirklich. Ich kämpfe noch ein bißchen mit den Nachwirkungen von einem heftigen Magen-Darm-Virus." Sie zuckte mit den Schultern. Kristen würde nicht zugeben, dass es ihr keinen Deut besser ging als noch vor Wochen, eher im Gegenteil. Sie behielt kaum etwas bei sich und nun machte auch immer häufiger ihr Kreislauf schlapp. Sie hoffte inständig, dass sich dieses Problem in ein paar Tagen von allein geben würde. Endlich war Jethro nach den vergangenen Tiefschlägen wieder einigermaßen auf die Beine gekommen, da wollte sie ihm nicht gleich die nächste Sorge bereiten.

Weitere Erklärungen blieben Kristen erspart, als das Telefon klingelte. Entschuldigend zuckte sie mit den Schultern und nahm das Gerät von der Station.

„Ich bins...", tönte der Brünetten die brummige Stimme ihres Lebensgefährten entgegen.
„Jethro!" rief Kristen erfreut aus. „Bist du auf dem Weg nach Hause?"
Ein unwirsches Grollen klang ihr entgegen. „Nein... Hör zu... Wie sieht es bei dir aus? Ist das Wetter schlimm? Kommst du klar?"
Stirnrunzelnd berichtete die Brünette von dem vielen Neuschnee. „Aber ja... ich komme klar. Ist doch nicht mein erster Winter hier oben. Was ist denn? Gibt es Probleme?"
Ein kurzes Schweigen schlug ihr entgegen, dann sagte Gibbs mit deutlichem Bedauern in der Stimme: „Ziva braucht meine Hilfe in einem... einem Fall. Ich hoffe, dass es sich in ein paar Tagen aufklärt. Es tut mir leid. Ich... Versprochen, Weihnachten bin ich bei Dir!"
Kristen presste für einen Moment die Lippen fest aufeinander. Sie hatte sich auf ihren Freund gefreut. Was konnte das denn für ein wichtiger Fall sein? Zwei Monate ohne Jethro in DC und schon kamen seine Leute nicht weiter? Sie war überzeugt davon, dass es besser für den Silberfuchs war ein wenig Abstand zwischen sich und den NCIS zu bringen, nach allem was geschehen war. Unmut stieg in ihr auf.
„Du sagst ja gar nichts. Es... es ist ziemlich... Naja, Ziva ist auf verschiedene Ungereimtheiten gestoßen, Kristen... Es geht unter anderem um den SecNav. Vermutlich ist alles nur ein Missverständnis, aber... Es ist besser wir klären das schnell und ohne großes Aufsehen."
Kristen schluckte ihren Ärger runter. So war das also, wenn man sich an einen so erzloyalen Menschen band. „Schon gut, Jethro. Du fehlst mir und ich mache mir Sorgen um dich..."
Sie konnte sein Schmunzeln in seiner Stimme hören. „Nicht nötig, Kleines. Es geht mir gut. Pass auf dich auf. Ach... Sind die Babys schon da?"
Kristen lachte leise. Jethro hatte einen Narren an der kleinen Hündin gefressen und er war an ihrem Zustand nicht ganz unschuldig. „Nein, sind sie nicht, aber wenn die nicht bald kommen, müssen wir Cara rollen. Und Alice anscheinend auch. Steve ist grad hier."
Berichtete Kristen die neusten Neuigkeiten aus der verschneiten Wildnis Michigans.
„Grüß ihn von mir und gib Cara ein Schweineohr! Ich muss Schluss machen. Es hat an der Tür geklingelt." Ohne weiteren Gruß hatte der Silberfuchs das Telefonat abgebrochen.


***



Ziva war aufgestanden und hinüber zur Tür gegangen. Gibbs, der von der Küche aus mit seiner Partnerin gesprochen hatte, folgte ihr. Er hörte wie die Tür geöffnet wurde und eine männliche Stimme sagte: „Ich soll eine Lieferung von Mr. Gibbs abholen."
Die Israelin bat den Mann herein. Sie hatte keinen Grund an den Worten des Mannes zu zweifeln. Schließlich war es gut möglich, dass Gibbs einige seiner Möbel von einer Transportfirma nach Newberry bringen lassen wollte. Sie wandte sich zu Gibbs um und spürte den Bruchteil einer Sekunde später, wie ein abartiger Schmerz durch ihren Körper fuhr und sie zusammenbrechen ließ. Bewegungslos lag sie am Boden und kämpfte darum ihre Lungen mit Sauerstoff zu füllen, während ihr Herz holprig hinter ihren Rippen raste.
Mit wenigen Sätzen hatte Gibbs den Flur erreicht und trat dem Mann gezielt den Taser aus der Hand. Durch die am Boden liegende Agentin fehlte dem Silberfuchs die nötige Bewegungsfreiheit. Er kam ins Straucheln, was sein Gegner sofort ausnutzte und sich auf den Silberfuchs stürzte. In einem wilden Kampf wälzten die Männer sich über den Fußboden. Als sie in Griffweite des Elekroschockgeräts waren, schaffte Gibbs es, sich von seinem Gegner zu befreien. Beinahe hatten seine Fingerspitzen das Gerät erreicht, als er seinen Fehler bemerkte.
Sein Gegner hatte seinerseits den Werkzeugkasten erreicht, der unbeachtete im Hausflur gestanden hatte und nach dem erstbesten gegriffen. Bevor Gibbs den Taser einsatzbereit hatte, stand der Eindringling über ihm und ließ einen schweren Hammer hinunter sausen. Gibbs warf sich von links nach rechts und versuchte aus der Reichweite des Mannes zu kommen, doch dieser war deutlich im Vorteil. Er löste eine Hand von seiner Schlagwaffe und hieb Gibbs diese gezielt in die Nierengegend, was den Grauhaarigen dazu brachte sich zusammen zu krümmen. Nun war es ein leichtes. In schneller Folge sauste der Hammer auf den Kopf des ehemaligen Agenten. Gibbs schaffte es vor dem ersten Schlag noch ein wenig den Kopf zu drehen. Der Hammer traf seinen Unterkiefer und der Schmerz der ihm daraufhin durch die Nervenbahnen schoss ließ den Silberfuchs aufschreien. Der zweite Treffer erreichte zur Gänze sein Ziel. Gibbs Körper erschlaffte, während aus einer Wunde am Oberkopf Blut sickerte.

Zufrieden betrachtete der Täter sein Werk. „Es war eine wunderbare Entscheidung gewesen, dich auch zu unserem Ausflug einzuladen... So wehrhaft... Wir werden noch viel Freude an einander haben."
Ein atemloses Schnaufen hinter ihm, verriet dem Mann, dass die Wirkung des Elektroschocks allmählich nachließ.
Lächelnd wandte er sich Ziva zu und strich ihr über das zerzauste Haar. „Bleib doch liegen, meine Schöne. Ruh dich ein wenig aus."
Die Dunkelhaarige kniete auf allen Vieren am Boden. Sie versuchte zu sprechen, doch der Elektroschock wirkte noch nach, sodass nur ein unartikulierter Laut ihre Kehle verließ. Aus Mangel an anderen Möglichkeiten wandte sie den Kopf um und versenkte ihre Zähne in die Hand, die ihr noch vor Sekunden durch die Haare gefahren war.
Ein wütender Aufschrei, gefolgt von einer harten Ohrfeige waren das Ergebnis. Ziva verlor das mühsam gewonnene Gleichgewicht und fiel auf die Seite. Schützend schlang die Agentin, mit ungelenken Bewegungen, die Arme um ihren Körper. Verzweifelt flehte sie stumm, dass ihrem Baby nichts passieren würde.

***



Frisch geduscht saß Tony im Wartebereich der Reha Klinik. Nachdenklich rollte er zum großen Fenster und warf einen Blick auf die verschneite Winterwelt. Wie so häufig in der letzten Zeit, wanderte sein Geist an den Tag vor zwei Monaten zurück, an dem nicht nur sein Leben endete.

„Wir sollten das lassen Tony. Sie werden sich schon fragen, was mit dem Aufzug los ist“, flüsterte Ziva in sein Ohr, während ihre Hand den Weg unter sein Hemd fand und seine Brust streichelte.
„Ich bin die Heimlichtuerei so satt. Wir müssen es ihnen endlich sagen“, sagte Tony und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Nasenspitze.
„Uns bleibt auch bald nichts anderes über. Noch zwei Monate und jeder wird sehen das ich ein Kind erwarte.“ Mit einem Grinsen streichelte sie ihren noch flachen Bauch.
Tony der sich gerade von ihr frei gemacht hatte und dabei war sein Hemd zu schließen, zog sie erneut in seine Arme und legte seine Hände ebenfalls auf ihrem Bauch.
„Ja, ich werden heute Abend Gibbs in seinem Keller aufsuchen.“
„Soll ich mitkommen?“, fragte Ziva und drehte sich wieder in seinem Griff.
„Nein, ich glaube ich werde es ihm erst einmal alleine sagen. Wer weiß, wie er reagiert. Vielleicht muss ich mir anschließend einen neuen Posten suchen?“, frustriert rieb er sich über das Gesicht. Das war das letzte was er wollte.
„Ich will das nicht annehmen, aber sollte es so sein, dann gehen wir gemeinsam“, sagte sie. „Egal wohin“, fügte sie ihn zu, zog seinen Kopf wieder herunter und gab den Aufzug wieder frei.

Plötzlich ertönten Schüsse. Beide fuhren auseinander und griffen zu ihren Waffen.
„Bleib hinter mir“, zischte DiNozzo ihr zu, doch Ziva rollte nur mit den Augen. Wahrscheinlich hatte sie mehr Kampferfahrung als er. Wieder waren Schüsse und Schreie zu hören. Was ging im Navy Yard nur vor? Warum wurden sie angegriffen. Das Wachpersonal ließ nie Fremden ins Hauptquartier. Als sich die Fahrstuhltüren öffneten, empfing sie das völlige Chaos.

Alles ging rasend schnell. Mit geübtem Blick erkannten sie die Situation und machten den Angreifer aus. Ohne sich groß zu verständigen stürmten sie auf die Etage, die schon jetzt einem Schlachtfeld glich. Aus dem Boden lagen Verletze und Tote, vereinzelt hörte man ein Stöhnen oder auch leise Schreie. Der Boden war nass vom Blut der verwundeten Agents. Und mitten drin in dem Chaos stand ein Mann mit einer schussbereiten MP der in schneller Folge ein Magazin nach dem andern leerte. Tony traute seinen Augen kaum, als er in dem Täter einen Kollegen erkannte. Trevor? Was hatte das alles zu bedeuten? Was war hier nur los?

Und dann kamen auch schon andere Gedanken. Gibbs? Wo steckte nur ihr Boss? Er war immer der erste im Büro und McGee war bestimmt auch schon da. Halb kriechend, halb laufend versuchte Tony sich zu ihren Tischen vorzuarbeiten. Doch Trevor hatte die beiden Neuankömmlinge bemerkt und schnitt ihnen mit einer MP Salve den Weg dahin ab. Während Ziva und Tony hinter einem umgekippten Tisch Schutz suchten, sah der Braunhaarige aus dem Augenwinkel seinen Boss, der hinter einem Aktenschrank auf dem Boden saß. Auch Gibbs hatte seine beiden Agents entdeckt. Eine Hand hatte er auf seinem Bein liegen. Erst jetzt sah Tony dass der Grauhaarige verletzt war. Wie schwer, konnte er von seinem Standort aus jedenfalls nicht sehen.

Plötzlich kehrte Ruhe ein und Trevor lauschte einem stummen Konzert, das scheinbar nur in seinem Kopf stattfand. Dann nickte er ihnen zu, stellte die MP auf Einzelschuss um und rannte zum Treppenhaus.

Das war ihre Chance und schnell überbrückten sie die wenigen Meter zu Gibbs.
„Boss, bist du schwer verletzt?“, fragte Tony, während Ziva sich ihre Jacke auszog und diese auf Gibbs Beinwunde drückte.
Dieser sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, verlor aber sonst keinen Ton.
„Tony, sieh nach Abby. Sie war auf dem Weg hier hoch“, presste der Grauhaarige hervor.
Ziva nickte ihrem Partner zu. „Geh, es ist nicht schlimm. Ein glatter Durchschuss. Ich kümmere mich um ihn.“
Den letzten Satz hatte Tony schon nicht mehr gehört. Ein mieses Gefühl machte sich in ihm breit als er an die quirlige Kriminaltechnikerin dachte.


Als Anthony eine Hand auf seiner Schulter spürte, schreckte er aus seiner Tagträumerei hoch. „Was?“, fragte er ungehalten und drehte den Rollstuhl zu der Person um.
„Alles klar, Tony? Du sitzt jetzt hier schon über eine Stunde hier? Kommt Ziva heute nicht?“, fragte Jeff, sein Therapeut.
Verwirrt sah der Braunhaarige auf die Uhr. Eine Stunde? „Sie kommt bestimmt noch, aber sie hat einen schwierigen Fall im Moment.“ Aber stimmte das? Hatte sie nicht erwähnt, dass sie nur noch zur Aktenarbeit herangezogen wurde? Wann hatte er das letzte Mal mit ihr über die Arbeit gesprochen? In letzter Zeit interessierte es ihn einfach nicht mehr. Mit dem Teil seines Lebens hatte er schon vor zwei Monaten abgeschlossen. Entschlossen, um Jeff zu zeigen, dass er nicht bereit war ein Gespräch zu führen, drehte er den Rolli wieder zum Fenster um und stierte auf die schneebedeckten Bäume. War das alles wirklich erst zwei Monate her? Nein, es waren beinahe schon drei. So kurz und doch so endgültig.


Ziva schaute sich vorsichtig um. Überall lagen Verwundete. Zögerlich sah sie ihren Boss an. „Wo ist McGee?“ Angst schnürte ihr die Kehle zu. Kollegen zu verlieren tat weh aber Freunde zu verlieren… Daran konnte und wollte sie jetzt nicht denken.
„Hat sich heute Morgen krank gemeldet“, sagte der Grauhaarige mit einem kleinen Stöhnlaut und Ziva fiel ein Stein vom Herzen.
„Helf mir auf!“, kam es von Gibbs und er streckte der Dunkelhaarigen seine Hand entgegen.
„Meinst du, das ist so eine gute Idee?“, fragte sie zurück und erntete nur einen strengen Blick aus eisblauen Augen. Es hätte ihr schon vorher klar seinen müssen, dass selbst eine Schusswunde den Grauhaarigen nicht aufhalten würde.

Mit vereinten Kräften stemmte Gibbs sich in die Höhe. Sich an dem Schreibtisch abstützend verteilte er etwas Gewicht auf sein verletztes Bein und war mehr als erleichtert, dass der Schmerz aushaltbar und das Bein noch halbwegs zu gebrauchen war.
„Komm, wir sehen zu, dass wir Tony helfen“, sagte er, zog seine Waffe und humpelte mit zusammen gebissenen Zähnen zum Treppenhaus.


Tony rannte durchs Treppenhaus nach unten. Immer zwei oder drei Stufen auf einmal nehmend. Vereinzelt waren noch Schüsse zu hören, doch sehen konnte er den Schützen nicht. Im Unterbewusstsein hörte er, dass oben die Tür zum Treppenhaus noch einmal geöffnet wurde, doch wer ihm folgte konnte er nicht ausmachen. Als er Geräusche von unten hörte und auch Abbys Stimme vernahm, wusste Tony, dass er zu spät kommen würde.
„Was sind das für Schüsse, Trevor?“, fragte sie ahnungslos ihren Gegenüber.
Ohne seine Schritte zu verlangsamen, schaute Tony über das Geländer in die Tiefe. Da stand sie, ein Stockwerk unter ihm. Unschuldig und nett wie jeden Tag, begegnete sie auch heute ihrem Mörder. Als DiNozzo sah wie der Killer seine Waffe hob, schrie er laut. „ABBY, bring dich in Sicherheit. Trevor ist der Feind.“
Abgelenkt von dem Schrei fuhr Trevors Kopf hoch, doch das Maschinengewehr hatte er weiterhin auf die junge Goth gerichtet und während sein Blick, den von DiNozzo traf, drückte er ab. Einmal, zweimal, dreimal.

Der Schrei der darauf erschallte, war mehrstimmig und während Abby langsam zu Boden glitt, beschleunigte DiNozzo noch einmal. Wutentbrannt wollte er sich auf Trevor werfen, als dieser die Waffe in seine Richtung drehte. Dann ging alles ganz schnell.
„Warum?“, formten Tonys Lippen, während er das erste Mal getroffen wurde. Die Wucht des Einschlages war so groß, dass er den nächsten Treppenabsatz herunter geschleudert wurde. Der Aufprall war hart und presste ihm die Luft aus den Lungen. Er hörte Ziva seinen Namen schreien, dann viel wieder ein Schuss, er sah Trevors erstaunten Gesichtsausdruck, als sich dessen Brust plötzlich rot verfärbte und er sah Abby, die mit weit aufgerissenen Augen auf dem Boden lag und eine Hand in seine Richtung ausstreckte.

Und während der amoklaufende Agent langsam in die Knie ging, krümmte sich sein Finger scheinbar von selbst und die Waffe gab noch einmal einen Schuss ab. Die Kugel bohrte sich in Tonys rechte Hüfte. Seltsamerweise spürte er nur den Einschlag anhand der Erschütterung die seinen Körper durchlief, nicht aber den Schmerz als solches. Verwirrt über den Zustand der Schwerelosigkeit in dem er sich befand, beobachtete er weiterhin das Geschehen um sich herum. Ziva die auf ihn zugerannt kam, Gibbs der Trevor mit einem gezielten Kopfschuss endgültig erledigte und Abby, die immer schwächer zu werden schien. Tony hatte das Gefühl zu schweben. Er spürte nicht, wie Ziva versuchte die Blutung seiner Wunden zu stillen. Er hörte nur seinen Boss, der liebevoll seine Labormaus in den Armen hielt und leise Worte murmelte, die nur für Abbys Ohren bestimmt waren. Dann ein einzelnen verzweifelten Schrei, der von Gibbs kam. Kurz darauf erlöste eine alles verschlingende Schwärze ihn. Es wurde Nacht.

Als Tony wieder zu sich kam, waren zehn Tage vergangen. Zehn Tage die die Ärzte um sein Leben gekämpft hatten, zehn Tage in denen unzählige Beerdigungen stattfanden. Zehn Tage in denen das Ende seines Lebens geschrieben wurde.

Die erste Kugel hatte seine Brust in Höhe des unteren Rippenbogens durchschlagen und war auf ihren zerstörerischen Weg in seiner Wirbelsäule, im Bereich der T6 und T7 Wirbel, stecken geblieben. Die zweite Kugel hatte seine Hüfte zertrümmert und die Ärzte mussten sie in einer mehrstündigen Operation rekonstruierten. Doch diese Verletzung stellte kein großes Problem für Tony da, da er alles unterhalb seiner Taille nicht mehr spürte. In den ersten Tagen nach seinem Aufwachen, konnte er seinen Körper nur bis zu den Brustwirbeln spüren, über alle anderen Körperfunktionen hatte er keine Gewalt. Der Grad der Lähmung hatte sich im Laufe der Zeit etwas gebessert, so dass er nun wieder Gewalt über diverse Körperöffnungen hatte. Aber seine Beine waren immer noch nutzlos und das obwohl ihm alle Ärzte bescheinigt hatten, dass sein Rückenmark nur gequetscht, aber nicht durchtrennt worden war. Seitdem saß er mehr oder weniger in seinem Fahrbahren Untersatz und hatte mit seinem Leben als Bundesagent abgeschlossen.


Als sich die Eingangstüren öffneten und ein kleines Mädchen auf einen an Krücken laufenden Mann zu stürmte, wurde Tony aus seinen düsteren Gedanken gerissen. Überrascht stellte er fest, dass es mittlerweile schon dunkel geworden war. So lange hatte Ziva ihn noch nie warten lassen. Irgendwas musste ihr dazwischen gekommen sein. Vielleicht hatte sie schon mehrfach auf seinem Handy angerufen, das er im Zimmer vergessen hatte. Während die Kleine ihren Vater gerade über die neusten Kindergartengeschichten auf dem Laufenden brachte, drehte Tony seinen Rollstuhl vom Fenster weg und machte sich auf dem Weg zurück zu seinem Zimmer.




3. Kapitel




Edward Otaktay warf einen zufriedenen Blick hinauf in die Wolken. Es war ein guter Tag um sein Vorhaben auszuführen. In den nächsten Stunden würde es Schnee geben und der würde all seine Spuren verwischen. Das war ganz wunderbar. Aber es war immer so. Seine Missionen standen unter einem guten Stern. Sobald Edward seine Beute zusich geholt hatte, spürte er, wie die Geister ihn darin bestärkten und die äußeren Einflüsse zu seinen Gunsten beeinflusst wurden.
Nachdem es vor einigen Tagen schon einmal geschneit hatte, war es wieder wärmer geworden und in den aufgeweichten, schlammigen Wegen, die zu seinem Ziel führten, würden die Spuren seines Wagens nur allzuleicht zu erkennen sein.
Aber er konnte den Schnee bereits riechen.
Mit einem zufriedenen Lächeln warf Otaktay einen Blick in den Rückspiegel seines Wagens. Die Plane des Pickups bewegte sich leicht. Seine Beute war so wunderbar lebhaft. Der Graue, mit dem Mut eines Wolfes und die schwangere Frau, mit den Augen eines Falken und der verräterischen Schlangenzunge... Sie waren perfekt. Er war seinem Auftraggeber mehr als dankbar. Diese beiden hier würden ihm mehr Spaß bereiten, als die verängstigte Frau und das schreiende Kind, die ihm beim letzten Mal zugeteilt wurden waren.

Nur noch wenige Minuten Fahrtweg lagen vor ihnen. Das Getriebe des Wagen ächzte unter der Last des unwägbaren Geländes. Kurzerhand hielt Edward Otaktay an. Das Surren des Motors erstarb.

„Ein kleiner Fußmarsch wird unseren Zusammenhalt stärken", murmelte der dunkelhaarige Mann und griff nach einigen Gegenständen, die auf dem Beifahrersitz ruhten. Ein scharfes Jagdmesser mit langer Klinge, zwei kleine Flaschen Wasser und zwei Energie-Riegel. Die Nahrungsmittel verstaute der Mann in einem kleinen Beutel, den er schulterte. Dann sprang er aus dem Wagen und begann die Plane über der Ladefläche zulösen.
Ein unangenehmer Geruch schlug ihm entgegen, gefolgt von leisem, ruhigem Murmeln und einem atemlosen Stöhnen.
Mit hochgezogenen Augenbrauen und tadelndem Blick betrachtete der Mann die Überreste des Mageninhaltes, die sich in unmittelbarer Nähe des Grauhaarigen befanden.
„Ich hätte erwartet, dass du dich besser im Griff hast. Also sind es doch nur Mythen, die von der Willenskraft und Selbstbeherrschung der Marines erzählen..."





Nach einer längeren Fahrt, die Ziva und Gibbs im Laderaum des blauen Lieferwagens verbracht hatten, war der Wagen gestoppt wurden und ihr Peiniger hatte sie, wie wertloses Stückgut, auf die Ladefläche eines geländetauglichen Pickups gehievt. Bevor der Mann, der eindeutig indianischer Herkunft zu sein schien, eine Plane über der Ladefläche befestigt hatte, hatte er ihnen beiden die Fesseln an den Händen abgenommen. Die Fußfesseln hatte er nicht gelöst.
"Ich will nicht, dass ihr Euch verletzt. Die Fahrt wird möglicherweise ein wenig holprig, so könnt ihr Euch mit den Händen abfangen. Wobei... Hm... Ich hätte erwartet, dass er längst wieder bei Bewusstsein wäre. Nun ja, das wird schon. Passt auf Euch auf, ja?!"

Kaum wurde die Fahrt fortgesetzt, hatte Gibbs ein erstes Lebenszeichen von sich gegeben. Es hatte weitere quälende Minuten gedauert, bis er voll bei Bewusstsein gewesen war.
Gibbs Augen hatten getränt, als er blinzelnd versucht hatte sie zu öffnen. Ziva hatte ihren Boss besorgt gemustert und ihm unaufgefordert von dem Überfall auf sie beide berichtet. Sie hatte geahnt, dass der Silberfuchs eine ordentliche Gehirnerschütterung haben würde und vermutlich kaum Erinnerungen besaß. Seine stockende Atmung und die Schweißperlen auf seiner Stirn, hatten der Agentin verraten, dass der Mann gegen die aufsteigende Übelkeit kämpfte. Sie hatte sich, ihrer schmerzenden Muskeln zum Trotz, in eine kniende Position gebrachte und ihre Hände links und rechts an seinen Kopf gelegt und mit den Daumen eine bestimmte Stelle oberhalb der Augenbrauen massiert. Sie hatte diese einfachen Handgriffe während ihrer Mossad-Ausbildung kennengelernt. Akkupressurpunkte zur Verminderung von Übelkeit. Für kurze Zeit hatte es Wirkung gezeigt, doch dann war die Straße merklich schlechter geworden und die Israeli hatte es nicht länger geschafft sich in der Position zu halten. Erbarmungslos hatte der Grauhaarige den Kampf verloren.

Nun schien ihre Fahrt zu enden. Ziva hörte das Klappen der Autotür und erkannte, dass ihr Entführer die Ösen der Plane löste. Sofort brachte sie sich wieder in eine aufrechte Position und auch der ehemalige NCIS-Agent versuchte keuchend sich aufzurichten.


„Eure Hände!" forderte der Edward Otaktay mit einem freundlichen Lächeln. „Ich finde es wundervoll, wenn Menschen sich völlig vertrauen können. Allerdings... da sind diese natürlichen Triebe und... Es ist so einfach diese bis auf ein Minimum zu entkräften. Wenn ich Eure Hände fessel, dann wird sich Euer Willen sich zur Wehr zu setzen reduzieren, einfach aus dem Grund, dass Eure Möglichkeiten als Stärkere aus dem Kampf zu gehen, sich verringern. Ist das nicht eine großartige Neigung der Natur unserer Sinne?"
Otaktay lachte leise und forderte Gibbs und Ziva mit einem Kopfnicken auf, seinen Anweisungen zu folgen. Zögernd hielten die Beiden dem Mann die Hände entgegen.
Doch bevor der Dunkelhaarige wieder dichter an den Wagen herantrat, legte er den Kopf schräg und musterte Gibbs' scheinbar reglose Miene. „Ich... ich denke, ich sollte etwas klar stellen: Nur weil ich nett zu Euch bin, werde ich nicht auf Sanktionen verzichten, wenn ihr versuchen solltet gegen mich aufzubegehren." Er zog das lange Jagdmesser aus der an seinem Gürtel befestigten Scheide. „Es ist unglaublich scharf. Habt ihr den Film Bodyguard gesehen? Da gibt es diese eine Szene... Die Klinge eines Samurai-Schwertes durchtrennt den Stoff eines, durch die Luft fallenden Seidenschals. Das wäre mit diesem genauso möglich..."
Er trat an den Wagen und ließ lächelnd die Spitze der Klinge über Zivas gewölbten Bauch gleiten.
Gibbs grollte ungehalten und ballte die Hände zu Fäusten, während die Israeli jeden Muskel in ihrem Körper anspannte und, sobald das Messer zurück gezogen wurde, beide Hände schützend über ihren Leib legte.
„Gut, Wie ich sehe habt ihr verstanden. Gebt mir eure Hände! Ich werde sie Euch vor dem Körper fesseln, damit Ihr einen eventuellen Sturz abfangen könnt. Der Waldboden ist felsig und rutschig. Gebt also gut Acht wo Ihr hintretet."


Als der Mann die Klappe der Ladefläche öffnete, rutschten Gibbs und Ziva, mit den Füßen voran in die Richtung und warteten darauf, dass ihre Fußfesseln gelöst werden würden. Der Silberfuchs stellte fest, dass der Mann nicht geblufft hatte. Die Klinge seines Messers glitt durch das Plastik der Kabelbinder wie durch Butter.
Gibbs musste immer wieder kurz die Augen schließen. Obwohl das Licht von den Bäumen geschluckt wurde, schien sein Schädel zerspringen zu wollen und immer wieder verschwammen die Bilder vor seinen Augen. Solange er seinen Blick stur auf einen Punkt richtete war es erträglich, aber sobald er sich bewegte und den Blick von einem Punkt lösen musste, begann er seine Umwelt doppelt zu sehen. Zudem schmerzte sein Kiefer erbärmlich, was den Silberfuchs vermuten ließ, dass dieser gebrochen war.
Allerdings konnte er sich an nichts von dem, was Ziva ihm berichtet hatte, erinnern.
Er erkannte wie Ziva sich von der Ladefläche hatte gleiten lassen. Hätte sie sich nicht daran festgehalten, hätten ihre beanspruchten Muskeln das Gewicht ihres Körpers wohl nicht halten können.
Nun rutschte der Grauhaarige ebenfalls hinüber zur Klappe. Sein Kopf dröhnte und erneut stieg die Übelkeit in ihm auf. Mit geschlossenen Augen ließ er sich von der Ladefläche gleiten. Als seine Füße unsanft auf dem Waldboden auftrafen, schien der Schmerz in seinem Kopf zu explodieren. Er sank auf die Knie und übergab sich heftig, was dazu führte, dass auch die Schmerzen in seinem Gesicht an Intensität zu nahmen.
„Ach herrje, dich hat es ja mächtig erwischt, hm?", ertönte dicht an Gibbs Ohr erneut die verhasste Stimme ihres Peinigers. „Komm, ich helfe dir auf. Du wirst dich jetzt zusammenreißen müssen. Wir werden eine Weile unterwegs sein."
Der Mann packte den Silberfuchs an den Armen und zog ihn auf die Beine. Nachdenklich musterte Otaktay die Verletzungen des Grauhaarigen, dann stahl sich erneut ein Lächeln in dessen Gesicht. „Das wird wirklich interessant. Das wird... aufregend! Ein Glücksfall. Da können wir gleich testen wie mütterlich unsere Mummy ist, hm?"
Er ließ Gibbs los und musterte Ziva interessiert. „Dein Bauch ist noch nicht groß. Hm... Aber wenn... nur mal angenommen.. also... In der Tierwelt dürfte es funktionieren... Also, einmal angenommen, dass unser Grauer sich nicht an den Energieriegel würde stärken können... Denkst du, dass du in der Lage wärst ihn mit... mit deinem Körper zu nähren?"

Alle Farbe wich aus den Gesichtszügen der Israeli. Sie hatte ja schon einige Irre getroffen, aber dieser hier... Unwillkürlich spukte sie dem Mann vor die Füße. „Sie widerliche Schlammsau!!"
"Dreckschwein! Sie meint Dreckschwein!", kam es undeutlich von Gibbs, dem das Sprechen sichtlich schwer fiel.
Edward Otaktay lachte amüsiert. „Na, wenn es schon Tiernamen sein müssen, dann würde ich es vorziehen, wenn ihr mich bei meinem wahren Namen nennen würdet. Swift Cat!"
Gibbs schnaubte ungehalten. „Wo lang?"
Er hatte genug davon untätig in dem eisigen Wind auszuharren. Ohne Jacke und vernünftiges Schuhwerk war der Silberfuchs bereits nach der Fahrt auf der Ladefläche reichlich durchgefroren. Ziva trug zu ihrem Glück wenigstens Winterstiefel, wenn auch keine warme Jacke. Entschlossen straffte der Silberfuchs die Schultern und stapfte, wankend und kaum in der Lage irgendwas von der Umgebung zu erkennen, los.


***


„Ihr seit zu langsam“, sagte McGee und erntete schuldbewusste Blicke. „Stellt euch nur vor, was alles passieren kann, wenn wir die Firewall zu langsam hochfahren.“ Wieder blickte er streng in die Runde. Dann nahm er eine Zeitschrift, rollte sie zusammen und klatsche sie in seine Hände. „DAS“ Klatsch „MUSS“ Klatsch „SCHNELLER“ Klatsch „GEHEN“ Klatsch.
„Geht klar, Boss“, erklang es mehrstimmig und Sekunden später hörte man nur noch Tastaturgeklapper. Zufrieden setzte sich Tim an seinen Schreibtisch und genoss den Moment des Triumphs. Den älteren Mann, der mit Hut und Mantel, hinter ihm an der Türzarge lehnte, bemerkte er nicht.
Mit der Stoppuhr in der Hand stand er auf und stellte sich hinter eine Kollegin.
„Fertig“, sagte diese in dem Moment und schaute ihn freudig an.
„Bestens“, sagte McGee und ging zum nächsten.
„Fertig Boss“, kam es auch von diesem jungen Mann.
„Nicht schlecht“, antwortete Tim darauf.
„Fertig“, sagte da auch der letzte im Bunde und Tims Daumen drückte den Stoppbutton der Uhr.
„Gut.“ Bedeutungsvoll blickte er auf die Uhr. „Das war schon einmal viel besser als zuvor. Lassen wir es für heute gut sein. Packt eure Sachen und macht Feierabend.
Begeistert über sein Lob, packten die drei ihre Sachen und verließen zusammen den Raum.
„Bis morgen, Boss“, dröhnte es mehrstimmig, als sie sich schnell an den älteren Mann vorbei quetschten.

Mit einem siegessichern Lächeln, drehte sich McGee zur Tür um und erstarrte.
„Ducky?“ Erfreut ging er auf den Mann zu. „Was führt dich hier herunter, in meine Katakomben?“
Der alte Mediziner erwiderte sein Lächeln und streckte ihm die Hand entgegen.
„Ich war heute zufällig in der Stadt und dachte du könntest mir etwas Gesellschaft beim Essen leisten, Timothy?!“
„Aber gerne doch. Ich pack nur kurz zusammen“, sagte Tim und schob einige Sachen in seinen Rucksack.
Ducky nahm seinen Hut ab und spazierte durch den Raum, fand ein Buch und las den Titel, während er auf McGee wartete.
„So, wenn du willst, können wir“, sagte der Jüngere.
Der Pathologe legte das Buch aus der Hand und setzte sich seinen Hut wieder auf.

Kurze Zeit später saßen sie bei einem Italiener um die Ecke, des Navy Yard.
„Mein lieber Junge, wie ist es dir ergangen?“, fragte der alte Pathologe und sah sein gegenüber aufmerksam an. Er war in den letzten Wochen noch dünner geworden und seine Haut hatte einen fahlen Ton angenommen, der nichts mit seiner neuen Kellertätigkeit zu tun hatte.
„Bestens, Ducky. Aber was machst du in der Stadt? Ich dachte du wolltest dich nie wieder der Großstadt und ihren Abgasen nähern?“
Der Mediziner wusste genau das der Jüngere vom Thema ablenken wollte. „Es gab eine offizielle Anfrage von Seiten des Direktors.“
„Was hast du gesagt?“
„Ich habe abgelehnt“, sagte er und schob sich ein paar Nudeln in den Mund. „Ich habe mir damals geschworen, keine Autopsie mehr vorzunehmen und ich bleibe standhaft.“
„Warst du bei Jimmy in der Pathologie?“, fragte McGee und kostete ebenfalls von seiner Pizza.
Ducky nahm einen Schluck von seinem Wasserglas. „Nein. Die Zeiten sind vorbei. Jimmy ist erwachsen und wenn er mich brauch, weiß er wie ich zu erreichen bin.“
Tim nickte ihm zu. Einige Zeit schwiegen Beide und widmeten sich ausschließlich ihrem Essen.
„Doch jetzt haben wir genug über mich geredet, erzähl wie es dir geht, Timothy“, sagte der pensionierte Pathologe.
Tims Augennerv zuckte und gespielt ruhig legte er seine Servierte auf den Teller. „Gut Ducky. Du weißt ja, dass ich wieder in der Abteilung für Internetkriminalität arbeite.“
„Ja, und ich habe gehört, das du dort der BOSS bist.“
Jetzt stieg Tim eine leichte Röte ins Gesicht. „Ich weiß auch nicht wie das passiert ist, aber irgendwann haben sie es sich angewöhnt.“
Duckys Blick wanderte wieder über Tims Gesicht. Bestürzt sah er die tiefen dunklen Ränder unter seinen Augen. „Was machen die Alpträume?“
Das zucken seines Augennervs wurde langsam unerträglich. Resigniert schloss er kurz die Augen und fuhr mit der Hand über seine Nasenwurzel. Tim wusste das Ducky nur aus diesem einen Grunde den Weg nach D. C. auf sich genommen hatte. Direktor Vance eine Absage erteilen, hätte er auch telefonisch erledigen können.
„Tim? Es ist mittlerweile über zwei Monate her. Du musst wieder leben.“
„Mein Leben liegt auf dem Nationalfriedhof von Arlington“, erwiderte McGee und sah bewusst auf seine Uhr.
„Das Leben geht weiter. Keiner kann das Geschehen wieder rückgängig machen. Warst du mittlerweile schon bei unserem Anthony?“
„Nein“, sagte Tim und hob seinen Rucksack hoch. „Ich wüsste auch nicht was ich bei ihm sollte.“ Während er sprach war er aufgestanden und machte Anstalten nach seiner Jacke zu greifen.
Ducky sprang nun ebenfalls auf und griff nach Tims Arm. „Bitte, mein lieber Junge, setzen wir uns doch wieder.“
„Weißt du Ducky, ich habe ganz vergessen das ich heute noch einen Termin beim Zahnarzt habe. Ich muss gehen.“
„Timothy, mach deinen Frieden mit Tony. Er hat es nicht getan, er hat versucht sie zu retten.“
Abwährend hob Tim die Arme. „Ich will das nicht hören. Es war schön dich wieder zu sehen. Leb wohl“, sagte er und flüchtete aus dem Lokal.


Der alte Pathologe ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. Plötzlich spürte er sein Alter in jedem Knochen. Missmutig schüttelte er den Kopf. Wo sollte das alles noch hinführen. Schwer atmend verwünschte er sich, weil er zu spät gekommen war, um Ziva im Yard anzutreffen. Es hieß, sie sei in einer dringenden Fallstudie unterwegs. Leider hatte niemand gewusst was ihr Ziel war. Ducky hob seinen Arm und blickte auf die Armbanduhr. Mittlerweile war es 18 Uhr durch, doch für einen Krankenbesuch war es noch nicht zu spät. Vielleicht war Ziva ja bei ihrem Partner in der Klinik.





Tim hatte das Lokal wie auf der Flucht verlassen und lief nun schon einige Zeit ziellos durch die schneebedeckten Straßen von D. C. Wie hatte es nur soweit kommen können. Eigentlich hatte er gedacht mittlerweile soweit darüber hinweg zu sein, dass er sich vernünftig unterhalten konnte. Doch das kurze Gespräch mit dem pensionierten Mediziner hatte ihn eines besseren belehrt. Er war noch lange nicht soweit über die Sache zu reden und mit Tony Frieden schließen konnte er erst recht nicht.

Irritiert blieb er stehen und stellte fest, das er fast an seinem neuen Wagen vorbei gelaufen wäre. Noch immer konnte er sich nicht an den Porsch Panamera gewöhnen. Damals nach Abbys Tod hatte er alle Sparverträge, die für ihre gemeinsame Zukunft geplant waren, aufgelöst und sich aus einer Laune heraus den Wagen gekauft. Mittlerweile aber weinte er seinem Boxter hinterher, mit dem er auch einige schöne Erinnerungen an Abby verband. Doch passiert war passiert.

Leicht fröstelnd öffnete er die Tür und setzte sich hinter das Steuer seines Porsche. Seine Hand mit dem Zündschlüssel zitterte stark, als er ihn ins Schloss schieben wollte. Doch die ersten Versuche scheiterten und als er beim dritten Versuch den Schlüssel fallen ließ, kochte die Wut in ihm hoch. Warum? Warum hatte sie sterben müssen. Sie, die niemanden etwas zuleide tun konnte. Tim konnte kaum noch atmen, Schmerz ergriff sein Herz. Wütend schlug er auf das Lenkrad. WARUM? Warum Abby? Warum hatte es nicht Tony erwischt. Doch im selben Augenblick, in dem er seiner Wut Luft gemacht hatte, bereute er es bereits. Abby hatte immerhin sehr an Tony gehangen. Mit ihm verband sie mehr als nur Freundschaft. Für sie war er der Bruder, den sie nie gehabt hatte und sie hätte nicht gewollte, das Tim ihm grollte. Wieder schlug McGee auf das Lenkrad und Tränen liefen ihm über die Wangen. Er konnte nicht mehr. Er konnte einfach nicht mehr. Er wollte so nicht mehr weiter leben. Wofür auch. Für wen?

Als er seine Hand wieder vor sein Gesicht hob, stellte er fest, das das Zittern vorbei war. Ein schneller sicherer Griff nach dem Schlüssel und der Wagen lief, doch nach Hause fahren würde er nicht. Also jagte er den Wagen stadtauswärts. In der Hoffnung, dass der Highway frei war und er den Wagen bis an seine Grenzen ausfahren konnte und vielleicht, wer weiß schon was alle passieren konnte, dachte er grimmig.



4. Kapitel




Mit einem leisen Seufzer öffnete der alte Pathologe die Tür seines Morgans und stemmte sich aus dem tiefen Sitz des Oldtimer. Er sollte sich allmählich Gedanken um einen anderen Wagen machen. So sehr er die Fahrten mit dem alten Briten auch schätzte, er wurde allmählich zu alt für diesen Spaß.
Mit leiser Resignation dachte er an das Mitbringsel seines alten Freundes Jethro, als dieser ihn vor einigen Tagen auf seinem Landsitz in Virginia besucht hatte. Eine Auto-Zeitschrift, die einen Vergleichstest verschiedener britischer Automarken durchgeführt hatte. Dr. Mallard hatte diesen Wink mit dem Zaunpfahl durchaus verstanden und sich bereits im Vorfeld über die Vorzüge, aber auch Nachteile, eines Jaguars informiert. Nun ja... Er würde sicher noch eine Weile darüber nachdenken.

Sein Gang war bei weitem nicht mehr so federnd wie noch vor einigen Monaten. Seine Familie war unvorhersehbar und unwiederbringlich auseinander gerissen wurden. Der schreckliche Morgen vor beinahe... waren es wirklich schon elf Wochen? Diese Stunden hatten sich in seine Erinnerungen gebrannt und ihn sprachlos und tief verwundet zurückgelassen.
Immer wieder durchzuckten den alten Mann die Bilder, die ihn im Treppenhaus des NCIS erwartet hatten. Der junge Agent Trevor Whitefalls, die Waffe noch immer in seinem gelockerten Griff, tot, sein Körper niedergestreckt von den Kugeln aus den Dienstwaffen seiner Kollegen. Tony reglos und verwundet, am Fuß der Treppe, während Ziva verzweifelt seinen Namen gerufen hatte. Während sie wieder und wieder unter Tränen gefleht hatte, er möge durchhalten.
Nur wenige Meter entfernt hatte, voll stummen Entsetzens, Gibbs am Boden gesessen, Abby in seinen Armen, seine Kleidung getränkt mit ihrem Blut. “Ich könnte die Blutung nicht stoppen, Duck. Es war... schon wieder. Ich war nicht schnell genug. Wieder nicht schnell genug."
Jethros verzweifelte Worte hallten in dunklen, einsamen Nächten in Duckys Kopf wieder und hielten ihn wach. Zugern würde er ihre genaue Bedeutung erfahren. Schon wieder?
Gibbs gab sich die Schuld an Abbys Tod und Tonys schweren Verletzungen.
Am Morgen nach der Beisetzung der Opfer des Amoklaufes, hatte Gibbs knapp verkündet, dass er DC verlassen würde. Er hatte sich nur wage dazu geäußert, wie lange er fort bleiben würde und hatte auch nur Ducky sein Ziel genannt. Eine Pferde-Farm irgendwo in der Wildnis Michigans. Irgendwo in den Wäldern zwischen dem kleinen Ort Newberry und dem Lake Superior, wollte der Ermittler Kraft schöpfen und die Bilder vergessen. Am Little Two Hearted Lake wo es nichts gab außer Bäumen, einem kleinen See und Pferden, da wollte der Silberfuchs zu seiner Partnerin stoßen und der Welt den Rücken zu kehren. Zwei gescheiterte Ermittler in ihrem ganz persönlichen Exil.
Ducky wußte nicht viel über die Frau an Gibbs Seite, nur dass die beiden sich im Rahmen von Ermittlungen verschiedener Mordfälle kennengelernt hatten und die Frau und ihr Sohn vor einem guten halben Jahr in die Fänge eben dieses Serienkillers geraten waren. Das NCIS Team hatte die beiden in letzter Sekunde befreien können. Die Ermittlerin hatte allerdings das Vertrauen in ihre Fähigkeiten verloren und ihren Dienst beim PD Great Falls, in Montana quittiert und war in Richtung Norden aufgebrochen. Scheinbar hatte das ihrer Beziehung zu dem Chefermittler des NCIS nichts anhaben können. Seit dieser Zeit hatte sein alter Freund regelmäßig auf freie Tage für sein Team bestanden und immer wieder die lange Reise gen Norden auf sich genommen, um die Frau seines Herzen treffen zu können.

Gedankenverloren hatte der alte Pathologe den Weg durch das Rehazentrum hinter sich gebracht und fand sich nun vor der Tür zum Zimmer von Anthony DiNozzo wieder. Nach einem leisen Klopfen öffnete der Pathologe die Tür. Dunkelheit schlug ihm entgegen und der leise und ruhige Atem des Bewohners.
"Schläfst du, mein Junge?" flüsterte der alte Mann in die Dunkelheit. Er erkannte nur schemenhafte Umrisse, seine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Finsternis, in dem kleinen Raum.
"Nein!" entgegnete der Angesprochene schroff und ohne Gruß. "Ist sie tot? Oder das Baby?"
Stirnrunzelnd betrat Ducky das Zimmer. "Wer, Anthony? Ziva? Nein. Ich... Wieso sollte sie? Darf ich das Licht einschalten?"
"Sie ist nicht gekommen!" erklang die raue, beinahe fremd klingende Stimme erneut. "Wenn sie tot wäre, dann... dann läge es wenigstens nicht daran, dass sie mit einem Krüppel wie mir nichts mehr zu tun haben will."
Der alte Gerichtsmediziner schluckte schwer. Sein Herz hatte sich schmerzhaft verkrampft. Wie lange würde er den Schmerz seiner Familie noch ertragen können, ohne unter der Last in die Knie zu gehen?
Ducky tastete sich an der Wand entlang in die Richtung in der er den Nachtschrank vermutete. Nach einer kurzen Weile fanden seine Finger den Schalter der Nachttischlampe und ein sanftes, warmes Licht erhellte den kleinen Raum.
Tony saß in seinem Rollstuhl vor dem Fenster und starrte hinaus in die Dunkelheit, von der nun nur noch wenig zu erkennen war, da sich das Licht aus dem Zimmer nun im Glas widerspiegelte. Dennoch löste der Brünette den Blick nicht.
"Sie wollte zu Gibbs. Ihn zu einem alten Fall befragen. Mir hat sie nicht einmal gesagt worum es dabei geht. Es wäre unwichtig." Mit Schwung hatte Anthony den Rollstuhl herumwirbeln lassen und starrte nun finster zu seinem späten Besucher herüber. "So unwichtig, dass sie Gibbs davon abhalten muss, zurück zu seiner Tussi in die verfluchte Wildnis zu fahren!" Tonys Zorn war in jeder Silbe deutlich zu hören. "Er war hier und... Der verdammte Bastard schafft es nicht, mir in die Augen zu sehen. Er hat nur da gestanden, am Fenster und hat... Er hat mir von einem beschissenen Köter erzählt und davon, dass dieses dämliche Vieh Welpen kriegen würde. Was soll das? Ich... Warum kommt er her, wenn er nicht mit mir reden will? Er haut einfach ab und lässt uns hängen! Und... Weißt du wo Ziva ist?"

"Nein, nein, mein Junge. Ich weiß es nicht."
Der Blick des pensionierten Mediziners fiel auf eine kleine Tablettendose. Die Fächer waren in Morgens, Mittags und Abends unterteilt, mit einem abwaschbaren Filzschreiber war das heutige Datum notiert wurden. Alle Fächer waren voll. Der junge Agent schien nicht eine dieser Tabletten genommen zu haben. "Du solltest deine Medikamente nehmen, Anthony. Sie lindern die Schmerzen und helfen... helfen Dir die Tage zu überstehen."
Gequält schloss der brünette Mann einen Moment lang die Augen. "Nein... Sie... Dieses verdammte Zeug macht mich nur träge. Ich spüre mich kaum, wenn ich sie nehme. Duck... Wenn ich nicht wenigstens mich... noch spüre, was bleibt mir denn dann noch. Warum ist Ziva heute nicht gekommen?"
Dr. Mallard durchquerte den Raum und setzte sich auf einen der Sessel, die für Besucher bereitgestellt wurden waren und legte seinem jungen Freund eine Hand auf den Arm.
"Ich weiß nicht wo sie ist, Tony. Ich war im Hauptquartier, aber ich habe sie verpasst. Vermutlich... Wenn es um etwas geht, das möglicherweise Gibbs betrifft, dann..." Der alte Mann unterbrach sich und seufzte leise. Er konnte Tonys Bedenken gut nachvollziehen. Vermutlich wünschten sich sowohl Ziva, als auch Gibbs einen Gegner dem sie kräftig die Meinung geigen konnten. Auch ihm gefiel der Gedanke, dass die Beiden gemeinsam einer Spur folgten, nicht recht. Keiner von ihnen war in dieser Zeit in der psychischen Verfassung, um einer Außendiensttätigkeit nachzugehen. Davon zu schweigen, dass Gibbs mittlerweile offiziell pensioniert und Ziva schwanger war.
"Erreichst du sie nicht über ihr Handy?", hakte Ducky noch einmal nach und erntete nur Kopfschütteln.
"Nein... Und Gibbs auch nicht, wobei... vielleicht geht er auch einfach nicht ran, wenn er sieht, dass ich anrufe."
Der Pathologe schüttelte energisch den Kopf. "Unsinn, Anthony!", tadelte er den Jüngeren. "Möchtest du, dass ich zu Gibbs Haus fahre und nach sehe, ob sie da ist?"
Tony hatte sich abgewandt und den Blick wieder zum Fenster schweifen lassen, dann presste er entschlossen die Kiefer aufeinander und sah dem alten Mann fest in die Augen.
"Ich werde dich begleiten!"

***



Mittlerweile war es dunkel geworden. Eine gefühlte Ewigkeit liefen sie nun schon durch den Wald. Da Ziva ihre Uhr bei dem Handgemenge verloren hatte, wusste sie nicht wie viel Zeit wirklich vergangen war, aber sie wusste, dass sie und Gibbs dringend eine Pause brauchten. Ihr Blick suchte den ihres Boss', doch durch die einsetzende Dunkelheit konnte sie ihn nur schemenhaft erkennen. Das was sie sah, reichte aber aus, um ihr Vorhaben in die Tat umsetzte.
„Hey Swift Cat!“, rief sie und sah aus dem Augenwinkel wie Gibbs über eine Wurzel stolperte.
„Hmm?“, machte er, blieb stehen und Ziva drehte sich zu ihm um. „Hat unsere Mummy sich meinen Namen wirklich gemerkt?“, fragte der Mann und suchte ihren Blick.
„Können wir eine Pause machen?“
Swift Cat runzelte die Stirn. „Pause? Für wen?“ Seine Augen huschten von ihr zu Jethro, der schwer atmend an einem Baum lehnte. „Achso, ich verstehe. Du willst eine Pause für ihn aushandeln?“
Gibbs warf seiner ehemaligen Agentin einen stummen Blick zu und schüttelte langsam mit dem Kopf. Nur ein wenig um die Dämonen die in seinem Kiefer und seinem Kopf wüteten, nicht zu wecken.
„Eigentlich haben wir für sowas keine Zeit, aber die anderen haben einige Vorkehrungen getroffen... Eigentlich erwarte ich nicht, dass Euch so schnell jemand vermissen wir, aber dennoch... Sicher ist sicher!“ Der Dunkelhaarige lehnte sich gegen einen Baum und verschränkte die Arme vor der Brust.
Zivas Blick hing an Gibbs, der leise keuchen dastand.
„Was... was für Vorkehrungen?“ Zivas Stimme zitterte vor Kälte und Anstrengung. Noch immer spürte sie das leichte Zittern ihrer Muskeln.
„Das ist nicht so wichtig. Selbst wenn Euch irgendwann jemand vermissen sollte... Sie werden kein Verbrechen vermuten.“ Er lachte leise und ging einen Schritt näher zu Ziva und ergriff ihr Kinn.
„Ich...“, sie schluckte. „Ich... was wollen Sie?“ Seine Nähe bereitete ihr körperliches Unbehagen.
„Ohhhh, ich wüsste da schon was.“ Seine Stimme wurde immer leiser und er hatte ihr Kinn fest im griff. „Ich habe immer so viele Ideen, wenn ich... wenn es von vorn beginnt. Du bist ziemlich hübsch und... Aber das braucht wohl noch etwas Zeit. Weißt du, manche Leute fügen sich sehr schnell, aber ihr Zwei. Ihr werdet eine wunderbare Herausforderung sein.“ Swift Cat strich mit seinen Händen über Zivas Bauch, hinauf in Richtung ihrer Brüste...
„STOPP“, donnerte da Gibbs Stimme rau durch den Wald. „Weiter“, grollte er und lief schwankend weiter.
Otaktay lachte laut auf. „Habe ich es mir doch gedacht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden“, sagte er, schubste die junge Agentin leicht und deutete ihr dem Grauhaarigen zu folgen.


Die kleine Pause die Ziva im Endeffekt für ihn heraus gehandelt hatte, hatte ihm gut getan. Seine Atmung normalisierte sich und der Kopfschmerz wurde erträglich. Das Sprechen allerdings, fiel ihm immer schwerer. Außerdem hatte ihm der Schlag wohl auch eine Gehirnerschütterung eingebracht, denn zu den Kopfschmerzen, kamen noch Gleichgewichtsstörungen dazu und auch sein Magen spielte immer wieder verrückt. Trotzdem arbeitete sein Gehirn auf Hochtouren und versuchte den Ort zu bestimmen. Doch er wußte nicht wie viel Zeit vergangen war. Die Erinnerungen an diesen und den letzte Tag lagen in einem dichten Nebel. Das scheinbar große Waldgebiet mit den sanften Hügeln, das sie nun schon seit einer weile durchliefen, könnten in Virginia liegen. Es schien genau der richtige Ort zu sein, um zwei Agents verschwinden zu lassen.
„Stopp!“, ertönte der Ruf ihres Entführers. „Wir sind da.“
Suchend sahen sich Ziva und Gibbs um. Swift Cat lief lachend an ihnen vorbei.
„Das ist gut, oder? Na wenn die große Mossadkriegerin und der Marine das Versteck nicht sehen, dann muss es ja gut sein.“ Beantwortete er sich seine Frage selber, griff nach unten und klappte eine Falltür auf.
„Runter da.“
Ein leichter Anflug von Panik machte sich bei der Schwangeren breit, doch da spürte sie Gibbs Hand an ihrer.
„Ich geh vor“, kam es mehr oder weniger verständlich aus seinem Mund und er kletterte die Stiege herunter.

Kurz Zeit später waren sie allein in dem Bunkerloch. Swift Cat hatte sie, ohne ihnen noch irgendwelche weiteren Beweggründe ihrer Entführung zu nennen, allein gelassen. In dem vier mal vier Meter großen Erdloch, gab es weder Licht, noch Möbel. An der Decke war ein Rohr angebracht, das sie mit frischer Luft versorgen würde. Im Moment saß die werdende Mutter auf dem Boden und hatte ihre gefesselten Hände um die Knie gezogen, während Gibbs wie ein Tiger im Käfig auf und ab lief. Müde lauschte sie in sich herein. Hoffentlich hatte der Stromschlag, dem sie ausgesetzt gewesen war, ihrem Baby keinen Schaden zugefügt. Das würde sie nicht ertragen können. Nicht sie und auch nicht der Vater des Kindes. Er hatte in letzter Zeit schon zu viele Schicksalsschläge ertragen müssen.

Innerlich seufzte sie einmal auf. Es war schwierig mit Tony in letzter Zeit. Die Reha brachte nicht den gewünschten Erfolg. Er zog sich immer mehr in sich selbst zurück und ließ niemanden mehr an sich heran. Es war, als hätte er mit sich und seinem Leben abgeschlossen. Nur die paar Stunden, die Ziva täglich mit ihm verbrachte, holten ihn aus seiner Starre. Dann war er teilweise wieder der alte Tony, der in den sie sich verliebt hatte. Der Mann, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hatte. Doch wenn die Zeit des Abschieds näher kam, sah sie es in seinen Augen. Diese Leere, die wieder von ihm Besitz ergriff. Dann sprach er von sich und seinem Körper, als währen es zwei Personen und von der Last, von der er nicht wollte, dass sie sie auf sich nahm.
Ziva schluckte schwer. Ihr war es egal, ob Tony nun laufen konnte oder nicht. Sie liebte ihn so wie er war und das würde sich nie ändern. Tausendmal hatte sie es ihm schon gesagt, doch sie erreichte ihn nicht. Sie hatte gehofft, dass Gibbs, bevor er hier seine Zelte für immer abbrach, noch ein klärendes Gespräch mit seinem ehemaligen Stellvertreter haben würde. Eins das dieses Missverständnis, das zwischen ihnen herrschte aus der Welt schaffte. Eins in dem sie ihre Freundschaft klären und wieder festigen konnten. Es reichte schon völlig das Tim, Tony die Schuld an Abbys Tod gab. Aber für Tony sah es so aus, als wenn auch Gibbs ihn verdammt hätte. Das brachte den Braunhaarigen Stück für Stück um. Doch sie würde das Problem nicht von hieraus lösen können. Müdigkeit machte sich in ihr breit und resigniert legte sie ihren Kopf auf die Knie. Nur in paar Minuten die Augen schließen. Nur ein paar Minuten.


***



5. Kapitel




Sich immer wieder unsicher umschauend, ging der junge Pathologe die Straße entlang. Immer wieder musste er betrunkenen Menschen in Partylaune ausweichen. Mit einem Seufzen schob Jimmy seine Brille ein wenig höher und runzelte die Stirn, als er Tims Porsche vor einer heruntergekommenen Spelunke entdeckte.
Vorsichtig öffnete der Gerichtsmediziner die Tür zum Schankraum. Abgestandene alkoholgeschwängerte Luft schlug ihm entgegen. Suchend schaute der junge Mann sich um und entdeckte den NCIS Agent in einer Ecke, in der er einige ziemlich grobschlächtig wirkende Matrosen zu einem Billardspiel herausforderte. Palmers Augenbrauen schnellten in die Höhe, als er beobachten musste, wie der stark alkoholisierte McGee sein Portemonnaie zückte und 200 $ auf den Pooltisch legte. Hastig bahnte der Mann sich einen Weg durch die Feiernden und griff nach Tims Arm.
„Ich denke wir sollten jetzt gehen und das hier..." Er griff mit bebenden Fingern nach dem Geld und wollte es an sich nehmen, doch der heiße Atem eines unglaublich großen, breiten Mannes mit unzählig vielen Tatoos, an seiner Wange, ließ ihn mitten in der Bewegung stoppen.
„Hier wurde es grad interessant, du Witzbold. Ich glaube kaum, dass ihr jetzt geht!"
Jimmy lachte nervös auf und machte einen Schritt zurück, doch ein Fluchtweg war versperrt. Der Pathologe stand an den Billardtisch gelehnt da und suchte verzweifelt nach einem Weg, um diese finstere Hafenkneipe verlassen zu können. Warum hatte er nicht einfach behauptet, dass er niemanden kennt, der auf die Beschreibung des Wirts passte? Warum musste er zu Hilfe geeilt kommen, wenn McGee sich volllaufen ließ und sich Ärger einhandelte?

Nachdem die Drinks Wirkung gezeigt hatten, war Tim in Richtung der Toiletten gewankt. Minuten später hatte der Wirt ihn vor den WC-Räumen gefunden. Er hatte auf einem Stuhl gesessen und geschlafen. Also hatte der Mann kurzerhand das Handy des Agenten aus deren Hosentasche gezogen und war dabei auf dessen NCIS Ausweis gestoßen. Er hatte versucht über die gespeicherten Nummern in den Kurzwahltasten jemanden zu erreichen, der den Betrunkenen abholen könnte, doch es hatte fünf Versuche gebraucht, bis er jemanden ans Telefon gekriegt hatte. Zwei der gewählten Telefonnummern waren direkt auf eine Mailbox umgeleitet gewesen, zwei weitere klingelten einfach ohne eine Menschenseele zu erreichen.

„Er ist Bundesagent und... ziemlich... gefährlich!" stammelte Jimmy Palmer und schluckte schwer, als Tims Kopf mit einem zufriedenen Seufzer auf seine Schulter sank und kurz darauf ein gleichmäßiges Schnarchen zu hören war.
Gelächter brandete auf und der bullige Typ griff kurzerhand an Jimmy vorbei nach den Geldscheinen. Triumphierend hielt er das Geld in die Höhe und brüllte: „Eine Runde für alle!"
Palmer nutzte den Tumult und die allgemeinen Jubelrufe um Tim unbemerkt in Richtung Ausgang zu schieben. Als sie vor der Kneipe standen atmete der Mediziner tief durch und bedachte dem dümmlich grinsenden McGee mit einem tadelnden Blick.
„Dafür wirst du mir nun freiwillig Deinen Autoschlüssel geben!"
„Was wi'st 'u mit meim Sch'üssel?" lallte Tim und hatte sichtlich Mühe gerade stehen zu bleiben. „Ey! Finga weck!" murrte er, als Jimmy bereits dabei war ihn nach dem Schlüsselbund abzutasten.
Mit einem freudigen Grinsen hielt der Pathologe seinem Gegenüber die Schlüssel unter die Nase. „Ich wollte deine Karre schon immer mal fahren und vielleicht... also in dieser Gegend. Vielleicht wird mein Wagen ja gestohlen und dann zahlt die Versicherung möglicherweise..."
Hastig bugsierte Palmer den Volltrunkenen auf den Beifahrersitz des Sportwagens und setzte sich strahlend hinter das Steuer. Als der Motor des Porsche aufheulte wurde sein Grinsen noch breiter.

***


„So, Sir! Hier dürfte es sein, nicht?" meinte der dunkelhäutige Mann freundlich und steuerte sein Taxi an den Straßenrand.
„Ja, ganz genau. Das ist unser Ziel." bestätigte Ducky die Worte des Fahrers und reichte ihm seine Bezahlung und ein großzügiges Trinkgeld. „Ich helfe Ihnen noch mit dem Rollstuhl. Brauchen Sie Hilfe bei den Treppenstufen?"
Der alte Mediziner drücke dankbar die breite Schulter des Mannes. Seitdem er seinen Dienst beim NCIs quittiert hatte, hatte keinen so abwechslungsreichen Tag erlebt. Er hatte einen versehrten Bundesagenten bei der "Flucht" aus der Reha-Einrichtung geholfen. Und auch wenn es weder Tony noch Ducky zugeben würden. Es hatte ihnen einen Heidenspaß gemacht, den Drachen an der Pforte zur Klinik lange genug abzulenken, um verschwinden zu können. DiNozzo war wirklich... Vermutlich war es gut, dass der Junge dort einmal rauskam. Auch wenn... Nun ja, es war natürlich nicht nicht unbedingt völlig korrekt, den Feueralarm auszulösen, nur um ungesehen aus der Einrichtung verschwinden zu können... Aber allein das Funkeln in den Augen des ehemaligen Agenten zu sehen, als plötzlich um sie herum das Chaos ausgebrochen war, war unbezahlbar. Endlich kam wieder Leben in den jungen Mann.

Als Tony im Rollstuhl auf dem Gehweg vor Gibbs Haus saß, ließen die beiden Männer ihre Blicke über dessen Fassade gleiten. Keines der Fenster war erleuchtet, aber... Es war mittlerweile beinahe 23 Uhr. Vielleicht hatte der Silberfuchs sich schlafen gelegt. Vielleicht plante er für den kommenden Morgen seine Abreise, allerdings...
„Gibbs Pickup ist weg. Vielleicht... Wir wären vielleicht besser zu Ziva gefahren. Gibbs wollte nun einmal schon heute Vormittag seine Heimreise antreten und..."
Tony schüttelte energisch den Kopf.
„Nein, sie ist weder über ihren Festnetzanschluss zu erreichen gewesen, noch über das Handy. Wenn sie in ihrer Wohnung wäre, dann..."
„Vielleicht sind sie im Hauptquartier und versuchen..."
Tony unterbrach Duckys Äußerungen mit einem unwirschen Schnauben. „Gehen wir rein und sehen nach!"
Nachdenklich legte Dr. Mallard eine Hand auf die Schulter des anderen Mannes. „Was erhoffst du dort zu finden, mein Junge? In einem leerstehenden Haus?"
Dinozzo schnaubte leise und setzte seinen fahrbaren Untersatz in Bewegung. „Ich weiß es nicht, aber ich habe gelernt meinem Instinkt zu folgen!" knurrte er leise.

Der Taxifahrer half Tony dabei die Stufen zu Gibbs Haus zu überwinden und verabschiedete sich dann von den beiden Männern. Zögernd griff Ducky nach dem Türknauf und stellte fest, dass die Tür verschlossen war. „Gibbs ist nicht mehr hier, Anthony. Er hätte nicht abgesperrt, wenn...“
„Mein Rucksack, Ducky!" forderte Tony und schaute sich suchend um. Dr. Mallard wußte nicht recht, was sein junger Freund an Gepäck dabei hatte und hatte auch auf eine Diskussion darüber, dass er DiNozzo noch im Laufe der Nacht zurück in die Klinik bringen würde, verzichtet und den Rucksack stillschweigend missachtet.
Neugierig spähte er nun über Tonys Schulter und stieß erstaunt Luft aus. "Na, das nenne ich ja mal ein Notfallset der besonderen Art!"
DiNozzo lachte freudlos und zog ein Dietrich-Set aus den Untiefen seiner Tasche, in denen auch die deutlichen Umrisse einer Waffe und Tonys NCIS Cap zu erkennen waren. „Erwarte stets das Unerwartete..."
„Regel 8..." murmelte Ducky leise, während er beobachtete wie der Jüngere das Schloss von Gibbs Haustür knackte.
„Dinozzos Regel Nummer 1: Scheiß auf die beschissenen Regeln! Hereinspaziert, Doktor!" krachend schlug die Tür gegen die Wand. Das bunte Bleiglas erzitterte. „ZIVA?!"
„Ruhig Blut, Anthony!" sagte der Pathologe leise und betrat mit einem unguten Gefühl das Haus seines Freundes.
Tony war bereits in Richtung Wohnzimmer gerollt und hatte das Licht angeschaltet. Langsam ließ er seinen Blick durch den Raum gleiten. Das Bücherregal war ausgeräumt, die Polstermöbel mit Laken abgedeckt. Der alte Esstisch stand mitten im Raum, drei Stühle drum herum. Darauf lag, scheinbar achtlos hingelegt, ein kleines Prospekt. Tony näherte sich dem Tisch und griff nach dem bunten Papier. Er schluckte und runzelte die Stirn.
„Ein Flyer von einem Hotel auf den Bahamas und..." Er griff nach einem weiteren Gegenstand, der zuvor verdeckt gewesen war. Der kleine bunte Umschlag einer Fluggesellschaft. Tony reichte beides an Ducky weiter und runzelte die Stirn.
„Das hat doch nichts zu bedeuten. Vielleicht ist es Gibbs Weihnachtsgeschenk für Kristen?! Oder Ziva plant eine Überraschung für dich und..."
Tony zog die Augenbrauen in die Höhe und blickte sich weiter im unteren Stockwerk des Hauses um.
„Denkst du, dass Gibbs und Ziva dich hintergehen? Wie kommst du denn auf solche Gedanken, mein Junge?"
DiNozzo presste die Lippen fest zusammen und starrte auf einen Punkt an der Wand. „Das Baby..."
Ducky ließ sich auf einen der Stühle sinken und schaute aufmerksam zu dem Jüngeren.
„Wenn ich von dem errechneten Geburtstermin zurückrechne, dann fällt der Tag der Zeugung in die zwei Wochen, die Ziva und Gibbs in Wyoming verbracht haben!" fuhr Tony mit bitterem Tonfall fort.
„Wyoming?" hakte Ducky nach und versuchte sich daran zu erinnern.
„Ja, im Rahmen der gemeinsamen Ermittlung mit dem FBI in diesem Mordfall an der Familie eines Colonels!"
Nun nickte der alte Mann. „Die Rechnungen der Gynäkologen stimmen in den seltensten Fällen mit dem eigentlichen Tag der Zeugung überein. Das hat nichts zu bedeuten. Gibbs ist wie ein Vater für Ziva. Anthony... Junge, quäl dich nicht mit sinnlosen Spekulationen! Zudem errechnet sich der Geburtstermin aus dem ersten Tag der letzten Periode, nicht aus dem Tag der Zeugung."
Kopfschüttelnd fischte DiNozzo sein Handy aus dem Rucksack und griff erneut nach dem Umschlag der Fluggesellschaft. Mit fest aufeinander gepressten Kiefern wählte er die angegebene Nummer der Informationshotline. Eine Frauenstimme meldete sich in aufgesetzt freundlichem Ton.
"Gibbs! Meine Partnerin und ich sind heute mit einer ihrer Maschinen geflogen. Vom Ronald Reagan in DC zum Flughafen von Freeport. Nun vermisst meine Partnerin ihre Halskette. Könnten Sie uns benachrichtigen, wenn die gefunden werden sollte?"
Die Frauenstimme bat um einen Moment Geduld, dann nannte sie eine Flugnummer und vergewisserte sich ob Mr. Gibbs und seine Partnerin an Board wie angegeben auf den Plätzen E4 und 5 gesessen hätten. Tony bestätigte das und beendete das Gespräch. Seine schlimmsten Befürchtungen schienen bestätigt. Mit einem erstickten Aufschrei warf er sein Handy gegen die Wohnzimmerwand und verbarg das Gesicht in den Händen.




6. Kapitel




Schlaftrunken fuhr Jimmy hoch und blickte sich desorientiert um. Ein schrilles Geräusch hatte ihn geweckt.
„Dring! Dring!“
Da war es wieder. Palmer fuhr sich über das Gesicht und rieb, um den Blick zu klären, seine Augen. Wo war er hier? Was tat er hier? Und warum lag er in voller Montur auf dem Sofa? Aus dem Nebenraum konnte er Schnarchgeräusche.
„Dring! Dring!“
Oh Gott, er war in McGees Wohnung und er musste auf dem Sofa kurz eingeschlafen sein. Schlagartig war alles wieder da. Die Bar, der betrunkene Tim und die heiße Fahrt mit dem Sportwagen. Ein Grinsen fing sich in seinen Mundwinkeln. Oh ja, eine wahrlich heiße Fahrt war das.....
„Dring! Dring!“
Handy, das konnte nur McGees Handy sein. Schnell stand er auf und lief dem Geräusch hinterher.
„Dring! Dring!“
Herrje, warum hatte er auch so einen schrecklichen Klingelton? Ihm drohte der Schädel zu platzen. Der Ton konnte Tote aufwecken. Wo hatte er vorhin nur Tims Jacke? Ach da, dachte sich Jimmy und wurde in der Innentasche schnell fündig. Ein Blick auf das Display zeigte ihm ein Bild des Anrufers.
„Dr. Mallard?“, meldete sich Palmer fragend und ohne Gruß. Am anderen Ende herrschte erstauntes Schweigen.
„Ähm... Mr. Palmer? Ich bin der Meinung, ich hätte Timothys Nummer gewählt?“, kam es leicht verwirrt.
„Doch, das ist auch Tims Handy.“
„Dann geben Sie ihn mir bitte kurz“, kam es von dem pensionierten Pathologen.
„Hm, da gibt es leider in kleines Problem“, sagte Jimmy und spähte ins Schlafzimmer. McGee würde, so betrunken wie er war, keinen zusammenhängenden Satz rausbekommen. „Dr. Mallard?“
„Ja mein Junge, was gibt es denn noch?“
Jimmy schluckte, sollte er seinen alten Mentor eine Lüge erzählen, oder bei der Wahrheit bleiben.
„Mr. Palmer?“
Sein Entschluss stand fest. „Ich habe Tim sturzbetrunken in einer Hafenkneipe aufgelesen. Er schläft jetzt. Und ich glaube nicht, dass er vor morgen früh zu etwas anderem fähig sein wird.“ Palmer wechselte Tims iPhone ans andere Ohr. „Aber vielleicht kann ich ja helfen?“ Am anderen Ende der Leitung hörte er ein tiefes Seufzen.
„Ich wollte ihn bitten bei Zivas Wohnung vorbei zu fahren. Vielleicht könnten Sie das übernehmen?“ Mit knappen Worten berichtete der pensionierte Pathologe was er sich von einem Besuch in Zivas Wohnung erhoffte. „Wir sind in Gibbs Haus und erwarten Sie dann hier.“
Vor Aufregung schlug Jimmys Herz grob gegen seine Brust. „Wer ist wir?“
„Oh, Anthony und ich.“
„TONY? Sollte der nicht noch in der Reha sein?“
„Ähm ja, das ist eine längere Geschichte. Aber die am Telefon zu erzählen dauert zu lange. Fahren Sie bitte zu Zivas Wohnung und sehen Sie nach ihr. Danach treffen wir uns bei Gibbs. Bis später, mein Junge. Beeilen Sie sich!“, sagte er und legte auf.

Der junge Gerichtsmediziner ließ sich auf die Couch zurück fallen. Fassungslos fuhr er sich durch seine dichten, lockigen Haare. Er konnte es kaum glauben. Er hatte einen Auftrag. Voller Tatendrang sprang er auf und lief im Raum auf und ab. Ab jetzt musste er seinen kriminalistischen Verstand einsetzten. Das was er damals öfter mal mit Tony gespielt hatte, musste er nun reaktivieren. Sein Herz klopfte immer schneller und ein verschwörerisches Grinsen stellte sich ein. Schnell schaute er noch einmal bei Tim vorbei, doch dieser schnarchte immer noch laut vor sich hin. Gut, dachte sich Jimmy, jetzt konnte er planen. Was würde er brauchen? Sein Blick strich durch McGees Wohnung. NCIS Basecap und Jacke hatte er selber in seinem Wagen. Aber halt stopp. Der stand ja noch im Hafenbereich. Schnellen Schrittes durchquerte Palmer das Wohnzimmer und griff zu McGees Jacke. Gott sei Dank hatte der Agent in den letzten Jahren mächtig abgenommen. Ansonsten hätte die Kleidung ihn eher zu einer Witzfigur, als zu einem Bundesagenten gemacht. Sein Blick glitt weiter über die Garderobe. Sollte er..... sein Herz klopfte immer schneller. Sollte er.... ein schneller Blick über die Schulter zeigte ihm das Tim immer noch schlief. Wie ein ertapptes Kind griff er nach der Schutzweste und schlüpfte hinein. Das Gefühl war großartig als sich das Kevlar an seinen Körper schmiegte. Das hatte er schon immer mal ausprobieren wollen. Jetzt wo sein Entschluss feststand, fiel es ihm auch einfach McGees Dienstausweis an sich zu bringen. Als seine Hand über Tims Waffe schwebt, hielt er an sich. Nein, das ging dann doch zu weit. Gibbs würde ihm nie eine Waffe anvertrauen. Mittlerweile hatte er zwar dank Tony schon ein wenig Erfahrung mit Waffen, aber trotzdem. Nein. Keine Waffe. So ausgestattet, saß er wenig später im Porsche und fuhr Stadteinwärts zu Zivas Apartment.

Nachdem er endlich einen Parkplatz gefunden hatte, stand er kurz Zeit später vor dem Pförtner von dem Apartment Haus.
„Ich möchte zu Ziva David.“
Der Pförtner blickt zu seinem Computer und als er Jimmy wieder in die Augen schaut, sagt er: „Tut mir leid Sir, aber Miss David ist nicht zu Hause.“
„Dann machen Sie mir bitte die Tür auf“, sagte er und zog Tims Ausweis. Sicherheitshalber legte er seinen Daumen über das halbe Bild. Der Pförtner sah von der ID Karte zu Jimmys Outfit.
„Brauchen Sie nicht einen Durchsuchungsbefehl?“
Jimmy Herz machte ein Geräusch als wenn es in tausend Teile zerspringen. Jetzt durfte auf keinen Fall Schwäche zeigen.
„Wenn Gefahr in Verzug ist, brauche ich keinen Durchsuchungsbefehl. Wenn ich also bitten darf?“, sagte er und ging mit zitternden Knien schon einmal in Richtung Aufzug vor. Als er hörte, dass der Wachmann ihm folgte, fiel ihm ein Stein vom Herzen.

Nur mit Mühe hatte er den Pförtner daran hindern können, ihn in die Wohnung zu begleiten. Gott sei Dank hatte zum richtigen Zeitpunkt dessen Handy geschellt. So hatte Jimmy ihm die Tür vor die Nase zuschlagen können.
Das Apartment war ganz anders als er es sich vorgestellt hatte. Irgendwie wusste er auch nicht, aber wenn er an Ziva dachte, dann immer nur an weiß und kalt. Doch der Raum durch den er sich jetzt bewegte, war farblich warm gestrichen und auch die Möbel zeigten einen erlesenen Geschmack. Eine große gemütliche Couch stand mitten im Wohnzimmer. Sein Blick blieb an etwas hängen, das auf dem Tischchen stand. Bourbon? Ziva war schwanger und er kannte nur einen der Bourbon trank. Aber hatte Gibbs nicht schon vor ein paar Wochen die Stadt verlassen? Jimmy suchte weiter und fand im Schlafzimmer einen offenen und leeren Kleiderschrank. Ganz so als hätte sie in Eile gepackt und fluchtartig die Wohnung verlassen. Als er weiter suchte fand er neben dem Bett ein altes NIS Shirt. Der Fund brachte ihn leicht ins Wanken. Was war hier passiert? Warum lagen überall Gibbs Sachen herum? Dieses Shirt trug der doch immer beim Werkeln im Keller. Ein kurzer Geruchstest bestätigte ihm den Verdacht. Das Shirt roch nach Keller und Sägemehl. Eindeutig Gibbs.

Als ihm sonst nichts Wichtiges mehr auffiel, schob er sich das alte T-Shirt, als Beweis, unter die Jacke und verließ die Wohnung wieder. Jetzt hatte er ein neues Ziel. Er musste schnellstens zu Ducky und Tony und ihnen von seinen Ermittlungen berichten.


Leider war die Fahrt zu Gibbs Haus, in Jimmys Augen, viel zu kurz. Mit einem Seufzen strich er noch einmal über das Echtleder bezogene Lenkrad. Dieses Auto war ein Traum. Nicht zu vergleichen mit seinem schon in die Jahre gekommenen VW Rabbit. Schweren Herzens stieg er aus und erklomm die wenigen Stufen zu dem Haus. Wie früher war die Eingangstür nicht verschlossen.
„Hallo?“, rief er und spähte um die Ecke.
„Wir sind im Wohnzimmer“, erklang es leise.
Die wenigen Meter waren schnell überbrückt und er sah Ducky und Tony gemeinsam über den Wohnzimmertisch gebeugt sitzen.
„Mr. Palmer, Sie haben sich selbst übertroffen“, wurde er von dem alten Mediziner begrüßt. „Haben Sie den Weg gut gefunden?“
Jimmy grinste von einem Ohr zum anderen. „Aber Dr. Mallard. Der Porsche hat ein Navi.“
„Hey, scheinbar hast du nicht nur McGees Wagen entführt“, sagte Tony und deutete belustigt auf die Schutzweste die Jimmy immer noch trug.
„Oh, das...“, ertappt, verfärbte sich sein Gesicht puterrot. Dabei hatte er doch vorhin noch daran denken wollen, die Weste im Wagen zu lassen. Als er DiNozzos Lachen hörte, legte er seinen Kopf schief und beobachtete den invaliden Agenten. Wann hatte er Tony das letzte Mal so herzhaft lachen sehen? Unter Begleitung von Tonys Lachen, zog Jimmy seine Jacke aus und legte die Schutzweste ab. Dafür machte er sich doch gerne einmal zum Affen.
„Anthony mein Junge, laß es gut sein“, sagte der Pathologe ebenfalls mit einem Grinsen im Gesicht, dann wandte er sich an seinen ehemaligen Lehrling. „Was haben Sie uns noch zu sagen, Jimmy?
Dieser hatte sich mittlerweile neben seinen Mentor auf der Couch niedergelassen und fuhr sich durch die lockigen Haare. Mit einer Hand holte er das gefundene NIS T-Shirt aus der Seitentasche seiner Jacke und hielt es ohne Worte hoch. Sofort verstummte jegliches Lachen im Raum. Alle Anwesenden konnten das Shirt sofort seinem Besitzer zuordnen.
„Ich habe es doch gewusst“, kam es von Tony und er schlug dabei voller Wut auf die Tischplatte.
„Was noch?“, hackte Ducky nach.
„Eine angefangene Flasche Bourbon, ein Glas und einen leeren Kleiderschrank. Scheinbar ist Ziva mit Gibbs auf Tour.“
„AUF TOUR?“, schrie Tony außer sich vor Wut, das Speichelfetzen nur so flogen. „Auf Tour?“, setzte er noch einmal leiser nach, als er Ducky Hand auf seiner Schulter spürte. „Sie haben zusammen einen Flug auf die Bahamas gebucht und liegen wahrscheinlich jetzt schon in irgendeinem Pool.“ Das letzte Wort spuckte er verächtlich aus.
„Nein, das passt nicht zu Jethro. Überleg doch mal, Anthony“, kam es beschwichtigend von dem pensionierten Pathologen. „Er würde nie mit Ziva durchbrennen. Warum auch. Was sollte der Grund sein. Ihr seid nicht verheiratet, also wo wäre da ein Problem? Außerdem ist Ziva von dir schwanger. Das ginge gegen Jethros Ehre.“ Ducky schüttelte den Kopf, aber er hatte das Gefühl im Moment mit Logik, nicht an den jüngeren Mann heran zukommen. Kaum hatte der alte Mediziner das Wort ausgesprochen, da flog auch schon das Glas, das Tony in den Händen hielt in den erloschenen Kamin.
„EHRE?“, donnerte der Braunhaarige. „Was war ich doch für ein Rindvieh. Ich hätte es sofort sehen müssen. Ihre Verspätungen, ihre Treffen, die angeblichen Arztbesuche. Wütend drehte er seinen Rollstuhl und fuhr in den Flur.
„Was hast du jetzt vor?“, rief Jimmy ihm hinterher.
„Was ich vorhabe? Ich werde jetzt Gibbs angebliche Lebensgefährtin aus ihren klein Mädchenträumen reißen“, sagte er und wählte die Nummer die Gibbs ihm irgendwann einmal für Notfälle dagelassen hatte.

***



Blinzelnd öffnete Kristen die Augen und suchte in der Dunkelheit die leuchtenden Ziffern ihres Weckers. 1:23 Uhr. Es war mitten in der Nacht. Sie konnte das unruhige Trappen der Hundepfoten auf den Holzdielen hören und den hechelnden Atem. Die Welpen! schoss es der brünetten Frau durch den Kopf. Im selben Moment schwang sie die Beine aus dem Bett und wollte sogleich loslaufen. Doch das altbekannte Schwindelgefühl zwang sie einen Moment lang auf der Bettkante sitzen zu bleiben. Langsam brachte die Frau sich in eine aufrechte Position und bewegte sich in Richtung Schlafzimmertür.
Gerade als sie am Fuß der Treppe angekommen war und ihre Hündin zu sich rufen wollte, ertönte aus der Küche das Klingeln ihres Telefons. Im Vorbeilaufen warf Kristen der trächtigen Hundedame einen prüfenden Blick zu. Das Tier machte nicht den Eindruck kurz vor dem Werfen zu stehen. Den Wassertropfen auf den Holzdielen nach zu urteilen, hatte sie nur getrunken.
Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend nahm die Frau den Anruf entgegen.
„Hallo?" sagte sie leise und räusperte sich dann, um ihre vom Schlaf noch leicht belegte Stimme, zu klären.
„Kristen? Tony DiNozzo!"
Sie rieb sich mit einer Hand über das Gesicht und kniff kurz die Augen zusammen. Tony DiNozzo? Ihr Blick flog hinüber zur Wanduhr. 1:24 Uhr. Noch immer war ihr leicht schummerig. Mit flauem Gefühl im Magen ließ sie sich auf einen der Küchenstühle sinken. „Tony? Ist... ist Jethro ok?"
Ein freudloses Lachen schlug ihr entgegen. „Das denke ich doch. Immerhin wird er bald Vater!"
Weitere Stimmen erklangen undeutlich. Irgendjemand schien auf ihren Anrufer einzureden. „Da wissen Sie mehr als ich, Tony. Warum rufen Sie mitten in der Nacht an?"
„Er ist mit Ziva auf den Bahamas!"
Kopfschüttelnd stand Kristen auf und ging hinüber zur Kaffeemaschine, entschied sich aber doch für Tee. „Hat das mit dem Fall zu tun, in dem Ziva seine Hilfe braucht?"
Wieder dieses Lachen, in dem nun ein Hauch Verzweiflung mitschwang. „Es gibt keinen Fall, Kristen! Er verarscht Sie! Und mich! Ziva und Gibbs lügen uns die Hucke voll, während sie sich vermutlich köstlich amüsieren und an irgendeinem Pool sitzen und Cocktails schlürfen."
Kristen lachte kurz auf. „Entschuldigung. Ich lache nicht über sie, aber... Können Sie sich Jethro mit einer Pina Colada in der Hand vorstellen? Mit Badehose und Sonnenhut. Tut mir leid, Tony. Ich... ich bin vermutlich noch nicht ganz wach. Himmel... Wie kommen Sie auf diese Behauptungen?"
Schweigen schlug ihr Sekunden lang entgegen und dann eine vor Zorn bebende Stimme. „Ein Teil seiner Sachen war in Zivas Wohnung. Bourbon, ein NIS-Shirt... In seinem Haus liegt ein Prospekt über die Insel... Ein Umschlag für Flugtickets... Die Fluggesellschaft hat bestätigt, dass Gibbs und Ziva an Bord eines Flugzeuges in Richtung Freeport waren."
Die Gedanken rasten so schnell, dass die ehemalige Ermittlerin kaum schaffte sie zu greifen. „Ich verstehe nicht... Vielleicht eine verdeckte Ermittlung... vielleicht... Es wird eine Erklärung geben. Ich kann nicht glauben, dass..." Sie presste sich eine Hand auf den Magen und stürzte in Richtung Bad. Das Telefon glitt ihr aus der Hand. Der Anruf war abgebrochen.
Sie würgte, bis nur noch Galle kam, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Keuchend und mit zitternden Knien stand die Brünette schließlich auf, wusch sich das Gesicht und putzte sich die Zähne. Morgen dachte Kristen, während sie sich in Richtung Wohnzimmer schleppte, morgen werde ich mir einen Termin für die verdammte Magenspiegelung geben lassen.
Langsam ließ sie sich auf das Sofa sinken und saß Sekunden lang reglos da. Jethro betrog sie mit der hübschen jungen Ermittlerin.
Vermutlich... Ja, warum nicht. Es war gut möglich. Nach Abbys Tod und Tonys Verletzung hatte die Israelin es vermutlich nicht über sich gebracht DiNozzo die Wahrheit zu sagen. Und nun war es Jethro vermutlich gelungen sie doch zu überzeugen. Oder umgekehrt. Aber... Warum hätte er dann hier her zu ihr kommen sollen? Warum war er nicht in der Nähe seiner jungen Gespielin geblieben? Und was hatte DiNozzos Behauptung mit dem Baby zu bedeuten? War Ziva womöglich von Jethro schwanger?
Verwirrt ließ die brünette Frau sich auf ihrem Sofa nieder und starrte auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand.
Winselnd kam Cara zu ihr getrottet. Während ein erstes Schluchzen sich seinen Weg durch ihre Kehle bahnte, half Kristen der trägen Hündin auf das Sofa. Sie zog das große Tier auf ihren Schoß und vergrub das Gesicht in deren weichem Fell, zu durcheinander, um einen klaren, logischen Gedanken fassen zu können.

 

 

 

7. Kapitel




„Er hat was??“ Clayton Jarvis Stimme überschlug sich beinahe, während er die beiden grobschlächtigen Männer vor sich wutentbrannt ansah.
„Sir, bei allem Respekt... Sie haben darauf bestanden, dass wieder dieser verrückte Indianer sich... darum kümmern soll... Obwohl er beim letzten Mal...“ Der Mann schüttelte den Kopf. Noch immer quälten ihn die Bilder der hübschen jungen Frau und des kleinen Jungens in seinen Träumen.
„Ja, Porter! Und Sie wissen auch warum! Kein Mensch wird jemals eine Verbindung zwischen mir und diesem... diesem Psychopathen ziehen.“
Müde ließ der Secretary sich auf einem klapprigen Holzstuhl nieder. Dieser Tag hatte bereits eindeutig zu viele Stunden gehabt. Er fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Dieser Wahlkampf brachte ihn an seine Grenzen. Alles schien aus dem Ruder zu laufen und jeder Versuch sein Ansehen zu retten, ritt ihn nur tiefer in die Hölle. An welchem Punkt seines Lebens hatte er sich nur für diesen Weg entschieden? War er wirklich so besessen von der Macht. Ja... Ja, im Grunde war er das. Schon allein der Gedanke daran, dass er möglicherweise einem anderen - wieder einem Demokraten, einem Schwarzen - den Vortritt ins Weiße Haus lassen musste, machte ihn rasend vor Zorn.

Die beiden Hünen wechselten vielsagende Blicke. „Selbst wenn das Verschwinden der beiden Navy-Cops auffallen sollte, bevor Otaktay... Die werden denken, dass der Kerl mit der Kleinen durchgebrannt ist. Wir haben Flüge auf die Bahamas gebucht und meine Cousine mit ihrem neuen Freund mit gefälschten Pässen dort hin fliegen lassen...“

Jarvis sprang auf die Füße und ließ krachend seine Hand auf den Tisch fallen. „Haben Sie über Agent David und Leroy Jethro Gibbs Erkundigungen angestellt? Diese beiden... Er vor allem, würde nie.... niemals Cocktail schlürfend an irgendeiner Hotelbar sitzen. Ihre falsche Spur ist ein Windei! Haben Sie eine Ahnung wer die Leute sind, die sich hier über das Verschwinden von Gibbs und David wundern werden. Bundesagenten!“
Unruhig lief der Mann durch das schmuddelige Appartement. „Kampfspuren. Was ist damit? Gibbs und David haben sich niemals kampflos ergeben.“
„Wir haben alles in Ordnung gebracht. Und der Plan ist gut! Wir haben Sachen von dem Alten in die Wohnung von der kleinen Israelin gebracht. Der Mini-Cooper ist mit gefälschten Papieren auf den Weg nach Mexiko und den Pickup von dem Alten hat Bobby...“
Der zweite Mann, Bobby, trat unruhig von einem Bein auf das andere. „Ich musste den loswerden...“ murmelte der glatzköpfige Mann nervös.
„Hmm?“ hakte Porter leise nach.
„Hatte Nasenbluten und... Dolle Nasenbluten, da war alles eingesaut und...“
„Warum hast, du Schwachkopf, mir nicht früher was gesagt? Wo ist der Wagen? Nicht am Flughafen?“ knurrte Porter erzürnt.
Leise und bedrohlich ertönte Jarvis Stimme direkt hinter den Männer. „Was ist mit Gibbs Wagen?“
Bobby schluckte schwer. „Ich habe ihn... fortgeschafft.“
„Wie?“
„Po-potomac, Sir.“
Die Wut stieg so schnell ihn ihm auf, dass er ihr kaum Herr werden konnte. Mit einem Aufschrei schmiss Clayton Jarvis einen Stuhl gegen eine der Wände und brüllte seinen Zorn hinaus...

***



Stöhnend hob der Grauhaarige die gefesselten Hände vor sein Gesicht und kniff die Augenlider zu. Mit einem ungehaltenen Laut rollte der Mann sich auf den Bauch und presste die Stirn gegen den eiskalten Erdboden ihres Verlieses.
Seine Muskeln waren beinahe schmerzhaft angespannt und zitterten vor Kälte so sehr, dass seine Zähne quälend aufeinander schlugen. Seine linke Gesichtshälfte schien in Flammen zu stehen und es dauerte eine lange Weile, bis er sich soweit im Griff hatte, dass er es schaffte sich in eine aufrechte Position zu bringen.
Rabenschwarz hatte sich die Nacht über ihr Gefängnis gelegt, sodass mit bloßem Auge nichts zu erkennen war. Gibbs lauschte angestrengt in die Finsternis und konnte Zivas keuchenden, zittrigen Atem hören.
"Zi..." wieder kniff er die Augen zusammen, als bei dem Versuch zu sprechen der Schmerz in seinem Kiefer zu explodieren schien. Auf allen Vieren kroch er tastend durch das Erdloch, bis er Zivas zierliche Gestalt unter seinen Fingern spürte. Unsanft rüttelte er an ihrer Schulter und stieß unartikulierte Laute aus, darauf bedacht seinen Mund so wenig wie möglich zu bewegen.
Ein leises Wimmern schlug ihm entgegen, woraufhin der Silberfuchs seinen Griff lockerte und der jungen Frau beruhigend über den Rücken strich. So gut das eben mit gefesselten Händen möglich war.
„Aufstehen... Bewegen!" keuchte der Grauhaarige undeutlich und spürte, wie die Israelin sich langsam anfing zu rühren. Dunkel erinnerte Gibbs sich an zwei 500 ml Flaschen Wasser und Energieriegel. Er war nach dem langen Marsch zu erschöpft gewesen und hatte dem Durst nicht nachgegeben. Aber, sofern seine Sinne ihm keinen Streich gespielt hatten, mussten die Lebensmittel irgendwo in diesem Raum sein. Langsam und so systematisch wie er es in dem angeschlagenen Zustand schaffte, machte er sich daran das Erdloch abzusuchen. Er spürte einen leichten Lufthauch und im nächsten Moment berührten seine Finger eine nasskalte Stelle. Beinahe hätte er den Unterschied nicht bemerkt, so taub und steif waren seine kalten Hände. Reflexartig schaute er nach oben, doch er blieb blind in der Finsternis. Nur der Schwindel setzte mit aller Gewalt wieder ein und verstärkte die Übelkeit, die sich bis dahin nur unterschwellig bemerkbar gemacht hatte.
Auch ohne zu erkennen was genau sich über ihm befand, wußte Gibbs, dass es eine Art Lüftungsschacht sein müsste. Gibbs schob den Gedanken, der sich in seinem Verstand fest gebissen hatte, energisch zur Seite. Es nützte nichts darüber zu spekulieren, was geschehen würde, wenn die Lüftung unter dem Schnee begraben wäre. Vermutlich wären sie längst erfroren bevor die Luft ihnen eng werden würde.
Langsam schob er sich weiter und orientierte sich dabei an den Geräuschen die Ziva von sich gab, während sie sich allmählich zurück in das Bewusstsein kämpfte.
Endlich berührten seine Fingerspitzen das Plastik einer kleinen Flasche. Mit bebenden Händen versuchte der Silberfuchs den Verschluss zu öffnen, doch er rutschte immer wieder ab. Mit einem ungeduldigen Grollen, tastete der Grauhaarige weiter über den Boden und fand die Energieriegel. Beide Sachen nahm er mit zu Ziva. Langsam schob er sich zu ihr herüber und erahnte, dass sie sich aufgesetzt hatte und an der Wand lehnte. Er spürte deutlich wie sie zitterte.
„Ok?" nuschelte Gibbs tonlos, woraufhin ihm ein leises Schluchzen entgegen schlug. „Schmerzen?" fragte er weiter, während er seine Hände an ihrem Körper entlang gleiten ließ auf der Suche nach den ihren.
„Es... es geht... Sch-scheiß Hormone... i-ich muss ständig ... heulen."
Gibbs Hände verweilten einen Moment auf ihrem Bauch und er fragte wieder: „Auch ok?"
Zivas Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. "I-ich weiß es nicht... Ich... Ich spüre seine Bewegungen normalerweise... nur so... w-wie.. eine Seifenblase die platzt oder... so ähnlich und... auch mal tagelang gar nicht... an-angeblich ist das normal, weil es noch so früh ist... aber... ich... weiß nicht."
Ungelenk führte der Silberfuchs die Flasche an ihre eiskalten Hände. „Festhalten!" brummte er undeutlich und startete einen neuen Versuch den Verschluss zu lösen. Dieses Mal mit mehr Erfolg. „Trink... langsam"
Gibbs hörte wie sie hastig große Schlucke nahm und griff nach der Flasche. „Langsam!" Zum einen würde das eiskalte Wasser ihr vermutlich Magenschmerzen bereiten und zum anderen würde der Körper nur unnötige Energie verschwenden, die Flüssigkeit auf Körpertemperatur zu bringen. Ihre Energiereserven durften nicht zu schnell versiegen. Er wusste, dass Ziva all diese Dinge gelernt hatte, doch er spürte wie sehr diese Situation an ihr zerrte und dass sie weit von ihrer sonstigen Konstitution entfernt war.
Vorsichtig führte Gibbs die Flasche an seinen Mund und ließ eine winzige Menge davon zwischen seine geöffneten Lippen fließen. Er schaffte es nicht die Kiefer auseinander zu bringen.
Gemeinsam verschlossen sie die Flasche wieder sorgfältig und Gibbs reichte der Agentin den Energieriegel.
Ziva brach sich ein kleines Stück davon ab und kaute es sorgfältig. „Du nicht? Ist gar nicht schlecht. Als Kind... wir haben Daddy die Dinger manchmal... weggenommen und heimlich genascht. Betonkekse..." fragte sie, während sie die harte, süß schmeckende Masse zerkaute.
Zögernd brach sich Gibbs etwas von dem keksartigen Riegel ab und zerbröselte ihn zwischen seinen Fingern. Vorsichtig schob er sich die einzelnen Krümel zwischen die Lippen Er spürte wie Ziva sich bewegte und ihm die Wasserflasche reichte. „Es löst sich im Wasser beinahe sofort auf. Versuch es mal damit."
Der kleine Riegel war schnell vertilgt.
Erschöpft ließ der ehemalige Ermittler sich gegen die Wand sinken. Kaum dass er ruhig da saß kroch die Kälte wieder in ihm auf. Aber er konnte sich nicht dazu aufraffen sich erneut durch den Raum zu bewegen, schon gar nicht auf seinen Füßen. Er spürte wie sich Ziva zitternd an ihn lehnte und murmelte undeutlich: „Komm..."
Steif und ungelenk schob die junge Frau sich zwischen die Beine des Älteren und lehnte sich mit dem Rücken gegen dessen breite Brust. Gibbs hatte die Hände hoch gehoben und ließ sie nun wieder sinken, sodass es den Anschein erwecken würde, sie befänden sich in einer liebevollen Umarmung. Seine Hände lagen auf ihrem Bauch, doch durch die Einschränkungen der Fesseln war eine andere Haltung nicht möglich. „Geht das?"
Ziva schob ihre kalten Hände unter seine und nickte erschöpft. Sie fühlte sich geborgen wie ein kleines Kind und spürte wie ihre Augen erneut zu fielen.
Gibbs lehnte seinen schmerzenden Kopf gegen die harte Wand und schloss die Augen. Er stellte sich die Sonne vor, die ihn und Kristen bei einer Reittour im Sommer die Haut verbrannt hatte. Er meinte die warmen Strahlen zu spüren und wehrte sich nicht gegen den einsetzenden Schlaf. Nur ein paar Minuten ausruhen...


*** 



In eine warme Wolldecke gehüllt saß Kristen auf dem Boden neben ihrer Hündin an das weiche Sofa gelehnt da und starrte in die tanzenden Flammen des Kaminfeuers. Sie hatte das Bedürfnis nach Wärme gehabt und nichts... fast nichts, wärmte so gut wie ein offenes Feuer. Eine leere Eispackung, Karamelsauce und Berge von Taschentüchern lagen verstreut auf dem Wohnzimmertisch. An Schlaf war für Kristen in dieser Nacht nicht zu denken. Hatte sie sich wirklich so in Jethro getäuscht?
Noch immer konnte sie sich nicht vorstellen, dass Gibbs sie hintergangen hatte. Noch immer erschien es keinen Sinn zu ergeben. Warum jetzt? Warum hatte er dann überhaupt ihre Beziehung vertiefen wollen?
Wieder und wieder suchte sie in ihren vergangenen Gesprächen nach Hinweisen. Sie hatte sogar seine Sachen durchsucht. Die wenigen Dinge, die bereits von dem Silberfuchs in ihrem Haus gelandet waren. Doch auch dort gab es keinen Hinweis auf seinen Verrat. Jethro Gibbs war ein Mann der stets für klare Verhältnisse sorgte. Vorallem... Sofern sie Tony richtig verstanden hatte, sollte Gibbs der Vater von Zivas Ungeborenen sein. Das machte gleich noch weniger Sinn. Jethro würde in einer solchen Situation erst recht für klare Verhältnisse sorgen.
Wieder hörte sie die Stimme des Grauhaarigen in ihren Gedanken. „... auf Ungereimtheiten gestoßen. Betrifft auch den SecNav."
Kristen wurde das Gefühl nicht los, dass etwas anderes hinter all dem steckte. Ihr Instinkt meldete sich mit aller Gewalt zu Wort. Was, wenn Ziva Dinge zu tage gefördert hätte, die den Mr. Secretary auf irgendeine Weise schaden könnte? War nicht der aktuelle Marineminister einer der amtierenden Präsidentschaftskandidaten der Republikaner? In einem Jahr standen neue Wahlen an und... Ein kleiner Schatten auf der blütenreinen Weste des SecNav und er könnte seine Kandidatur vergessen.
Kristen schüttelte den Kopf und schallt sich eine Idiotin. Sie würde sich mit dieser Vermutung lächerlich machen. Die verschmähte Frau, die von ihrer jüngeren Nebenbuhlerin vom Thron gestoßen wurde.
Kisten schloss resigniert die Augen. Das war verrückt. Als sie das letzte Mal auf ihren Instinkt gehört hatte, war ihr Sohn in die Hände eines wahnsinnigen Psychopathen gefallen Und vermutlich hatte DiNozzo insgeheim Recht... Die Bahamas waren ein wunderbarer Ausgangspunkt für eine ausgedehnte Segeltour. Es musste ja kein Club-Urlaub sein...
Aber sie würde nicht kampflos aufgeben. Und wenn sie am Ende nur Antworten bekommen würde... Und vielleicht.. eventuell sollten sie die Möglichkeit, dass Ziva und Gibbs in der Klemme steckten nicht sofort außer Acht lassen.
Entschlossen stand Kristen auf und lief, immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe zu ihren Schlafräumen hinauf. Binnen Minuten hatte sie eine kleine Reisetasche gepackt und sich warme Kleidung angezogen.
Hastig eilte die Brünette die Treppe hinunter und pfiff leise. Cara hob den Kopf und stemmte sich mühsam auf die Pfoten.
„Komm, Baby! Wir machen einen Ausflug."
Sie hoffte, dass ihr VW Beetle es schaffen würde sich durch den Schnee zu kämpfen. Doch sie konnte keinen Rückzieher machen. Ihr Ermittlerinstinkt schien aus dem Dornrößchen-Schlaf zu erwachen. In der Küche füllte sie eine Thermoskanne mit heißem Wasser und schluckte noch schnell zwei Magentabletten und nahm einen winzigen Schluck aus dem Fläschchen mit den Tropfen gegen Übelkeit. Packte alles in ihre Tasche und lief, mit ihrer Hündin im Schlepptau über den Mond beschienen Hof.
Kurz bevor sie die Scheune erreicht hatte, in der ihr Wagen im Winterschlaf ruhte, machte sie noch einmal kehrt und hastete hinüber zum Stall. Die Pferde blinzelten verwundert über die nächtliche Störung über die Boxenwände und schnaubten unruhig. Rasch verteilte Kristen für alle Tiere eine Ration Heu, dann stieg sie die schmale Treppe hinauf in das kleine Stallbüro und steckte ihren Schlüssel in das Schloss. Zielsicher strebte sie auf das große Regal zu und gab einen Zahlencode auf dem Tastenfeld eines kleinen Safes ein. Mit klopfendem Herzen nahm sie ihre ehemals so treue Gefährtin aus dem Fach und wog ihr Gewicht in der Hand. Ihre alte Dienstwaffe. Sie griff nach zwei daneben liegenden Magazinen und ließ alles in ihre Handtasche gleiten.

Nur wenige Momente später erklang das Motorengeräusch ihres Autos.




8. Kapitel


Tony saß in Gibbs Wohnzimmer und sah trüb aus dem Fenster. Der Anruf bei Gibbs Lebensgefährtin, hatte ihm nicht die gewünschte Erleichterung gebracht, eher hatte es genau das Gegenteil bewirkt. Ein ungutes Gefühl beschlich ihm. Gibbs auf den Bahamas? Das war wie Butter in der Sonne, das passte nicht. Kanada okay, aber die Bahamas? Aber die Indizien sprachen dafür. Warum sonst sollte Gibbs T-Shirt in Ziva Apartment gewesen sein? Warum lagen auf Gibbs Tisch die Flugunterlagen. Frustriert fuhr sich Tony über das Gesicht und schaute dann auf Uhr. Der Anruf lag jetzt schon sechs Stunden zurück. Es war mitten in der Nacht oder eigentlich schon fast wieder Morgen. Ducky lag in Gibbs Schlafzimmer im ersten Stock und Jimmy hatte es sich in einem Schlafsack, neben dem Kamin gemütlich gemacht. Die Couch hatten sie Tony überlassen, doch er war zu unruhig um sich hinzulegen, darum hatte er es vorgezogen sich uns Fenster zu setzen und in die Nacht zu starren.

Bahamas. Ducky hatte recht. Das passte einfach nicht und doch hatte das Flughafenpersonal den Abflug bestätigt. Doch was wäre wenn es gar nicht Gibbs und Ziva waren? Was wenn das alles nur ein Mega Fake war. Eine Falle? Aber warum? Das Team war schon kaputt. Das musst niemand mehr auseinander bringen. Tonys Rollstuhl fuhr vor und zurück, seine Füße takten dabei jedes mal gegen die Wand. Früher wäre er herum getigert und hätte sich mit Tim laut beratschlagt. Doch die Zeiten waren vorbei, jetzt war schon ein Gang zu Toilette ein fast unlösbares Hindernis. Wieder fuhr der Rollstuhl vor die Fensterwand. „Tock“

Mal angenommen, irgendjemand wollte sich an Gibbs rächen und Ziva war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber wenn das so war, wo waren sie dann? Und wer war für die beiden geflogen? Außerdem Jimmy hatte gesagt, Zivas Kleiderschrank wäre gänzlich leer gewesen. Aber warum sollte sie auf die Bahamas dicke Kleidung mitnehmen? Und er hatte selber gesagt, das soweit er es sagen konnte, keine persönlichen Dinge fehlten. Die angefangene Flasche Bourbon machte ihn auch stutzig. Gibbs trank sonst nur in seinem Keller, oder in seiner Freizeit aus seinem Flachmann. Warum sollte er also eine Flasche bei Ziva deponieren, wenn ihm doch hier ein ganzes Haus zur Verfügung stand?

So langsam kam der Ermittler in ihm wieder in Fahrt. Er konnte hier rätseln, so lange er wollte, aber es gab nur eine Möglichkeit der Sache auf den Grund zu gehen. Er musste wissen, wer am Flughafen eingecheckt hatte. Da er im Moment außer Dienst gesetzt war und Jimmy als Pathologe keinen Einfluß hatte, würde er die Anfrage offiziell laufen lassen müssen und wie lange so etwas dauern konnte, wusste er aus Erfahrung. Also blieb nur eine Möglichkeit. Jemand musste sich in das Überwachungssystems des Flughafen einhaken.

Schwungvoll drehte er den Rollstuhl und hätte beinah die Stehlampe umgeschmissen. Nur mit Mühe gelang es ihm diese aufzufangen und wieder hinzustellen, dann rollte er in Jimmy Ecke.
„Hey Palmer“, rief Tony leise und beugte sich soweit herunter, dass seine Hände Jimmys Schultern berührten. „Aufwachen.“ Noch immer war außer leisen Schnarchtönen keine Reaktion zu erkennen. „Hey Jimmy, Direktor Vance wartet auf deinen Bericht.“, sagte Tony und rollte ein Stückchen zurück, als Palmer auch schon hochschoß.
„Sir, ja, sofort“, kam es von dem jungen Pathologen, dann erst sah er in die Runde und erkannte den grinsenden DiNozzo, der neben ihm saß.
„Na schön, dass du deinen Spaß hast“, kam es verschlafen ihn ihm.
„Ja, danke“, erwiderte Tony. „Aber ich brauch dich jetzt. Kannst du mich zu McGee fahren?“
„Wie? Im Porsche? Der ist tief.“
„Nicht tiefer als mein Rollstuhl, oder? Und ich hab viel trainiert in letzter Zeit. Ich kann das.“
Skeptisch sah ihn der Mediziner an, doch dann nickte er. „Okay, sollen wir Dr. Mallard wecken?“
„Nein, wir lassen ihm eine Nachricht da. Vielleicht sind wir schneller mit Tim wieder hier, als er aufwacht.“
„Gut“, sagte Palmer und er krabbelte aus dem Schlafsack. „Gehen wir Porsche fahren.“ Das Leuchten in seinen Augen, entging Tony nicht.

Weder die wenigen Treppen vor dem Haus, noch das Einsteigen in den Sportwagen war dann so einfach geworden, wie es sich die beiden Männer vorgestellt hatten, aber sie hatten es geschafft und Tonys Rollstuhl hatte sogar in den Kofferraum gepasst. Jetzt nach einer ruhigen Fahrt durch noch fast leere Straßen, hatten sie Tims Bleibe erreicht und nach einigen Mühen und Fluchen, saß Tony auch wieder in seinem Stuhl.

„Hast du noch den Schlüssel? Oder sollen wir schellen?“, fragte der Braunhaarige.
Jimmy nickte. „Ich hab den Schlüssel mit.“ Während er sprach, steckte er den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür.
„Puhhh“, machte Tony, als er in die Wohnung rollte. „Mach mal ein Fenster auf. Das stinkt hier nach billigen Fusel und saurem Magen.“
Schnell standen sie an Timothy Bett. Dieser lag wie Jimmy ihn hatte fallen lassen, immer noch unverändert da. Tony machte das Deckenlicht an.
„Mach auch hier bitte ein Fenster weit auf.“
Palmer sah ihn verwundert an. „Draußen sind es minus 10 C. Er wird sich den Tod holen.“
Der Braunhaarige schüttelte den Kopf. „Quatsch, davor wird er wach.“

Es dauerte wirklich nicht lange, bis Tim sich regte. „Kalt“, knurrte er undeutlich.
„Bambino, ich brauche dich“, sagte Tony und beugte sich in seinem Rollstuhl vor.
„Was? Was willst du hier?“ Tim setzte sich im Bett auf und zog die Decke über sich. Etwas irritiert strich er über seine Augen. „Palmer, mach verflucht doch mal das Fenster zu.“
„Ich brauche deine Hilfe.“
„Meine Hilfe? Ich denke wir haben nichts mehr mit einander zu schaffen. Was machst du überhaupt hier? Solltest du nicht in der Reha sein?“ Immer wieder rieb er über sein Gesicht, um einen klaren Kopf zu bekommen. Der Alkohol hatte ihm zugesetzt. Er konnte sich gar nicht erinnern, wie er in sein Bett gekommen war. Verflucht, war da nicht Jimmy gewesen.
„Palmer? Hast du mich nach Hause gebracht?“, und als er diesen nicken sah, fiel ihm auch wieder etwas anderes ein. „Du hast mein Auto gefahren. Oh Gott. Hat er eine Beule?“, doch Jimmy schüttelte den Kopf. „Die Alus? Nicht die Alus? Weißt du eigentlich, wie teuer die waren?“, seine Stimme wurde immer weinerlicher.
„Halt die Luft an. Dein Heiligtum steht unten, „unverletzt“. Ist dein Kopf jetzt klar? Ich sagte: Ich brauche dich!“
„DiNozzo“, knurrte Tim und drohte immer noch Jimmy mit dem Finger. „Ich... wir haben uns nichts mehr zu sagen. Am besten haut ihr beide ab und lasst mich schlafen.“ Demonstrativ rutschte er wieder im Bett herunter und zog die Decke höher.
Tony platzte nun doch der Kragen. Eigentlich hatte er sich geschworen ruhig zu bleiben. Ruckartig zog er ihm die Bettdecke weg.
„Hey“, rief Tim und saß sofort wieder aufrecht im Bett. „Was soll das? Haut ab, das ist meine Wohnung.“
„Jetzt hörst du mir zu“, schrie Tony zurück. „Hilf mir dieses einmal Mal und ich schwöre dir, wenn das hier ausgestanden ist, dann verschwinde ich von hier und du wirst mich nie mehr sehen. Ist das ein Deal?“
Hasserfüllt sah der M.I.T Absolvent den invaliden Agent an. „Einmal?“, fragte er und sah seinen ehemaligen Freund nicken. „Okay, was muss ich machen?“

Eine halbe Stunde später saßen alle drei wieder im Porsche und waren mit Tims Laptop, auf dem Weg zurück zu Gibbs Haus. Jimmy fuhr wieder, da Tim seinem Alkoholspiegel noch nicht traute und da Tony den Platz vorne benötigte, blieb dem Wagenbesitzer nichts anderes übrig als sich auf einem der hinteren Einzelsitze zu setzen. Von dort hörten sie häufiges Gemurmel und Gestöhne, wenn Palmer eine Bodenwelle übersah, ansonsten hatte Tim noch kein Wort gesprochen, aber er war bereit Tony zu helfen.

***



Kristen kam nur langsam voran. Der New Beetle war nicht unbedingt das richtige Gefährt für eine 900 Meilen lange, verschneite Strecke. Vielleicht hätte sie doch besser zum Flughafen nach Newberry fahren sollen. Aber die Frage stellte sich ohnehin nicht mehr.
Die brünette Frau entdeckte den Wegweiser nach Saginaw und warf einen Blick auf ihre Uhr. Kristen zog die Augenbrauen hoch und betrachtete ihre Geschwindigkeitsanzeige. Sie war wohl doch schneller gefahren als beabsichtigt. Der Schnee auf der Interstate 75 war nur mäßig festgefahren und somit nicht sehr rutschig und da die Straße über viele Kilometer nur stur geradeaus führte, hatte sie kaum auf die Geschwindigkeit geachtet. Sie hatte die kleine Stadt nach nur mehr 5 Stunden Fahrt erreicht.
Von der Rücksitzbank erklang ein leises Winseln.
„Brauchst du eine Pause, Baby? Hier kommt gleich irgendwo eine Tankstelle mit einem kleinen Shop. Dort halten wir an“, sagte sie leise zu der jungen Hündin. Kristen hoffte inständig, dass die Aufregung bei Cara nicht die Geburt auslösen würde. Natürlich in erster Linie um des Hundes Willen, aber sie konnte sich auch den kritischen Blick auf die roten Ledersitze ihres Wagens nicht verkneifen.
Dieser Wagen hatte eine ganz besondere Bedeutung. Als Kristens Mum an Krebs erkrankt war, hatte die Brünette ihren Jahresurlaub genommen und war mit ihr „ausgerissen“. Da Kristen wußte, dass ihre Mum nichts lieber wollte als mit einem Cabrio durch den Norden der USA zu fahren und noch einmal die großen Seen zu erleben, hatten die beiden kurzerhand auf eine Kleinanzeige reagiert. Eine Frau mittleren Alters aus Buffallo verkaufte ihr Beetle Cabrio. Buffalo war ein idealer Ausgangspunkt für den Start ihrer Reise. Kristen und ihre Mum waren begeistert, als sie den Wagen zum ersten Mal gesehen hatten. Vor allem von der Blumenvase in der Mitte des Cockpits. Aber auch die außergewöhnliche Farbwahl hatten die Frauen hinreißend gefunden: cremefarben mit einem dunkelroten Verdeck. Sie hatten nicht nein sagen können, ihre Ersparnisse geplündert, diesen Wagen gekauft und waren ohne ein weiteres Wort aufgebrochen.
Sie waren am Lake Huron gewandert, hatten auf dem Lake Michigan an einem Segelturn teilgenommen und im Lake Superior gebadet, doch in dem kleinen Ort Newberry endete ihre Reise abrupt. Kristens Sohn Eric und ihr Vater folgten den Frauen und gemeinsam verbrachten sie einen letzten Spätsommer in dieser wildromantischen und wunderschönen Gegend.

Als einige hundert Meter vor ihr eine kleine Tankstelle auftauchte, drosselte Kristen allmählich das Tempo und sprach der Hündin, die deutlich unruhig geworden war gut zu.
Langsam rollte sie neben eine der Zapfsäulen und stieg aus. Behutsam half sie der ungelenken Hundedame aus dem Wagen, welche sich sofort in einiger Entfernung erleichterte und dann mit in den Schnee gesenkter Nase losstöberte. Kristen stieß einen leisen Pfiff aus und sprach leise, aber eindringliche mahnende Worte an das Tier. Der Jagdinstinkt der Foxhounds war dermaßen ausgeprägt, dass es sich nicht umgehen ließ die Hündin bei den ersten Anzeichen an ihre gute Kinderstube zu erinnern. In dieser Schneewüste würde sie das Tier Stunden suchen müssen…
In einem der hinteren Fenster des kleinen Geschäfts brannte Licht, doch schien der kleine Shop noch geschlossen. Kristen entschied sich dafür, sich und der Hündin ein wenig Bewegung zu verschaffen. Mit einem Handzeichen gab sie Cara eine Richtung vor, woraufhin diese schwanzwedelnd lostrottete.
Kristen Gedanken sprangen zurück zu dem Gespräch mit dem invaliden Agent. Tony DiNozzo war wütend und verletzt. Doch sie wußte von Jethro, dass der junge Mann an einer handfesten Depression zu knabbern hatte. Mittlerweile war sie sich beinahe sicher, dass nichts hinter der Behauptung, Gibbs und Ziva hätten eine Affäre, steckte. Nun ja, nichts schien es auch nicht zu sein. Immerhin waren weder die junge Frau noch Jethro zu erreichen und schienen wie vom Erdboden verschluckt.
Wie schon so viele Male zuvor, griff Kristen nach ihrem Handy und wählte Jethros Nummer. Der Rufton ertönte, doch es meldete sich niemand. Vielleicht war das alles ein blöder Zufall. Vielleicht… Für den Moment stockte der Frau der Atem. Möglicherweise hatte Jethro, auf dem Weg zu ihr, einen Unfall gehabt. Womöglich lag er verletzt in seinem Wagen, bei der Eiseskälte und…

Sie hatte die leichten Krämpfe schon die ganze Fahrt über gespürt, doch nun verstärkten sie sich abrupt. Kristen blieb stehen und presste sich eine Hand auf den Unterleib. Der alte Mediziner, der auf der anderen Seite ihres Sees in aller Abgeschiedenheit lebte, hatte ihr bereits vor Wochen geraten diese Beschwerden ernst zu nehmen und sich gründlich durchchecken zu lassen. Doch sie hatte es immer wieder vor sich hergeschoben. Sie hatte sich vorgemacht Jethro nicht beunruhigen zu wollen, wegen einer banalen Magenschleimhautreizung, aber… Sie machte es genauso wie ihre Mutter. Sie ignorierte die Vorzeichen, die ihr Körper aussandte und dann… wenn es erst zu spät wäre…
Das unangenehme Ziehen ließ nach und die brünette Frau folgte der Hündin erneut.
Vielleicht wollte Jethro aber auch gar nicht gefunden werden. Möglicherweise… Nicht nur DiNozzo hatte an dem zu knabbern, was vor zwei… beinahe drei Monaten auf dem Navy Yard geschehen war.
Vier Tage lang hatte sie Gibbs nicht erreicht und nur häppchenweise von der Katastrophe erfahren.
Nachdem die brünette Frau bei der Stallarbeit im Radio von der Schießerei im NCIS Hauptquartier erfahren hatte, hatte sie Jethro schnell erreicht. Er hatte ihr gesagt, dass er ok wäre und sie ohne viele Erklärungen abgewimmelt. Erst der völlig aufgelöste Anruf ihres Sohnes, hatte ihr das Wissen von Abby Sciutos Tod eingebracht. Am Tag nach dem Amoklauf hatte die Forensikerin des NCIS einen Vortrag an der Georgetown University halten sollen. Kristens Sohn Eric hatte sich einen der begehrten Plätze sichern können und dann dort erfahren, dass die junge Laborfledermaus am Tag zuvor ums Leben gekommen war. Geschockt hatte der junge Mann seine Mutter angerufen. Kristen, die wusste, wie eng das Verhältnis ihres Partners zu der jungen Wissenschaftlerin gewesen war, hatte sofort versucht Kontakt zu ihm aufzunehmen, doch der Silberfuchs schien wie vom Erdboden verschluckt. Nicht einmal der NCIS-Pathologe, ein guter Freund Jethros, hatte gewusst wo der Ermittler sich aufgehalten hatte. Erst zu Abbys beerdigung war Jethro wie aus dem Nichts aufgetaucht, nur um kurz nach der Zeremonie wieder zu verschwinden
Nach quälenden Tagen der Unwissenheit, hatte sie ihren Lebensgefährten dann, an einem bitterkalten Septembermorgen, in ihrem Stall gefunden. Ihr Rüde Fox hatte zu seinen Füßen gelegen, die Pferde hatten genüßlich ihre Morgenration Heu gekaut und der Grauhaarige hatte auf den Heuballen in der Mitte der Stallgasse gelegen und geschlafen. Unrasiert, verletzt und mit deutlicher Bourbon-Fahne.
Er war bereits zwei Tage zuvor mit dem Flugzeug in Newberry gelandet und hatte sich zu Fuß, trotz Schussverletzung, durch die Wälder zu ihr geschlagen. Der Silberfuchs hatte eine Nacht und einen Tag am anderen Ufer des Little Two Heartet Lakes kampiert, sich von Bourbon und Schokoriegeln ernährt, bevor er sich dazu durchringen konnte, zu ihr zu kommen.
Allmählich ging es ihm besser, doch der Verlust der jungen Frau, die wie eine Tochter für den ehemaligen Ermittler gewesen war, quälte ihn noch immer. Es wäre gut möglich, dass er einfach eine weitere Auszeit brauchte. Stille, Abgeschiedenheit, Bourbon und eine großzügige Portion Selbstgeißelung.
Doch die Sorge blieb und so griff Kristen schließlich zu ihrem Handy und wählte die Telefonnummer ihres Sohnes.


„Wehe, wenn es nicht wirklich wichtig ist!!“, ertönte die schlaftrunkene Stimme ihres Sohnes, was Kristen zum Lächeln brachte.
„Hey…“ begrüßte sie ihn und hatte plötzlich einen Kloß im Hals. „Geht es dir gut?“
„Mum? Scheiße… Natty… Finger weg. Ich.,.. Hey! Das ist meine Mutter, ok?!“
Kristen konnte sich ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen, als sie gedämpft den kleinen Monolog von Eric mitanhörte.
„Ich störe dich doch nicht etwa, mein Sohn?“ hakte sie mit unschuldiger Stimme nach.
„Nein… Natürlich nicht, Mum!“ entgegnete er mit einer gehörigen Portion Sarkasmus.
„Prima. Eric, ich brauche Deine Hilfe. Du kannst dich doch bestimmt in irgendwas reinhaken und herausfinden wo Jethros Handy ist, oder?“
Stille schlug ihr entgegen und dann ein halb mahnendes, halb fragendes: „Mum?“
In aller Kürze versuchte Kristen ihrem Sohn von den Geschehnissen der letzten Stunde in Kenntnis zu setzen, was in einem reichlich wirren Bericht endete, der viel eher nach verschmähter Geliebter, mit einem letzten Hoffnungsschimmer klang, als nach rational denkender Frau. Sie wusste nicht warum, aber plötzlich stiegen die Tränen in ihr auf und ihre Stimme zitterte merklich.
„Stopp! Mum! Das ist nicht dein Ernst! Das passiert hier nicht wirklich, oder?! Du rufst nicht bei mir an, an dem Morgen, an dem ich es endlich geschafft habe diese heiße, kleine Medizinstudentin rumzukriegen und heulst, weil dein Freund dich abgeschossen hat. Verdammte Scheiße, Mum! Ich will das nicht wissen!“ Erics Stimme klang viel eher belustigt, als verärgert und Kristen musste erneut schmunzeln, obwohl ihr noch immer die Tränen in den Augen brannten.
„Ich glaube ja gar nicht, dass er mich wegen Ziva verlässt, aber…“
„…aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und weil die kleine Ziva so ein heißes Teil ist und Gibbs auch nur ein Mann…“
„Eric! Hey! Also, was ist jetzt. Kannst du sein Handy orten? Ich will doch nur sicher gehen, dass er auf dem Weg nach Newberry keinen Unfall hatte und irgendwo…“
Nun war es an dem jungen Mann, seine Mutter zu unterbrechen.
„Ich bin ja schon dabei, Mum. Und hier in DC ist er nicht? Ich meine, wenn er Ziva bei einem Fall behilflich sein soll, dann wäre es doch im Rahmen der Möglichkeiten, dass sie irgendwo zusammen sitzen und die Unterlagen durchgehen und… Hat irgendwer nachgesehen ob die beiden im Keller von Gibbs Haus sitzen?“
Kristen rollte mit den Augen. „Na, davon gehe ich aus. Laut Tony scheinen Gibbs und Ziva wie vom Erdboden verschluckt. Irgendjemand scheint sich große Mühe gemacht zu haben, es aussehen zu lassen, als wären die beiden miteinander durchgebrannt.“
Eric schnaubte amüsiert. „So ein Unsinn! Mum, das glaubst du nicht wirklich, oder?! Hör zu, ich habe mich mit Gibbs getroffen als er hier war und vorher… eigentlich schon im Sommer, als ich das Praktikum bei Abby gemacht habe. Mum! Ich… Gott, er reißt mir die Eier ab… Er arbeitet wie ein Besessener an deinem Weihnachtsgeschenk für dich. Es… das ist kein Geschenk, das man irgendwem einfach so macht, ok?! Da verarscht Euch jemand.“
Die brünette Frau nickte stumm und lächelte dann. „Ihr habt euch getroffen?“
„Ja, wir waren sogar zusammen in seiner Stammkneipe im Hafen. Er ist echt ok.“ Eric schwieg einen Moment, dann sagte er leise: „Mum? Da ist irgendwas im Busch, oder?“
„Das befürchte ich auch. Hast du sein Handy?“ kam es leise von Kristen, die Cara zu sich rief und langsam durch den Schnee zurück zu der Tankstelle lief.
„Ja, das ist eine ziemlich leichte Übung. Es ist in seinem Haus. Denkst du… denkst du, dass ihm was passiert ist. Ihm und Ziva?“ Erics Stimme klang beklommen.
Die Brünette murmelte einen unartikulierten zustimmenden Laut.
„Ist meine Mörder-Mummy wieder da?“
Kristen lachte leise. Seitdem ihr Sohn ein kleiner Junge war, hatte er sie voller Stolz Mörder-Mummy genannt und damit die Kinder aus seiner Schulklasse so sehr verschreckt, dass niemand zu ihnen zum Spielen kommen wollte. „Ja, Kleiner. Mörder-Mommy versucht grad die Fährte aufzunehmen. Die Spürnase scheint langsam wieder zu funktionieren.“
„Dann wird doch alles wieder gut…“
Kristen konnte das ehrliche Lächeln ihres Jungen an dessen Stimme erkennen. „Ich bin irgendwann am Nachmittag in DC. Ich rufe dich wieder an, ok?!“
„Klar… Sag mal… Du fährst aber nicht mit deinem winzigen VW, im Schnee 900 Meilen, oder?!
Kristen lachte leise. „Keine Sorge, ich habe Cara dabei. Mir kann nichts passieren.“
„Mum…“ stöhnte der junge Mann resignierend. „Es beruhigt mich sehr, dass du eine trächtige Hündin, die kurz vor dem Werfen steht, mit zerrst. Dann kann ja nichts mehr schief gehen. Vermutlich lachen sich die Bösewichte, denen du auf der Spur bist, tot, wenn sie euch sehen!“
„Ich liebe dich auch, mein Schatz! So und nun kümmer dich um deine Nelly!“ verabschiedete sie sich von ihrem Jungen.
„Natty! Sie heißt Natty! Bis bald und fahr bloß vorsichtig mit dieser kleinen Blechbüchse!“



9. Kapitel



Tims Finger flogen über die Tastatur seines Laptops. Ab und an machte er mal eine Pause und biss von seinem Bagle ab, die Ducky zum Frühstück besorgt hatte. Leider hatte ihr Ausflug mehr Zeit in Anspruch genommen, als es beabsichtigt gewesen war. Zusammen hatten sie Tony mitsamt seinem Rollstuhl, die wenigen Stufen hoch zu Gibbs Haus getragen. Dann hatte der M.I.T. Absolvent Ducky kurz begrüßt und sich sofort an die Arbeit gemacht.

Tony saß ein paar Meter von McGee entfernt und sah ihm zu. Scheinbar hatte er einen Entschluss gefasst: je schneller er tippte, um so schneller würde er von hier wieder verschwinden können. Das Verschwinden von Ziva und Gibbs berührte ihn nur mäßig. Noch immer fühlte er sich taub und fern von diesen Dingen, die scheinbar alle anderen aus dem Gleichgewicht brachten.

„Du solltest endlich etwas essen“, sagte da plötzlich eine Stimme neben Tony und als er aufblickte, sah er den alten Mediziner mit einem Frühstücksteller neben sich stehen.
„Nein! Danke. Ich habe keinen Appetit.“
„Anthony, Junge. Du bist viel zu dünn.“
Tony lachte bitter auf. „Ducky, ICH muss diesen Körper nur mit der Kraft meiner beiden Arme fortbewegen. Glaub mir, ich bin nicht zu dünn.“ Als er den traurigen Blick des pensionierten Pathologen sah, tat es ihm leid so hart gesprochen zu haben. „Entschuldige, es tut mir leid. Du kannst ja nun wirklich nichts dafür.“
Ducky trat näher und legte Tony mitfühlend eine Hand auf den Arm. „Es muss dir nicht leid tun. Du hast viel zu verarbeiten. Weißt du während meiner aktiven Militärzeit, da hatte ich einmal einen Patienten der …..“
„Ich bin drin!“, erklang da auf einmal Tims Stimme.
„Gut“, sagte Tony. „Dann haben wir ja gleich Gewissheit.“
„Okay, dann wollen wir mal. Ich lade jetzt erst einmal die Passagierliste zu dem Flug herunter.“ Während er sprach arbeiteten seine Finger schnell und effizient. „So, hier haben wir es also schwarz auf weiß. Flug 5845, eingecheckt um 17:43 Uhr. Ziva David und Leroy Jethro Gibbs. Das heißt ich muss jetzt nur noch das passende Band finden, dann können wir sie auch sehen.“
Ein paar Minuten später, klopfte Tim auf den Tisch, da er fündig geworden war. „Und los gehts.“ Er schaltete den Film auf Schnelllauf bis die ungefähre Zeit erreicht war. Dann sahen sie in Realzeit zu.

Tony hielt die Spannung kaum noch aus. Sein Magen krampfte sich zusammen und sein Herz schlug wild. Unruhig fuhr er den Rollstuhl wieder vor und zurück.
„So, wir nähern uns“, kam es von Tim und auch Tony rollte nun näher. „17:38 Uhr nein, das sind sie nicht. 17:42 Uhr jetzt wird es spannend. DA“, sagte Tim und stockt sofort wieder. „Nein, oder doch? Das sind sie doch nicht oder?“, fragte er in die Runde.
„Nein“, kam es jetzt auch von Jimmy und Ducky. „Tim hat recht, das sind sie nicht.“
„Aber die Uhrzeit stimmt oder?“, fragte der invalide Agent noch einmal nach.
„Ja, aber das sind sie definitiv nicht.“
Nein, er hatte recht. Das waren weder Gibbs noch Ziva, noch sahen die beiden, die unter falschen Namen eincheckten hatten, den beiden auch nur entfernt ähnlich. Was ging da vor? Tony rieb sich über das Gesicht. Sie waren also nicht geflogen. Aber wenn sie nicht …. Vorsichtig sah er zu McGee. Tim fehlte ihm beim Denken.
„Lagerfeuer“, rief er aus und sah sich um. Jimmy bekam ein strahlen ins Gesicht und auch Ducky grinste, nur Tim verzog keine Miene, sprang aber auch nicht sofort auf, was Tony schon einmal als gutes Zeichen wertete. In nu hatten sie einen Kreis gebildet.
„Okay, nach unseren Beweisen sind Gibbs und Ziva auf die Bahamas geflogen“, sagte Tony und sah Ducky an.
„Was sie ja scheinbar nicht wirklich getan haben“, kam es von dem ehemaligen Pathologen.
„Ja, aber wenn sie nicht geflogen sind, wo sind sie dann?“, fragte Jimmy vorsichtig.
„Das ist die Frage die zu klären ist“, kam es wieder von Tony. „Gibbs Wagen ist nicht hier.“
„Er könnte doch im Flughafenparkhaus stehen“, sagte Jimmy.
Tony runzelte die Stirn, doch Tim antwortete darauf. „Mensch Palmer, wir haben doch gerade fest gestellt, dass sie gar nicht geflogen sind. Also warum sollte der Wagen am Flughafen stehen?“ Genervt rollte er mit den Augen.
„Oh“, machte Jimmy nur.
„Nein, ich denke eher, irgendetwas ist hier vorgefallen und jemand will das alles vertuschen.“ Auch in Tim war jetzt der Ermittler erwacht. „Ich denke, wir sollten nach Gibbs Pickup suchen.“

Ducky stand bereits ein paar Schritte abseits und sah den drei Männer beim Beratschlagen zu. Tonys Lagerfeuerrunden waren legendär und die drei schienen bestens damit klar zukommen. Noch immer überlegten sie gemeinsam ihre weitere Vorgehensweise. Sicherlich war das was Gibbs und Ziva passiert war schlimm, aber für das ehemalige Team, schien der gemeinsame Fall hilfreich und heilsam zu sein.

„Okay, dann werde ich mich jetzt in die Verkehrsüberwachung haken. Das kann allerdings etwas länger dauern. Denn ich habe hier ja nur meinen Laptop und keinen hochleistungsfähigen Rechner zur Verfügung“, kam es von McGee und er wollte sich schon wieder an die Arbeit machen, als Jimmy noch etwas einzuwenden hatte.
„Wir sollten uns für heute krank melden, sonst riskieren wir noch unsere Arbeitsplätze“, sagte er und griff bereits zum Handy.
„Danke“, sagte Tony zu Tim.
„Wofür? Ich tue das nicht für dich, sondern für den Boss. Abby hätte nicht gewollt, dass ihm etwas zustößt.“
„Gut, wenn es dir hilft, dann mache es für Gibbs“, spie Tony verärgert hervor.
„Was willst du, wir haben einen Deal, mehr nicht. Also las mich in Frieden und verkrieche dich wieder in deine Reha Maßnahme.“
Tony rollte nun wieder näher an Tim heran. „Meinst du, ich mach das gerne?“, fragte er ganz leise, woraufhin Tims Blick ihn verächtlich musterte
„Du lebst jedenfalls und liegst nicht in Arlington.“
„Meinst du es macht mir Spaß in so einem Körper zu stecken? Weißt du, wie es sich anfühlt morgens aufzuwachen und nichts zu fühlen. Du spürst deinen Fuß jucken, aber du spürst das kratzen nicht. WEIßT DU, WIE DAS IST?“ Den letzten Satz hatte Tony mit all seiner Wut heraus geschrien.
„Du lebst, verdammt!“ herrschte McGee zurück.
„Oh Gott, Tim, ich bin gerne breit mein Leben für sie zu geben. Das war ich immer. Ich liebe Abby. Sie war wie eine Schwester für mich. Weißt du, wie häufig ich schon Gott darum ersucht habe, mein Leben für Abbys zu nehmen. Die Zeit nur kurz zurück zu drehen und Trevors Kugel auf mich zu lenken.“ Während er sprach war er immer leiser geworden.
Jimmy und Ducky hatten sich zurück gezogen, um das lange überfällige Gespräch der Beiden nicht zu stören.
„Ich habe sie geliebt“, kam es von dem Jüngeren.
„Ich auch.“
„Ja, aber du hast noch Ziva und das Baby... Und ich? Ich habe niemanden mehr.“ Wutendbrand sprang er auf und lief aus dem Raum und ließ einen hilflos hinterher blickenden Tony zurück.
Der alte Mediziner trat näher und legte dem Braunhaarigen seine Hand auf die Schulter.
„Ducky, ich....“, sagte dieser und Verzweiflung schwang in seinem Tonfall mit.
„Ist schon gut, ich geh ihm nach und hol ihn zurück“, kam es von dem pensionierten Pathologen und mit einem aufmunterndem Lächeln verließ er den Raum.

***



Sich unsicher umschauend ging der Direktor des NCIS durch den dunklen, schmalen Flur eines heruntergekommenen Appartement-Hauses. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er die Ziffern auf den einzelnen Türen. Als er die Tür mit der 23 erreicht hatte, hob er eine Hand und klopfte energisch an.
Ein hünenhafter Mann in dunklem Anzug öffnete Vance die Tür und bat ihn mit einem Kopfnicken hinein. Bis auf einen klapprigen Holztisch und drei Stühlen war der kleine Raum leer.
Ein Mann stand am Fenster, dem Raum den Rücken zugewandt.
„Leon, wie schön, dass sie es einrichten konnten.“
„Mr. Secretary…“ begrüßte Leon Vance seinen gegenüber knapp und mit sichtlichem Unbehagen.
Der SecNav wandte sich nun seinem Besucher zu und warf ungehalten eine braune Mappe auf den kleinen Tisch, der zwischen ihnen stand. „Hatten Sie sich nicht darum kümmern wollen, Direktor?“
Der dunkelhäutige Mann griff nach den Unterlagen, schlug die erste Seite auf und ließ die Mappe auf den Tisch fallen, als hätte er sich die Finger daran verbrannt. „Die Unterlagen wurden samt und sonders vernichtet, Sir!“
„Mir scheint es, dass dieses Vorhaben nicht korrekt durchgeführt wurde!“ donnerte der Mann und hieb mit der Faust auf den Tisch. „Ihre Agentin… Ziva David, hatte diese Unterlagen bei sich und ist hellhörig geworden. Von wem hatte sie diese Informationen?“
Kopfschüttelnd betrachtete Vance die unscheinbare Akte. „Ich… Ich habe keine Erklärung, Mr. Secretary, Sir. Ich habe die Unterlagen eigenhändig unschädlich gemacht.“
Clayton Jarvis schnaubte unwirsch. „Sie wissen was es bedeutet, wenn diese Dinge in die falschen Hände geraten?“
„Ja, Sir“, murmelte Vance und schaute dem SecNav dabei fest in die Augen. Der Ausdruck in dessen Blick ließ Leon erschaudern.
„Vor Ihnen steht der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika! Ich dulde keine Verwaltungsfehler, die sich negativ auf meine Kandidatur auswirken könnten.“
Vance nickte nur knapp und trat einen Schritt zurück. „Ziva David, Sir. Soll… Soll ich sie zum Mossad zurück beordern, unter Eli Davids Aufsicht stellen?“
Der Minister schüttelte den Kopf. „Ich habe mich bereits darum gekümmert!“
Vance runzelte die Stirn. „Sie haben Ziva nach Tel Aviv bringen lassen?“
Jarvis lachte amüsiert auf. „Nein… nein, natürlich nicht. Wer garantiert mir denn dann, dass das Vögelchen nicht doch singt. Oder sich noch einmal so ein unangenehmer Zwischenfall ereignet, wie vor… zwei… drei Monaten.“
Leons Mund wurde unangenehm trocken. Er spürte wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. „Clayton…“ wisperte der Direktor des NCIS leise.
„Sie war eine Bedrohung! Sie und der ehemalige Special Agent Gibbs.“
Vance keuchte auf. „Was haben Sie mit den beiden gemacht, Minister?“
„Ein alter Freund kümmert sich um das Problem.“
Vance schluckte trocken. „Der gleiche alte Freund, der auch Special Agent Whitefalls einschüchtern sollte und dabei aus versehen dessen Frau und Kind ermordet hat?“
Der SecNav hob ergeben die Hände. „Leon, das war ein Unfall.“
„Ein Unfall, dessen Folgen noch heute sichtbar sind! Ich habe zwei ganze Teams verloren und meine Forensik-Expertin!“ brauste Vance auf und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Das ist Wahnsinn! Ich… ich kann ihr Spiel nicht länger decken… Ich…“
Die Miene des Ministers verfinsterte sich. Er starrte den Dunkelhäutigen eindringlich an und schnippte mit den Fingern. Der Mann, der Vance hineingelassen hatte trat an den Tisch heran und breitete einige Fotos darauf aus.
Übelkeit stieg in Leon Vance auf, als sein Blick auf Fotos von Jacky und seinen Kindern fiel. „Nein, Sir.“
„Dann wissen Sie was Sie zu tun haben, Leon. Wir wollen doch nicht, dass es zu einem weiteren bedauerlichen Unfall kommt!“ zischte der SecNav aus zusammen gepressten Kiefern.
Leon schloss für einen Moment die Augen. „Sie sollten wissen, dass das alte Team um Agent Gibbs bereits hellhörig geworden ist. Agent McGee und Dr. Palmer haben sich heute krankgemeldet. Und von der Reha-Einrichtung aus Alexandria habe ich heute Morgen eine Nachricht darüber bekommen, dass der ehemalige Special Agent Anthony DiNozzo verschwunden ist. Sie sollten Gibbs' Leute nicht unterschätzen, Mr. Secretary.“
Jarvis hob amüsiert die Augenbrauen. „Gibbs‘ Leute, Leon?“
Vance holte tief Luft und ballte die Hände zu Fäusten.
„Falls Ihre Autorität dazu ausreicht, Direktor, sollten Sie dafür sorgen, dass diese Agents und… „ Er schnaubte mit einem abfälligen Grinsen im Gesicht. „… Gerichtsmediziner, nicht zu tief graben und ihren eigentlichen Aufgaben nachkommen. Denken Sie an Ihr persönliches Glück, Leon. Nicht, dass es Ihnen abhandenkommt.“



10. Kapitel




Als Ziva allmählich wieder aufwachte, spürte sie die behagliche Wärme eines männlichen Körpers. War sie im ersten Moment noch etwas verwirrt, so kam nun die Wirklichkeit mit all ihrer Grausamkeit zurück. Es war also doch kein Traum. Sie waren wirklich entführt worden. Etwas unbeholfen drehte sie sich in Gibbs Armen um.
„Bist du wach?“, fragte sie und blickte in schmerzverzerrte eisblaue Augen.
„Mhm“, machte er nur.
„Dein Gesicht?“
„Mhm.“
Ziva warf einen Blick zum Luftrohr in der Decke. Draußen war es auf alle Fälle schon wieder hell. Auch die Temperatur hatte sich etwas erhöht, oder sie spürte immer noch Gibbs Wärme in sich.
„Komm ins Licht und lass mich mal sehen.“ Das einzige Licht, das in ihr unterirdisches Gefängnis schien, kam durch das Lüftungsloch in der Decke. Schnell hatte Ziva sich aus seinem Griff befreit und kroch ins Helle. Sie war nicht stolz auf ihre Mossadausbildung, aber die medizinische Ausbildung, die sie genossen hatte, hatte ihr schon ein paar mal aus der Patsche geholfen.
Mittlerweile war auch der Grauhaarige bei ihr angekommen. Jetzt wo Ziva ihn richtig sehen konnte, erschrak sie. Seine linke Gesichtshälfte war grün-blau- ila verfärbt und massiv geschwollen, was ihm sicherlich auch das Sprechen erschwerte. Seine Augen blickten trüb und erschöpft.
„Das könnte jetzt etwas weh tun“, kam es von der Brünetten, während sie sich schon seinem Gesicht zu wandte.
Nach eingehender Studie und ein paar Zischlauten seinerseits, war sie mit ihrer Untersuchung fertig.
„Ich befürchte beinahe, dass der Kiefer gebrochen ist und eine ordentliche Gehirnerschütterung hast du wohl auch. Damit ist nicht zu spaßen und du weißt, was da heißt: Du musst dich ruhig verhalten. Tut dir sonst noch was weh?“, fragte sie und sah ihn mitfühlend an.
Vorsichtig schüttelte Gibbs den Kopf. Wenn er sich nicht zu viel bewegte, dann hielten sich auch Schwindel und Übelkeit im Zaun. Er deutete auf ihren geschwollenen Bauch. „Auch...alles.,...Ordnung?“
Ihre Hand glitt sanft über die Rundung. „Dank dir in dieser eiskalten Nacht“, sagte sie und gab ihm einen vorsichtigen Kuss auf die unversehrte Gesichtshälfte.

„Hast du eine Ahnung, was der Kerl von uns will?“, fragte sie und biss hungrig in den Energieriegel.
Gibbs, der sein Frühstück in der Hand zerbröselte und sich die Krümel in den geschwollenen Mund schob und mit Wasser das Ganze zum auflösen brachte, schüttelte wieder den Kopf. Darüber machte er sich auch schon die ganze Zeit Gedanken. Ging es hier um ihn? Oder um die junge Frau an seiner Seite. Immerhin war er ganz spontan nach D.C. zurück gekehrt. Aber Ziva hatte um seine Hilfe gebeten. Sie wollte seine Meinung zu einem bestimmten Fall wissen, aber er erinnerte sich nicht, ob sie bereits dazugekommen waren, darüber zu sprechen. Überhaupt lagen seine letzten Stunden in DC im Dunkeln.
„Akte?“, fragte er stockend.
„Du meinst, die Akte, wegen der ich bei dir war?“
Wieder nickte er.
„Kannst du dich noch an den großangelegten Waffenschmuggel vor etwas über einem Jahr erinnern. Da wo wir zum Schluss einen Lieutenant der Navy Seals verhaften wollten, der sich dann aber selbst in die Luft gesprengt hat.“ Sie machte eine Pause und sah ihn auffordernd an.
Gibbs nahm noch einen Schluck aus der Wasserflasche. Und ob er sich an den Fall erinnern konnte. Alles war von Anfang an viel zu groß für Lieutenant Renaults gewesen und er war sich sicher, dass der arme Junge nur als Bauernopfer hatte herhalten müssen. Die wirklichen Drahtzieher waren seines Erachtens viel höher in der Militärhierarchie zu suchen. Leider hatte ihm Vance einen Riegel vorgeschoben und den Fall als erledigt eingestuft.
Vorsichtig, um seinen Kopf so ruhig wie möglich zuhalten, nickte er wieder.
„Die Akte zu dem Fall lag zwischen denen der anderen ungelösten Fälle. Ich bin dann noch mal alles durch gegangen und da kam dann der SecNev ins Spiel. Wahrscheinlich war ich ein wenig zu neugierig für unseren Oberboss. Ich habe...“ Weiter kam sie nicht, da Gibbs plötzlich die Hand hob und zur Tür deutete. Und richtig, jetzt konnte auch Ziva die Schritte hören. Schnell schluckte sie den Rest des Energieriegels hinunter, dann wurde auch schon der Riegel von Außen aufgeschoben und die Falltür öffnete sich knarrend.

***



Es hatte einiges an Überredungskunst gefordert, Tim zur weiteren Mitarbeit zu überreden. Doch Ducky hatte sein Versprechen gegenüber Tony gehalten und den M.I.T. Absolvent zurück ins Haus geholt, seitdem herrschte eisige Stille. Ducky und Jimmy hatten sich zum nahe gelegenen Supermarkt aufgemacht, um ein wenig für die nächsten Tagen einzukaufen. Tim hatte sich mit seinem Laptop wieder ins Wohnzimmer verzogen und man hörte von ihm nur ein monotones Tastaturgeklapper.

Tony saß wieder vor dem Fenster und starrte in den beginnenden Tag hinaus. Unbewusst fuhr er in seinem Rollstuhl leicht vor und zurück. Immer wenn seine Füße die Wand trafen gab es ein dumpfes „Tork“. So saß er da und hing seinen Gedanken nach. Fakt war, Gibbs und Ziva waren nicht auf den Bahamas, soviel stand fest. Und er fragte sich ernsthaft, wie er nur auf seine Verdächtigungen gekommen war. Aber seine momentane Situation und sein Temperament, machten bei ihm manchmal jede Art von logischen Überlegungen zunichte. „Tork“, machte es wieder, während er sich fragte, wo Ziva nur steckte und ob es ihr gut ging. „Tork“, oder ob sie überhaupt noch lebte „Tork“. Diese Ungewissheit macht ihm mürbe. „Tork“.
„Lass das.“ Die Anweisung kam von McGee aus dem Wohnzimmer.
Verwirrt hielt Tony den Rollstuhl auf. „Was?“, fragte er ihn zurück.
„Was immer du machst, lass es einfach sein.“
Immer noch war sich der Rollstuhlfahrer keiner Schuld bewusst. Was hatte er denn so schlimmes getan? Denken machte doch keinen Krach. „Ich weiß nicht, was du meinst“, antwortete er darauf und rollte vom Fenster weg ins Wohnzimmer.
„Lass mich, ich muss arbeiten. Sobald ich hier fertig bin, steht unser Deal.“ Die Worte schleuderte er dem invaliden Agent zu.
Und sie trafen ihr Ziel. Jedes einzelne Wort bohrte es sich wie in Pfeil in Tonys Herz. „Tim, was soll ich tun...“
„Du brauchst gar nichts zu tun. Ich komm hier schon solange klar und jetzt geh und lass mich arbeiten!“, antwortete er mit kalter Stimme und wandte sich wieder seinem Laptop zu.
Wut machte sich jetzt auch in Tony breit. Er war nicht länger bereit den Sündenbock zu spielen. „Nein!“, schrie er über den Tisch Tim an. „Ich werde nicht gehen. Wir werden uns jetzt aussprechen, ob du willst oder nicht. Ich habe die Schnauze voll, von euch allen als Sündenbock abgestempelt zu werden. JA, ich war nicht schnell genug, aber NEIN, ich habe sie nicht erschossen. Ich war es NICHT.“ Vor Wut bekam der Braunhaarige das zucken seiner Beine zuerst nicht mit. „Ich konnte sie nur nicht retten“, fügte er dann leise hinzu. Tony, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können, dieses Kribbeln im Körper, das Herz rasen. Alles waren bekannte Symptome eines erneuten Anfalls...
„Ach lass mich doch mit deinem Problemen in Ruhe“, rief Tim, sprang auf und lief an Tony vorbei.
Der Braunhaarige presste eine Hand auf sein bebendes Bein. „JA, lauf nur immer weg. Stell dich ja nicht DEINEN Problem“, schrie er ihm nach und dreht den Stuhl unbeholfen mit der freien Hand. Bitte nicht jetzt, flehte Tony stumm, aber er wusste, dass er schon verloren hatte. Die Schmerzen, die von dem krampfartigen Zuckungen hervor gerufen wurden, belehrten ihn eines besseren. Mittlerweile krampften beide Beine so stark, dass er sie nur noch mit Mühe auf den Fußrasten halten konnte. „Bitte nicht“, flüsterte Tony und atmete schmerzerfüllt aus. Er musste zu seinem Rücksack, da bewahrte er seinen Notfallspritzen auf. Als er seine Hände von den Beinen nahm, sprangen diese sofort aus den Fußrasten. Die Schmerzen waren kaum noch auszuhalten. Die Spasmen krochen langsam seine Wirbelsäule hoch. „Verflucht noch mal, nicht jetzt“, stöhnte Tony und versuchte den Rollstuhl zu bewegen. Seine Schultern verkrampften sich und seine Arme wurden nutzlos. Jetzt konnte er nur noch auf Tim hoffen. „TIM“, rief er. Wenn er noch etwas länger warten würde, blieb ihm keine Zeit mehr McGee einzuweisen. „TIM...bitte.“

McGee saß draußen auf der Treppe und haute Wolken in die kalte Morgenluft. Vor ein paar Stunden hatte er Ducky versprochen es noch einmal in einem ruhigen Gespräch mit Tony zu versuchen. Doch kaum gerieten die beiden aneinander, da konnte er sich einfach nicht mehr beherrschen. Denn immer wenn er Tony sah, in seinem Rollstuhl, mit dieser Leidensmine, dann schlug sein persönliches Teufelchen zu und Tim hatte sich nicht mehr im Griff.
Auch jetzt hörte er ihn leise von drinnen rufen, aber er hatte nicht vor seinem Flehen nach zugeben. Es würde nur wieder auf die nächste Konfrontation hinaus laufen. Er würde es nie laut zugeben, aber er vermisste er den Tony von früher, doch die Maske des Clowns hatte dieser schon lange abgelegt. Die Situation war verfahren. Als er von drinnen einen Krachen hörte, so als wenn etwas großes umgefallen wäre und Tonys Rufe plötzlich aufhörte, stand McGee doch auf und ging zurück in die Wohnung.



11. Kapitel



„Also wirklich Jimmy, so weit waren wir von Gibbs‘ Haus gar nicht entfernt. Wenn Sie uns nicht falsch geführt hätten, wären wir schon lange wieder daheim“, kam es von dem ehemaligen Pathologen seufzend und er stellte auf Gibbs‘ Vorplatz den Motor aus.
„Dr. Mallard, Sie fahren, ich sitze nur daneben und halte die Einkaufstüten fest“, antwortete der junge Mann und stieg grinsend aus. Es war erfrischend normal, was sich hier gerade abspielte und das einzige auf das man sich in diesen unruhigen Zeiten verlassen konnte.
„Na dann wollen wir mal hoffen das sich unsere beiden Streithähne nicht zerfleischt haben und sie......“ In dem Moment ging die Tür auf und ein aufgeregter Tim sprang ihnen entgegen.
„Ducky, komm schnell! Tony, ich weiß nicht was er hat“, sagte er und verschwand wieder ins Haus.
„Oh mein Gott Timothy“, entfuhr es dem alten Mediziner. „Du hast doch nicht etwa...?“ Doch er ließ den Satz unvollendet und sah Jimmy entsetzt an. Sie schnappten sich die Einkaufstüten und liefen ihm schnell nach.

Als die beiden Mediziner den Wohnraum betraten, kniete Tim schon wieder neben Tony auf dem Boden. Jimmy ließ seine Tüten fallen und näherte sich dem stark krampfenden DiNozzo.
„Was hat er denn nur?“, fragte Tim und Ducky stellte zufrieden fest, dass dieser Tonys Hand fest hielt.
„Was ist passiert?“, fragt der alte Mediziner.
„Ich weiß auch nicht. Wir haben uns gestritten, ich bin raus und als ich zurückkam, lag er hier auf dem Boden. Ducky. Er blutet aus dem Mund!“
„Wahrscheinlich hat er sich nur auf die Zunge gebissen. Lass mich mal sehen“, sagte er, zog seinen Mantel aus und ließ sich auch auf die Knie fallen.
„Hallo Anthony, kannst du mich hören?“, fragte Ducky.
Tonys Augen starrten ihn an. Seine Zähne klapperten ohne Takt aufeinander, seine Beine zuckten und vollführten ihren eigenen Tanz. Zu gerne hätte er sich bemerkbar gemacht, aber er konnte beim besten Willen seine Zähne nicht auseinander bringen.
„Jimmy, halten Sie seine Beine fest.“
Der junge Pathologe legte sich quer über Tonys zuckenden Unterkörper. „Das kann kein epileptischer Anfall sein, er hat keinen Schaum vor dem Mund und es verkrampft sich nur sein Unterkörper.“
„Gut erkannt, Mr. Palmer“, kam es von ihm und er fühlte Tonys Puls, der viel zu schnell schlug. „Hey Anthony, wenn du mich hören kannst, dann schließ die Augen.“ Beruhigt stellte er fest, dass dieser seinem Wunsch nachkam. „Ich denke er hat eine spastische Parese, infolge seiner Rückradverletzung. Anthony hattest du das schon öfter?“, fragte er nach und wieder schloss Tony seine Augen. „Dann hast du dafür auch Medikamente?“
„Ruck….sa…ck“, presste er kaum hörbar heraus.
Ducky nickte Tim zu. „Timothy, hohl bitte seinen Rucksack.“
Tim, der die ganze Zeit über Tonys Hand festgehalten hatte, sprang nun auf, lief in den Flur und holte das entsprechende Teil. Schnell hatte er die kleine Plastikbox gefunden und die darin befindlichen Einwegspritzen an den Mediziner weiter gereicht, dann nahm er wieder Tonys Hand in seine und drückte leicht zu.
„Ahhh, Botulinumtoxin. Das muss direkt in den Muskel gespritzt werden. Du musst mir jetzt noch einmal zuhören, Anthony. Wo soll ich das Medikament ansetzen?“
„Rü…ck…en.“ Seine Zähne schlugen immer noch aufeinander und machten es ihm fast unmöglich zu sprechen.
„Okay, ihr müsst mir helfen ihn umzudrehen. Auf drei, aber seid vorsichtig. Solange sein Körper in diesem Stadion ist, ist er extrem schmerzempfindlich. Eins, zwei, drei..“
„AArrgghh“, kam es von DiNozzo leise. Die Schmerzen in seinen Beinen und im Rücken waren kaum noch auszuhalten.
Ducky untersuchte derweil Tonys Rückenmuskulatur und fand den entsprechenden Nerv neben der alten Schussverletzung. Schnell war die Spritze gesetzt und fast augenblicklich ließen die Muskelverkrampfungen seiner Beine nach. Jetzt wo die extremen Schmerzen wichen, hatte Tony mühe seine Augen aufzuhalten. Mit dem Adrenalin, das nun wieder langsam seinen Körper verließ, floss auch das letzte bisschen Kraft dahin. Das ihn die drei Männer auf das Sofa legten, bekam er schon kaum noch mit.

„Was war das jetzt genau?“, fragte Tim und sah noch immer besorgt zu dem Mann, den er noch bis vor kurzen Freund genannt hatte, der nun fest schlafend auf der Wohnzimmercouch lag.
Ducky setzte sich neben den invaliden Agent und überprüfte dessen Puls, doch auch dieser hatte sich wieder beruhig und schlug kräftig und regelmäßig. „Ich kann jetzt nur spekulieren, aber ich vermute, dass aufgrund des Traumas der Wirbelsäule, es zu zeitweiligen Spasmen der Muskel-/ Nervenbahnen kommt. Das Botulinumtoxin, das er bei sich führte, spricht eigentlich dafür. Um es zu verdeutlichen: seine Nerven und Muskel ziehen sich unkontrolliert zusammen. Das führt zu großen Schmerzen und einer Bewegungsunfähigkeit. Ähnlich einem epileptischen Anfall.“
„Und das Botulin, beruhigt das ganze wieder?“, kam es von dem M.I.T. -Absolventen.
„So in etwa. Das Botulinumtoxin, oder auch Botox, wird in den betroffenen Muskel gespritzt und wirkt auf die dortigen Synapsen, in dem es die Freisetzung des Neurotransmitters Acetylcholin verhindert, das für die Krampfungen zuständig ist. Die Folge ist eine vollständige schlaffe Lähmung der Skelettmuskulatur.“
Tim sah wieder zu seinem Kollegen. Er hatte nicht gewusst dass es Tony so arg getroffen hatte. Plötzlich taten ihm seine Ausraster leid. „Ich dachte immer Botox sei ein Nervengift?“
„Ist es auch und es hilft auch kurzfristig gegen Falten“, kam es von Palmer, der gerade seine Einkäufe aufsammelte.
„Botox ist ein starkes Gift, aber in Maßen kann es auch Heilung bedeuten. Da es aber als Nebenwirkung zu Atemstillstand kommen kann, sollten wir unseren Anthony in den nächsten Stunden nicht aus den Augen lassen. Bei seiner Vorschädigung der Lungen, weiß man nie.“
„Okay“, sagte McGee. „Ich hol mein Notebook. Ich kann auch von hier aus arbeiten.“ Irgendwie hatte er das Gefühl, Tony jetzt nicht alleine lassen zu dürfen.
Duckys bestätigendes Lächeln spürte Tim in seinem Rücken.

***



Argwöhnisch betrachteten Gibbs und Ziva jede Bewegung des Mannes. Edward „Swiftcat“ Otaktay stieg in zu ihnen in das Bunkerloch hinunter. Gibbs und Ziva waren aufgestanden. Schützend stellte sich der Silberfuchs vor die schwangere Agentin. Von dem abrupten Aufstehen war der Schwindel in seinen Kopf zurückgekehrt und der Grauhaarige musste sich konzentrieren um ruhig stehen bleiben zu können.
„Guten Morgen! Wie ist euch die erste Nacht hier draußen bekommen? War es sehr kalt?“
Keiner der beiden Angesprochenen gab einen Laut vor sich. Swiftcat rollte mit den Augen und legte den Kopf schief.
„Komm her!“, sagte er in beinahe sanftem Tonfall zu Gibbs. Dieser gab nur einen bedrohlich grollenden Laut von sich und straffte die Schultern, ohne der Aufforderung nachzukommen.
Der dunkelhaarige Mann schien von einer Sekunde auf die Andere die Geduld zu verlieren.
Er überwand die wenigen Schritte zu seinem Gefangenen, packte Gibbs am Arm und versuchte ihn in den, durch die geöffnete Luke, einfallenden Lichtkegel zu zerren. Der Silberfuchs nutzte den Schwung und rammte, ohne über die Konsequenzen nach zu denken, Swiftcat die Schulter gegen die Brust. Dieser taumelte einen Moment lang, verstärkte dann seinen Griff an dem Grauhaarigen und schleuderte ihn gegen eine der Bunkerwände.
„Ich dulde kein Ungehorsam, Marine!“, knurrte Otaktay bedrohlich, während Jethro sich zusammen krümmte und mit seinem rebellierenden Magen rang. Sein Kopf schien zerbersten zu wollen und als Swiftcat seinen Griff lockerte, sackte Gibbs zusammen und fiel auf die Knie.
„Gibbs...“, wisperte Ziva, während sie spürte wie die Furcht in ihr Aufstieg. Sie wagte es nicht sich zu wehren, aus Angst um ihr ungeborenes Kind, und drängte sich unbewusst dichter an die Wand in ihrem Rücken.
Otaktay schnaubte belustigt. „Da bringt man die Crème de la Crème der Ermittler und Killer in seine Gewalt und hat am Ende dennoch nichts anderes als winselnde Angsthasen in seinem Bau. Nun ja, dennoch... auch wenn mir ein wenig die Lust an euch vergeht... Wir werden ein kleines Spiel spielen.“ Er zeigte auf Ziva. „Komm her, Mommy!“
Zögernd ging die dunkelhaarige Frau auf den Mann zu und blieb mit weichen Knien kurz vor ihm stehen.
„Gutes Mädchen!“, lobte Swiftcat sie mit einem wahnsinnigen Lächeln im Gesicht. Er hob einen Gegenstand in die Höhe, der aussah wie ein Hundehalsband, nur dass in dessen Innenseite ein kleiner schwarzer Kasten befestigt war, aus dem zwei stumpfe Metallstifte ragten. Ziva erschauderte leicht und schluckte trocken. „Weißt du was das ist? Es wird eigentlich zur Hundeerziehung eingesetzt. Es ist ein Teletakthalsband. Allerdings habe ich es ein wenig abgeändert. Im Normalfall sendet es nur einen winzigen Stromimpuls aus, verändert man aber eine winzige Kleinigkeit, so sendet dieser kleine Wunderkasten 30 Milliampere Wechselstrom aus. Kennt ihr die Wirkung? Hm? Unser Mossad-Mädchen weiß doch sicher was passiert, wenn der menschliche Körper einem solchen Stromimpuls ausgesetzt wird. Bei einer ersten, kurzen Berührung wird es wohl nur zu einem leichten Stolpern deines Herzens kommen... deinem und dem deines Ungeborenen. Bei längerer Einwirkzeit wird dir das Atmen schwerfallen oder gar unmöglich sein. Und vermutlich könnten wir damit auch Wehen auslösen.“ Lachend griff Otaktay nach Zivas Arm und zerrte sie direkt in den Lichtkegel. „Keine Sorge, ich habe nicht vor es einzusetzen, aber ich denke, dass es euch beide davon abhalten wird Dummheiten zu machen. Sobald einer von euch sich nicht an die Spielregeln hält, werde ich...“ Er hielt eine kleine Fernbedienung hoch. „... dieses Knöpfchen betätigen und ich bin schon unheimlich gespannt darauf zu sehen was passiert. Ich könnte mich aber auch zurückhalten. Es liegt bei euch.“
Mit groben Griffen befestigte der Mann das Teletaktband um Zivas Hals. Gibbs kämpfte sich auf die Knie, doch die ungelenken Bewegungen verstärkten nur die Übelkeit und er verlor den Kampf gegen seinen sich aufbäumenden Magen.
Swiftcat betrachtete den Mann stirnrunzelnd. „Hm... Es wird vermutlich interessanter als angenommen. Allerdings... du warst ungehorsam und ein Ungehorsam dulde ich nicht!“
Mit erhobenem Jagdmesser ging Otaktay auf Gibbs zu. Ziva konnte sich einen leisen Aufschrei nicht verkneifen. Doch anstatt den Silberfuchs damit zu verletzten, durchtrennte der Dunkelhaarige nur die Fessel an Gibbs‘ Handgelenken.
„Zieh deinen Pullover aus!“
Der kalte Wind wehte schneidend durch die geöffnete Luke. Der Grauhaarige war bereits jetzt so durch gefroren, dass er Hände und Füße kaum mehr spürte. Jede Berührung seiner Arme und Beine, durch die dünne Schicht seiner Kleidung, schien wie tausende Nadelstiche. Das weiße T-Shirt würde die Kälte kaum abhalten. Aber vermutlich war erfrieren der gnädigere Tod. Durch die Hand dieses Irren wollte er auf keinen Fall sein Leben lassen.
Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen, als der enge Halsbund des Kleidungsstückes an seinem verletzten Kiefer entlang fuhr. Mit einem leisen Stöhnen befreite er sich von seinem Kapuzenpullover und reichte ihn seinem Peiniger.
„Du lernst anscheinend schnell. Gut so!“ Er reichte Ziva den Pullover. „Da wir leider eure Jacken vergessen haben und die Temperaturen bereits auf -5 Grad gesunken sind, solltest du den Pullover besser anziehen.“
Verzweifelt suchte die Israeli den Blick des Silberfuchses. Gibbs nickte ihr zu, während er sich zwingen musste die Augen nicht einfach zu schließen und sich auf dem kalten Boden zusammenzurollen. Doch statt dem nachzugeben, stemmte der Grauhaarige sich auf die Füße und blieb schwankend stehen.
„Wir werden dich eine Weile allein lassen. Versuch ein paar Kräfte zu mobilisieren!“ Nachdenklich warf Swiftcat dem ehemaligen Ermittler einen prüfenden Blick zu. „Eigentlich solltest du das erst später bekommen, aber... Hier!“ Der dunkelhaarige Irre zog etwas aus einem kleinen Beutel und warf es Gibbs entgegen. „Das ist eine 1000 Kalorien-Ration. Du kannst essen soviel zu willst, aber... Wenn ihr unser kleines Spiel gewinnt, dann muss es für euch beide reichen.“
Gibbs schenkte dem kleinen Päckchen Betonkekse keinerlei Beachtung. Er verschränkte die Arme vor der Brust und begann schwankend auf und ab zu gehen, während Otaktay mit Ziva das Erdloch verließ.




12. Kapitel



Es dauerte etwa eine Stunde, bis Tony wieder zu sich kam. Beim ersten Anzeichen von Bewegung, klappte Tim das Notebook zu und stand vom Sessel auf, auf dem er die ganze Zeit über gesessen hatte. Da der Streit scheinbar der Auslöser für DiNozzos Anfall gewesen war, wollte er sich erst einmal aus dessen Blickrichtung bringen.
„Er kommt wieder zu sich, Ducky“, informierte er den Mediziner und setzte sich nun wieder an den Esstisch.
Ducky übernahm zeitgleich Tims Platz auf dem Sessel.
„Mein lieber Junge, da hast du uns aber einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Wie geht es dir jetzt?“
Tony schenkte ihm ein freudloses Lächeln. „Abgesehen von den Muskelschmerzen oberhalb der Taille, schätze ich ganz gut. Ich hatte angenommen, dass die Anfälle vorbei wären. Der Letzte liegt schon über zwei Wochen zurück.“
„Wie häufig hattest du sie davor?“, fragte Ducky nach und zog nachdenklich die Stirn kraus.
„In den ersten Wochen? Täglich. Manchmal auch mehrmals am Tag. Jetzt nur noch sporadisch, bei Anspannung, Stress oder Schmerz.“
„Du weißt das das eigentlich ein gutes Zeichen ist, oder? Wenn deine Nerven Schmerz transportieren können, dann….“
„Erspar mir deine Erklärungen“, unterbrach Tony ihn barsch. „Ich kenne das nur zur Genüge.“ Dann fuhr er mit verstellter Stimme fort: „Alles wird wieder gut, Mr. DiNozzo. Ihre Nervenbahnen arbeiten, das Rückenmark ist nur gequetscht. Sie brauchen Geduld, Mr. DiNozzo“, teilte er ihm wütend mit, aber als er spürte dass seine Augen ihn verrieten, drehte er das Gesicht zur Rückenlehne. Nur ungern ließ er Dritte an seinen Gefühlen teilhaben. Die Angst vielleicht nie wieder laufen zu können, war allgegenwärtig.
„Es tut dir nicht gut, wenn du so negativ denkst, Anthony.“
„Ich weiß Ducky, ich weiß“, kam es leise von Tony und als er Anstalten machte sich aufzusetzen, drückte ihn der Arzt wieder in die Kissen.
„Als dein behandelnder Arzt, rate ich dir noch etwas liegen zu bleiben. Mit dem Botulinumtoxin und seinen Nebenwirkungen ist nicht zu spaßen. Ich werde nachher noch bei einer Apotheke vorbei fahren und das Medikament bestellen. Ich möchte dem nächsten Anfall nicht unvorbereitet gegenüberstehen.“ Ducky drückte Tonys Schulter mitfühlend. „Versuch noch etwas zu schlafen“, sagte er und stand vom Sessel auf.


***





Vorsichtig steuerte die ehemalige Ermittlerin ihren Beetle durch die verschneiten Straßen von Alexandria. Es war bitterkalt, die Temperaturanzeige war auf -8 Grad gesunken. Kristens Eingeweide hatten sich mehr und mehr verknotet. Mit jeder Stunde, in der sie nichts von Jethro gehört hatte, wurde das ungute Gefühl in der Magengegend unangenehmer.
Die seit Wochen gegenwärtige Übelkeit hatte sie auch jetzt fest im Griff. Was möglicherweise auch daran lag, dass sie bis auf zwei Schokoriegel und eine Handvoll widerlich fettige Pommes, nichts gegessen hatte.

Mit Erleichterung hatte sie festgestellt, wie wunderbar ihr soziales Netzwerk in der kleinen Stadt Newberry verwoben war. Mit nur einem Anruf hatte sie die Grundversorgung ihrer Pferde für die kommenden Tage gesichert und mit einem weiteren einige Mädchen aus der Nachbarschaft glücklich gemacht, weil diese nun freie Verfügung über die Reitpferde hatten. Jedenfalls solange bis Kristen wieder Zuhause war.

Mit klopfendem Herzen bog die Brünette in die East Laurel Street ein. Verwundert stellte sie fest, dass vor dem Haus ihres Partners ein kleiner Fuhrpark Luxuskarossen stand. Stirnrunzelnd betrachtete sie im Näherkommen den Porsche Panamera und den alten Morgan. Doch sie kam nicht dazu sich wirklich darüber zu wundern, denn kaum hatte sie mit ihrem Wagen hinter den Panamera gehalten, riss sie das Läuten ihres Telefons aus den Gedanken.
Hastig griff sie danach und meldete sich in der Hoffnung Jethros Stimme zu hören. Doch sie wurde enttäuscht.
"Detective Clark. Potomac PD. Kristen Brown? Ist auf Ihren Namen ein anthrazitfarbener Dodge Ram 2500 Laramie zugelassen?"
Kristen schluckte schwer. Nachdem Jethros alter Wagen einige Male nicht anspringen wollte, hatte er ihn in einer ihrer Scheunen auseinander genommen und war nun mit ihrem Wagen unterwegs gewesen. Das Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht stimmte, verstärkte sich augenblicklich.
"Ja...", erwiderte sie mit bebender Stimme.
"Ma'am, würden Sie mir bitte das Kennzeichen nennen, auf welches der Wagen zugelassen ist?" Mit zitternder Stimme kam Kristen der Aufforderung nach.
"Können Sie mir sagen, wer mit Ihrem Wagen unterwegs gewesen ist, Ma'am?"
"Mein Lebensgefährte... Leroy Jethro Gibbs. Detective... ich... Was ist passiert?" Sie hatte den Kopf an die Nackenstütze gelehnt und hielt die Augen fest geschlossen.
"Wir haben den Wagen im Potomac River, etwa auf Höhe von Carderock gefunden. Er wurde geborgen. Vom Fahrer fehlt jede Spur. Wissen Sie ob eventuell weitere Personen in dem Dodge mitgefahren sind?"
Kristen keuchte auf vor Entsetzen. Ihr Blick flog hinüber zum Haus ihres Partners. In diesem Moment wurde das Licht im Wohnzimmer des Hauses angeschaltet. Hastig stieß die brünette Frau die Autotür auf und rannte den kurzen Weg hinüber zur Haustür. Wie gewohnt war diese nicht verschlossen. Mit klopfendem Herz stürmte sie in das Wohnzimmer.
"Jethro?!"
Sie ließ ihren Blick über die kleine Versammlung in dem kargen Raum schweifen. Tony lag auf dem verloren im Raum stehenden Sofa, und richtete sich verwundert ein wenig auf. Timothy McGee stierte am Esstisch auf den Bildschirm seines Notebooks, während die beiden Mediziner Mallard und Palmer ihr erstaunt aus der Küche ihres Partners entgegen blickten.
Als Kristen fragend in die Runde blickte, erntete sie allgemeines Kopfschütteln. Sie ließ sich gegen den Türrahmen sinken und hob erneut ihr Handy an das Ohr. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, dass Cara ihr gefolgt war und sie nun forschend anschaute. Der Detective rief ungeduldig etwas ins Telefon und endlich schaffte es Kristen ihm zu antworten. "Möglicherweise... Ziva David. Vielleicht hat sie mit ihm im Wagen gesessen..." Die Stimme der brünetten Frau war kaum mehr als ein Flüstern. Sie hörte kaum, was der Polizist noch zu ihr sagte. Schließlich nahm sie das Telefon vom Ohr und schloss einen Moment lang die Augen. Die besorgten, fragenden Blicke der Männer missachtend, wandte sie sich um, schloss die Haustür und ging, mit Cara an ihrer Seite, zur Terrassentür und ließ die Hündin hinaus in den Garten.
Als sie sich umwandte, verschwamm der Raum vor ihrem Blick. Der Schwindel setzte so plötzlich ein, dass sie sicher gestürzt wäre, wenn da nicht die stützenden Hände von Jimmy Palmer und Dr. Mallard gewesen wären. Behutsam führten die Männer sie hinüber zu einem der Stühle am Esstisch.
Kristen verbarg für einen Moment das Gesicht in ihren Händen, dann sagte sie leise: "Man hat den Pickup aus dem Potomac geborgen... Keine Spur von Jethro und Ziva..."


***





Allmählich verschwand das Sonnenlicht, das ohnehin nur spärlich den Bereich unterhalb der Baumwipfel erhellt hatte. Stöhnend und mit vor Anstrengung keuchendem Atem, stolperte Gibbs durch den Wald. Immer wieder musste er stehen bleiben, versuchen den Schwindel unter Kontrolle zu bringen. Er fror so erbärmlich, dass er seinen Körper schon seit einer Weile... Stunden... Minuten... nicht mehr recht spürte. Aber dennoch schaffte er es der Spur, die dieser Wahnsinnige gelegt hatte zu folgen. Stellenweise war es schwierig: dort wo der Schnee, den vom dichten Netz aus Zweigen und Tannennadeln bestehenden, Boden kaum bedeckte, war der ehemalige Marine darauf angewiesen, Swiftcats Weg anhand von abgeknickten jungen Baumtrieben zu erkennen. Allerdings sah er nicht klar. Vor seinen Augen verschwamm die Umgebung oder er sah alles doppelt. Dennoch durfte Gibbs nicht aufgeben. Er musste Ziva erreichen und das nicht nur, weil er die Tagesration Energieriegel bei sich trug.
Schon jetzt konnte er die Stimmen der Waldbewohner hören: Leises Jaulen und Knurren von Kojoten, die sich ganz in seiner Nähe herumdrückten. Auch waren vereinzelt wieder Pumas und Wölfe gesichtet wurden. Zu dieser Jahreszeit waren die Tiere froh über leichte Beute.
Ein Fluchtversuch wäre zwecklos. Otaktay beobachtete ihn, das spürte der Ermittler und die Fernbedienung des Elektroschockgerätes hatte eine Reichweite von 3 Meilen, sollte die Aussage des Mannes stimmen. Gibbs würde nichts tun, was Ziva und das Baby gefährden würde. Lieber würde er selbst drauf gehen.
Swiftcat schien wenig Vertrauen in Gibbs‘ Kenntnisse im Fährtenlesen zu haben. Es war beinahe beleidigend einfach den Weg zu finden und auch die Male, in denen der Mann versucht hatte eine falsche Spur zu legen, hatte Jethro den Schwindel schnell bemerkt.
Am Schlimmsten war die Kälte, die der Silberfuchs in jeder Faser seines Körpers spürte. Und die Erschöpfung. Er war so unfassbar müde, dass er auf der Stelle zu Boden sinken könnte. Nur einen Moment die Augen schließen und... Tatsächlich waren seine Lider sekundenlang zugefallen, dabei war der Silberfuchs über eine Wurzel gestolpert und auf die Knie gefallen. Leise Verzweiflung stieg in Gibbs auf und er spürte wie die Tränen in seinen Augen brannten. Ein humorloses Lachen stieg in dem Grauhaarigen auf und er hörte deutlich die Stimme eines Gunnys, dessen Namen er längst vergessen hatte. „... und wenn Sie erst einmal anfangen unter Tränen in einen wahren Lachanfall zu driften, sollten Sie schleunigst sehen, dass Sie damit anfangen sich aufzuwärmen, meine Damen! Das nennt man Kälteidiotie und die kommt in der Regel kurz vor der Bewusstlosigkeit. Sollten Sie also irgendwo in der Wildnis sitzen und vor Kälte und Müdigkeit beginnen durchzudrehen, kriegen Sie Ihre verdammten Ärsche hoch!! Beginnen Sie damit sich zu bewegen und ein warmes Plätzchen zu finden. Ansonsten wird der Nächste, der Ihnen über den Weg läuft, ihre Hundemarke an Ihrem großen Zeh befestigen... Sofern Ihnen dieser nicht abgefroren ist!!“

Mit einigen Kraftanstrengungen schaffte Gibbs es sich wieder auf die Füße zu stemmen und weiter zu laufen. Wieder verschwamm die Umgebung vor seinem Blick, während er krampfhaft versuchte die Spuren im Schnee wieder zu finden.
Als er leise eine Stimme hörte, die verzweifelt seinen Namen rief, glaubte der Silberfuchs schon, dass er nun vollends in der Phase der Kälteidiotie angekommen sei. Bis er begriff, dass es Ziva war, die nach ihm rief. Irritiert drehte der Grauhaarige sich um die eigene Achse, doch die Bäume verdoppelten sich vor seinem Blick.
„Geh in Richtung Sonne, Gibbs! Ich bin hier!“
Stolpernd seine letzten Kraftreserven mobilisierend, wankte Gibbs der Stimme entgegen. Er hatte es geschafft. Er war am Ziel.

Erleichterung machte sich in Ziva breit, als sie ihren väterlichen Freund in einiger Entfernung entdeckte. Die dunkelhaarige Frau, war mit schweren Ketten an einen Baumstamm gefesselt worden. Sie hatte einen knappen Spielraum und war in der Lage gewesen sich einige Meter zu bewegen. Der wahnsinnige Möchtegern-Indianer hatte unweit von ihr, aber für sie unerreichbar, die Schlüssel für das Schloss der Kette vergraben und in entgegengesetzter Richtung eine große Reisetasche mit überlebenswichtigen Dingen für die aufziehende Nacht deponiert. Zudem hatte er der werdenden Mutter eine Wolldecke und eine dieser silber-goldenen Rettungsdecken überlassen. Anscheinend hatte er nicht vor sie direkt umzubringen. Allerdings schien er mit Freuden Gibbs‘ Grenzen ausreizen zu wollen.
Mit Sorge beobachtete Ziva den grauhaarigen Mann, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Eindringlich rief sie ihm aufmunternde Worte zu. Als Gibbs vor ihr stand, zitternd wie Espenlaub und mit bläulichen Verfärbungen in Gesicht und an den nackten Armen, hüllte sie ihn eilig in die Rettungsdecke und die, durch ihren Körper gewärmte, Wolldecke. Der Silberfuchs sank mit keuchendem Atem auf die Knie.
„Bitte... Gibbs! Du kannst dich gleich ausruhen. Nur noch den Schlüssel. Bitte. Schau mich an. Gut, so ist es gut.“ Sie hatte die Hände an seine eiskalten Wangen gelegt und zwang ihn aufzuschauen. „Swiftcat hat den Schlüssel für die Ketten vergraben. Nicht tief nur unter Schnee und Laub. Schau... Dort vorn. Ich komme nicht ran. Du musst ihn holen. Ich weiß, dass du das schaffst, Gibbs.“
Auf allen Vieren kroch der ehemalige Agent los, doch er konnte kaum etwas von seiner Umgebung erkennen. Er hörte Zivas leises Schluchzen und zwang sich konzentriert vorzugehen. Schließlich, wie durch ein Wunder, hielt er den kleinen silbernen Schlüssel in den halb erfrorenen Händen und brachte ihn zu der gefesselten Frau.
In aller Hast und mit steifgefrorenen Fingern, öffnete Ziva das Schloss und stürzte fluchend los. „Gleich zurück... Scheiße, muss ich pinkeln!“



13. Kapitel



Tony ließ sich zurück auf die Couch sinken und verbarg das Gesicht in seinen Händen. Palmer setzte sich auf einen der Stühle, ohne den Blick von Kristen abzuwenden, während Tim energisch den Kopf schüttelte und seine Finger nur so über die Tastatur des kleinen Computers flogen. „Nein!“, murmelte der MIT-Absolvent leise und eindringlich. Er schien fieberhaft etwas Bestimmtes zu suchen.
Ducky drückte kurz Kristens Schulter und wandte sich dann ab. „Eine Tasse Tee wird uns allen gut tun“, wisperte der alte Mann leise.
Betretenes Schweigen füllte den Raum. Fröstelnd stand Kristen auf und folgte Ducky in die Küche. Das leise Kratzen an der Terrassentür signalisierte der ehemaligen Ermittlerin, dass ihre Hündin zurück in das warme Haus wollte. Neugierig und aufgeregt senkte die behäbige Hundedame die Nase und kundschaftete ihre Umgebung aus. Vor dem Sofa blieb sie stehen und stupste DiNozzo mit ihrer feuchten Nase an. Dieser grollte nur leise, während Jimmy näher gekommen war und sich in einiger Entfernung zu Cara hinhockte. „Die ist ziemlich fett, oder?“, flüsterte der Mediziner mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Sie bekommt Welpen, Dr. Superschlau“, meckerte Tony ohne Palmer oder den Hund anzusehen.
„Achso…“
„Gibbs hat den Rüden aus dem Zwinger gelassen als die hier rollig war oder so ähnlich…“
„Heiß!“, warf Tim ein, ohne den Blick von dem Computerbildschirm zu nehmen.
Tony schüttelte den Kopf. „Du sollst dir keine nackten Muschis angucken, McGoogle!“, motzte der versehrte Agent genervt.
„Im Fachjargon heißt es, dass eine Hündin „heiß“ wird, wenn sie paarungsbereit ist, Tony!“, erklärte der jüngere Agent, ohne auf den gehässigen Tonfall des anderen einzugehen.
„Gut, das heiße kleine Luder hat sich von dem Rüden poppen lassen und nun… wird Gibbs Opa… Jedenfalls führt er sich so auf. Allerdings muss er vermutlich auch die Alimente zahlen, weil er den Daddy der Hundebabys ein paar Tage danach erschossen hat!“
Palmer und McGee tauschten ungläubige Blicke. Tim fasste sich leicht an den Kopf und murmelte etwas das nach „Nervengift“ klang.
„Agent Gibbs hat den Rüden erschossen, weil der die Hündin geschwängert hat?“, hakte Jimmy Palmer noch einmal nach.
„Nein!“ kam es von Kristen, die mit einigen Pappbechern in der Hand zurück in den Wohn-Essbereich kam. Die Küchenschränke waren leer geräumt, sodass Ducky und Palmer Pappgeschirr gekauft hatten.
Die brünette Frau war blass und noch immer zitterten ihre Hände merklich. Jimmy war aufgesprungen und nahm der Frau die Tassen ab.
„Ein ehemaliger Mitarbeiter konnte sich mit seiner Kündigung nicht abfinden und hat ein Tellereisen aufgestellt. Fox ist rein getreten und hat sich dabei die große Oberschenkelarterie durchtrennt. Er hatte Schmerzen und wäre elendig verblutet. Außerdem hat nicht Jethro ihn erschossen, sondern ich!“
Auch wenn diese Männer Jethro sehr nahe standen, so würde sie ihnen die bitteren Details ersparen. Es war nur wenige Tage nach Abbys Tod passiert. Gibbs hatte grad seine vierte unruhige Nacht bei Kristen verbracht und hatte allein sein wollen. Die ersten einzelnen Schneeflocken waren durch den Morgenhimmel geschwebt und alles war wunderbar still gewesen. Solange, bis ein herzzerreißendes Jaulen die Morgenstimmung zerrissen hatte. Jethro hatte Fox als erster erreicht und als Kristen die beiden gefunden hatte, saß der Grauhaarige neben dem Tier, am kalten Boden. Nicht in der Lage rational zu handeln. Fox Augen starrten, wahnsinnig vor Furcht und Schmerzen von einem zum anderen, doch wenn sie versuchten ihm zu nahe zu kommen, biss er um sich. Die starken Muskeln seines Hinterlaufs waren zerfetzt, die Sehnen durchtrennt und sein Maul blutig von den Versuchen, das kalte Metall des Fangeisens einfach durchzubeißen.
„Gott… Kristen, tu was…“, hatte Gibbs sie beinahe angefleht. Die brünette Frau war auf einer Farm in Texas aufgewachsen und wusste im Grunde genau was zu tun war. Das Tier war nicht zu retten, also musste man es erlösen. Sie war in das Büro über dem Stall gelaufen und hatte eine großkalibrige Waffe geholt und ihren Hund von Schmerzen und Furcht befreit.
Doch sie schob die Gedanken an Fox‘ Tod von sich und nickte Ducky dankbar zu, als dieser ihr von dem heißen Schwarztee einschenkte. „Haben Sie irgendeinen Hinweis darauf, was hier geschehen sein könnte? Ich habe meinen Sohn gebeten Jethros Handy zu orten. Es muss hier im Haus, oder in unmittelbarer Nähe davon sein. Um was für einen Fall ging es? Ist einer von Ihnen eingeweiht.“
Das ehemalige Team wechselte irritierte Blicke. „Ist das jetzt noch wichtig, Chief Brown?“, murrte Tony und schluckte schwer. „Scheinbar hat Gibbs sich und Ziva im Potomac versenkt. Zumindest deute ich das aus dem Anruf der Polizei. Sie nicht?!“
Kristen funkelte den invaliden Mann ungehalten an und zischte leise: „Und dennoch… oder gerade deshalb will ich wissen wie es soweit kommen konnte! Wollen Sie das etwa einfach so hinnehmen, Tony? Wollen Sie einfach hinnehmen, dass ihr Ungeborenes und die Frau, die Sie aus irgendeinem Grund liebt, tot sind? Ich glaube das erst, wenn ich sie sehe!“
Bevor Tony etwas erwidern konnte, schritt Ducky ein. „Ruhig Blut, meine Lieben. Es bringt uns nichts, wenn wir die Nerven verlieren. Timothy! Was sagen die Bänder der Verkehrsüberwachung?“
Tim hob kurz die Hand, tippte noch einige Male auf die Tastatur, dann schaute er auf und atmete tief durch. „Ich bekomme kein Bild das scharf genug ist, aber… schauen Sie mal, Kristen. Das ist doch nicht Gibbs auf dem Fahrersitz, oder?“
McGee drehte den Laptop so, dass Kristen einen Blick darauf werfen konnte. Das war eindeutig ihr Wagen. Das Kennzeichen war gut zu erkennen. Sie kniff die Augen zusammen und musterte den Mann. Das Gesicht schien runder, die Lippen voller und die Nase… sie glich der von Gibbs, aber… Nein. Die brünette Frau war sich sicher. Das war nicht ihr Lebensgefährte. Bestimmt nicht. Kristen schüttelte den Kopf.
"Wenn ich ein anderes Programm hätte... eines von Abby... und Zugriff auf Abbys Gesichtserkennungprogramm hätte..."
Kristen schob ihr Handy über den Tisch. "Rufen Sie Eric an. Abby hat ihm für eine Forschungsarbeit einige ihrer Programme zur Verfügung gestellt und soweit ich weiß, gibt es in der Georgetown Univers..."
Doch bevor sie den Satz beenden konnte, fiel Tony ihr mit hohler Stimme ins Wort. „Und wenn es nicht Gibbs ist, dann… dann ist es womöglich ihr Mörder. Vielleicht hat er sie auf die Ladefläche gelegt und... der Potomac eignet sich doch wunderbar um eine Leiche loszuwerden. Starke Strömung, stellenweise zugefroren...“ Seine Stimme brach und er stieß einen gequälten Laut aus. Ein DiNozzo weinte nicht und schon gar nicht, während er bewegungsunfähig auf einer verdammten Couch lag und… das hier war keine Situation für einen DiNozzo, dieser Körper war nicht für einen DiNozzo bestimmt, dieses ganze Leben…
Er spürte warme weiche Hände, die sich sanft an seine Wangen legten, doch er stieß sie weg, versuchte sich abzuwenden, doch das war ihm nicht möglich. Verzweifelt schluchzend ließ er sich in eine Umarmung ziehen. Er spürte weitere Hände, einen Arm, der sich unter seinen Nacken schob, eine Stirn an seiner. Blinzelnd schaute er in die Gesichter von Tim, Palmer, Ducky und sogar Kristen, der nun auch die Tränen über die Wangen liefen. Es waren ihre Hände an seinem Gesicht, ihre Hände, die seine Tränen fortwischten. „Sie sind nicht tot, Tony. Sie dürfen nicht tot sein! Wir müssen daran glauben. Bitte, geben Sie nicht auf!“, wisperte die brünette Frau weinend, während seine Freunde ihn tröstend umsorgten und ihm mit ihrer Nähe neue Kraft gaben.


***




Nachdenklich schaute Direktor Vance aus dem Seitenfenster seines Wagens und betrachtete das behaglich anmutende Haus in der East Laurel Street. Wie er bereits erwartet hatte, standen die Wagen von Dr. Mallard und Agent McGee davor. Vermutlich würde er auch Dr. Palmer hier antreffen. Halbherzig hatte er versucht seine beiden Mitarbeiter zu erreichen, doch seine Anrufe waren nicht entgegen genommen wurden.
Wie es aussah vertraute Gibbs‘ altes Team nicht auf die Hilfe des NCIS‘. Es gab Zeiten, da hätten diese Leute ihm die Bude eingerannt und hätten um seine Unterstützung gebeten auf der Suche nach ihrem ehemaligen Teamleiter. Doch in den vergangenen drei Monaten hatte sich so einiges verändert im Hauptquartier des NCIS‘. Mit Dr. Mallard, Agent Gibbs und Miss Sciuto schien auch das Vertrauen seiner Mitarbeiter gegangen zu sein.
Vance war sich bewusst, dass Gibbs den Verdacht gehabt hatte, dass Agent Whitefalls unter mehr litt, als einer Depression nach dem Tod seiner Familie. In den Augen des grauhaarigen Ermittlers war dessen Tat mehr ein Akt der Rache, denn des Wahnsinns. Allerdings hatte sich Gibbs keinen Reim darauf machen können, warum Whitefalls auf Rache aus war und warum gegen den NCIS. Und zu Letzt hatte es seinen dienstältesten Agenten nicht mehr interessiert. Er hatte ein weiteres Mal seine Familie verloren, das waren die Worte des Mannes gewesen. Er würde seine Zeit nicht vergeuden mit unsinnigen Fragen, die ihm Abby und Tony doch nicht wieder geben würden.
Vance hatte den Ermittler darauf hingewiesen, dass Agent DiNozzo keineswegs tot war, doch Gibbs hatte nur kopfschüttelnd gemeint, dass der Tony, den er liebte wie einen Sohn, nicht mehr da wäre, sondern nur noch ein Schatten, der dem Mann ähnelte.
Nie hatte Leon Vance den Silberfuchs in so schlechter, hoffnungsloser Verfassung erlebt. Aber in der Situation war er froh darum gewesen. Froh darum, dass der Verlust das gesamte Team in eine solche Ausweglosigkeit führte, dass niemand von ihnen anfing nachzuforschen. Die sinnlose Tat zu hinterfragen.
Doch nun wurde Vance erneut von dem finsteren Kapitel eingeholt. Allerdings würde er sich nicht länger zum Spielball eines Wahnsinnigen abstempeln lassen. Er würde das alte Team von Agent Gibbs ermahnen ihren eigentlichen Aufgaben nachzukommen. Vielleicht würde er sie warnen, sie bitten das Verschwinden von Gibbs und David einfach hinzunehmen. Und dann würde er dem SecNav in schriftlicher Form mitteilen, dass er nicht länger die Aufgaben des NCIS-Direktors übernehmen konnte.
Er würde seine Familie mit einem ausgedehnten Australien-Urlaub überraschen und mit ihnen verschwinden. Wenigstens bis nach den Präsidentschaftswahlen. Eigentlich war ihm bewusst, dass Weglaufen nichts bringen würde, aber er wusste auch zu was diese Wahnsinnigen fähig waren und er würde... allein der Gedanke, dass Jackie oder den Kindern etwas zustoßen könnte, bereitete ihm Magenschmerzen.

Leon atmete tief durch und stieß die Tür seiner Limousine auf. Zögernd ging er auf das Haus zu, während der frische Schnee unter seinen Füßen knirschte. Hundegebell schlug ihm entgegen und als er die wie immer unverschlossene Haustür öffnete, starrten ihm hoffnungsvolle Augenpaare entgegen.
Dr. Palmer und Timothy McGee saßen an einem Tisch vor dem Bildschirm eines Notebooks, scheinbar hatte McGee soeben ein Telefonat unterbrochen. Noch immer hielt er ein Handy in der Hand. Anthony DiNozzo lag auf Gibbs' durchgesessenem Sofa, blass und sichtlich angeschlagen. Dicht daneben an das Sofa gelehnt, saß eine Frau, die Leon als Gibbs‘ Lebensgefährtin wieder erkannte, und hielt einen großen Foxhound am Halsband.
„Ich dachte schon Sie wollen ihren Wagen gar nicht mehr verlassen, Leon“, kam es leise von Ducky, der am Fenster stand und hinaus auf die winterliche Straße schaute.
Der Direktor hatte den Mann gar nicht bemerkt.
„Dr. Mallard, schön Sie wieder zusehen.“
Der pensionierte Pathologe nickte nur und verzichtete darauf sich dem Besucher zuzuwenden.
Leon räusperte sich und ging hinüber zu seinen Mitarbeitern. „Wie geht es Ihnen beiden? Ihre Bronchitis scheint ausgeheilt, Doktor!“
Ein leichter Rothauch zog sich über Palmers Wangen und er hüstelte angestrengt. „Ich fühle mich ein wenig besser, Direktor.“
McGee schnaubte leise. „Ein Hausbesuch, Sir?“
Vance schloss kopfschüttelnd für einige Sekunden seine Augen, dann sagte er leise: „Es wäre besser für Sie beide, wenn Sie in den nächsten Tagen Ihren Aufgaben beim NCIS nachgehen würden!“
Tim zuckte mit den Schultern. „Sie entschuldigen, Direktor, ich war mitten in einem wichtigen Telefonat.“ Er hob das Handy an sein Ohr und sagte: „Ist die Datei angekommen, Eric? Ok, dann schau mal was du tun kannst und ich... ich fahre zu mir... nach Hause und... hole Abbys privaten Rechner hier her. Wir sehen uns in Gibbs' Haus. Wie lange brauchst du? Eine Stunde? Gut, deine Mum wird... es wird ihr sicher helfen, wenn du hier bist... Nein... Nein sie hält sich gut. Mach Dir keine Sorgen... Ja, gute Idee, bringe ich mit. Bis später!“
Vance stützte sich auf den Tisch und blickte McGee eindringlich an. „Was geht hier vor, Agent McGee!“
„Ich leide unter einer starken Mittelohrentzündung, das können sowohl Dr. Palmer als auch Dr. Mallard bestätigen. Ich habe morgen Früh einen Termin in der HNO des Bethesda. Im Moment versuche ich mich bei einem kleinen Online-Spiel zu entspannen. Allerdings komme ich nicht weiter...“ McGee drehte den Laptop in Vance Richtung und deutete auf ein unansehnliches Monster, das mit einer Keule auf den reglosen Körper eines menschenähnlichen Wesens einschlug. „Vielleicht können Sie mir helfen, dann kann ich mir den Weg nach Hause sparen.“
Kopfschüttelnd ging Leon vor dem Tisch auf und ab und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Was wissen Sie, Agent McGee?“
Ein Schnauben ertönte hinter Vance und DiNozzo rief hörbar zornig: „Viel mehr interessiert es uns was Sie wissen, Leon! Warum sind Sie hier? Warum suchen Sie in Gibbs' Haus nach kranken Mitarbeitern? Das stinkt doch zum Himmel!“
Fragend ruhten acht Augenpaare auf dem dunkelhäutigen Mann, der sich sichtlich unwohl fühlte. Wieder und wieder schüttelte der Mann nur den Kopf. Unfähig eine Lösung für sein Problem zu finden.
Kristen war aufgestanden und stellte sich mit verschränkten Armen vor den Direktor des NCIS. „Mein Wagen wird zurzeit aus dem Potomac geborgen, während eine Gruppe Taucher nach meinem Lebensgefährten und Miss David sucht. Wussten Sie das?“
Vance lächelte leicht. „Wie hätte ich davon erfahren sollen, Ma'am? In welcher Verbindung steht ihr Wagen mit dem NCIS?“
Kristen erwiderte das falsche Lächeln freudlos. „Warum also sind Sie hier?“
„Zufall. Ich war zufällig in der Nähe und wollte mich lediglich nach dem Befinden meiner Mitarbeiter erkundigen und dem ehemaligen Agent Gibbs alles Gute für die Zukunft wünschen. Als ich die Autos vor seinem Haus sah, dachte ich hier würde eine Abschiedsparty gefeiert.“
Ducky war näher gekommen und musterte den Mann mit ruhigem Blick. Ihm entging das nervöse Flackern in den Augen des Direktors nicht, auch nicht die angespannte Körperhaltung und die zu Fäusten geballten Hände.
„Jethro und Ziva sind seit nun mehr 18 Stunden verschwunden. Vor 18 Stunden hat ein letztes Telefonat zwischen Jethro und Kristen stattgefunden, seitdem hat keiner etwas von ihnen gehört. Können wir auf die Hilfe des NCIS hoffen, bei der Suche nach den Beiden, Leon?“, fragte Ducky eindringlich.
Vance schluckte schwer und schüttelte den Kopf. „Die Statepolice hat bereits ein Großaufgebot im Einsatz, so wie ich erfahren habe, oder? Und... Doktor, Sie wissen es selbst am besten... Wie stehen die Chancen Gibbs und David nach der langen Zeit noch lebend aus dem Potomac zu bergen? Bei der Kälte?“ Vance suchte Kristens Blick und reichte ihr die Hand. „Es tut mir leid, Ma'am. Mein aufrichtiges Beileid.“
Die brünette Frau blieb wie vom Donner gerührt stehen, vor Empörung nicht in der Lage etwas zu erwidern. Mit bedächtigen Schritten wandte Vance sich Tony zu und sprach auch ihm sein Beileid aus.
Tim war aufgesprungen und funkelte seinen Vorgesetzten zornig an. „Das ist an Geschmacklosigkeit doch kaum zu überbieten! Ich begleite Sie hinaus, Direktor! Ich habe ohnehin noch etwas zu erledigen!“
Erleichtert der unangenehmen Situation entfliehen zu können, folgte Vance seinem Mitarbeiter. Auf den Stufen die zu Gibbs‘ Haustür führten, hielt Vance den IT-Fachmann zurück. „Agent McGee, hören Sie auf! Suchen Sie nicht weiter... Sie ahnen nicht... Belassen Sie es dabei. Sie wissen nicht mit welchen Leuten Sie sich anlegen!“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Tim den Direktor an. „Sir? Wollen Sie damit sagen, dass Sie wissen wer dahinter steckt?“
Vance hob abwehrend die Hände und eilte an dem fassungslosen McGee vorbei.
„Direktor! Sagen Sie uns was Sie wissen! Sie können doch nicht...“
Vance war in seinen Wagen gestiegen und ohne sich noch einmal umzudrehen davon gefahren. Wieder stiegen die Bilder von Whitefalls toter Familie in ihm auf. Der SecNav hatte ihm am Nachmittag Fotografien zukommen lassen. Eine kleine Entscheidungshilfe.
Der Mann, den Jarvis beauftragt hatte, war ein irrer Psychopath und, wenn Gibbs und Ziva sich tatsächlich in dessen Gewalt befanden, dann... Übelkeit stieg in dem dunkelhäutigen Mann auf.

 

 

 

14. Kapitel



Der Mann, der sich Swift Cat nannte, nahm das Fernglas herunter. Dieser Marine hatte sich besser geschlagen, als er es sich eingestehen wollte. Scheinbar verbarg sich unter den grauen Haaren, ein verdammt harter Hund. Vielleicht würde er doch nicht so schnell die Lust, an den Beiden verlieren. Man merkte, dass sie als Team zusammen gearbeitet hatten, denn sie ergänzten sich scheinbar blind. Noch einmal nahm er das Fernglas hoch und besah sich die behagliche Szene. Die junge Frau schien irgendetwas für den ehemaligen Agent zuzubereiten. Es sollte ihm egal sein, solange sie sich an die Abmachung hielten, konnten sie machen was sie wollten.

Mit von der Kälte steifen Gelenken richtete er sich auf und versuchte es sich in seinem Unterschlupf so angenehm wie möglich machen. Es würde für alle eine lange Nacht werden. Für ihn in seinem windgeschützten Bretterverschlag, und erst recht für seine beiden Geiseln, die die Nacht ungeschützt unter freien Himmel verbringen mussten und er war mehr als nur etwas gespannt wie sie die zweite Nacht überstehen würden.

***


Wieder zerbröselte sie einen der Betonkekse und schmiss die Krümel in den schon auf einem Campingkocher stehenden Topf. Mit Wasser hatte sie aus den Energieriegeln eine breiartige Speise zu bereitet, die nicht wirklich appetitlich aussah, aber für ihren ehemaligen Boss sicherlich leichter zu schlucken war.
Etwas ungehalten fuhren ihre klammen Hände unter das unbequeme Hundehalsband. Es juckte ihr in den Fingern, das Band einfach abzureißen, doch sie konnte spüren das Otaktay sie beobachtete und einen Stromschlag wollte sie für ihr Kind nicht riskieren.

Zärtlich strich sie über ihren Bauch. Durch die ganze Unruhe in den letzten Monaten, waren sie und Tony noch gar nicht dazu gekommen, sich über einen Namen für das Kleine Gedanken zu machen. Eine Bewegung neben sich ließ sie aufblicken. Schnell rührte Ziva noch einmal durch den Topf und nahm ihn dann von der Flamme.
„Hier. Ich habe es noch etwas flüssiger gemacht, dann solltest du weniger Probleme beim Schlucken haben“, teilte sie ihm mit und reichte ihm den kleinen Topf samt Löffel.
„Mhhmm“, machte ihr ehemaliger Boss und wärmte seine Finger an dem warmen Behältnis.
Ziva hatte das Gas des Campingkochers bereits abgedreht. Sofort fehlte ihr die einzige Wärmequelle die Swift Cat ihnen zugewiesen hatte. Die mittelgroße Sporttasche, die er bei ihnen in der Wildnis gelassen hatte, hatte außer den Kocher, noch zwei Isomatten, einen Löffel und zwei Wärmedecken aufgewiesen.
Nicht genug um sie über Nacht warm zu halten, aber genug damit sie nicht erfroren.
„Geht es?“, fragte sie ihren Boss und beäugte ihn skeptisch. Er sah alles andere als gut aus und sie sorgte sich um ihn mehr, als um ihr ungeborenes Kind, das es wenigstens im Augenblick noch schön warm hatte. Sie hatte ihm natürlich schon lange seinen Kapuzenpulli wieder gegeben und gleich nachdem sie von ihrer Pinkelpause zurückgekehrt war, hatte sie ihn in eine der Thermodecken gewickelt. Trotzdem hatte sich seine Hautfarbe immer noch nicht normalisiert. Er war viel zu bleich und fror erbärmlich, das konnte sie alleine an dem zitternden Löffel ausmachen, mit dem er versuchte sich die unappetitliche Pampe in den Mund zu schieben. Zu seiner Unterkühlung und der Gehirnerschütterung, deren Auswirkungen ihm immer noch zu schaffen machte, erschwerte ihm der gebrochene Kiefer mittlerweile das Sprechen fast vollständig. Um seine Schmerzen so gering wie möglich zu halten, hatten sie sich auf einfache Laute verständigt.
„Mhhmmm“, machte er gerade in dem Moment und reichte ihr den kleinen Topf zurück. Beruhigend sah sie dass er fast alles aufgegessen hatte.
„Gut. Dann müssen wir sehen, dass wir die Nacht hier draußen überstehen“, kam es von der werdenden Mutter. „Ich kann spüren, dass er uns beobachtet.“

Gibbs nickte ihr zu. Genau die gleichen Gedanken hatte er auch schon die ganze Zeit über. Otaktays Blick brannte auch dem Grauhaarigen förmlich auf dem Leib und zum wiederholten Male blickte er sich um, konnte aber aufgrund der bereits eingesetzten Abenddämmerung nichts mehr erkennen. In einiger Entfernung hörte er einen Wolf heulen.
Verärgert über sich selber, zog Gibbs die Stirn kraus. Sie brauchen unbedingt etwas um sich im Notfall gegen die wilden Tiere des Waldes verteidigen zu können. Warum hatte er daran nicht schon eher gedacht? Taumelnd kam er auf die Füße und bemerkte wieder Zivas prüfenden Blick. Er wollte sie nicht noch zusätzlich beunruhigen, deutete deshalb auf den Wald und formte undeutlich die ersten Worte seit Stunden.
„Be..we..g..ung, Wär..me.“ Um seine Worte noch zu verdeutlichen bewegte er seine Arme auf und ab und Ziva schien zu verstehen. Sie stand ebenfalls auf und kam auf ihm zu. Der kleine Spaziergang rund um ihren Schlafplatz würde ihren Kreislauf in Gang bringen und dabei könnte er in Ruhe nach einem geeigneten Knüppel Ausschau halten. Danach würden sie die Nacht wahrscheinlich wieder eng zusammen verbringen. Denn nur Nähe versprach Wärme.


**

Ich weihe dich ein in die Führerschaft vom Sein, passe dich an, an Sippe, Land und Clan. Ist deine Zeit gekommen, hörst du den Ruf, so folge mir. Ich führe dich ein in die Gesetze ohne Hast und ohne Hetze; fordere dich auf, zu führen den Verlauf. Erkenne deine Kraft, deine Stärke, deinen Mut, sei jedoch dabei stets auf der Hut! Bleib frei, unabhängig und unbezähmt in dir, nur dann kannst du führen jetzt und hier. Folge deinem Instinkt, der Kraft im Mond, dort findest du die Antwort, die sich lohnt. Such auf die Gipfel, sing deiner Kraft Liebe, fühle die Macht, die mit dir ist, in jedem. So gewinnst du Stärke aus deinem Sein, die Führerschaft verlangt die Kraft aus deinem Seelenheim.




Otaktay hörte die volle melodische Stimme seines Vaters in seinem Geist, während er den Blick nicht von dem silberhaarigen Mann abwenden konnte. Leroy Jethro Gibbs. Ein Wolf, wie sein Vater. Der alte indianische Reim, den Swiftcat schon als kleiner Junge von seinem Vater gehört hatte, schien genau auf diesen Mann zugeschrieben.
Obwohl es Winter war, die Schneedecke sich in den letzten Tagen geschlossen hatte und die Tiere hungrig waren, schien von ihnen nur gespannte Aufmerksamkeit auszugehen. Einzig das Alphatier, des sich nähernden Rudels, gab in regelmäßigen Abständen warnende Laute von sich.
Vermutlich spürten die Tiere, genau wie Otaktay, dass ein weiteres Alphatier in ihrem Revier war. Der grauhaarige Mann strahlte so viel Kraft und Willensstärke aus, dass sich in dem Halbindianer die Sehnsucht regte, sich diesem Mann anzuschließen. Mit dessen Schutz leben zu dürfen, unter seiner Führung, das musste sehr erleichternd sein. Vermutlich wäre es so wie damals, als er noch gemeinsam mit seinem Vater durch die Wälder gewandert war.
Die ersten Jahre seines Lebens hatte der kleine Edward in einer winzigen Ansammlung heruntergekommener Häuser mit dem Namen Pluma verlebt. Der Ort lag in den Black Hills, in der Nähe des legendären Ortes Deadwood. Seine Mutter war eine stinknormale weiße Frau mit unbedeutenden Wurzeln. Sein Vater aber war ein direkter Nachkomme des großen Lakota-Häuptlings CrazyHorse. Soweit Edwards Erinnerungen zurück reichten, hatte sein Vater sich immer für die Belange seiner Brüder und Schwestern eingesetzt. Er hatte damit begonnen die heiligen Stätten seiner Vorfahren von dem menschlichen Unrat zu säubern und als sein Sohn Swift Cat acht Jahre alt gewesen war, hatte dieser seinen Vater, Mingan Otaktay, zum ersten Mal auf die Jagd begleiten dürfen.
Der silberne Mond hatte alles in ein unwirkliches Licht getaucht und noch immer konnte Edward die Schreie der beiden Menschen hören, die versucht hatten zwischen den Bäumen vor seinem Vater und ihm zu fliehen. Doch am Ende hatten die Nachkommen der Lakota-Indianer ihre Beute erlegt. Mingan Otaktay hatte seinem Jungen gezeigt, wie man rasch und ohne große Qual tötete. Der Duft des warmen Blutes hatte die Jäger eingehüllt. Edward hatte gewusst, dass sie die Körper zurücklassen würden, als Opfer für die Geister. Doch dass sie selbst Zeuge werden würden, wie dieser Geist zu ihnen kam, damit hatte Otaktay nicht gerechnet.
Voller Ehrfurcht war der Junge in die schützende Nähe seines Vaters geflohen, als der anmutig dahinschreitende Berglöwe die Lichtung überquert hatte. Die goldenen Augen des mächtigen Tieres hatten geglüht und sekundenlang hatte Otaktay gespürt, wie dieses unglaubliche Wesen bis in die Tiefe seiner Seele vorgedrungen war.
Sein Vater war sehr stolz auf seinen Jungen gewesen, der die erste Prüfung der Ahnen scheinbar gut gemeistert hatte. Von nun an hatte Swift Cat seinen unwürdigen weißen Namen vergessen können.
Igmu' watogla Otaktay war geboren. Doch der Name war schwierig auszusprechen und mit der Zeit hatte er sich ein einfacheres Synonym zugelegt. Swift Cat, die sich anschleichende Katze. Sein Lakotaname aber kennzeichnet auch weiterhin seine Seele.

Otaktay beobachtete, wie seine beiden Gefährten sich von ihrem Lager entfernten. Er hatte keine Sorge, dass sie einen Fluchtversuch wagen würden. Die kleine Herausforderung des heutigen Tages hatte sein Ziel nicht verfehlt. Die schwangere Frau würde es auf keinen Kampf ankommen lassen, zu groß war die Sorge um ihr Ungeborenes. Allerdings hielt Swift Cat es für sehr klug, den Grauhaarigen stets am Limit zu halten. Denn sollte der Mann erst zu Kräften kommen, so würde er kämpfen, bis zum bitteren Ende. Und Otaktay war sich nicht sicher, ob dieser Kampf zu seinen Gunsten enden würde. Insgeheim ärgerte er sich darüber, dass er beinahe so etwas wie Bewunderung für Leroy Jethro Gibbs empfand.
Doch es war nicht zu übersehen, dass seine männliche Geisel am Ende seiner Kräfte war. Die Mahlzeit, die, wenn Otaktay es richtig erkannt hatte, aus kaum mehr als 500 Kalorien bestanden hatte, reichte nicht aus, um die Kraftreserven des Grauen nachhaltig zu stärken. Taumelnd wankte er über den unebenen Boden und Otaktay wunderte sich, warum die beiden sich nicht einfach eine Pause gönnten.
Gerade als Swiftcat nach einem Schokoriegel greifen wollte, um sich die Zeit zu vertreiben, bückte sich Gibbs nach einem Gegenstand am Boden. Doch seine Kopfverletzung hatte deutliche Spuren hinterlassen. Der Mann verlor das Gleichgewicht und fiel in den Schnee.
Otaktay richtete sich ein wenig auf und presste das Nachtsichtgerät fest vor seine Augen. Warum stand der Mann nicht einfach wieder auf? Die dunkelhaarige Frau hatte sich neben den Grauhaarigen gehockt und schien aufgeregt auf ihn einzusprechen. Der Wind wehte ihm ihre besorgte Stimme entgegen und die gequälten Laute des am Boden liegenden Mannes. Erleichtert sah der Halbindianer, wie seine Geisel versuchte wieder auf die Füße zu kommen, doch schien es nicht gelingen zu wollen. Mit einem leisen Fluch schälte der dunkelhaarige Mann sich aus seinem Schlafsack und fröstelte, als der schneidende Wind hin traf. Lautlos glitt er durch die Dunkelheit und trat unbemerkt neben seine Beute.
„Was ist mit ihm?“, fragte Otaktay leise und ging neben dem schwer atmenden Mann in die Hocke.
Ziva zuckte zusammen und unterdrückte den Drang von ihrem Peiniger wegzurücken. „Er ist halb erfroren und... Gleichgewichtsstörungen, Schwindel... Er braucht Wärme und Ruhe. Sie werden ihn noch umbringen, verdammt!“
Ein nachsichtiges Lächeln legte sich auf Swift Cats Gesicht. „Nein, umbringen werde ich euch nicht. Ihr werdet eine Opfergabe sein. Das ist eine große Ehre. Die Ahnen werden von zwei so großen Kriegern wie euch beiden, begeistert sein.“
Die Israelin schnaubte unwirsch. „Am Ende sind wir tot! Da gibt es wohl kaum einen Unterschied. Bitte! Er muss aus der Kälte. Bitte...“ Tränen stahlen sich in ihre Augen. Sie war so unglaublich erschöpft. Die Kälte setzte ihr zu und ihr Rücken schmerzte entsetzlich. „Bitte... lassen Sie ihn nicht so sterben. Bitte...“



15. Kapitel



Tony war immer noch schockiert über Vance‘ unerwarteten Besuch. Was hatte sich der Direktor nur dabei gedacht? Sie erzählten ihm gerade, das hier etwas ganz und gar nicht stimmte und was machte er? Er bestand einfach darauf das Ziva und Gibbs tot waren. Irgendetwas versuchte Vance zu vertuschen. Das sagte ihm sein Bauchgefühl. Nur was konnte der Mann wissen, grübelte Tony und legte sich seinen Arm über die Augen, als er an seiner anderen Hand eine plötzliche Nässe verspürte. Verwundert riss er die Augen auf.
„Hey du“, sagte er und blickte in treue, braue Augen. „Was machst du denn hier bei mir? Du weißt doch, ich mag keine Hunde.“ Während er sprach, hatte er begonnen den Hund hinter den Ohren zu streicheln. „Wie heißt du eigentlich?“, fragte er die Hündin. „Ich kann dich doch nicht immer das „heiße kleine Luder“ nennen.“
„Cara“, vernahm er da plötzlich eine Stimme neben sich.
Richtig. Chief Brown hatte er völlig vergessen, aber sie saß immer noch bei seinen Füßen, am Ende des Sofas. Mühsam zog er sich in eine sitzende Position. Die braunen Augen der Hündin verfolgten seine Bewegungen.
„Cara also“, erwiderte er und seine Augen suchten den Raum nach seinem Rollstuhl ab.
Kristens Blick folgte seinem und sie verstand, was der invalide Agent nicht auszusprechen vermochte. Schnell stand sie auf und kam wenig später mit dem Rollstuhl zurück. Tony hatte derweil ein Bein schon vom Sofa herunter gezogen und war nun mit dem zweiten beschäftigt. Dabei musste er höllisch auf sein Gleichgewicht achten. Am Anfang hatte er das Gewicht seiner Beine immer falsch eingeschätzt und so manches Mal hatten sie ihn mit auf den Boden gezogen.
„Was kann ich tun?“, fragte Kristen.
DiNozzo hielt in der Bewegung inne und sah sie an, während Cara ihm wieder mit ihrer nassen Nase anstupste. „Vielleicht könnten Sie den Rollstuhl drehen und die Bremsen schließen?“, sagte er und fuhr dem Hund über den Kopf.
Nachdem sie den Stuhl gedreht hatte, stellte sie die Bremsen fest. „Kann ich noch etwas helfen?“
Tony schenkte ihr ein fast geglücktes Lächeln. „Nein, den Rest muss ich schon alleine bewältigen.“
Eine gefühlte Ewigkeit später, saß er wieder in seinem Rollstuhl und zog seine Beine auf die Fußraster.
„Darf ich Sie mal etwas fragen?“
Noch immer streichelte er die Hündin, die ihren Kopf wieder auf seine gefühllosen Knie gelegt hatte. „Nur zu.“
„Wie geht es Ihnen wirklich?“
Der Braunhaarige schluckte schwer. Mit so einer persönlichen Frage hatte er nicht gerechnet. „Gut.“
Jetzt lächelte ihn Kristen an. „Ich hatte auf eine ehrliche Antwort gehofft.“
Tony strich sich einmal über sein Gesicht. „Jeden Morgen wenn ich aufwache, hoffe ich dass das alles nur ein böser Traum war. Dass ich aufstehen kann und zur Arbeit gehe, dass Abby mich in der Parkgarage am Auto abfängt und mir um den Hals fällt. Dass Ziva mir im Herren WC auflauert und dass Gibbs mir eine Kopfnuss verpasst. Aber spätestens dann, merke ich, dass ich immer noch kein Gefühl in meinen Beinen verspüre und dass das alles doch Wirklichkeit ist. Es gibt keine Abby“, sagte er und fügte ganz leise noch etwas hinzu: „Und es gibt auch keinen Gibbs mehr.“
Kirsten legte ihm ihre Hand auf den Arm. „Gibbs lebt.“
„Für Sie ja“, sagte er und zog das Kinn hoch. „Für mich nicht.“
„Warum quälen Sie sich so, Tony?“
„Wissen Sie, dass er mich bisher nur drei Mal besucht hat? Und davon habe ich einmal noch nicht mal etwas mitbekommen, weil ich im künstlichen Koma lag. Und gestern hat er nur von Ihnen, der Farm und dem Hund erzählt.“
„Er kann nicht“, antwortete sie ihm und seufzte leise.
„Was kann er nicht?“, fragte der Agent sichtlich verwirrt.
Chief Brown kratzte sich an der Nase. Wie sollte sie diesem an Körper und Geist verletzen Mann klarmachen, das Jethro litt und das nicht nur wegen Abby.
„Jethro kann schlecht Gefühle zeigen“, sagte sie.
Klar, kann ich auch schlecht, dachte sich Tony, sagte aber nichts dazu.
„Er trauert um Abby und Sie gleichermaßen. Er leidet.“
„Davon habe ich noch nichts gespürt.“
„Er liebt Sie, glauben Sie mir das.“
„Mhmmm“, war alles was der Braunhaarige darauf hin machte.
Langsam stand sie von der Couch auf, stellte sich hinter ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Gibt es Fortschritte?“, fragte sie und deutete auf seine Beine.
„Nein“, sagte er und verzog seinen Mund. „Nein, nichts messbares.“
Kristen sagte darauf nichts, sondern drückte nur aufmunternd seine Schulter.

***



Ziva hielt die Augen fest geschlossen und versuchte jedes Quäntchen, der ihr entgegen strahlenden Wärme, aufzusaugen. Ihr war es noch nicht angenehm warm, aber so war es um einiges besser, als noch zuvor. Die dunkelhaarige Frau spürte, wie auch Gibbs ruhiger wurde.
Gibbs war kaum ansprechbar gewesen und nur mit der Hilfe ihres Entführers, hatte er sich zurück zu ihrem kleinen Lager schleppen können. Gemeinsam hatten sie dem Silberfuchs in einen Thermoschlafsack geholfen, wobei Ziva dem Halbindianer ständig argwöhnische Blicke zugeworfen hatte. Der Grauhaarige hatte sich sofort in Embryohaltung zusammengerollt, die zitternden Glieder so dicht am Leib, wie es nur möglich war. Ziva hatte versucht seine Blutzirkulation anzuregen, in dem sie seinen ausgekühlten Körper, durch den Stoff des Schlafsacks hindurch, mit den Händen abrieb.
Doch erst jetzt, wo sie auf den Isomatten vor einem kleinen Feuer ruhten, ebbte das Zittern allmählich ab.
Ziva hatte Gibbs‘ Kopf auf ihren Oberschenkel gebettet und sich, in Thermodecken gewickelt, an einen Baum gelehnt. Im Schein des Feuers erkannte sie die massive Schwellung seiner linken Gesichtshälfte und die markante Deformierung des Unterkiefers. Übelkeit stieg in ihr auf. Sie wollte sich nicht ausmalen, welche Schmerzen ihr ehemaliger Boss erleiden musste.
„Warum wir?“, fragte die Israeli leise.
Otaktay hatte sich ihr gegenüber an das wärmende Feuer gesetzt, aber weitgehend geschwiegen.
Erneut schlug ihr nur Stille entgegen, doch dann sprach ihr Peiniger doch. Er redete mit so weicher angenehmer Stimme und einem so warmen Timbre, dass Ziva ein eiskalter Schauer überlief. „Wegen eurer Macht, Ziva David. Du und der graue Mann… ihr seid dazu in der Lage unseren kommenden Anführer zu stürzen, bevor er überhaupt an die Macht gelangen kann.“
Innerlich rollte Ziva mit den Augen. Sie wusste, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gab, als dass es der menschliche Verstand auch nur ansatzweise hätte verstehen können. Aber ihr fehlte jetzt einfach die Geduld für eine Litanei über Stammesführer und Häuptlinge.
„Unser Land braucht einen Mann an der Spitze, der sich endlich für die meinen einsetzt. Jahrtausende wurde von den Ureinwohnern dieses Kontinents immer nur genommen, nie aber etwas gegeben. Alles ist aus dem Gleichgewicht geraten und nur häufige und mächtige Opfergaben können die Geister der Ahnen besänftigen“, erklärte der dunkelhaarige Mann weiter, während sein Blick fest auf das Feuer gerichtet war. Die Flammen spiegelten sich in der kurzen Klinge des Messers in der Hand Otaktays wieder. Ziva senkte den Blick und strich Gibbs sanft durch die Haare, als dieser im Schlaf leise aufstöhnte.
„Wer ist dieser Mann?“, versuchte die Agentin das Gespräch am Laufen zu halten. Vielleicht gab es ja doch eine Chance die Beweggründe des Mannes zu verstehen.
Swift Cat legte den Kopf schief und betrachtete Ziva erstaunt. „Diese Frage hatte ich nicht erwartet. Ich… ich hatte erwartet, dass du deine ganz eigenen Rückschlüsse ziehen würdest. Clayton Jarvis. Der Marineminister. Der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.“
Die Israeli runzelte die Stirn, nickte jedoch nur. Ihr war erst vor kurzem eine Wahlkampfbroschüre des Präsidentschaftskandidaten in die Hände gefallen. Sie wusste nicht, was der Favorit der Republikaner für Wahlversprechen gemacht hatte, die den Ureinwohnern zu Gute kämen. Doch sie äußerte sich nicht näher dazu.
„Warum haben Sie das hier für uns getan?“, hakte Ziva weiter nach.
„Das Feuer?“ Otaktay zuckte mit den Schultern. „Ich möchte nicht, dass er einfach erfriert. Ein Mann wie er… er sollte ein würdigeres Ende finden. Meinst du nicht? Wir werden gemeinsam dafür sorgen, dass er wieder auf die Beine kommt und dann… dann gehen wir auf die Jagd. Denkst du… er wird weglaufen, wenn ich es von ihm verlange? Wird er mir eine Fährte legen, der ich folgen kann? Oh, Ziva, es wird ein Vergnügen. Eine Herausforderung. Er hat gelernt sich so zu bewegen, dass er seinem Feind keine Spuren hinterlässt. Denkst du, er beherrscht diese Kunst noch?“ Sein Tonfall veränderte sich. In erregter Vorfreude wippte der Mann aufgeregt vor und zurück.
Ziva legte eine Hand schützend über Gibbs‘ Brust und die andere auf ihren Bauch. Dieser Mann würde Gibbs nicht jagen wie ein Tier. Das würde sie nicht zulassen. Entschlossen presste die Agentin die Lippen aufeinander, während der wahnsinnige Halbindianer weiter von seinem Jagdvergnügen schwafelte.

***



Caras leises Winseln riss Kristen aus ihren Gedanken. Das tatenlose Abwarten machte sie schier wahnsinnig. Vielleicht würde ihr Sohn sich bald melden. Eric hatte tatsächlich Zugriff auf eines von Abbys Gesichtserkennungsprogrammen und versuchte derweil das unscharfe Bild der Verkehrsüberwachung mit Hilfe eines Bearbeitungsprogrammes soweit zu verbessern, dass sie es durch die Datenbank schicken konnten.
Allerdings machte sie sich nicht allzu viele Hoffnungen. Das Bild war dermaßen schlecht und ihre Erfahrung sagte ihr, dass es kaum möglich sein würde damit vernünftig zu arbeiten. Das einzig Sinnvolle wäre es, wenn Tim an seinen Arbeitsplatz im HQ zurückkehren würde, um sich dort Zugang zu Zivas Arbeitsplatz zu verschaffen. Wenn Sie wüssten um welchen Fall es genau ging… Die ehemalige Ermittlerin war sich sicher, dass das Verschwinden der beiden damit zusammenhing.

Müde stemmte sich die brünette Frau auf die Beine und hielt sich einen Momentlang an der Sofakante fest. So hatte war es auch bei ihrer Mutter gewesen, kurz bevor diese ihre Krebsdiagnose bekommen hatte. Undefinierbares Unwohlsein, Krämpfe im Unterleib und zuletzt dieser ständig wiederkehrende Schwindel. Kristen war in zweierlei Hinsicht gefährdet, zum einen sicherlich durch die familiäre Vorbelastung und zum anderen hatte man bei ihr vor einigen Jahren bereits den Verdacht auf Gebärmutterhalskrebs gehabt. Dieser hatte sich bestätigt, doch mit einem kleinen operativen Eingriff hatte man das veränderte Gewebe entfernen können und bis heute hatte sie keinerlei Beschwerden gehabt. Allerdings lag ihre letzte Kontrolluntersuchung schon 19 Monate zurück. Doch Kristen verdrängte die Gedanken daran seit Wochen erfolgreich.

„Geht es Ihnen gut, meine Liebe?“ Ducky hatte eine Hand auf ihren Arm gelegt und betrachtete die Frau aufmerksam.
Kristen straffte die Schultern und deutete auf ihre Hündin. „Cara muss raus und ich… ich könnte auch ein wenig frische Luft vertragen.“
„Das ist eine ganz wunderbare Idee. Ich werde Sie begleiten“
Kristen nickte und warf sich ihre Jacke über. „Vielen Dank übrigens, für die schmackhafte Mahlzeit, Doktor.“
Der alte Pathologe machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nicht dafür, zumal es den Anschein machte, als hätte es Ihnen nicht recht geschmeckt.“
Energisch schüttelte die Brünette den Kopf, während sie gemeinsam vor das Haus traten. Es hatte erneut angefangen zu schneien und es war empfindlich kalt.
„Die Sorge verknotet einem schier den Magen, nicht wahr?“ ersparte der Mediziner ihr die Suche nach Ausflüchten. Doch Kristen zuckte nur vage mit den Schultern. Das Essen hatte vermutlich sehr gut geschmeckt, doch ihr Hals schien wie zugeschnürt. Allein der Gedanke ans Essen, ließ erneut die Übelkeit in ihr aufsteigen.

Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander her und betrachteten die Hündin, die trotz ihrer Unbeweglichkeit die Bewegung sichtlich genoss. „Ich glaube, ihr missfällt die Enge der Stadt. Sie ist es einfach nicht gewohnt.“ Sagte Kristen leise und folgte dem Freund ihres Lebensgefährten in Richtung des MT Jefferson Park, der nur einige Straßen entfernt lag.
Vor einem Haus baute ein Vater mit seinen Kindern, im Licht der Straßen- und Weihnachtsbeleuchtung, einen großen Schneemann. Das Lachen und die aufgeregten Kinderstimmen klangen ihnen entgegen. Ein hübscher Goldenretriever kam auf sie zugelaufen und verschwand sogleich wieder, als Cara ihn mit einem leisen Knurren ermahnte.
Kristen schmunzelte. „Das muss daran liegen, dass sie Welpen erwartet. Sie duldet keinen anderen Hund in ihrer Nähe.“
Ducky strich dem Tier sanft über den Kopf, woraufhin Cara sich vertrauensselig gegen ihn lehnte. „Gutes Mädchen…“, murmelte der Pathologe in ruhigem Tonfall.
Kristen unterdrückte ein Gähnen. Die lange Fahrt nach D.C steckte ihr in den Knochen und sie fühlte sich wie erschlagen.
„Sollen wir lieber umkehren, was meinen Sie?“, fragte Ducky seine Begleiterin und musterte sie erneut. „Es ist ein wahnsinnig langer Tag für uns alle. Wir sollten allmählich zur Ruhe kommen.“
Die brünette Frau nickte. Sie musste nicht lange überzeugt werden.
Eine Frau hastete mit einem kleinen Mädchen an der Hand an ihnen vorbei. Die Kleine plapperte unermüdlich auf die Frau an ihrer Seite ein. Es schien um die Wünsche an Santa Clause zu gehen.

„Ich hätte auch gern einen Wunsch frei…“, murmelte Kristen leise und spürte Duckys Hand auf ihrer Schulter.
„Wünschen Sie es sich doch einfach, Kristen. Der Glaube kann Berge versetzen. Wissen Sie, es gibt mittlerweile einige Forschungen darüber, dass die Kraft der Gedanken es wirklich schaffen kann sich zu materialisieren. Nach dem universell wirksamen »Gesetz der Anziehung« materialisieren sich unsere Überzeugungen in unserem Leben. Was wir gewohnheitsmäßig denken oder befürchten, tritt uns früher oder später in Form von Menschen und Entwicklungen gegenüber – das heißt: Mit unserem permanent laufenden Gedankenstrom legen wir ständig die Weichen für unsere Zukunft. Wenn man nun also lernen würde seine Gedanken stets zu führen und nur die positiven Gedankenströme zuzulassen, so könnten wir auch alle Geschehnisse um uns herum positiv beeinflussen.“

Kristen warf dem ehemaligen Pathologen einen skeptischen Blick zu.
Dieser lachte leise auf. „Man hat doch nichts zu verlieren, oder? Unsere Abigail hat an diese Dinge geglaubt und… sie hat im Laufe der Jahre eine wahrlich große Sammlung von Schriften und Forschungsarbeiten zu dem Thema zusammen gesammelt. Ich habe mir in den letzten Wochen einmal die Zeit genommen diese Dinge näher zu betrachten und… was soll ich sagen, es funktioniert. Eine Bestellung beim Universum, sozusagen.“
Die Brünette lachte ungläubig. „Doktor! Sie nehmen mich auf den Arm?!“
„Nein! Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Die Lenkung meines Morgans ist ein wenig schwergängig. So ganz ohne elektronische Mechanisierungen. Also habe ich immer Schwierigkeiten in enge Parklücken hineinzukommen. Aber finden Sie mal eine ausreichend große Parklücke in der Stadt. Das ist schier unmöglich. Also bestelle ich sie mir. Eine freie Parklücke, in unmittelbarer Nähe zu meinem Ziel, groß wie ein Scheunentor! Ich habe seit Wochen kein Problem mehr damit einen geeigneten Parkplatz zu finden.“
Sie hatten Jethros Haus erreicht und blieben leise lachend stehen.
Schweigend standen sie beieinander und betrachteten die Schneeflocken, die sanft auf den gefrorenen Boden sanken. Dann sagte der alte Mediziner leise und mit ernster Stimme: „Und wenn es uns nur hilft weiter zu atmen, Kristen. Gehen Sie von dem besten Fall aus. Ich glaube fest daran, dass Ziva und Gibbs wohlbehalten in unsere Mitte zurückkehren werden! Ich muss es glauben, alles andere…“ Kopfschüttelnd deutete der Pathologe hinüber zur Haustür.
Als sie das Haus betraten, fiel Kristens Blick auf die Haken der Garderobe. „Das... das ist Jethros Jacke... und das hier. Ist das die von Ziva?“
Gerade als die brünette Frau die Jacken vom Haken nehmen wollte, erklang das dumpfe Geräusch eines vibrierenden Handys. Hastig glitten Kristens Hände über den Stoff der Winterjacken, bis sie die Quelle des Geräusches unter ihren Fingern ausmachen konnte.
„Es ist das von Jethro!“
Sie blickte auf das Display, doch eine Nummer wurde nicht angezeigt. Mit zitternden Fingern klappte sie es auf. „Hallo?“
„Gibbs...“, meldete sich eine scheinbar vertraute Stimme und der brünetten Frau stockte für einen Moment der Atem.
"Hallo?", ertönte die Stimme erneut.
Mit einem leisen Aufstöhnen begriff Kristen, dass dort am Telefon nicht ihr Partner mit ihr sprach. "Hallo. Hier ist Kristen Brown!"
Für einen Moment herrschte Schweigen und sie fragte sich unwillkürlich, ob Jethro seinem Vater überhaupt von ihr erzählt hatte.
"Kristen! Entschuldigen Sie, ich hatte nicht damit gerechnet mit Ihnen zu sprechen. Ich freue mich, dass wir uns endlich einmal kennen lernen. Leroy hat mir... von Ihnen erzählt. Ich... ich freue mich für Euch beide, auch wenn... Entschuldigen Sie bitte, Kristen. Mein Sohn wirft mir ständig vor, dass ich zu viel rede."
Jackson lachte leise auf.
Kristen ließ sich mit weichen Knien auf der Treppe nieder und verbarg das Gesicht in einer Hand. "Mr. Gibbs... Ich... Gott, wie sage ich es Ihnen jetzt am besten?"
"Was ist passiert? Ist mein Sohn verletzt?" Jacksons Stimme klang alarmiert.
Kristen seufzte leise. "Wir wissen es nicht. Es fehlt jede Spur von ihm und... Der PickUp... Er wurde aus dem Potomac geborgen. Polizeitaucher suchen nach ihm... Nach Jethro und Ziva. Ziva David. Vermutlich waren die beiden zusammen unterwegs."
"Der Junge hatte einen Unfall? Er wollte doch heute zurück fahren... Zu Ihrer Farm..."
Ducky, der neben Kristen stehen geblieben war, warf der Jüngeren einen fragenden Blick zu und deutete auf das Telefon. Sie nickte und versuchte den Kloß in ihrem Hals hinunter zu schlucken.
"Mr. Gibbs. Vielleicht... Dr. Mallard steht neben mir und... Er kann Ihnen erklären was wir bisher wissen, ja? Ich... Es tut mir leid."
Ihr klang nur ein zustimmendes unartikuliertes Geräusch entgegen.
Ducky griff nach dem Telefon und begann Jackson Gibbs von den Geschehnissen zu berichten. Kristen blieb sitzen und lehnte den Kopf gegen die Wand.
Der alte Pathologe setzte sich neben sie und reichte ihr das Telefon. "Jackson wird versuchen so schnell wie möglich herzukommen."
Kristen nickte nur stumm.


16. Kapitel



Mit einem Lächeln auf dem Gesicht, stieg Anthony DiNozzo Sen. aus dem Taxi. Genüsslich sog er die kalte Dezemberluft in seine Lungen, die durch die letzten Monate nur heißen Wüstenwind gewöhnt waren. Pfeifend ging er auf den Navy Yard zu. Eigentlich war es für einen Arbeitsbesuch zu spät, aber da er wusste das das Team viele Tage die Woche auch bis in die Nacht arbeitet, machte er sich Hoffnung seinen Sohn noch anzutreffen. Es war für ihn etwas befremdlich, aber er freute sich wirklich aufrichtig auf seinem Sohn. Das letzte Treffen zwischen ihm und Tony lag viel zu lange zurück.

Als er das Angebot von Prinz Omar Ibn Alwaan bekommen hatte, steckte er in einem tiefen schwarzen Loch. Zu dem Zeitpunkt war er so pleite, das er sich Sorgen über die Zahlung seiner Miete machte und er war gerade von seiner neusten weiblichen Errungenschaft verlassen worden. Die Einladung von Prinz Omar war ihm wie ein Sechser im Lotto erschienen. Er konnte und wollte sie nicht ausschlagen. Ohne sich weitere Gedanken zu machen, hatte der das kleine Apartment gekündigt und seine Sachen gepackt. Er hatte zweimal versucht seinen Sohn anzurufen um sich für die nächsten Wochen abzumelden, aber er hatte immer nur seine Mailbox erreicht und zurück gerufen hatte Junior nicht. Also hatte er die wenigen Sachen, die er im Moment noch besaß, zusammengerafft und war nach Dubai entschwunden.

In den ersten Monaten hatte er sich wie in einem Märchen von Tausend und einer Nacht gefühlt. Aber mit der Zeit war all der Luxus und die Schönheit der Wüste vergangen und zurück geblieben war nur Normalität und Langeweile. Gott sei Dank, hatte der Prinz nichts von seiner Risikobereitschaft aus jungen Jahren verloren, so das DiNozzo Senior ihn zu einem gewagten Geschäft überreden konnte. Tja, „Pech in der Liebe, Glück im Spiel“, so hieß es doch, das alte Sprichwort. Jedenfalls hatte er mit dem Spekulationsgeschäft Glück gehabt und so folgte eins dem anderem. Jetzt verfügte er zum ersten Mal seit Jahren, wieder über ausreichend liquide Mittel und da Weihnachten vor der Tür stand, hatte er sich entschlossen, seinem Sohn einen Besuch abzustatten.

Leider traf er in Tonys Wohnung niemanden an und ein ihm zufällig über den Weg laufender Nachbar, wusste nur das er Junior schon Monate nicht mehr gesehen hatte. Erst beim Hausmeister wurde er fündig. Sein Sohn sollte eine Freundin haben. Jedenfalls hatte dieser häufiger eine junge Frau bei ihm übernachten sehen und irgendwann war er dann nicht mehr nach Hause gekommen. Da aber die Miete immer pünktlich überwiesen wurde, hatte er sich keine großen Gedanken darüber gemacht und den besorgten Vater nur an Tonys Arbeitsstätte verwiesen, zu der er jetzt unterwegs war.

Er hob die Hand um Josh, den alten Wachmann, den er noch von seinen früheren Besuchen her kannte, zu grüßen. Doch anstelle des bekannten Gesichts sah ihn ein junger Wachmann fragend an.
„Was kann ich für Sie tun, Sir?“, fragte er militärisch schneidig.
„Ähhmm, hat Josh frei?“, fragte DiNozzo Sen.
„Nein, Sir, Wachmann Josh Sanders, weilt leider nicht mehr unter uns. Was kann ich also für Sie tun?“
Tony Seniors Augen weiteten sich. Tot!? Dabei hatte der Wachmann auf ihn immer so einen fitten Eindruck gemacht.
„Das tut mir leid“, sagte er mitfühlend. „Hatte er einen Unfall?“
Der junge Mann sah ihn etwas befremdlich an. „So könnte man es sagen“, war alles was er darauf antwortete, dann wechselte er wieder abrupt das Gespräch. „Nun Sir. Wie kann ich Ihnen nun helfen?“
„Bitte melden Sie mich bei Agent Gibbs‘ Team an.“
Der junge Mann nickte ihm zu und sah auf seinem Bildschirm, dann schüttelte er mit dem Kopf. „Tut mir leid Sir, aber es gibt hier kein Team Gibbs.“
Anthony Senior zog die Stirn kraus. „Das muss ein Irrtum sein. Schauen Sie noch einmal nach“, forderte er ihn auf.
Wieder vertiefte der Wachmann sich in seinem Bildschirm, aber er kam nur wieder zu dem gleichen Ergebnis und schüttelte den Kopf.
„Nein, definitiv kein Team Gibbs.“
Anthony Seniors Augenbrauen zogen sich zusammen. „Also vor einem halben Jahr, gab es dieses Team noch“, sagte er aufgebracht.
„Vor einem halben Jahr, war ich noch nicht hier, Sir.“
„Dann informieren Sie bitte sofort meinem Sohn, Spezial Agent Anthony DiNozzo Junior.“
Wieder verglich er das Gehörte mit den Unterlagen.
„Nein, auch hier, niemand mit diesem Namen...“ Dann stockte er plötzlich. „Doch, ich glaube ich habe Ihren Sohn gefunden. Aber er ist nicht mehr.....“, weiter kam der junge Wachmann nicht, da er von einer tiefen Stimme unterbrochen wurde.
„Das lassen Sie mal meine Sorge sein, Mike.“
„Ja Sir, natürlich Mr. Direktor. Ich wusste nicht, dass Sie so spät noch hier sind“, kam es pflichtbewusst von ihm.
Vance hob abweisend die Hand. „Ich hatte noch etwas zu erledigen.“
Tonys Vater blickte hoch und geradewegs in Direktor Vance‘ ernstes Gesicht.
„Mr. DiNozzo. Wenn Sie mir bitte folgen wollen? Ich denke wir haben einiges zu bereden.“
Anthony runzelte die Stirn. Was war hier los? Warum gab es Gibbs‘ Team nicht mehr? Und warum kümmerte sich der Direktor persönlich um ihn? Misstrauisch folgte er ihm in die obere Etage.

***



McGee schloss die Tür zu seinem Apartment und ließ seine Jacke ungeachtet auf den Boden fallen. Die Kiste mit Abbys Laborhabseligkeiten verwahrte er in seinem Kleiderschrank auf. Schnell hatte er das Zimmer erreicht, zog die Box aus dem Fach und trug sie ins Wohnzimmer. Missmutig ließ er sich auf dem Sofa nieder. Es war das erste Mal, dass er die Kiste wieder in die Hände nahm. Mit einem Seufzer öffnete er den Pappkarton und fast augenblicklich schlich sich ein Grinsen auf sein Gesicht, als er die diversen Figuren betrachtete. Nur zu gut konnte er sich an jede einzelne und ihren Standort im Labor seiner niedlichen Goth erinnern. Tim musste einen Teil der Püppchen und eine kleine Porzellankatze heraus nehmen, bevor er an Abbys privaten Laptop kam.

Vorsichtig, wie ein rohes Ei, nahm er das Notebook aus der Kiste und legte es auf seinen Schoß.
„McGeeeeeeeeeeeee“, hörte er plötzlich eine ihm nur zu vertraute Stimme hinter sich. Der Schreck, der ihm durch die Glieder fuhr, war so groß, das er beinahe den Laptop fallen gelassen hätte. Krampfhaft schloss er die Augen und presste die schwarze Kiste an seine Brust. Wenn er es ignorierte, würde es auch wieder vergehen, oder?
„Timmy, Timmy, Timmy.“
Wieder diese Stimme, dachte er erschauernd. Sie ist tot, TOT!
„Jetzt mach schon deine Augen auf und sieh mich an.“
Sollte er eine Antwort geben, oder weiterhin so tun als höre er sie nicht?
„McGee, sofort! Hörst du?“
An ihrer Stimme konnte er ihre Gefühlslage erkennen und die schien nicht sehr ausgeglichen zu sein. „Auf keinen Fall“, antwortete er ihr. Er würde den Anblick seiner durchlöcherten Freundin nur schwer ertragen können. Es gab einen Grund, dass er sich nicht persönlich von Abby verabschiedet hatte. Er wollte sie einfach schön in Erinnerung behalten, ohne Blut und Einschlusslöcher.
„Warum?“, fragte sie und hörte sich verwirrt an. „Jetzt mach schon die Augen auf. Ich bin es doch nur, Abby.“
„Du ist tot“, erklärte er ihr, nur für den Fall das sie das vergessen haben sollte.
„Ich weiß“, kam es von ihr wie selbstverständlich zurück.
Zögerlich öffnete er zuerst ein Auge. Sie stand vor ihm, so schön wie eh und je. Ihre Rattenschwänze wackelten im Takt ihrer Bewegungen. Sie trug das rote kurze Schottenröckchen, das er so an ihr liebte und dazu kniehohe schwarze Strümpfe und rote Plateauschuhe. Von ihrem ebenfalls schwarzen Oberteil schaute ihm ein lächelnder, ganz der Jahreszeit angepasster, Santa entgegen.
„Abby“, kam es glücklich über seine Lippen und er entschloss sich nun auch das zweite Auge zu öffnen.
„Ja, ich bin es, ich bin es, ich bin es“, kam es von der Goth und aufgeregt hüpfte sie vor ihm auf und ab.
„Warum sagst du eigentlich alles dreifach?“, fragte Tim interessiert.
„Kennst du Beetlejuice, Beetlejuice, ….?“, doch diesmal sprach sie es kein drittes Mal aus, sondern schlug sich nur die Hand vor dem Mund.
„Den Film?“, fragte er verwirrt.
„Ja“, flüsterte sie und sah sich vorsichtig zur Seite um. „Alles was du dreimal sagst, das geht auch in Erfüllung.“
McGee zog die Stirn kraus. „Und du glaubst an diesen Unsinn?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin doch hier, oder?“
Da hatte sie auch wieder recht, dachte sich der M.I.T. Absolvent.
„Du hast mir nicht zufällig einen Caf-Pow! mitgebracht?“, fragte sie ausweichend, wartete aber keine Antwort ab. „Freust du dich auch mich zu sehen? Also ich freue mich jedenfalls dich zu sehen. Weißt du das ist alles so seltsam für mich. Die Beerdigung….brrrrhhh“, machte sie und schüttelte sich leicht. „Ich hab Tony vermisst. Wo war mein Tiger?“
Verblüfft lachend sah er ihr zu. Sie hatte sich nicht verändert, überhaupt nicht. „Du bist tot Abby“, kam es von im grinsend. „Ich weiß nicht ob du überhaupt trinken kannst?“ Die Pfütze die er sich unter ihr vorstellte, brachte ihn erneut zum Schmunzeln.
„Stimmt“, sagte sie und zog ebenfalls lachend ihr Kinn kraus und dann wurde sie schnell wieder Ernst. „Ich hab dich vermisst.“
McGee schluckte. Vergessen war auch seine Belustigung. „Ich dich auch“, flüsterte er ihr zu.
Sie schenkte ihm ihr bezauberndes Lächeln. „Und? Was ist nun mit meinem Tiger?“, erschreckt sah sie ihn an. „Oh Gott Timmy? Er ist doch nicht etwa auch? Aber nein, das wüsste ich doch. Also jetzt erzähl mir, warum war er nicht auf meiner Beerdigung? Sogar Ziva war da und hat geweint. Das erstaunt mich ja eigentlich immer noch.“ Die Sätze sprudelten nur so aus ihr heraus.
Tim sah sich hilfesuchend um, aber konnte man überhaupt vor einem Geist flüchten? „Er lebt, lag zu dem Zeitpunkt aber noch im Bethesda.“ Er hielt die Antwort so kurz wie möglich. Wie sollte er ihr die Grausamkeiten auch erklären?
Sofort verdunkelte sich ihr Gesicht. „Jetzt geht es ihm wieder gut?“, fragte die hoffnungsvoll. „Es geht ihm doch gut, oder Tim!?“
„Er braucht noch etwas Zeit, aber er wird wieder werden.“
McGee konnte förmlich sehen, wie sie im Geiste die Tage und Wochen zählte. „Was verheimlichst du mir?“, fragte sie bedrohlich und kam so nah auf ihm zu, dass er ihre Energie knistern hören konnte.
„Nichts“, und als er ihren Blick bemerkte. „Wirklich nichts, Abby.“
„Mhhhmm“, machte sie. „Dann will ich es erst einmal dabei belassen.“ Sie drehte sich einmal im Kreis. „Wie geht es Gibbs und den anderen und warum brauchst du mein Notebook?“
Er hatte es ja geahnt. So leicht ließ sie sich nicht abwimmeln. Seufzend stand er vom Sofa auf und entschloss sich ihr die Wahrheit zu sagen. Sie würde schon keinen Herzinfarkt bekommen, immerhin war sie ja schon tot. „Ziva und Gibbs wurden entführt. Wahrscheinlich hat Direktor Vance da seine Finger mit im Spiel.“ Schnell brachte er sie auf dem Stand der Dinge und erzählte ihr auch von Leons missratenen Auftritt in Gibbs‘ Haus.
Jegliche Farbe war aus ihrem hübschen, eh schon viel zu bleichen Gesicht gewichen. „Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott“, flüsterte sie ihr Mantra. „Los Timmy, zieh deine Jacke an und rette die Beiden. Was sitzt du hier noch herum? Du musst dich beeilen!“ Am liebsten hätte sie ihm die Jacke gereicht, aber aus irgendeinem Grund wusste sie, dass ihr das nicht möglich war. Aufgeregt klopfte sie die Fingerspitzen gegen einander. „Nun mach schon Timmy. Es geht immerhin um meinen Silberfuchs und Tonys Freundin“, sagte sie schmollend.
„Woher weißt du, dass Ziva Tonys Freundin ist?“
„Oh Timmy, manchmal bist du aber auch ein Stoffel. Das hat doch ein Blinder gesehen.“ Während sie sprach, wackelte sie mit dem Kopf, das ihre Zöpfe nur zu flogen. „Die gemeinsamen Filmabende. Die Toilettenbesuche zu zweit. Die Blicke. Alles sprach schon seit Monaten dafür.“
Vielleicht hatte sie recht, dachte Tim. Aus der Sicht, hatte er es noch nie betrachtet.
„Ziva ist schwanger. 5. Monat“, klärte er sie auf.
„Schwanger!?“, rief sie begeistert. „Ich werde Tante oder müsste es heißen ich war Tante?“ Grübelnd fasste sie sich an den Kopf. „Oder heißt es -war ich Tante werde-?“ Verwirrt schüttelte sie den Kopf um ihn wieder freizubekommen. „Egal, du musst jetzt fahren. Jetzt musst du dich noch mehr anstrengen und die Beiden finden. Versprich es mir McGee.“

Unschlüssig stand der M.I.T. Absolvent auf. Er wollte sich nicht von Abby trennen, jetzt wo es schien, dass er sie wieder gefunden hatte. Er brauchte sie einfach, ihre Nähe, ihre Art. Sie war sein fehlendes Glied zum Ganzen. Nur mit ihr, fühlte er sich ganz. Plötzlich tat ihm sein Verhalten gegenüber Tony leid. Immerhin hatte der sein Leben für Abby eingesetzt und dafür bitter bezahlen müssen.

Verhalten zog er seine Jacke ein und dreht sich noch einmal zu ihr um. „Darf ich dich in dem Arm nehmen.“
„Ich weiß nicht ob das geht.“ Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah, fügte sie schnell hinzu: „Wir können es aber mal ausprobieren, oder was meinst du?“
Tim öffnete seine Arme und Abby schmiegte sich kurz an ihn und im nächsten Moment durch ihn durch.
Traurig stand sie plötzlich wieder vor ihm. „Geht wohl doch nicht.“
„Nein“, sagte er leise und klopfte auf sein Herz. „Aber ich hab dich hier. Für immer.“
„Für immer“, sagte sie weinend und verschwand vor seinen Augen.

Schweren Herzens nahm er das Notebook wieder auf und verließ seine Wohnung.



17. Kapitel




Tief durchatmend schloss Kristen die Haustür hinter dem jungen Mann in der Uniform der Verkehrspolizei Virginias. Der Cop war gerade in dem Moment aufgetaucht, als Kristen das Gespräch mit Jethros Vater beendet hatte. Die Polizeitaucher hatten bislang keine Spur von dem Fahrer des verunglückten Pick-ups gefunden, auch von einer möglichen Beifahrerin fehlte bislang jede Spur. In stillem Einvernehmen hatten sich die Anwesenden darauf geeinigt, den Beamten nichts von den weiteren Spuren und Vermutungen zu berichten. Sie hatten Mittel und Erfahrungen genug, um die Suche nach Gibbs und Ziva selbst auf die Beine zu stellen.
Allmählich ahnte die brünette Frau, was es bedeuten würde, wenn Gibbs und Ziva nicht bald wieder auftauchen würden. Langsam verdichteten sich die nebulösen Ahnungen zu handfesten Befürchtungen.
Kristen lehnte sich an die Haustür und ging in Gedanken noch einmal die Informationen durch, die sich mit jeder Minute zu einem entsetzlichen Szenario manifestierten.
Noch während ihres Gesprächs mit Jethro, vor nun mehr... knapp 36 Stunden, hatte es an der Tür geläutet. Womöglich hatte es zu diesem Zeitpunkt begonnen. Am späten Nachmittag des Vortages hatte die Verkehrsüberwachung Kristens Pick-up aufgezeichnet, der durch die Stadt gesteuert wurde. Im Washingtoner Stadtteil Potomac verlief sich die Spur des Wagens und tauchte rund 5 Meilen entfernt im Potomac River wieder auf, in Form eines gefluteten Autowracks.
Möglicherweise hatte der unbekannte Fahrer ihres Wagens Jethro und Ziva verschleppt, aber dann hatte dem ein Kampf vorausgehen müssen. Niemals hätten der Marine und die Agentin sich vollkommen wehrlos verschleppen lassen. Möglicherweise brauchte es aber mehr als nur einen Täter um Ziva und Jethro gefügig zu machen.
Und wenn es so wäre, worum ging es den Leuten hinter der Entführung? Sie wollte nicht an Mord denken, auch wenn sich die Bilder zweier Leichensäcke, gut beschwert mit einigen groben Feldsteinen, immer wieder in ihre Gedanken stahlen. Jethro... tot. Am Grund des Potomacs. Nein! Nein, nein, nein...
Kristen atmete tief durch und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Sie war seit beinahe 38 Stunden auf den Beinen, von den beiden Stunden unruhigen Schlafs kurz vor Agent DiNozzos Anruf einmal abgesehen. Der fehlende Schlaf steckte ihr in allen Gliedern. Die brünette Frau zwang ihre Gedanken zurück zum Wesentlichen.
Wenn ihre Theorie nun aufging, dann war Gibbs‘ Haus ein Tatort, den sie und Gibbs‘ Team wie ein Haufen Stümper verunreinigt hatten.
Gerade wollte sich die Frau von der Tür abwenden und ihre Gedanken mit den anderen teilen, als energisch angeklopft wurde. Als Kristen öffnete, fand sie sich ihrem Sohn gegenüber.
„Eric!“ Die Erleichterung war de ehemaligen Ermittlerin deutlich anzuhören. Mit einem matten Lächeln schloss sie ihren erwachsenen Jungen in die Arme und stellte fest, dass er scheinbar noch breiter geworden war. Eric war immer ein zierliches Kind gewesen, doch nun, im Alter von knapp 21 Jahren begann seine Brust breit und muskulös zu werden. Er ähnelte seinem Vater immer mehr. Lächelnd legte Kristen ihm eine Hand an die Wange. "Mein Großer..."
"Mum..." Der blonde Mann legte den Kopf schief und betrachtete seine Mutter forschend. "Du isst zu wenig und... solltest dringend schlafen!"
Kristen seufzte leise. "Du warst in letzter Zeit wohl zu oft mit Jethro zusammen..."
"Er macht sich sorgen um dich, weil er befürchtet, dass es dir nicht gut geht und du es vor ihm verbirgst, um ihn nicht zu beunruhigen. Ihr habt eine Macke. Aber nun müssen wir unbedingt an die Arbeit gehen, Mum! Endlich hast du mal einen Mann gefunden, den du für gut genug für uns befindest und dann kommt er dir abhanden... Naja, wir werden ihn schon wieder finden. Warte mal..."
Bevor Kristen etwas erwidern oder die Tür wieder schließen konnte, beugte Eric sich hinaus und hob einen mittelgroßen Stapel Kartons auf und trug sie an seiner Mutter vorbei ins Haus. Der Geruch fettiger Pizza stieg der Brünetten in die Nase. Das aufkeimende Hungergefühl ließ sie um ein Haar sabbern.
Mit einem freundlichen Gruß auf den Lippen ging der hochgewachsene junge Mann in das Wohnzimmer, wo McGee gerade dabei war seine Rechner anzuschließen und hochzufahren.
"Perfektes Timing!", begrüßte der Agent den Jüngeren freundlich und reichte ihm die Hand.
"Ich wusste nicht ob ihr schon gegessen habt. Pizza?"
"Eigentlich haben wir grad gegess..."
McGee fiel die Kinnlade herunter, als Kristen ohne großes Federlesen einen der zwei Kartons auf ihren Schoß hob und anfing zu essen, als sei sie vollkommen ausgehungert. Ducky, der gefolgt von Tony, dazu kam, zog amüsiert eine Augenbraue hoch.
"Vermutlich ist es mit meinen Kochkünsten nicht allzu weit her. Mein lieber Eric, wir hatten zwar nur sehr selten das Vergnügen, aber es freut mich Sie wieder zu sehen. Wenn auch unter diesen wenig erfreulichen Umständen." Mit einem warmherzigen Lächeln reichte der pensionierte Pathologe dem Forensik-Studenten die Hand. "Es ist wirklich großartig, dass Sie uns unterstützen wollen. Sie sind vermutlich einer der wenigen Menschen die eine ähnlich strukturierte Denkweise ihr eigen nennen dürfen wie unsere liebe Abigail."
"Keine Ursache, Doktor", murmelte Eric verlegen, während er versuchte seine Ausrüstung versuchte auf Gibbs‘ kleinen Esstisch unterzubringen.
"Niemand tickt so wie Abby! Prima, mein Kind in den Händen zweier Geeks. Das Leben ist doch echt zum Kotzen!", ertönte Tonys Stimme mürrisch.
"Anthony!" Ducky betrachtete den invaliden Agent einen Momentlang, dann schloss er kurz die Augen. "Du bist sicher erschöpft, mein Junge. Ruh dich ein wenig aus."
Ein leises Schnauben war die einzige Reaktion auf diese Worte. Tony war zum Fenster gerollt und schaute mit leerem Blick hinaus auf die verschneite, menschenleere Straße.



***



Zu tiefst geschockt, sah Anthony Senior den Direktor des NCIS‘ an. Noch immer konnte er das Gesagte kaum glauben. Abigail Suito, die kleine Abby sollte tot sein? Agent Gibbs und Dr. Mallard bereits im Ruhestand. Verwirrt sah er hoch und nahm von der Sekretärin eine Tasse Kaffee entgegen.
„Danke.“
Sie lächelte ihm aufmunternd zu und verließ das Zimmer.
„Geht es wieder?“, fragte Vance und beäugte den älteren Mann besorgt, der so langsam wieder etwas Farbe im Gesicht bekam.
„Ja, danke. Ich kann sehen, dass da noch etwas auf mich wartet. Habe ich recht?“
„Mhmmm, ja. Es geht um Ihren Sohn.“
Tonys Vater atmetet einmal tief durch. „Was ist mit meinem Sohn? Ist er auch tot?“, fragte er und spürte fast sofort Vance‘ Hand auf seiner Schulter.
„Nein, Ihr Sohn lebt.“
„Mein Gott, das ist ja nicht zum Aushalten. Jetzt sagen Sie mir endlich was mit meinem Sohn los ist!“ DiNozzo Senior hatte sich am Schreibtisch abgestützt und halb aufgerichtet. Wütend sah er den Direktor an.
„Beruhigen Sie sich erst einmal.“
Beruhigen sollte er sich? Der Mann hatte gut reden. Immerhin ging es hier um seinen Sohn.
„Bitte.“
„Ihr Sohn lebt und es geht ihm auch soweit ganz gut, aber er wurde schwer verletzt und befindet sich zur Zeit noch im Rehabilitationscenter, hier in D.C.“
Tonys Vater war schon aufgesprungen. „Wie komme ich dorthin?“, fragt er und griff bereits nach seinem Mantel.
„Warten Sie.“ Vance hielt ihn auf. „Ihr Sohn befindet sich im Moment in Gibbs‘ altem Haus. Sie wissen wie Sie dorthin kommen?“
„Ja, natürlich“, antwortete Anthony. „Aber sagten Sie nicht, er befände sich noch in der Reha? Warum ist er dann in Agent Gibbs‘ Haus, wenn dieser doch gar nicht in der Stadt ist?“
„Ich denke das sollte Ihnen Ihr Sohn selber mitteilen“, sagte der Direktor und nickte dem älteren Mann zu.
Anthony zog seinen Mantel an und setzte seinen Hut auf. „Danke dass Sie sich die Zeit genommen haben.“
Vance war ebenfalls aufgestanden und begleitete ihn zur Tür. „Sagen Sie ihrem Sohn, dass sie aufhören müssen. Sie dürfen nicht weiter in diese Richtung ermitteln.“
Tonys Vater zog die Stirn kraus. Was hatte das alles zu bedeuten? „Bitte? Wie soll ich das verstehen?“
„Das brauchen Sie nicht. Sagen Sie es ihm einfach.“ Damit war er entlassen und Vance wandte sich bereits seiner Sekretärin zu.
„Marissa, bitte rufen Sie für Mr. DiNozzo ein Taxi.“

***



Mit dem angebissenen Pizzastück in der Hand eilte Kristen hinüber in Gibbs‘ Küche und riss nacheinander die Schubladen auf. "Verdammt!", fluchte sie leise.
"Mum? Alles ok?", rief Eric während seine Finger über die Tastatur flogen und er und McGee in einer scheinbar fremden Sprache mit einander kommunizierten.
"Ich suche eine Taschenlampe. Er muss sie eingepackt haben. Aber..."
"Was wollen Sie damit?", knurrte Tony missgelaunt.
Kristen stellte sich in den Türrahmen der Küche und knabberte an ihrer Pizza, während sie versuchte ihre Gedanken in logische Formen zu bringen. "Es muss irgendwo begonnen haben, also möglicherweise hier. Jethro hat das Gespräch mit mir beendet, weil es an der Tür geläutet hat. Wenn jemand in das Haus kam, um Ziva und Gibbs zu überwältigen, dann hat es einen Kampf gegeben. Ein Kampf hinterlässt immer Spuren. Nun spinnen wir den Gedanken mal weiter. Angenommen, sie wurden am Morgen verschleppt und wir haben vom Nachmittag die Aufnahmen von dem Typ in unserem Truck... Vielleicht hat er hier geputzt und..."
"Mörder-Mum!! Dem Herrn sei Dank! Ich habe einiges an Spielzeug für Möchtegern-Ermittler im Auto..." Mit einem Lob heischenden Blick warf Eric seiner Mum die Autoschlüssel zu.
"Guter Junge!"
Hastig eilte Kristen hinaus und suchte die Dinge zusammen die sie eventuell brauchen könnte. Prustend stampfte sie sich den Schnee von den Schuhen. "Himmel, ist das kalt!"
Dann wandte sie sich erneut dem Geek-Team zu. "McGee, wir brauchen Informationen zu dem Fall, den Ziva mit Gibbs besprechen wollte. Ich weiß von Jethro, dass es um irgendeine unschöne Sache ging, in der der aktuelle SecNav eine Rolle spielt. Haben Sie eine Ahnung? Nicht? Hm.... Gibt es Leute hier in DC, die noch eine offene Rechnung mit Gibbs zu begleichen haben?"
Tony lachte bitter auf, auch Ducky schmunzelte, woraufhin Kristen mit den Augen rollte. "Kurz bevor es zu dem Amoklauf kam, gab es da besondere Vorkommnisse? Streit, eine nicht ganz lupenreine Verurteilung... Irgendwas? Tony? Wissen Sie was?"
Von einem leichten quietschen der Reifen begleitet, drehte Tony den Rollstuhl um und musterte die brünette Frau mit zusammengepressten Lippen. "Sind Sie jetzt der Boss, Chief Brown?"
"Ich werde nicht länger herumsitzen und darauf warten, dass sich die Eier von allein legen, Agent DiNozzo!"
Tony schnaubte unwirsch. "Wenn ich könnte, würde ich auch lieber auf und ab gehen!"
Kopfschüttelnd wandte Kristen sich von dem Mann ab und schaute nun fragend von McGee über Palmer zu Ducky.
"Ich... ich denke drüber nach, Kristen. Ich... ich weiß nicht recht" kam es von Tim, der aufstand und in Richtung Küche ging. "Ich mache noch mal Kaffee..."
"Beschaffen Sie uns irgendwie Zivas aktuelle Fälle, Tim. Bitte!"
Schulterzuckend ging Kristen zurück in den Eingangsbereich des Hauses und schaute sich suchend um.
Das Geräusch des sich nähernden Rollstuhls ließ Kristen aufschauen.
"Nach ihrer Zeitrechnung befinden sich Ziva und Gibbs seit rund 36 Stunden in der Gewalt eines Entführers. Das lernt man doch selbst auf einer banalen Polizeischule im ersten Jahr, oder, Chief? 36 Stunden, keine Kontaktaufnahme, keiner Forderungen... Entweder ein Perverser, der seine abartigen Fantasien an ihnen auslebt oder... Und in meinen Augen die wahrscheinlichere Variante: Ziva und Gibbs sind längst tot! Wie auch immer, am Ende wird es ohnehin darauf hinaus laufen."
Mit emotionslosem Gesichtsausdruck rollte der ehemalige Agent an Kristen vorbei den Flur hinab in Richtung Badezimmer.




18. Kapitel



Kaum hatte er die Badezimmertür hinter sich ins Schloss gezogen, brach seine sorgsam aufrecht gehaltene Fassade zusammen. Als die erste Träne der Schwerkraft folgte, hielt er den Druck in seinem Herzen nicht mehr aus und schlug wütend gegen die gekachelte Wand. Nur mit Mühe konnte er ein Stöhnen verhindern und der darauf einsetzende Schmerz in seiner Hand, verdrängte kurzfristig die Hoffnungslosigkeit, die in ihm wütete. Tot? Wie konnte er nur an so etwas denken. Tot!? Wütend über sich und seine Hilflosigkeit wischte er sich mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht. Sein Vater würde ihn jetzt schelten, dachte er und ein hinterhältiges Grinsen schlich sich ein. Ein DiNozzo weint nicht. Damit war er aufgewachsen. Das war ihm mit der Muttermilch eingeflößt worden. Verwundert stellte er fest, dass ihm das egal war.

Tot!? Er konnte an nichts anderes mehr denken und er wusste das alles darauf hinaus lief, aber Ziva, das Baby und Gibbs? Das konnte nicht sein. Das durfte einfach nicht sein. Wie sollte er weiterleben, alleine? Noch immer liefen ihm Tränen über das Gesicht. Es war aussichtslos, hoffnungslos. Die Chancen die Beiden lebend zu finden, waren mehr als gering, das wusste er aus langer Erfahrung, aber tief in ihm drin weigerte er sich dies einzugestehen. Seine Gefühlswelt war vollkommen durcheinander. Hoffnung und Verzweiflung gaben sich die Hand. Warum? Warum passierte ihnen das alles? Warum konnten sie nicht glücklich werden? Normal, wie andere junge Paare auch. Vereint. Noch vor kurzer Zeit hatte er sich vorgenommen ihr zu Weihnachten einen Heiratsantrag zumachen, weil er Ziva liebte und damit sein Kind seinen Namen bekam. Doch der Übergriff auf den Navy Yard und seine Behinderung, ließen das nun nicht mehr zu und irgendwann war er zu dem Entschluss gekommen, das Ziva und das Kleine ohne ihn besser daran waren und er hatte versucht sich aus der Beziehung zurück zuziehen, doch Ziva hatte das nicht zugelassen und die ganze Zeit über weiterhin zu ihm gestanden.

Die Angst um sie schnürte ihm die Kehle zu und nahm ihm die Luft zum Atmen. Allein der Gedanke, dass sie in die Arme eines perversen Fieslings geraten seinen könnten, reichte aus auch die Wut wieder in ihm aufsteigen zu lassen und ein zweites Mal holte er aus und schlug mit der Faust gegen die Wand. Mit Befriedigung sah er, dass dort, wo sein Schlag aufgekommen war, die Fliese einen Sprung aufwies.
Insgeheim gab er Gibbs‘ Partnerin recht. Er musste langsam seinen Arsch hochbekommen und die Sache in Angriff nehmen. Er würde sie nicht aufgeben, denn sie hatte ihn auch nie aufgegeben. Ziva war findig, seine kleine Ninja würde sich schon etwas einfallen lassen. Mit jedem Gedanken in diese Richtung, spürte er wie er freier Atmen konnte. Die Anspannung und das Zittern wichen einem neuen Unternehmungsdrang. Langsam rollte er zum Waschbecken, um sich die verräterischen Spuren aus dem Gesicht zu waschen. Der Blick in den Spiegel ließ ihn stocken. Unter seinen Augen sah er dunkle Ränder, die Wangen waren eingefallen. Ducky hatte Recht, er war viel zu dünn für seine Größe und auch der Stress der letzten Zeit und der erneute Anfall hatten ihr Übriges dazu getan. Es wurde Zeit etwas zu ändern.

***



Beunruhigt, und mit einem flauen Gefühl im Magen, bezahlte Anthony Senior den Taxifahrer und ging schnell auf die Haustür zu. Verwundert stellte er fest, dass vor der Tür Dr. Mallards Morgan, sowie ein ihm nicht bekannter New Beetle standen.
Da er wusste, dass Agent Gibbs‘ Haustür nie abgeschlossen war, überlegte er nicht lange und öffnete zeitgleich mit einem Klopfen die Tür. Erst jetzt wo er leise rufend in der Diele stand, fiel ihm auf, dass er vergessen hatte Direktor Vance nach Juniors Verletzungen zu fragen.
„Hallo?“, rief er in den Raum, blieb aber an der Tür stehen. „Hallo, ist jemand da?“
Aus dem Wohnbereich hörte er Stimmen und ging selbstbewusst dem Klang nach. Was machte eigentlich sein Sohn hier, wo er sich doch eigentlich noch in der Rehabilitation befinden sollte? Nur wenige Schritte trennten ihn noch vom Wohnzimmer. Noch immer hatte ihn keiner entdeckt. Als erstes sah er Dr. Mallard und eine ihm nicht bekannte Frau, die in ihr Handy sprach. Auf der Couch vor dem alten, in die Jahre gekommenen Fernseher, saß der Pathologie-Assistenten und zappte durch die fünf Kanäle, die das Gerät empfangen konnte. Auf dem Esszimmertisch stand ein aufgeklappter aber nicht genutzter Laptop, aber seinen Sohn sah er nicht.
Langsam ging er auf den Senior Pathologen zu und dieser sah ihn jetzt verwundert an.
„Mr. DiNozzo? Was verschafft uns die Ehre?“
„Ich suche meinen Sohn“, sagte Anthony Senior und nickte der Frau am Telefon zu.
„OH, darf ich fragen woher Sie wissen das Anthony sich hier befindet?“
„Ich war im Hauptquartier und da hat Direktor Vance mit mir gesprochen.“
„OH“, sagte Ducky wieder. „Es tut mir leid, ich hoffe es war nicht zu schwer für Sie?“
Tony Senior runzelte die Stirn. Was sollte nicht so schwer für ihn gewesen sein? Dass die hübsche Abigail bei dem Attentat gestorben war, tat ihm ja auch leid, aber so eng war ihre Beziehung nicht gewesen.
„Ah, wie ich sehe, kommt da Ihr Sohn“, sagte der Pathologe in dem Moment.
Tonys Vater setzte sein bestes DiNozzo Lächeln auf und drehte sich mit wehendem Mantel zu seinem Sohn um. „Junior......“, sagte er und verstummte schlagartig.
„Dad?“, murmelte sein Sohn, der gerade aus dem Bad gerollt kam. „Was machst du hier?“
Anthony Senior wollte seinen Augen nicht zu trauen. Er spürte wie ihm der Schreck der Erkenntnis durch Mark und Bein fuhr. Seine Knie wurden weich und nur ein schnell von Dr. Mallard herbei gezogener Stuhl, verhinderte dass er zu Boden ging.
„Junior, ich....“ Noch immer fassungslos zog er sich den Hut vom Kopf und fuhr sich fahrig über die Stirn. „....ich wusste nicht... Direktor Vance hatte nichts dergleichen erwähnt... ich....“, stammelte er verwirrt und sah zu seinem vor ihm sitzendem Sohn.
„Lass es gut sein, Dad“, kam es von Tony, während er seinen Stuhl wieder zum Fenster drehte und seinen Vater einfach sitzen ließ.
„Nein, ich.... Anthony, ich wusste nicht ...“, rief er ihm nach und machte Anstalten vom Stuhl aufzustehen, doch eine Hand auf seiner Schulter hielt ihm zurück.
„Lassen Sie ihm etwas Zeit. Die Situation ist auch für ihn nicht einfach. In der Zwischenzeit können wir uns unterhalten“, klärte der alte Mediziner ihn auf.
Doch während Ducky sprach, hatte Tonys Vater nur Augen für seinen Sohn. Wieder einmal war er in einer brenzligen Situation nicht da gewesen. Schon wieder hatte er versagt. Wieso passierte das nur immer in seinem und Juniors Leben? Er war voller guter Vorsätze nach D. C. geflogen. Es gab so viel in ihrem Leben, das es zu richten gab und seine Uhr lief bereits auf Sparflamme. Zeit war etwas das ihm nicht mehr ausreichend zu Verfügung stand, denn immerhin hatte er die siebzig schon hinter sich gelassen.
„Mr. DiNozzo?“, drang eine leise Stimme in sein Bewusstsein.
„Mhhmm“, machte er, löste aber nicht den Blick von seinem Sohn.
„Wir haben versucht Sie zu erreichen, aber Ihr Anschluss war abgemeldet und Sie mit unbekanntem Ziel verreist.“ Ducky hob die Augenbrauen und sah Tonys Vater abwartend an.
Anthony Senior fuhr sich einmal über die Augen. „Ich hatte hier Probleme und habe die Einladung eines alten Freundes angenommen.“ Als er immer noch den fragenden Blick des Pathologen sah, fügte er hinzu: „Sie wissen doch Bescheid, mir stand das Wasser bis zum Hals. Es war meine letzte Chance.“ Versuchte er sich zu rechtfertigen.
„Sie hätten sich bei Ihrem Sohn abmelden können“, sagte Ducky und nahm ihm Mantel und Hut ab.
„Ich kann das jetzt nicht erklären, aber es hätte bedeutet, Schwäche zu zeigen. Und das wollte ich vor meinem Sohn nicht.“
„Er hätte Sie gebraucht. Die letzten drei Monate waren hart für ihn. Abigails Tod, seine Verletzung, Zivas Schwangerschaft...“
„Ziva ist schwanger? Wer...“, erkundigte sich Anthony Senior aufgeregt, nahm sein Taschentuch aus der Hosentasche und putzte sich den Schweiß von der Stirn.
„Ihr Sohn, wer auch sonst? Die Beiden sind schon länger ein Paar. Eigentlich sollten sie glücklich sein, aber Anthonys Behinderung macht alles nicht so einfach.“
„Ist sie...“, er schluckte schwer. Es fiel ihm schwer diese Frage zu stellen. „...ist es dauerhaft?“
Duckys Blick wanderte nun ebenfalls zu dem jüngeren Mann im Rollstuhl. „Das ist im Moment noch schwierig zu sagen. Das Rückenmark wurde stark gequetscht. Mit der Zeit, wird die Schwellung abklingen und dann wird man sehen. Allerdings hat eine zweite Kugel seine Hüfte zertrümmert. Die Operation war schwer und langwierig und man wird sehen wie viel sie haben richten können. Aber ich denke das ist im Moment seine kleinste Sorge.“
„Was meinen Sie?“, fragte Tonys Vater.
Der Pathologe a. D. wandte nun den Blick von Tony. „Ziva und Gibbs sind seit ungefähr 36 Stunden verschwunden. Wir wissen nicht wo sie sind, oder sagen wir mal wer sie entführt hat.“ Schnell brachte er den fassungslosen Mann auf den Laufenden.

***



Warum nur war sein Vater gerade jetzt wieder aufgetaucht? Was wollte er hier? Tony hatte schon genug eigene Probleme, da brauchte er nicht auch noch die seines unzuverlässigen Vaters. „Wo bist du nur, Ziva“, flüsterte er leise und blickte wieder aus dem Fenster in die beginnende Nacht. „Ich brauche dich hier.“ Da seine Augen brannten, schloss er sie kurz. „Ich schaff das nicht ohne dich.“
„Tony, es tut mir so leid“, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich.
„Was tust du hier?“, fragte er kalt.
„Ich wollte dich besuchen.“
„Wenn du mal wieder offene Rechnungen hast, dann kommst du umsonst. Ich habe im Moment kein Geld übrig.“ Noch immer hatte er sich nicht zu seinem Vater umgedreht.
„Darum bin ich nicht hier“, sagte Anthony Senior und setzte sich auf die Armlehne des Sessels.
„Warum dann?“, fragte sein Sohn.
„Um dich zu sehen?“
Bitter lachte Tony auf. „Ich bitte dich. Wer soll dir das glauben? Immerhin bist du einfach so verschwunden.“
„Es ging nicht anders, es gab keinen anderen Weg.“ Versuchte sein Vater sich zu rechtfertigen.
„Es gibt immer einen Weg“, antwortete Tony. Endlich drehte er seinen Stuhl um und sah seinen Vater an. „Gefällt dir, was du siehst?“
„Welchem Vater würde es gefallen, seinen Sohn verletzt vorzufinden?“, antwortete er ihm noch immer mit ruhiger Stimme. Er hatte sich gerade geschworen, sich nicht von Tony provozieren zu lassen. Er wusste nur zu gut, was Junior vorhatte.
„Wo hast du dich herum getrieben? Welchen deiner „Freunde“...“, er spie ihm das Wort regelrecht entgegen. „...hast du jetzt wieder ausgegaunert?“
„Niemanden.“
„Was ist es dann? Bist du auf der Flucht? Wenn ja, ICH kann dir nicht helfen“, wieder lachte er böse auf und deutete dabei auf seine nutzlosen Beine. „Lass mich einfach in Frieden und hau dahin ab, wo du hergekommen bist.“ Tonys Stimme war leise aber eisig.
Als Anthony Senior sah dass sein Sohn Anstalten machte den Rollstuhl wieder zum Fenster zu drehen, legte er ihm die Hand auf den Arm und hielt ihn auf. „Das werde ich nicht tun und du hörst mir jetzt gefälligst zu.“
„Weißt du was, Dad, ich scheiß auf deine Weisheiten. Ich bin der mit den kaputten Beinen. Was soll ich mit meinem Leben nun anfangen? Aber vielleicht kann ich ja beim nächsten „Gesucht wird der Krüppel der Nation“ Contest mit machen? Würde dir das GEFALLEN?“, höhnte er.
„Bist du jetzt fertig mit deinem Selbstmitleid?“ Sein Vater schüttelte den Kopf. „Können wir nicht wie normale Menschen miteinander reden? Ich weiß, dass dir viel Böses widerfahren ist, aber das ist kein Grund deine Wut an deinen Freunden aufzulassen. Sie lieben dich, aber du lässt keinen an dich heran. Und bevor du mir wieder vorwirfst, das ich das nicht verstehe, ich hatte gerade mit Dr. Mallard ein längeres Gespräch. Er hat mir alles erzählt.“ Abwartend sah er seinen Sohn an, aber als von diesem nichts kam, fühlte er sich bestätigt und fuhr fort. „Scheinbar bist du auch am Kopf verletzt worden“, kam es wieder von seinem Vater.
Tonys Kopf ruckte, seine Stirn zog er kraus und er warf ihm einen abschätzenden Blick zu, doch dieser zuckte mit keiner Wimper, sah ihn aber immer noch strafend an. „Meinem Kopf geht es gut“, murmelte DiNozzo Junior leise.
„Dann streng ihn an und hol Ziva und deinen Boss da heraus. Dafür brauchst du deine Beine nicht.“ Während er sprach, klopfte er ihm mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. „Du sagst doch immer dass du ein spezieller Spezialagent bist. Dann handle auch danach. Die anderen können deine Beine sein und du bist das Hirn.“ Wieder sah er ihn an, aber sein Sohn hatte den Rollstuhl gedreht und starrte aus dem Fenster. Scheinbar musste er härtere Geschütze auffahren. „Du wirst Vater Tony. Werde deinem Kind ein besserer Vater, als ich es für dich war.“ Langsam stand er auf und stellte sich hinter ihm. „Und jetzt habe ich für heute genug geredet. Da du meinen Anblick scheinbar nicht ertragen kannst, werde ich jetzt gehen. Du findest mich im Adams House.“
Doch auf eine Reaktion seines Sohnes wartete er vergeblich. Umso trauriger drehte er sich zur Tür.



19. Kapitel



Vom Klappern ihrer eigenen Zähne erwachte Ziva. Die leisen Geräusche der Wildtiere ließen erahnen, dass nun auch die zweite Nachthälfte allmählich in einen weiteren eiskalten Morgen übergehen würde.
Erstaunt stellte die ehemalige Mossad-Offizierin fest, dass ihr Entführer ebenfalls eingeschlafen war. Mein Gott, war dieser Mensch vertrauensselig.
Bereits in der Nacht war ein Gedanke in Zivas Kopf gewachsen, den sie nun umsetzen würde. Sie würde ihr Kind und sich selbst schützen, komme was wolle. Mit ruhigen, lautlosen Bewegungen griff sie nach einem morschen Stück Holz und begann vorsichtig kleine Teile davon zu lösen. Eine leichte Bewegung und ein Aufstöhnen ließen die Dunkelhaarige innehalten. Gibbs hatte sich eine Hand über das Gesicht gelegt und schien sich ins Bewusstsein zurück zu kämpfen.
„Still!“, zischte Ziva kaum hörbar und suchte Jethros Blick, der seine Hand hinab zu seinem geschwollenen Kiefer sinken ließ.
Sie zeigte ihm zwei dünne Stücke Holz und deutete auf das Teletakt-Halsband. Gibbs nickte kaum merklich, während sein Kopf noch immer auf dem Oberschenkel der Jüngeren ruhte.
Otaktay hatte ihr in der Nacht gesagt, dass jeder Versuch das Halsband zu lösen einen kleinen Alarm in dem Sender auslösen würde. So gab es nur eine Möglichkeit das unliebsame Foltergerät unwirksam zu machen. Sie musste verhindern, dass der Strom in ihren Körper geleitet wurde. Vorsichtig und mit steifen, klammen Fingern schob sie die Hölzer unter die Elektroden, die sich tief in das Gewebe an ihrer Halsseite drückten. Die Hölzer bohrten sich unangenehm in ihre Haut und engten sie noch weiter ein. Aber besser dass, als Schockwellen, die ihren Körper lähmen würden.
Ziva beugte sich zu Gibbs hinunter und wisperte: „Denkst du, du kannst laufen?“
Die Augen des Silberfuchses weiteten sich und er schluckte schwer. Seine Glieder fühlten sich taub und unbeweglich an, zudem fror er so sehr, dass er seine Füße nur noch erahnen konnte. Er war sich nicht sicher, ganz und gar nicht. Zudem pochte es unter seiner Schädeldecke unangenehm. Eine zuvor nie erlebte Trägheit hatte sich über seinen Körper gelegt. Doch Gibbs wusste, dass all diese Dinge die Folge der Unterkühlung und der Gehirnerschütterung waren. Würde er diesen Empfinden nachgeben, wäre das sein sicheres Ende. Allerdings... Eine Flucht, und das schien der Gedanke zu sein, mit dem die junge Frau spielte, schien ihm vollkommen unmöglich. In seinem Zustand würde er sie nur behindern. „Geh allein...“, nuschelte Gibbs undeutlich und schloss die Augen, als durch die Sprechbewegung der Schmerz in seinem Kiefer erneut explodierte.
Energisch schüttelte sie den Kopf, während sich Tränen in ihren Augen sammelten. „Nein! Er hat ein Messer in der Hand. Ich werde es ihm abnehmen und versuchen ihn damit außer Gefecht zu setzen. Die Klinge ist zu kurz um ihn ernsthaft zu verletzten, aber...“
Gibbs schaute der jungen Frau forschend in die Augen. „Geh... Tony...“ Er musste sie daran erinnern, was geschehen würde, wenn Ziva ihren Freund allein zurücklassen würde. Es ging Tony Momentan so schlecht, dass Jethro befürchtete, dass Zivas Ende auch seines bedeuten würde.
Er würde Otaktay schon lange genug beschäftigen können.
Doch Ziva schüttelte nur energisch den Kopf und knurrte mit grimmiger Entschlossenheit: „Entweder beide oder keiner! Und wenn wir noch lange diskutieren, brauchen wir es gar nicht mehr versuchen! Ich habe Motorengeräusche gehört.“ Sie deutete in Richtung Westen. „Es muss eine Straße geben, vielleicht sogar einen Ort.“
Gibbs nickte, wenn auch nur wenig überzeugt und versuchte sich in eine aufrechte Position zu bringen. Erstaunlicherweise ließ der Schwindel nach einigen Momenten nach, allerdings würden seine steifen Glieder ein rasches Fortkommen verhindern. Es war ein Himmelfahrtskommando, aber immer noch besser als in dieser Eiswüste auszuharren und auf einen schnellen Tod zu hoffen.
Schwer atmend stützte Gibbs sich an dem dicken Stamm einer alten Platane ab, während er sich mühsam auf die Füße kämpfte. Wie konnte dieser Mann hier in einer Seelenruhe schlafen, während er seine Geiseln ohne Fesseln in seiner Reichweite wusste? War der Mann ein solcher Dummkopf oder einfach nur so sehr von sich überzeugt? Vielleicht schlief der Dunkelhaarige auch gar nicht, sondern wartete nur darauf, dass Gibbs und Ziva den Fluchtversuch starten würden. Vielleicht wollte der Mann es so. Vielleicht hatte er die ganze Situation so inszeniert, um sie wie Wild durch die Wälder jagen zu können.
Was auch immer der Grund für das Verhalten dieses Mannes sein sollte, sie würden es schon bald erfahren.

Ziva schlich auf ihren Entführer zu, der sich immer noch im tiefen Schlaf befand. Das Messer hielt er nur locker in der Hand. Vorsichtig kam sie näher, warf ab und an einen Blick über die Schulter um nach dem Grauhaarigen zu sehen. Doch er schien sich im Griff zu haben und stand nur wenige Meter hinter ihr. Gerade in dem Moment, bevor Swiftcat sich im Schlaf bewegte, schnellte die Schwangere wie eine Viper vor und entwand ihm das Messer. Augenblicklich war er wach und fuhr hoch, seine Hände griffen in Zivas Richtung, doch Gibbs war schneller und trat ihm mit aller Kraft gegen die Brust des Indianers. Einmal, Otaktay brach auf die Knie; zweimal, sein Körper wurde zurück gerissen aber immer noch versuchte er auf die Beine zu kommen; dreimal, er erschlaffte und sackte in sich zusammen. Der letzte Tritt war dem Grauhaarigen durch Mark und Bein gegangen. Sein Kiefer pochte und der Schwindel hatte ihn kurzfristig wieder fest im Griff. Nur mir purer Willenskraft gelang es ihm auf den Beinen zu bleiben, aber er musste sich an einer Platane abstützen. Ziva hatte in der Zwischenzeit seinen Rucksack nach etwas, das sie zum Fesseln verwenden konnte durchsucht, aber außer einem dünnen Schal nichts Brauchbares gefunden.
„Das wird nicht lange halten, aber wir haben nichts anderes“, sagte sie und machte sich gleich an die Arbeit.
Etwas irritiert blickte sich Gibbs um. Wo war nur die Waffe? Vorhin hatte Swiftcat sie mit einem Gewehr bedroht, da war er sich sicher. Doch jetzt konnte er keine Waffe finden. Wo nur hatte der Mistkerl sie versteckt? Ziva war in der Zwischenzeit mit dem Fesseln fertig und kam wieder zu ihm gelaufen.
„Wir müssen los. Ich weiß nicht wie lange das halten wird“, teilte sie ihm mit und übergab ihm das erbeutete Messer, während der gefesselte Indianer mit leisem Stöhnen zu sich kam und begann an den Fesseln zu zerren. „Hast du die Schusswaffe gefunden?“
„Nein“, nuschelte Gibbs ihr zu und schloss vor Schmerz kurz die Augen, als sein Kiefer in Bewegung kam.
Zivas Augen hatten wieder Otaktay erfasst. „Wir sollten ihn einfach die Kehle durchschneiden... Wir sollten...“, stammelte sie und konnte ihre Furcht und Erschöpfung nicht länger überspielen.
Gibbs nickte ihr zu. Die Tritte die er dem Mann verpasst hatte, würden diesen nicht lange aufhalten. Der Grauhaarige hatte zu wenig Kraft um seinen Widersacher ohne Waffen nachhaltig zu schwächen. Er war bereit mit dem kleinen Messer die blutige Arbeit zu übernehmen, als Swiftcat Anstalten machte sich auf die Knie zu wuchten. Der Marine blickte auf das Messer in seiner Hand. Um eine schwere Verletzung zu erzeugen war es eigentlich zu klein. Aber mit etwas Glück würde er die Halsschlagader treffen. Viel Zeit blieb ihnen nicht.
Aus den Augenwinkeln sah er das Ziva, die ihre Decken und Schlafsäcke eingepackt hatte, Abmarsch bereit hinter ihm stand. Mit einem Ächzen trat er auf den gefesselten Mann zu, holte mit dem Arm aus und stieß das Messer in dessen Kopf- und Halsbereich. Ohne sein Ziel zu treffen: Otaktay schmiss sich zur Seite und begann wie von Sinnen zu treten. Wieder und wieder ließ der Silberfuchs das Messer vorschnellen, bis er endlich auf Widerstand traf.
Der Indianer wurde hart in die Wirklichkeit zurückgerissen und bäumte sich vor Schmerz auf, als sich die Klinge des Messers in den Muskel seines rechten Oberschenkels bohrte. Der Mann keuchte und bedachte den ehemaligen Ermittler mit einem tödlichen Blick. Gibbs betrachtete ihn aus eiskalten Augen und drehte langsam das Messer in der Wunde, bevor er es wieder heraus zog. Ihr Entführer grunzte wie in Tier, während er versuchte sich von seinen Fesseln zu befreien und Gibbs kam der Versuchung nahe, ihm noch einmal einen ordentlichen Tritt zu verpassen, doch seine Kräfte waren auch so schon zu einem winzigen Häufchen zusammengeschmolzen. Ziva schnappte sich Otaktays Rucksack und zusammen hasteten sie in Richtung Unterholz.

***



Gähnend stieg Kristen die Treppe hinunter. Sie hatte kaum ein Auge zu gekriegt. Insgeheim gab sie Tony DiNozzo Recht. Vermutlich waren Gibbs und Ziva längst tot. Doch wenn sie zuließ, dass dieser Gedanke sich in ihr festsetzte, dann würde sie zusammenbrechen.
Sie wollte nicht glauben, dass sie Gibbs verloren hatte. Niemals.

Mit müden Schritten ging sie ins Wohnzimmer, aus dem nur das Brummen der Lüftungen der Rechner zu hören war. Mit einem Lächeln ließ sie den Blick durch den Raum schweifen. Eric lag auf dem harten und vermutlich eiskalten Fußboden, seine Jacke unter dem Kopf und schnarchte leise, während McGees Kopf neben der Tastatur seines Computers auf der Tischplatte ruhte. Tony lag auf dem Sofa und schien fest zu schlafen. Eines seiner Beine war von der schmalen Liegefläche gerutscht. Kristen eilte hinüber um zu verhindern, dass auch der Rest des versehrten Mannes zu Boden krachen würde. Vorsichtig schob sie sein Bein zurück auf das Sofa und stopfte die Decke so fest, dass es nicht wieder passieren würde.

Das leise Klappern von Geschirr erklang aus der Küche. Begleitet von einem leisen Knarren glitt Kristen über die Holzdielen und entdeckte Dr. Mallard, dessen Haare vom Schlaf in alle Richtungen abstanden.
„Guten Morgen, Kristen. Haben Sie ein wenig schlafen können?", begrüßte der Ältere sie freundlich und reichte ihr eine Tasse Kaffee.
„Danke, Doktor. Nein... Kaum. Eric ist sofort zur Uni gefahren und hat eines der Lehrlabore nutzen, um die Blutspuren analysieren zu können, die ich gestern noch im Flur entdeckt habe. Ich weiß nicht ob er schon Ergebnisse hat... Ich habe nicht gehört, dass er wieder her gekommen ist. Aber wenn es dringend gewesen wäre, dann hätte er mich wohl geholt."
Kristen nahm einen Schluck Kaffee und lehnte sich an die Arbeitsfläche. Leise winselnd, zog Cara ihre Kreise durch die Küche.
„Das macht sie seit gut einer Stunde, Kristen. Wir sollten ihr eine Rückzugsmöglichkeit bieten. Soll ich im Keller nachsehen ob Gibbs irgendetwas da hat, das wir zur Wurfkiste umfunktionieren können? Vielleicht stellen wir es... in das kleine Gästezimmer?"

Die brünette Frau ging in die Hocke und versuchte die Hündin mit leisem Schnalzen zu sich zu locken, doch sie zog nur weiter ihre Kreise und wirkte eigenartig abwesend. „Das wäre nett von Ihnen."
Als Kristen sich wieder aufrichtete wurde ihr prompt schwarz vor Augen. Mit einem leisen Aufstöhnen umklammerte sie die Kante der Arbeitsfläche und presste sich eine Hand auf den Bauch. Die Übelkeit überrollte sie so plötzlich, dass sie nur noch in Richtung Mülleimer wanken konnte, bevor der winzige Schluck Kaffee auch schon zurückkam.
„Ach du meine Güte!", sagte Ducky leise und legte der Frau eine Hand auf den Rücken.
Als die körperliche Attacke ein Ende gefunden hatte, richtete Kristen sich langsam auf, dankbar für die stützende Hand des Pathologen a.D.
„Oh Himmel... Es tut mir leid."
„Nicht doch...", murmelte Ducky und führte die blasse Frau zu einem der Stühle, die von den jungen Männer an die Wand geschoben wurden waren, um mehr Platz für ihre Ausrüstung zu haben.
„Hatten Sie das schon öfter?"
Kristen nickte und lehnte den Kopf an die Wand. „Seit Wochen... Eine verschleppte Magen-Darm-Grippe... hoffentlich..."
Ducky fühlte den Puls der Jüngeren und musterte sie stirnrunzelnd. „Hoffentlich?"
Sie nickte seufzend: „Meine Mutter hatte Krebs... Sie... Es gibt Parallelen und..."
„Haben Sie sich schon untersuchen lassen, Kristen?", unterbrach Ducky die Brünette.
Kristen schüttelte nur den Kopf.
„Übelkeit, Schwindel, Erschöpfung? Noch andere Symptome?", hakte der alte Mediziner nach.
„Unterleibskrämpfe, aber das ist neu, seit einigen Tagen...", murmelte Kristen leise. Als sie den Blick hob und ein amüsiertes Schmunzeln im Gesicht des Pathologen entdeckte runzelte sie erstaunt die Stirn. „Doktor?"
„Darf ich Ihnen eine sehr persönliche Frage stellen, Chief?"
Kristen zuckte mit den Schultern. „Bitte..."
„Kommt ihre Periode regelmäßig."
„Ich... meine... WAS?" Sie wusste nicht was sie mehr aus der Fassung brachte, die Frage als solches oder die Vermutung, die dahinter steckte.

„Kann sich mal einer um den Hund kümmern? Der ist undicht!", kam es knurrend aus Richtung Sofa, vor dem Cara auf und ab ging und immer wieder, leise jaulend, dem darauf liegenden Tony gegen den Arm stupste.


*Neu* 20.07.2012

 

20. Kapitel



Swift Cat kam langsam und schwer humpelnd aus seinem Unterschlupf, in der einen Hand einen Köcher voller Pfeile, in der anderen Hand den Jagdbogen seines Großvaters. Das Gewehr hatte er sich über die Schulter gehängt. Die Jagd konnte nun endlich beginnen, dachte er siegessicher. Die beiden hatten genauso reagiert, wie er es sich ausgemalt hatte. Sie hatten ihre Chance sofort genutzt– wenn auch wenig Hoffnung für sie bestand wirklich davon kommen zu. Auch diesen hartnäckigen Angriff des Grauen hatte er nicht erwartet, viel eher hatte er geglaubt einen Mann hetzten zu können, der kaum genug Kraft aufbrachte einen Fuß vor den anderen zu setzen. Einerseits erfreute Swift Cat sich an dem Elan seiner Beute, andererseits war es ihm beinahe peinlich, dass er sich wie ein Grünschnabel hatte überrumpeln lassen.
Seine Fesseln zu lösen und die Wunde zu verbinden, hatte ihn länger aufgehalten als beabsichtigt.
Doch im Grunde war sein Plan aufgegangen. Der Krieger und die werdende Mutter waren auf der Flucht. Und wie hatte sein indianischer Großvater immer gesagt: „Nur wer seinen Feind ehrt, dem wird auch Ehre gebühren.“

*****

Dadurch, dass der Schnee das Mondlicht reflektierte, war es wenigstens nicht stockfinster. Trotzdem war ihre Flucht alles andere als durchorganisiert. Sie waren beide blind in den Wald gehastet und da die von Ziva wahrgenommenen Motorengeräusche nicht mehr zu hören waren, hatte sie vollkommen die Orientierung verloren. Ratlos blieb sie an einer Lichtung stehen und lauschte in die Dunkelheit. Als sie Gibbs Hand auf ihrem Arm spürte, zuckte sie zusammen und vergaß für einen Wimpernschlag ihre Mossad Ausbildung.
„Ziva?“, hörte sie ihn neben sich nuscheln, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht zu ihm umdrehen. Sie wusste, dass sie ihm viel zumutete. Gibbs war verletzt – die Hast durch den Wald musste für ihn die Hölle sein und sie mochte sich seine Schmerzen kaum vorstellen. Ziva hob eine Hand und strich sich die Tränen, die ihren Blick verschleierten, aus den Augen. Diese kopflose Flucht war eindeutig ihre Idee gewesen und jetzt stand sie mitten im Wald und heulte wie ein Schulmädchen.
„Ziva?“, erklang es wieder neben ihr und sie fasste endlich Mut ihn anzusehen.
Gibbs erschrak, als er die Hoffnungslosigkeit in ihren Augen sah. Stumm zog er sie in eine feste Umarmung. Für den Moment waren seine eigenen Schmerzen in den Hintergrund getreten. Beruhigend strich er über ihren bebenden Rücken, dann, als er spürte dass ihr Weinkrampf nachließ, schob er sie etwas von sich weg, damit er ihr in die Augen sehen konnte.
„Weiter...“ Als er sah, das sie nur stumm den Kopf schüttelte, fuhr er fort: „... schaffen das. ...dein Kind... Tony. ...sucht dich bestimmt.... wahrscheinlich schon ...Reha Krankenhaus verrückt.... gemacht.“ Die gesprochenen Wörter kamen zögerlich und er musste ein paar Mal die Augen schließen um den Schmerz zu bekämpfen.
Doch die Vorstellung entlockte beiden den Hauch eines Lächelns. Dankbar sah sie ihren ehemaligen Vorgesetzten an und legte ihre kalte Hand auf seine geschwollene Wange. Nur zu deutlich konnte sie den verschobenen Kiefer spüren. Das Sprechen musste ihm Höllenqualen bereiten.
„Weiter“, sagte Gibbs noch einmal und deutete mit dem Kopf in Richtung Süden.
Ziva nickte ihm zu und legte eine Hand auf ihren sichtbar gewölbten Bauch, während diesmal sie dem Grauhaarigen folgte. Er hatte recht. Sie würden es schaffen. Irgendwie.

Noch immer schallt der Grauhaarige sich einen Dummkopf. Er hätte Ziva das Messer überlassen sollen – selbst schwanger wäre sie beweglicher und wendiger gewesen. So steif wie er war hätte er einen Zweikampf niemals in Erwägung ziehen dürfen. Zudem kam noch, dass seine Sicht immer wieder verschwamm und er seine Umgebung kaum erkennen konnte. Auch jetzt ließ ihn die Sehstörung immer wieder innehalten. Schwer atmend stützte der Silberfuchs sich an einem Baum ab.

Ziva wusste nicht mehr wie lange sie nun schon auf der Flucht oder wie weit sie gekommen waren, aber sie wusste, dass ihr ehemaliger Boss nicht mehr lange durchhalten würde und ihr ging es nicht viel anders. Sie waren beide bis auf die Haut nass, vollkommen durch gefroren und sie stolperten mehr als dass sie liefen. Gibbs, der vor Ziva ging und die Richtung angab, hielt plötzlich und unerwartet an, so dass die junge Frau ihre Mühe hatte nicht in ihn herein zu laufen. Verwirrt sah sie ihn an.
„Was ist denn?“, flüstere sie ihm zu und blickte sich suchend um.
Jethro deutete an ihr vorbei und legte eine Hand an sein Ohr. Sofern er es vermeiden konnte, hatte er das Sprechen eingestellt. Ziva folgte seinem Blick und lauschte in die Dunkelheit. Jetzt hörte sie es auch. Motorengeräusche. Ihr Herz machte einen Satz und kurz wurden ihr vor Erleichterung die Knie weich, dann hatte sie sich wieder soweit ihm Griff, dass sie an ihm vorbei gehen und dem Geräuschen entgegen laufen konnte.
Auf einer kleinen Anhöhe wurde sie langsamer und konnte ihr Glück kaum fassen. Sie hatten wirklich eine kleine Tankstelle gefunden. Mitten im Nirgendwo. Leider schien sie nicht besetzt zu sein, aber trotzdem konnten sie sich dort erst einmal mit Lebensmittel versorgen und evtl. konnte sie von dort aus auch telefonieren und Hilfe kommen lassen. Ihre Gedanken wanderten kurz zu Tony und ihre Hände fuhren lächelnd über ihren Bauch, als sie ein hohes Sirren hörte. Schnell gewannen ihre Agentenfähigkeiten wieder die Oberhand.
„RUNTER!“, schrie sie dem Grauhaarigen zu und warf sich selber in den Schnee, als auch schon knapp über ihr ein dumpfes Aufschlaggeräusch zu hören war.
Ein Blick nach oben bestätigte sie in ihren Vermutungen. Pfeile. Er schoss aus reichlicher Entfernung mit Pfeilen auf sie. Vielleicht machte seine Beinwunde ihm ja doch mehr zu schaffen, dachte sie als sie den nächsten Pfeil kommen hörte.
Gibbs war in der Zwischenzeit, auf Händen und Knien zu Ziva gerobbt und deutete an ihr vorbei in Richtung der Tankstelle.
„Schnell, weiter..“, nuschelte er ihr kaum hörbar zu.
Die Brünette nickte ihm zu und kriechend schloss sie sich seiner Führung an.

´*****

Swift Cat beobachtete die beiden Flüchtenden mit seinem Nachtsichtgerät. Es lief alles genau nach Plan. Sie hatten die Motorengeräusche wahrgenommen und waren diesen gefolgt. Jetzt war seine Beute auf dem Weg zum Rasthaus. Gut so, dachte er grinsend – mit ein wenig Glück wäre bereits jemand auf der Suche nach den beiden, andere Bundesagenten vielleicht und jetzt bekämen diese Leute einen ersten Hinweis auf den Verbleib ihrer Lieben, endlich würde er ein Publikum bekommen. Swift Cat liebte die Phase, in der es auf das Ende zuging, wenn die Familie oder die Freunde anfingen zu betteln und zu flehen, seine Beute aber schon längst keine Kraft mehr hatte und sich den Tod herbeisehnte. Zufrieden hängte der Indianer sich seinen Bogen um und zog sich schnaufend an einem Ast in die Höhe. Jetzt wo er sich schnell bewegen musste, bemerkte er erst, dass die Messerwunde ihm doch arg zu schaffen machte. Aber er hatte schon früh gelernt Schmerzen willkommen zu heißen. Otaktay dankte seinen Ahnen für seine Stärke und nahm die Verfolgung wieder auf.

´*****

In dem Moment in dem sie die Straße erreichten, hörte der Beschuss schlagartig auf, doch sie rannten weiter auf die Tankstelle zu. Ziva lief so schnell sie konnte. Sie hörte ihren ehemaligen Boss neben sich keuchen, aber auch er wurde nicht langsamer. Erst als sie den Eingang erreichten und die Tür sich zu ihrer Verwunderung öffnen ließ, fielen sie vor Erschöpfung auf die Knie. Minuten lang war in der Hütte nur ihr Keuchen zu hören. Als sie Gibbs sah, der einen Tisch vor die Eingangstür schob, fing auch Zivas Verstand wieder an zu arbeiten und sie half ihrem Freund beim Befestigen ihrer „Burganlage“.
Danach suchte sie die Regale nach brauchbarem ab. Fand in einem Kühlregal einige belegte Sandwiches und mehrere Flaschen Coke. Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie war. Während ihr bei dem Anblick schon das Wasser im Mund zusammen lief, entdeckte sie in einem unteren Regal mehrere Dosen Slimfast. Sofort musste sie Grinsen. Das war ein wirklicher Glücksgriff.
„Gibbs, schau nur was ich gefunden habe. Nahrung“, sagte sie und lächelte ihn aufmunternd an.
Der Grauhaarige stand am Fenster und starrte in Richtung Wald. Noch war dort alles ruhig und von Swift Cat keine Spur zu sehen. Doch Jethro wusste, dass mit diesem Sadist nicht zu spaßen war.
„Essen?“, ging es Gibbs durch den Kopf, als Zivas Worte in sein Unterbewusstsein drangen. Allein der Gedanke bewirkte, dass ihm schlecht wurde und dabei knurrte sein Magen ohne Unterlass. Es reichte aus den Mund zu bewegen, um die Schmerzen wieder Karussell fahren zu lassen. Darum blickte er auch mehr als skeptisch zu Ziva. Doch diese reichte ihm nur eine kleine schmale Dose. Er las und stockte. „Diättrink?“ Abnehmen wollte er eigentlich nicht, doch als er die Inhaltsangabe las, verstand er. Denn diese kleine Dose hatte einen Nährwert von mehr als 250 Kilokalorien. Das war eine Mahlzeit. Anerkennend nickte er ihr zu und öffnetet den kleinen Verschluss und ließ sich das Zeug in den Hals rinnen. Gut schmeckte es nicht, aber das musste Ziva ja nicht wissen. Sie strahlte ihn einfach nur an, biss in ihr Sandwiche und kaute geräuschvoll.
„Hast du schon ein Telefon gesehen?“, fragte sie den Ex-Ermittler mit vollem Mund und blickte sich suchend um.
„Nein“, kam es knapp von ihm und er schluckte den letzten Rest seiner Mahlzeit herunter.
Wieder nahm er seine Position am Fenster ein, während Ziva die kleine Hütte nach einem Telefon absuchte. Sie zog ein paar Schubladen auf und fand überraschend schnell ein kleines schon in die Jahre gekommenes Handy. Sie warf ihrem Boss einen triumphierenden Blick zu, dann wählte sie Tonys Telefonnummer.

 

 

Kapitel 21


Tony lag nun schon seit einiger Zeit wach auf dem Sofa und lauschte den leisen Klängen der Hundegeburt. Seit Cara in den Wehen lag, drehte sich alles nur noch um diese Töhle. Am liebsten hätte er sich jetzt auf die Seite gedreht um alles um sich herum auszublenden, aber da ihm das nicht möglich war, blieb ihm nur der Versuch die Geräusche zu ignorieren, was ihm allerdings auch nur leidlich gelang. Als auf dem Tisch sein Handy anfing zu vibrieren, ruckte sein Kopf hoch.

Wer konnte das sein, dachte er verwundert und versuchte an das Gerät zu kommen, aber im Liegen waren seine Arme zu kurz. Schnell versuchte er seinen Oberkörper aufzurichten. Um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren, musste er ein Bein auf den Boden stellen, doch eine fürsorglich um ihm festgesteckte Decke verhinderte das und die Erdanziehung tat ihr übriges. Das Gewicht seiner Beine zog ihn von dem Sofa und mit einigem Getöse ging Tony zwischen der Couch und dem Tisch zu Boden, wobei der sich den Kopf an der Tischplatte anschlug. Der Sturz kam für ihn unvorbereitet und presste ihm die Luft aus der Lunge. Kurz blitzten Sterne vor seinen Augen und einen Moment lang wurde die Umgebung dunkel, doch dann hatte er sich wieder fest im Griff, stützte sich auf einen Ellenbogen und angelte mit dem anderen Arm nach seinem Handy. Mit dem Gerät in den Händen ließ er sich wieder zurück sinken und schnell fanden seine Finger den richtigen Kopf.

„DiNozzo?“, rief er in den Hörer.

~~~***~~~



Otaktay näherte sich humpelnd der Tankstelle. Sie schienen die trügerische Sicherheit des kleinen Gebäudes tatsächlich anzunehmen. Vermutlich hatten seine beiden Geiseln sich an den Lebensmitteln gestärkt und ein Lebenszeichen absetzen können.
Nun musste ihr Spiel allerdings weiter gehen, allzu schnell würden sie schließlich nicht voran kommen. Kein unnötiges Risiko!
Schnell und lautlos, wie er es von seinem Großvater gelernt hatte, näherte er sich der Tankstelle. Den zuvor platzierten Benzinkanister fand er blind. Den Inhalt verteilte er auf dem Boden vor den Zapfsäulen und rund um das kleine Wirtschaftshaus. Peinlich genau achtete er darauf, darauf ihnen einen Fluchtkorridor zulassen. Es würde ihnen keine andere Wahl bleiben als wieder in den Wald zu flüchten und da hatte er sie wieder unter seiner Kontrolle. Mit einem verschlagenen Gesichtsausdruck, ließ er sein Feuerzeug aufschnappen und zündete die Benzinspur an.

~~~***~~~



Ungeduldig wartete die Brünette darauf dass Tony den Ruf annahm. Als sie endlich seine Stimme hörte, entfuhr ihr ein erlösender Aufschrei.

„Tony“, rief sie zittrig in den Hörer.

„Ziva!?“ Ungläubig erstarrte er und erst als er sie ein weiteres mal seinen Namen rufen hörte, löste sich die Starre. „Was ist passiert? Sie haben Gibbs‘ Wagen gefunden. Ich dachte du, ihr....“

Ein kleines Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. „Beruhig dich. Es geht mir gut, aber Gibbs ist verletzt... wir sind...“, weiter kam sie nicht, da ein heller Lichtschein ihre Aufmerksamkeit ablenkte. „Was!? Er hat ein Feuer gelegt! Verdammt!“, flüsterte sie in das Telefon. Dann, ohne die Verbindung zu unterbrechen, steckte sie das Gerät in ihre Tasche. „Boss, wir müssen hier raus“, rief sie dem Grauhaarigen zu, doch dieser hatte sich schon den nun prallgefüllten Rucksack über die Schulter gehängt und hielt ihr die Tür auf.

Zusammen rannten sie zum zweiten Mal an diesem Abend um ihr Leben. Sie hatten gerade die Vorveranda verlassen, als es hinter ihnen die erste Explosion ertönte. Mit einem lauten Knall ging die erste Zapfsäule in die Luft. Ziva spürte wie sie von einer gewaltigen Druckwelle erfasst und in den Schnee geschleudert wurde. Schnee und Dreck nahmen ihr die Sicht, doch Gibbs hatte sie mit seinem Körper geschützt.

Eine Reihe hebräischer Flüche entfuhren Ziva, während der Grauhaarige ihr schon wieder auf die Beine half. Es war keine Zeit um auszuruhen oder Wunden lecken.

„Weiter“, raunte er ihr zu und zwang sie in Richtung Wald. Wieder rannten sie und die gerade gewonnenen Kraftreserven verpufften mit jedem Schritt, den sie tiefer in den Wald vordrangen. Als Zivas Fuß an einer Wurzel hängen blieb, wusste sie dass sie den Sturz nicht mehr abfangen konnte. Instinktiv legte sie beide Arme um ihren Bauch und drehte sich im Fallen noch auf die Seite. Sie spürte den Ruck der durch ihr Bein ging, als der Boden immer näher kam und sie konnte sich den Schrei beim Aufprall nicht mehr verkneifen.

~~~***~~~



„Ziva, ZIVA, ZZIIVVAA“, schrie Tony in sein Telefon, aber die Verbindung war schon abgerissen. Er hatte noch die Explosion hören können, dann wenig später Zivas Schrei. Fast verrückt vor Angst, versuchte er sich aus der Decke zu befreien. „BAMBINO, ERIC aufwachen! Ihr müsst den Anruf zurück verfolgen“, schrie er ihnen zu, schaffte es aber immer noch nicht sich von der Decke zu trennen.

Von der anderen Zimmerseite hörte er erschreckte Stimmen. Auf seinen Ellenbogen zog er sich zwischen Sofa und Tisch in den Raum und hörte dabei nicht auf zu rufen. Irgendetwas lief ihm über das Gesicht, aber er hatte nicht die Zeit dem nachzugehen.

~~~***~~~



Nachdem die Geburt der Hundewelpen einen normalen Lauf nahm, hatten sich Ducky und Kristen ein wenig zurückgezogen. Sie kauerten still an der Tür und beobachteten gespannt wie die junge Hündin ihren ersten Welpen vorsichtig ableckte und ausgiebig an dem kleinen Wesen schnüffelte.
Kristen kämpfte mit den Tränen, nicht nur vor lauter Rührung, sondern auch vor Erschöpfung und weil die Worte des alten Pathologen sie aufgewühlt hatten. Ein Baby? Das war unmöglich! Sie wollte keine weiteren Kinder und hatte auch dafür gesorgt, dass es nicht passieren konnte. In den letzten Minuten hatte die Brünette angestrengt versucht sich zu erinnern, wann ihr die Hormonspirale eingesetzt wurden war. Kristen war zu dem Schluss gekommen, dass seitdem höchstens drei Jahre vergangen sein konnten. Es wurde ein fünfjähriger Schutz angepriesen, da war sie sich sicher.

Ein Kind, das war... Voller Unbehagen erinnerte sie sich an Eric. Der Kleine hatte als Baby beinahe sechs Monate lang durchweg nur gebrüllt. Ihre Gedanken glitten an den Morgen, nach einer durchwachten Nacht. Erics Vater war wie an jedem Morgen zu seinem Dienst in der Polizeidienststelle gefahren und nur wenige Stunden später waren die Kollegen in ihrer Wohnung gewesen und hatten ihr die Nachricht von seinem Tod überbracht.
Sie würde nicht noch einmal allein ein Kind großziehen. Auf gar keinen Fall! Zudem war sie Mitte 40. Nein, ein Kind stand überhaupt nicht zur Debatte.
Sie würden Jethro und Ziva finden, sich dann gelegentlich an deren Kind erfreuen und ihr beschauliches Leben, in Mitten der Wildnis und ihrer Tiere, genießen. Und wenn ihnen das irgendwann nicht mehr gefallen sollte, würden sie ihre Zelte abbrechen und woanders noch einmal von vorn anfangen. Frei. Ungebunden!

Erneut setzten bei Cara Presswehen ein. Kristen warf der Hündin einen mitleidigen Blick zu. Doch Cara blickte tapfer und entschlossen, während sie, leicht wankend, ihre Kreise über die dicken, weichen Lagen der Decken zog.

Gerade als der zweite Welpe zur Welt kam, hörte sie Tony um Hilfe rufen. Kristen zuckte zusammen und sprang auf die Füße. Dicht gefolgt von dem Pathologen rannte sie ins Wohnzimmer und fand Tony, am Boden liegen.




Kapitel 22


In dem Versuch Ziva vor einem Sturz zu schützen, war Gibbs selbst mit in den Schnee gerissen wurden. Dumpf drangen die leisen Schmerzlaute von Ziva zu ihm herüber, doch der Grauhaarige war nicht in der Lage seine Kräfte zu mobilisieren. Matt blieb er im Schnee liegen. Wie tausend Nadelstiche brannte die Kälte auf seiner Haut. Mutlosigkeit machte sich in ihm breit. Sie hatten ihre Chance vertan. Warum, verdammt, hatte er dem Mann das Messer nicht einfach in den Hals gerammt? Warum hatten sie sich mit Fesseln und ähnlichem aufgehalten, anstatt dem Schweinehund einfach die Kehle durchzuschneiden? Oder ihm das Genick zu brechen.
Vorbei... Ihre Flucht war gescheitert. Nun konnten sie nur noch hoffen, dass er es schnell beenden würde.

Der Silberfuchs hörte Zivas Stimme, die immer wieder seinen Namen rief, doch Gibbs blieb einfach im Schnee liegen und starrte in den wolkenverhangenen Winterhimmel, während die ersten Schneeflocken über sein Gesicht schwebten. Er beobachtete die wankenden Wipfel der mächtigen alten Kiefern, während Zivas verzweifelte Schreie in seinem Kopf widerhallten. Gibbs ließ seine Gedanken ziehen, blendete die Kälte und die Schmerzen aus und ließ sich in die Arme der Frau treiben, die er liebte. Kristen... Ihr Lachen hallte in seinen Gedanken wieder, er sah ihre sanften braunen Augen, aus denen ihm der Schalk entgegen blitzte, als sie ihr Pferd antrieb und sie juchzend durch den Schnee davon stob. Er spürte beinahe, wie der geschmeidige Körper seines Pferdes sich unter ihm streckte und seinem Gefährten in hohem Tempo folgte. Gibbs spürte wie das Leben durch seine Adern pulsierte, während der Schnee glitzernd in der Wintersonne aufwirbelte. Er hörte das aufgeregte Bellen des Hundes und Kristens Stimme, die ihn fröhlich neckte.
Jethro spürte die Tränen, die sich aus seinem Augenwinkel stahlen, doch er hinderte sie nicht seine Wangen hinab zu rinnen.

Seine Gedanken glitten zurück in die Gegenwart, Kristens Gesicht verblasste, bevor es ganz verschwand.

~~~***~~~



Ziva verbarg ihr Gesicht an Gibbs‘ Schulter. Hatte der Grauhaarige noch vor wenigen Stunden eine konstante Wärme ausgestrahlt, schien er nun wieder vollkommen verfroren. Sie spürte kaum mehr einen Unterschied zwischen ihm und dem eisigen Untergrund. Sie hatte Angst, soviel Angst wie noch nie in ihrem Leben. Nicht um sich, nein. Sie hatte gelernt sich nicht um ihrer selbst zu fürchten. Sie fürchtete Gibbs‘ Hoffnungslosigkeit und die Gefahr für ihr Kind. Sie dachte nicht mehr nur an die Dinge die ihr zustoßen könnten... ihr zustoßen würden. All das, was sie würde ertragen müssen, müsste auch ihr Baby erleben.

In einem letzten Versuch zu Gibbs‘ Bewusstsein durchzudringen, zerrte sie an dem klammen Stoff seines Kapuzenpullovers, doch der Grauhaarige rührte sich nicht. Verzweifelt schluchzend legte sie ihren Kopf wieder an seine Schulter und sah die kleine Träne, die über seine Schläfe rann und in seinem dichten Haar verschwand.
Vorsichtig versuchte die Dunkelhaarige ihr Fußgelenk zu bewegen, doch der stechende Schmerz ließ sie den Versuch abbrechen. Ohne Hilfe würde sie keinen Schritt machen können. Entkräftet ließ sie sich zurück gegen Gibbs sinken.

Ziva kniff die Augen fest zusammen, als sie das leise Knirschen vom Schnee hörte, das nur von Otaktays unregelmäßigen Schritten verursacht werden konnte. Unbewusst verkrallte sich ihre Hand in Gibbs Pullover und als sich ein Schatten über sie legte, stöhnte sie leise auf.

Ein Hauch von Leben schien in Gibbs zurückzukehren, als seine steifen eiskalten Finger sich um ihre schlossen und seine Lippen kurz ihr nasses Haar berührten. Blinzelnd schaute Ziva auf und erkannte den wahnsinnigen Indianer, der mit gespanntem Bogen über ihnen stand. Keine Sekunde später durchdrang der spitze Pfeil Gibbs Hose und bohrte sich tief in dessen Oberschenkel.

Stöhnend bäumte sich der Chefermittler auf und seine Hände umklammerten das verletzte Bein. Vergessen war der Schmerz im Kiefer. Heiß pulsierte die Wunde und nahm ihm die letzte Kraft.

SwiftCat ließ sich umständlich auf die Knie sinken. Seine Hose war am Oberschenkel blutgetränkt, doch Ziva schenkte diesem Umstand kaum Beachtung. Viel mehr starrte sie mit stummen Entsetzen zu der Hand des Mannes, die sich nun fest um den Schafft des Pfeils legte und daran zog. Gibbs bäumte sich auf und schrie, während er Zivas Hand in der seinen so fest umklammerte, dass sie das Knirschen ihrer eigenen Knochen spüren konnte.

"Nun sind wir quitt!", sagte Otaktay mit einem hämischen Lachen.

Binnen Sekunden erinnerte sich die Israeli an das kleine Messer, dass vermutlich noch immer in der Gesäßtasche von Gibbs Hose steckte. Während Otaktay sich mit einem irren Grinsen den blutbesudelten Pfeil anschaute und anschließend die klaffende Wunde betrachtete, gruben sich ihre Finger in den Schnee unter Gibbs Hintern. Bemüht darum sich wenig zu bewegen, gelang es der Dunkelhaarigen das Messer hervor zu ziehen. Mit der Schnelligkeit einer Schlange schoss Ziva vor - die erneut explodierenden Schmerzen in ihrem Fuß ignorierend – und stach mit dem kleinen Messer nach ihrem Peiniger.

Otaktay wich einige Zentimeter zurück und hielt dann grinsend inne.

"Und nun, Mummy? Möchtest du noch weiter mit dem kleinen Messer vor meiner Nase rumwedeln? Was macht dein Fuß, meine Schöne? Kannst du aufstehen?"

Wankend kämpfte Ziva sich auf die Füße und stach erneut mit der Klinge nach dem Indianer. Doch in dem Moment in dem ihre Hand vorschnellte, griff auch ihr Gegenüber zu. Seine Hand hatte sich wie ein Schraubstock um ihren Unterarm gewunden, während er mit der anderen das Messer an sich nahm. Er riss Ziva zu sich, packte in ihre Haare und bog ihren Kopf weit nach hinten. Dann senkte er seinen Mund an ihr Ohr und wisperte:

"Erinnerst du dich daran, was passieren wird, wenn ihr beide versucht abzuhauen oder mich zu verletzen?"

Ziva schloss die Augen und konnte nicht verhindern, dass sie leise aufschluchzte. "Nicht! Bitte..." Sie spürte wie die Klinge sich gegen ihren Bauch drückte. Im Reflex griff sie danach, legte ihre Hände um die scharfe Klinge. Die Kälte hatte ihre Hände taub werden lassen und so verspürte sie auch kaum Schmerzen, als das scharfe Metall ihre Haut durchtrennte.

Otaktay schüttelte den Kopf und ließ ihre Haare los. "Nicht, hey! Lass los. Deine Hände..."

Gibbs hatte sich unterdessen auf die Füße gekämpft und war zu Ziva und SwiftCat getreten. Ohne auf den wahnsinnigen Mann zu achten griff er nach Zivas Händen und löste sie von der scharfen Klinge. Blut tropfte in den weißen Schnee. Mit einer raschen Bewegung hatte er die dunkelhaarige Frau aus der direkten Nähe SwiftCats gebracht und hielt die zitternde Ziva nun fest in seinen Armen. Er schluckte schwer und schaute blinzelnd zu ihrem Entführer. Das grelle Weiß des Schnees blendete den Grauhaarigen und sein Kopf schien bersten zu wollen, doch darauf konnte er nun keine Rücksicht nehmen.
"Warum?? ... zu Ende bringen... Jetzt... Hier!" Gibbs ließ Ziva los und breitete die Arme aus.

"Du willst, dass ich dem Ganzen ein Ende mache und euch hier und jetzt umbringe?" Otaktay lächelte ihn freundlich an, schüttelte aber den Kopf. "Nein, unser Spiel ist doch noch nicht vorbei. Wisst ihr... ihr seid so... stark! Und... Ich möchte noch mehr davon. Allein der Augenblick von eben... ihr Mutterinstinkt ist so ausgeprägt. Sie hätte sich vermutlich die Sehnen ihrer Hände durchtrennt, einfach nur um das Kind zu schützen. Findest du das nicht großartig? Mutterliebe ist etwas so wunderbares..." Ein Hauch Bedauern lag in den Worten des Wahnsinnigen.

Gibbs schloss für einen Moment die Augen. Der Typ war einfach nur irre! Dann mobilisierte der Silberfuchs erneut all seine Selbstbeherrschung und sagte: " Sie geht und... ich... gehöre Dir! E-egal... wie..."

Otaktay lachte ausgelassen und scheinbar köstlich amüsiert. "Natürlich nicht! Du kommst auf Ideen! Wir werden jetzt zurückgehen zu meinem kleinen Unterschlupf. Ihr erinnert Euch? Mein kleiner kuscheliger Bunker? Dort werdet ihr eine Weile über Euer Ungehorsam nachdenken. Hm?!"

Otaktay holte ein langes Seil aus seinem Rucksack und band es erst seinen Gefangenen, dann sich selbst um die Hüften. "Schade, dass du dein Halsband in der verdammten Tankstelle zurückgelassen hast, Mummy. Das ärgert mich. Es war eine verfluchte Fummelei es soweit zu manipulieren. Nun ja. Wenn ich heute Abend in meinen warmen vier Wänden sitze, werde ich mir Gedanken über deine Bestrafung machen. Ihr solltet übrigens etwas von dem Schnee essen. Ich habe keine Getränke mehr für Euch und... Oh nein! Gestohlene Sachen werdet ihr nicht zu Euch nehmen, die Lebensmittel werden wir zurücklassen. Ihr werdet noch ein paar von den Energieriegeln bekommen. Das muss reichen!"

Ziva hielt sich an Gibbs‘ Arm fest und zweifelte daran, dass ihr Fuß sie auch nur zwei Meter weit trägen würde. „Er kann nicht... die Riegel, sie sind zu hart. Gibbs wird sie nicht essen können."

Otaktay lachte erneut auf. "Und du denkst auch, dass du mit deinem verletzten Fuß nicht bis zu eurem Quartier wirst laufen können. Glaub mir, mit ein bisschen gutem Willen kriegt ihr beide das schon hin. Zur Not musst du es ihm eben vorkauen!"

Gibbs zog die junge Frau an sich und versuchte ihr einen aufmunternden Blick zu schenken, doch er versagte kläglich. Ein kräftiger Ruck an dem Seil riss die beiden Gefangenen beinahe von den Füßen. Sie taumelten vor und schafften es nur mit Mühe nicht zu stürzen. Gibbs legte sich eilig einen Arm von Ziva über die Schulter und humpelte schwankend los. Er wusste, dass er nicht lange durchhalten würde. Schon jetzt verschwamm die Umgebung immer wieder vor seinen Augen und schwarze Punkte trübten seinen Blick.

Nach nur wenigen Metern stoppte Otaktay ihren kleinen Tross und blickte grimmig zurück. "Verdammter Mist!", murmelte der Mann und eilte zu Gibbs.

Verunsichert blinzelte der Grauhaarige und grollte unwirsch, als der verrückte Mann sich an dem Bund seiner Jeans zu schaffen machte! "Hey!", knurrte der Silberfuchs und musste arg mit sich ringen um dem Anderen nicht einfach ein Knie ins Gesicht zu rammen.

"Pass auf was du machst! Meine Geduld ist reichlich strapaziert!" Mit einem Ruck zog SwifCat Jethros Hose hinunter, was den ehemaligen Ermittler sichtlich verdutzt dreinblicken ließ. "Ich muss die Blutung stillen. Sonst haben wir nicht nur die wilden Tiere am Hals, sondern legen auch eine ganz wunderbare Spur, der jeder Hornochse folgen kann. Du bist doch halb erfroren. Warum blutest du dann wie ein Schwein?" Ohne Vorwarnung presste Otaktay eine Handvoll Schnee auf die Wunde.

Gibbs stöhnte leise auf, doch die Schmerzen waren kaum spürbar, zu ausgekühlt war seine Haut.

"Ok, das müsste helfen! Mummy, du behältst das im Auge! Und wenn ich auch nur einen Tropfen Blut im Schnee entdecke..." Er deutete drohend auf das lange Jagdmesser, dass er an seinem Gürtel befestigt hatte und langsam setzten sie sich wieder in Bewegung.




Kapitel 23


Noch immer kämpfte Tony auf dem Boden mit der Decke, die er wie eine Schleppe hinter sich herzog.

„TIM, bitte, BAMBINO.....HEY... HILFE.....AAArrrrggghhh“, es war ihm egal was er schrie, Hauptsache es war laut und machte Krach.

„Tony?“, hörte er die Stimme von Gibbs‘ Lebensgefährtin.

„Gott sein Dank, Chief Brown. Ziva....“, die Stimme versagte ihm, „...Ziva hat sich gerade gemeldet“, kam es von dem am Boden liegenden Ex Agent.

Immer noch versuchte er sich weiter in den Raum zu ziehen. Die Tropfen, die neben ihm auf den Boden fielen, bemerkte er nicht. Auch das Kristen den Raum verließ, bekam er nicht mit. Erst als sich eine Hand auf seine Schulter legte und ihn zwang liegen zu bleiben, nahm er wieder seine Umgebung war.

„Anthony, beruhige dich. Wenn du so weiter machst, wirst du nur wieder einen neuen Anfall riskieren“, sagte der alte Mediziner und ließ sich zu dem Jüngern auf dem Boden nieder. Als er ihm half sich auf den Rücken zu drehen und gegen die Couch zu lehnen, um langsam und vorsichtig seine, mit der Decke wie verhedderten Beine zu befreien, schnalzte er mit der Zunge. „Oh mein Junge, was hast du denn da wieder angestellt.“ Kopfschüttelnd fasste er Tony ans Kinn und drehte seinen Kopf ins Licht. Erst jetzt bemerkte Anthony den Schmerz der von seiner Stirn ausging. Noch einmal schnalzte der Ältere ungehalten als er die Wunde kurz untersuchte.

„Tony, Tony?“, hörte er Tim sagen und der M.I.T. Absolvent und Erik, knieten nun ebenfalls neben ihm. „Was ist passiert?“, fragte Eric und man konnte noch den Schlaf in seinem Blick sehen.

„Ziva“, sagte der invalide Agent. „Sie hat sich gerade gemeldet“, teilte er mit und hielt das Handy hoch, das er noch immer in der Hand hielt und das ihm jetzt McGee abnahm. Während dieser aufstand und zum Esszimmertisch ging, suchte Tony Kristens Blick. „Gibbs ist verletzt“, sagte er und sah wie sie eine Hand an ihren Hals legte und krampfhaft schluckte. „Aber sie sind geflüchtet und sind oder waren in einer Tankstelle. Dann folgte eine Explosion, ich hörte Ziva schreien und dann war die Verbindung unterbrochen.“ Resigniert hob er seinen Arm und legte ihn über die Augen. Von der Tür her konnte er Kristen leise weinen hören. Als er seinen Arm wieder herunter nahm, sah er dass Eric sich hinter McGee gestellt hatte.

„Was ist denn hier passiert?“, hörten sie plötzlich Jimmys verschlafene Stimme.

„Mr. Palmer, wie schön das Sie sich auch zu uns gesellen. Hatten sie eine ruhige Nacht? Dann seinen sie doch bitte so freundlich und holen mir meine Tasche. Ich muss unseren lieben Jungen erst einmal verarzten.“

Jimmy strich sich durch seine wirren dunklen Locken. „Oh Dr. Mallard. Das war nicht absichtlich, aber im Keller hat man fast nichts gehört“, versuchte er sich zu entschuldigen, während er den kleinen Koffer holte und diesen an den Arzt übergab.

„So, Anthony, da hast du dir ja eine schöne Platzwunde zugezogen. Aber sie scheint nicht tief zu sein. Ich werde sie eben desinfizieren und dann heften. Da sollte reichen.“ Wieder untersuchte er seinen Schädel und leuchtete ihm mit einer kleinen Taschenlampe in die Augen. „Du hast Glück gehabt. Eine Gehirnerschütterung kann ich wohl ausschließen“, teilte er ihm mit und arbeitete schweigend weiter.

Ihr aller Aufmerksamkeit war nun auf den Esstisch gerichtet, die beiden Männer arbeiteten noch immer an dem Signal.

„Ja, ja, jaaaaaaa...“, rief plötzlich Eric und klatschte sich lachend mit Tim über den Laptops ab. „DAS ist der Fluch der Technik. Wir haben die Zelle des ausgehenden Anrufs zurückverfolgen können. Sie sind irgendwo zwischen D. C. und Virginia. Da liegt der Wardensville Pike.“ Als der Applaus ausblieb, fuhr er fort. „Dann haben Tim und ich geprüft welche Tankstellen dort sind und ZACK sind wir fündig geworden. In der Funkzelle befindet sich nur eine einzige Raststelle.“ Siegessicher sah er seine Mutter an. Er konnte ihr Aufatmen bis zu sich hören.

„Worauf warten wir dann noch?“, fragte sie. „McGee und ich fahren hin und sehen nach“, kaum hatten die Worte ihren Mund verlassen, fiel ihr Cara wieder ein. „Oh Gott, die Geburt“, kam es von Kristen und schnell lief sie ins Gästezimmer um nach der Hündin zu sehen.

Ducky hatte in der Zwischenzeit Tonys Platzwunde geheftet und dem jungen Mann das Blut aus dem Gesicht gewaschen. Jetzt zog er gerade eine Spritze mit einem Beruhigungsmittel auf. Anthonys Blutdruck war immer noch gefährlich hoch und er wollte einfach, solange sie noch nicht das Botulinumtoxin im Haus hatten, keinen neuen Anfall riskieren.

Anthony der die ganze Zeit über kein Wort gesagt hatte, brach nun sein Schweigen. „Was willst du mir Spritzen?“

„Nur ein leichtes Beruhigungsmittel.“

„Nein“, sagte der Jüngere bestimmend. „Das macht mich nur schläfrig. Ich will aber im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte sein, wenn sie an dem Rasthaus ankommen. Es ist für mich schon schlimm genug, das ich nicht dabei sein kann, aber ich werde mich auf keinen Fall von dir ins Reich der Träume schicken lassen.“

Der alte Mediziner runzelte missbilligend die Stirn. „Es wäre für dich aber besser.“

„Nein, meine Entscheidung steht fest.“

Resigniert legte Ducky die Spritze zurück in seinen Koffer. „Gut, aber dann wirst du dich noch etwas ausruhen. Auf dem Sofa“, sagte er schnell, als er sah das Tony zur Erwiderung ansetzte. „Es wird immerhin etwas dauern bis sie an der Tankstelle angekommen sind.“ Mit einem Klacken schloss er seinen Ärztekoffer. „Timothy, Eric, könntet er mir bitte helfen unseren Anthony wieder auf die Couch zu heben?“

~~~***~~~



Die Geburt verlief scheinbar ohne Probleme und der dritte und vermutlich letzte Welpe war schon da, als Kristen zurück in das kleine Gästezimmer kam. Sie ging mit einigem Abstand zu Cara in die Hocke und beobachtete wie die Hündin erschöpft da lag und ihre Welpen bereits ihr geschwollenes Gesäuge gefunden hatten. Die brünette Frau versuchte sich zu beruhigen, um die entsetzliche Furcht im Zaum zu halten. Gibbs war verletzt. Vermutlich ohne warme Kleidung... verletzt.

„Hey, Kleines", murmelte Kristen und näherte sich ihrer Hündin langsam, als diese sich in ihre Richtung streckte. "Na, das machst du ganz toll. Ich muss dich jetzt etwas alleine lassen, aber Eric wird sich um dich kümmern...“

„Nein, ich komme mit euch“, hörte sie in dem Moment die Stimme ihres Sohnes hinter sich. Eric war im Türrahmen stehen geblieben und schaute seine Mutter mit entschlossenem Gesichtsausdruck an.

Kristen funkelte ihn kopfschüttelnd an „Nein! Jetzt ist nicht die Zeit um James Bond zu spielen, Eric!"

Der blonde Mann schnaubte nur. "Doch, Mum. Ihr braucht mich um euch den Rücken frei zu halten.“

„Eric... reicht es nicht, dass Jethro verletzt ist? Musst du dich auch noch in Gefahr bringen?“

„Aber wenn du es tust, dann ist das ok. Ja? Du bist vollkommen übermüdet und siehst aus als ob du jeden Moment umkippst. Aber du darfst Räuber und Gendarm spielen.“ Kopfschüttelnd wandte Eric sich um und lief die Stufen hinab in den Keller. Kristen folgte ihm und blieb auf der Treppe stehen.

Zielstrebig öffnete der junge Forensiker eine verborgene Schublade in Jethros Werkbank. Kristens Augen weiteten sich, als ihr Sohn Gibbs Präzisionsgewehr an sich nahm.

"Eric! Woher kennst du Jethros Geheimfach?"

„Er hat es mir gezeigt, für den Notfall.“ Als Erik sah, das seine Mutter zu einer Erwiderung ansetzte, schüttelte er mit dem Kopf und eilte an ihr vorbei die Treppe hinauf. "Wir haben keine Zeit für Diskussionen, oder Mum? Hast du deine Waffe dabei? Die könnte nützlich sein!"

Mit einem Seufzer sah sie ihn an, dann nickte sie ihm zweifelnd zu. „Gut, aber du tust was wir dir sagen. Ohne Wenn und Aber. Verstanden?“ Kristen griff nach Eric Arm und zwang ihn sie anzusehen. "Hast du mich verstanden?"

„Ja, Mum! Ok. Dein Kommando!“, kam es grinsend von dem jungen Mann.

Ein energisches Hupen ertönte und Kristen warf sich im Laufen ihre Jacke über und griff nach ihrer Handtasche. An der Tür hatte sie sowohl ihre Berretta als auch das zweite Magazin in der Hand und ließ ihre Handtasche achtlos fallen. Kaum saßen Eric und Kristen in McGees Wagen, als dieser auch schon die Straße hinunter jagte. Jetzt ging es um jede Minute.

~~~***~~~



Kristen hatten das Gefühl, das die Fahrt nun schon ewig dauerte. Noch immer waren sie nicht angekommen, allerdings kamen sie ihrem Ziel näher. Mittlerweile war es hell geworden. Doch der Wetterbericht schien zu stimmen. So wie der Himmel aussah, würde ein neuer Schneesturm aufziehen. Jethro, dachte sie traurig. In was bist du da nur wieder hinein geraten? Die Angst, die sie verspürte, kroch ihr in den Magen und eine leichte Übelkeit stellte sich wieder ein. Nein, bitte nicht jetzt, flüsterte sie ihrem Magen zu.

„Was ist dann da vorne los?“, fragte plötzlich Eric von der hinteren Bank des Porsches.

Die Brünette richtete darauf hin ihren Blick auf die Straße. Vor ihnen war die Hölle los und man sah viel Feuerwehr und Polizei, Rauch und Qualm verschleierte die Sicht.

„McGee?“, fragte Chief Brown.

Dieser nickte ihr zu, parkte seinen Wagen unter den wachsamen Augen eines Polizisten, setzte im aussteigen sein NCIS Basecup auf und ging auf den Wachposten zu.

„Bundesagent Timothy McGee, NCIS“, teilte er dem Mann mit und hob seine Marke hoch. „Was ist da drüben passiert?“

Der Posten der Tims Marke kontrollierte, sah auf. „Oh, dort ist eine Tankstelle in die Luft geflogen“, teilte er ihm bereitwillig mit und händigte McGee seinen Ausweis wieder aus.

Beinah hätte Tim vor Schreck die Augen geschlossen, doch im letzten Moment konnte er den Reflex unterdrücken. „Gab es Verletzte?“, fragte er den Polizisten wieder.

„Nein Sir. Die Tankstelle war noch nicht geöffnet.“

Das waren ja schon einmal gute Nachrichten. „Unfall?“

„Nein, so wie es aufsieht haben hier Jugendliche gewütet. Wahrscheinlich hat hier ein illegaler Hundekampf stattgefunden. Unser Brandbeschauer ist sich bereits jetzt sicher das das Feuer absichtlich gelegt wurde.“

„Warum sind sie sich so sicher dass es die Tat von einer Jugendgang war?“, fragte Tim interessiert.

„Oh wir haben eins dieser Stromhalsbänder gefunden. So eins wie man den Kötern zur Erziehung umlegt. Wir haben erst kürzlich eine Jugendbande hochgenommen. Die hatten ihre Hunde mit ähnlichen Bändern gefügig gemacht. Aber warum interessiert sich der Naval Criminal Investigative Service für einen Tankstellenbrand?“ Fragend legte er den Kopf schief und schielte wachsam an McGee vorbei zum Wagen.

„Mein Team und ich werden gleich hier eine Übung ansetzen und da interessiert es mich halt, wen wir im Wald treffen könnten“, die Lüge kam schnell und professionell. Tony wäre stolz auf ihn gewesen.

„Na dann, sollten sie sich beeilen. Es sieht mir sehr nach einem Schneesturm aus“, sagte der Polizist und hob die Hand zum Gruß an seine Dienstmütze. „Ich wünsche Ihnen und Ihrem Team gutes Gelingen.“

„Ja danke“, sagte der junge Agent und ging schnell zurück zu seinem Wagen.

Kristen und Eric warteten schon ungeduldig an dem Porsche.

„Da kommen wir nicht heran, aber dort sind sie auch nicht mehr. Die Bude war leer. Sie müssen also geflohen sein“, teilte Tim den Beiden mit.

„Fragt sich nur wohin“, kam es von Eric und er späte an seiner Mutter vorbei in den Wald. „Sollen wir uns aufteilen?“

„Auf keinen Fall“, kam es von McGee und Kristen wie auf einem Mund.

„Wir bleiben zusammen“, sagte sie und sah ihren Sohn tadelnd an.

„Gut, also Spurensuche“, sagte Eric und machte sich sogleich an die Arbeit.




Kapitel 24

Im Haus war es wieder ruhig geworden, seitdem Kristen, Tim und Eric unterwegs zu Gibbs und Ziva waren. Jimmy hatte sich zu der Hündin ins Gästezimmer gesellt und Ducky hatte Anthonys Platz am Fenster eingenommen und dem erwachenden Verkehr zugesehen, als Geräusche aus dem Wohnzimmer ihn zu seinem Patienten zogen. Nun stand er an der Türzarge gelehnt und beobachtete Tony auf dem Sofa. Von dort hörte er tiefe, ruhige Atemzüge, ein Hinweis darauf, das Anthony endlich eingeschlafen war. Der alte Mediziner hatte schon zu viele Kriegsheimkehrer, mit einer posttraumatischen Belastungsstörung gesehen, dass er sich sicher war, dass der ehemalige Agent darunter litt. Das Trauma des Überfalls, Abigails Tod, seine Verletzung und nun Ziva Entführung. Das war alles zu viel für ihn. Dazu kam noch das er seit ihrer Flucht aus der Reha Klinik seine Medikamente nicht mehr zu sich genommen hatte. Leise um den Jüngeren nicht zu wecken, näherte er sich dem Sofa. Besorgt blickte er in dessen bleiches Gesicht. Jetzt wo seine Stirn rund um die Platzwunde sich bläulich verfärbte, sah man besonders gut wie blass Tony war. Ein Seufzer entfuhr dem Arzt. Lange würde er sich dieses Drama nicht mehr ansehen. Anthony brauchte seine Medikamente und er brauchte psychologische Hilfe. Nur sein Sturkopf alleine, würde ihm diesmal nicht weiterhelfen. Kopfschütteln verließ er wieder das Wohnzimmer und machte sich auf dem Weg zu Palmer, um diesen zu bitten in einer Apotheke das Botulinumtoxin zu besorgen. Wenigstens für diese Katastrophe wollte er vorbereitet sein.

~~~***~~~



Tony träumte und das gute an Träumen war, das er seinen Körper wieder hatte. Der Sand unter seinen Füßen war warm, fast schon heiß, aber er genoss das Gefühl ihn überhaupt zu spüren. Er hörte das Meer rauschen und über ihm schrie eine Möwe. Sonne, Wärme, so stellte er sich einen Urlaub vor. Seine Partnerin bevorzugte immer mal wieder den Schnee, aber schlechtes Wetter gab es auch in D. C. zu Hauf, deswegen hatte er sich auch diesmal durchsetzen wollen. Kuba. Sie hatten ihren ersten großen Urlaub geplant. Schade nur dass sie ihn nie antreten konnten.

Er wollte sich gerade auf den Bauch drehen und einfach das Gefühl des „Spürens“ genießen, als er einen Schatten auf sich fallen sah.

„Hey, komm schon, lass uns etwas laufen“, hörte er ihre Stimme und öffnete die Augen.

„Ziva?“, fragte er leicht benommen.

„Klar, wen hast du denn hier erwartet?“

Sie stand vor ihm, so wie er sie in Erinnerung hatte. Verwirrt schüttelte er den Kopf. Die Situation war kotest.

„Was ist denn?“, fragte sie unschuldig und ihre Hände strichen über ihren schon stark gewölbten Bauch.

Grinsend sah er sie an. „Du siehst aus als wolltest du Skifahren. Ist dir nicht warm?“

„Warum?“, fragte sie und hielt ihm die Hand entgegen, die er auch ergriff und mit einer Leichtigkeit stand er wenig später neben ihr, sah staunend auf seine Füße und spielte mit den Sand unter seinen nackten Zehen.

„Wo wollen wir hin?“, fragte er, doch sie lief schon los, ohne auf die Frage einzugehen. Schnell hatte er den Abstand wieder verringert. Noch immer schien die Sonne und ein mäßiger Wind fuhr ihm durch die Haare. Als Ziva sich zu ihm umdrehte, bemerkte er wie blass sie war und Schatten lagen unter ihren Augen. Obwohl es für ihn sehr warm war, beschlug ihr Atem und auf ihrem Gesicht sah er eine Gänsehaut.

„Ziva? Geht es dir gut?“, fragte er entsetzt und bemerkte das es um ihn herum immer dunkler und kälter wurde. Der Wind, der gerade noch mit seinen Haaren gespielt hatte, fuhr ihm nun schneidend über die nackte Haut. Noch immer hatte sie nichts gesagt. Der Sand unter seinen Füßen veränderte sich in einen groben Waldboden, der teilweise mit Schnee bedeckt war. Seltsamerweise konnte er die Kälte an den Beinen nicht spüren, während er neben ihr herstampfte.

„Ziva warte, nicht so schnell.“

Gehetzt sah sie ihn an und blickte sich fast panisch um, so als verstecke sie sich vor jemanden. Nichts zeugte mehr von der friedlichen Strandidylle seines Traums. Plötzlich sackten seine Beine unter ihm zusammen und jeder Versuch wieder auf die Füße zu kommen scheiterte. Geschockt fragte er sich in wessen Traum er da gelandet war. Jetzt schlug das Wetter um und es wurde bitter kalt und so stockdunkel, dass er sie kaum noch sehen konnte. Die Person die sich plötzlich in sein Blickfeld schlich, kam schnell und ohne Gnade über seine Freundin und zog sie unter ihrem heftigen Protest von ihm fort. Das letzte was er von ihr sah, bevor der Schatten sie vollständig verschluckte, waren ihre vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen.

„ZZZZIIIIIIIIVVVVVVVVAAAAAAA“, schrie er ihr hinterher und verwünschte seine Schwäche.

~~~***~~~



„Gut“, sagte der alte Mediziner. „Und Mr. Palmer?“

„Doktor?“

„Lassen Sie sich nicht abwimmeln. Wir brauchen das Medikament. Heute, nicht erst Morgen. Klar?“

„Ich werde mein Möglichstes tun“, kam es von dem Jüngeren.

Ducky sah Jimmy noch ein paar Minuten hinterher, wie der junge Mann die Straße zum nächsten Male herunter lief, dann wurde es einfach zu kalt und er schloss die Tür vollständig. Es war schon seltsam. Heute früh hatte er noch gedacht aufgrund der Fülle von Menschen nicht richtig durchatmen zu können und jetzt, wo er nur noch alleine mit Anthony war, wünschte er sich schon die anderen wieder her. Kopfschüttelnd ging er langsam in Richtung Gästezimmer um nach der Hündin zu sehen, als er aus dem Wohnzimmer einen Schrei hörte.

~~~***~~~



„Hier, kommt her, ich hab was gefunden“, rief Eric gegen den heftigen Schneesturm der mittlerweile wütete und winkte mit der Hand um zusätzlich auf sich aufmerksam zu machen.
Schnell waren die anderen Beiden zu ihm aufgeschlossen. Traurig kniete er vor einen Bereich des Waldbodens, auf dem sichtlich gekämpft worden war. Trotz des immer dichter werdenden Schneefalls, konnten sie noch abgeknickte junge Setzlinge, plattgedrückten Schnee und eine breite Blutspur, die kurz weiter in den Wald führte und dann schlagartig abbrach, erkennen.

„OH Gott“, kam es von Kristen und sie sank neben ihren Sohn auf die Knie. „Jethro.“ Dann sah sie dass ihr Sohn noch etwas in seinen behandschuhten Fingern hielt.

„Das habe ich auch gefunden“, sagte er und hielt einen abgebrochenen Jagdpfeil, mit blutiger Spitze hoch.

Kristens Magen drehte sich nun vollendend und sie schaffte es gerade noch sich von dem Tatort wegzudrehen, als ihr die Magensäure die Speiseröhre hochkroch und sie sich heftig übergab.

„Geht es wieder?“, fragte McGee nachdem der Krampf nachgelassen hatte und reichte ihr ein Taschentuch.

„Danke“, sagte sie heiser und schüttelte sich den Schnee aus den Haaren.

„Mum ich denke du musst wirklich langsam mal zum Arzt“, tadelte sie ihr Sohn.

„Später“, sagte sie undeutlich und blickte zum Himmel. „Wenn wir noch ein paar Beweise einsammeln wollen, dann sollten wir uns beeilen, bevor der Neuschnee alles bedeckt.“

~~~***~~~



Nachdem Eric einige Proben von dem blutigen Schnee genommen hatte, verstaute er sie in seinem Rucksack und schaute zu McGee und seiner Mutter. Die beiden standen in einiger Entfernung und schienen angeregt zu diskutieren.

„Ich werde nicht zurück fahren und mich ins warme Wohnzimmer setzen, Tim! Jethro ist verletzt und…,“ erklang Kristens Stimme entschieden. Doch McGee unterbrach sie Kopf schüttelnd.

„Sie wissen doch nicht einmal ob es Gibbs Blut ist. Bei dem Wetter werden wir die Spur nicht verfolgen können!“

„Ok! Fahren Sie… Und nehmen Sie Eric mit!“ Kristen riss ihrem Sohn den Rucksack und das Gewehr aus der Hand. Mit bebenden Händen holte sie Munition aus dem Rucksack und stopfte sie entschlossen in ihre Jackentasche, bevor sie das Gewehr lud und entsicherte. Genauso verfuhr die brünette Frau mit ihrer Baretta, dann stapfte sie los.

„Ähm… und was genau ist ihr Plan?“. hakte Eric bei McGee nach, der Kristen fassungslos hinterher starrte.

„Deine Mutter ist wahnsinnig! Das ist los. Hier ist noch eine minimale Spur zusehen, der will sie folgen. Bei dem Wetter wird sie sich verlaufen haben, bevor wir am Wagen sind.“ McGee formte die Hände zu einem Trichter und rief dem Chief hinterher: „Das ist Irrsinn, verdammt!“

Eric legte mit einem resignierten Stöhnen den Kopf in den Nacken. „Mum!“

Wutschnaubend stapfte die brünette Frau zurück zu den beiden Männern und keifte mit kaum verhohlener Hysterie in der Stimme los. „Irrsinn? Irrsinn ist es die Beiden im Stich zu lassen und sich an den warmen Ofen zu legen! Ich weiß nicht was ihr in den letzten Tagen gemacht habt. Wie oft habe ich um Zivas verdammte Unterlagen gebeten, wenigstens Namen oder Tathergang der bearbeiteten Fälle? Aber nichts, es kam nichts. Ihr bastelt an irgendeinem verfluchten Foto rum. Untersucht Blut, dass vermutlich schon seit Jahrzehnten an Jethros Wänden klebt und… und jetzt, wo wir eine Spur haben, irgendetwas dem wir folgen können, da zieht ihr den Schwanz ein? Hat Gibbs Sie jemals im Stich gelassen, Tim? Oder Ziva? Hätte Ziva nicht in jeder Sekunde und ohne zu zögern ihr Leben für Sie aufs Spiel gesetzt?“ Kristen wandte sich Kopfschüttelnd erneut ab und entfernte sich von Eric und Tim. Doch dann hielt sie noch einmal inne und schaute McGee fest in die Augen. „Was wollen Sie Tony sagen? Ja, wir hatten eine Spur, aber unsere Angst davor kalte Füße zu kriegen, war größer? Tony hat sein Leben aufs Spiel gesetzt um Abby zu retten. Es ist nicht seine Schuld, dass er es nicht geschafft hat, aber er hat es wenigstens versucht…“

Bei diesen Worten kam Leben in den Bundesagenten. Er hastete der Lebensgefährtin seines ehemaligen Vorgesetzten nach und packte sie an den Schultern. „Sie… Sie machen es sich verdammt leicht! Sie kommen her und denken Sie wüssten…. Sie wollen wissen ob Gibbs mich jemals im Stich gelassen hat? Ja, ja, verdammt, das hat er. Mich und Tony und Ducky und Ziva! Er ist einfach abgehauen und alles ist zerbrochen. Er hat mich hängen lassen. Uns alle!“

Tim ließ Kristen los und ging an ihr vorbei tiefer in den Wald. Nach einigen Metern blieb er stehen und rief. „Also?! Was ist nun? Finden wir diesen verfluchten Bastard, damit ich ihm das selber sagen kann!“

Eric stöhnte leise auf und beschleunigte seine Schritte, sodass er neben seiner Mutter herging. „Wow, Mum, du hast es echt drauf die Leute zu motivieren.“

Kristen presste die Kiefer fest aufeinander.

~~~***~~~



Nachdem sie eine Weile stumm durch den Wald gelaufen waren, blieb McGee stehen und hob resigniert die Hände.

„Nichts… Ich kann nicht mehr erkennen ob oder wo sie lang gegangen sind, verdammt. Vielleicht haben sie mittlerweile auch die Richtung gewechselt und wir haben uns nun vollkommen verfranzt. Kristen, es tut mir leid, aber… Ich sehe keinen Sinn mehr darin noch weiter hier herum zu irren.“

Kristen lehnte sich an einen Baum und verbarg das Gesicht in den Händen.

„Mum, nicht verzweifeln. Morgen, wenn der Schneefall nachlässt kommen wir wieder her und… Vielleicht haben wir etwas übersehen. Ziva und Gibbs wissen, dass wir das Handysignal orten konnten und vielleicht haben sie eine Spur für uns gelegt, irgendwo ein Zeichen hinterlassen, dass wir wegen dem Schnee nicht erkennen können…“

Die Brünette hob eine Hand und stieß sich von dem Baum ab. „Schon gut, mein Schatz. Ich verzweifle nicht. Ich denke nach!“ Eine Lüge, das wussten sie Beide… vermutlich sie alle Drei.

Erschöpft und mutlos traten sie den Rückweg an. Mittlerweile war der Schnee beinahe knietief und es kostete einige Anstrengungen hindurch zu waten. Der Rückweg kam jedem von ihnen unendlich lang vor. Als McGees Wagen endlich in Sichtweite kam, ließ Kristen sich erschöpft auf einem Baumstamm nieder. Tim blieb daneben stehen, während Eric weiter ging um ihre Waffen und den Rucksack mit dem Beweismaterial zu verstauen.

„Ich habe mich vorhin im Ton vergriffen, Chief. Es tut mir leid!“

Kristen lächelte den Agenten matt an. „Schon gut, Tim. Eigentlich wollte ich Sie auch nur aus der Reserve locken.“

McGee fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. „Sie fehlt mir. Jeden Tag… Manchmal… manchmal fühlt es sich so an, als würde ich keine Luft mehr kriegen. Und… und Gibbs geht und lebt einfach weiter und Tony auch… Ich… Entschuldigung. Sie haben genug eigene Sorgen.“

Kristen wunderte sich, warum Tim davon ausging, dass sich Tonys Welt noch drehte. In ihren Augen schien es so offensichtlich, dass dies eben nicht der Fall war. „Ich kann nicht für Tony sprechen, Tim, aber ich weiß, dass Gibbs… Er ist tapfer und versucht irgendwie auf den Beinen zu bleiben, aber… Vielleicht sollten Sie mit ihm reden, sobald wir ihn und Ziva gefunden haben. Sie und Tony. Ich glaube es würde Euch allen helfen…“

Tim warf der Älteren einen verwunderten Blick zu. „Wenn wir sie finden…“

„Es gibt keine Alternative, Tim. Wir werden Ziva und Jethro finden!“ Mit entschlossenem Gesichtsausdruck stand Kristen auf und lief die wenigen Meter hinüber zu McGees Wagen.




25. Kapitel


Tony spürte wie etwas oder jemand ihn an der Schulter schüttelte, doch er war noch nicht bereit endgültig aufzuwachen. „Ziva“, rief er wieder und streckte die Arme nach ihr aus, doch sie war bereits verschwunden und der Wald verwandelte sich vor seinen nun offenen Augen nach und nach in Gibbs‘ Wohnzimmer und er spürte Duckys besorgten Blick.

„Es war nur ein Traum, Anthony. Nur ein Traum“, hörte er den alten Mediziner sagen und obwohl er ihn verstehen konnte, verstand er den Sinn der Worte nicht.

„Ziva“, schluchzte er haltlos und schämte sich seiner Tränen nicht länger.

Duck zog ihn in seine Arme. „Wein ruhig.“ Beruhigend strich er dem Jüngeren über den Rücken. „Sie werden sie finden, mein Junge.“

~~~***~~~



Es hatte etwas gedauert, bevor sich der invalide Agent wieder beruhigt hatte. Jetzt stand Ducky am Fenster und blickte auf die belebte Straße. Der angekündigte Schneesturm hatte eingesetzt und die Wege und Straßen waren vollkommen von einer weißen Decke überzogen. Tony hatte er heute einen Tag auf der Couch verordnet, dort lag der junge Mann noch immer blass und sichtlich angeschlagen und zappte durch die Fernsehkanäle. Duck war sich nicht sicher, wie viel Belastung Anthony noch aushalten konnte und er befürchtete in der nächsten Zeit einen erneuten Zusammenbruch. Nicht auszudenken, was passieren würde, sollte das Schlimmste eintreffen und Ziva nicht mehr leben, dann war er sich sicher, dass Tony ihr auf kurz oder lang folgen würde. Alleine würde er nicht die Kraft zum Weiterleben aufbringen können. Jedenfalls nicht in seiner derzeitigen körperlichen Verfassung. Da war sich der Arzt sicher.

Wieder sah er auf die winterliche Straße. Wo blieb nur Mr. Palmer? Bis zur Apotheke zu laufen, konnte doch nicht so lange dauern. Er würde erst wieder ruhig durchatmen können, wenn er das Medikament in seiner Arzttasche wusste.

Nachdem der Braunhaarige sich von seinem Alptraum erholt hatte, konnte ihn Ducky dazu überreden mit ihm zu sprechen. Alleine das zeigte schon wie tief der Jüngere gefallen war. Und so hatte Anthony langsam und immer wieder stockend, von der Aussichtslosigkeit und von der Leere, die er seit dem Vorfall im Navy Yard und besonders seit Abbys Tod spürte, erzählt. Von den Ängsten um die Freundschaft und Liebe zu Ziva. Von dem offenen Bruch mit McGee und von Gibbs‘ Verrat an ihnen allen. Von seiner Existenzangst und der immer größer werdenden Not um die eigene Gesundheit. Und auch von seiner Angst, als Vater zu versagen und das nicht nur in körperlicher Hinsicht. Ihr Gespräch hatte fast eine Stunde gedauert, aber Ducky war ein guter Zuhörer, der es verstand das Gespräch immer mal wieder an den richtigen Stellen anzufachen oder auch ruhig zu halten. Danach hatte er noch einmal Tonys Platzwunde untersucht und ihm gegen die Schwellung ein Kühlkissen aus dem Eisschrank besorgt. Zur Entspannung hatte er ihm befohlen etwas Fern zu sehen. Normalerweise hätte er lieber etwas zu lesen verordnet, aber Gibbs‘ restliche Bibliothek hatte nichts Brauchbares mehr hergegeben.

Genervt blickte er auf die Uhr, wenn Mr. Palmer nicht langsam in die Einfahrt stampfen würde, dann würde er seinen Assistenten den nächsten Küchenabwasch erledigen lassen, als Strafe für das herum Klüngeln. Doch da fiel ihm ein, dass Jimmy schon lange nicht mehr sein Assistent war und eigentlich auch schon seit einem halben Jahr seinen Doktortitel in der Tasche hatte. Ein wenig schlechtes Gewissen überfiel ihn, da er ihn immer noch wie Lehrjungen behandelte. Aber Jimmy war jung und junge Leute musste man manchmal zurück auf …. Seine Überlegungen erstarrten, als der Fernseher immer lauter gedreht wurde und ihn ablenkte.

…gerade eben haben wir mit unseren Hubschraubern Einsicht erhalten über das Ausmaß der Explosion der Tankstelle am Wardensville Pike hier in Virginia. Da die Polizei den Außenbereich großflächig abgesperrt hat und auch keine offiziellen Angaben geben will, können wir Ihnen im Moment nur unter Einsatz unseres Lebens, Bilder aus der Luft zeigen. Leider können wir Ihnen noch keine Aussagen zu den Verletzten- oder Todeszahlen machen, aber wir können erkennen dass etwa fünf Krankenwagen dort unten stehen bzw. gerade wieder Richtung Stadt fahren. Ich muss meinen Bericht jetzt leider abbrechen, mein Pilot signalisiert mir, das der Sturm zu gefährlich wird und wir…..

Das Fernsehen zeigte immer noch einen jungen Reporter in einem Polar-Anorak mit Mikrofon, aber der Ton war plötzlich verstummt. Als der Pathologe seine Augen vom Fernsehen weg, wieder zu seinem Patienten schweifen ließ, sah er Tony wie versteinert auf der Couch sitzen. Blicklose Augen starrten auf die Fernbedienung in seiner Hand, aber das erstaunlichste war, das er es irgendwie geschafft hatte sich nicht nur alleine auszusetzen, sondern auch seine Beine auf den Boden zu stellen. Ducky runzelte die Stirn. Er hatte das alles zwar schon Anthony machen sehen, aber nicht in der Kürze der Zeit. Verwundert ging er auf ihn zu.

„Mein lieber Junge?“, fragte er vorsichtig, aber als der nicht reagierte, fasste er ihn an die Schulter. „Anthony?“

In dem Moment kam leben in den jungen Mann, sein Gesicht verzog sich wütend und seine Hand mit der Fernbedienung schnellte hoch und noch bevor der Mediziner ihm diese abnehmen konnte, flog sie an ihm vorbei und zerschellte an der Wand.

„TONY?“

„WAS?“, schrie dieser zurück und schlug sich mit aller Macht und Kraft auf die Oberschenkel.
„WAS, DUCKY? SIEHST DU ES JETZT? ZIVA UND GIBBS SIND TOT UND ICH WAR DABEI. ICH HABE MEINE ZIVA SCHREIEN HÖREN“, schrie er den Mediziner an und schlug dabei immer weiter auf seine Oberschenkel.

„Nicht mein Junge“, rief der Arzt dazwischen. „Du tust dir weh“, sagte er und wollte nach Tonys Arm greifen, wurde aber von ihm zurück gedrängt.

„WEH“, er lacht lauf auf. „WEH, ich spüre nichts, aber auch gar nichts. Ich kann mir nicht mehr wehtun und es würde mir helfen wenn ihr das auch endlich einmal so sehen könntet. Sie sind tot, TOT wie ZIVA UND GIBBS“, spie er ihm entgegen. Plötzlich ging ein Ruck durch seine Bein. „Nein“, sagte Tony plötzlich leise. „Nicht noch einmal. Nicht JETZT.“ Mit Entsetzen im Gesicht legte er eine Hand auf sein bereits wild zuckendes rechtes Bein, während er mit der anderen versuchte an sein schmerzendes Kreuz zukommen.

„Nein“, sagte auch Ducky und kam erneut auf den Jüngeren zu. „Schnell Tony, wir müssen sehen, dass du dich wieder hinlegst. Kannst du deine Beine auf das Sofa ziehen?“

„N e i n, zu spät, mein Rücken, verkrampft“, presste er zwischen den Zähnen hervor. Der Anfall kam völlig überraschend und der Schmerz war kaum noch auszuhalten. Er hatte bisher noch nie einen Anfall erlebt, der so schnell und ohne Vorwarnung zuschlug. Sein Körper war dermaßen verkrampft das er sich nicht mehr rühren konnte. Seltsamerweise war diesmal nur das rechte Bein betroffen. Im Unterbewusstsein bemerkte er wie ihm etwas zwischen die Zähne geschoben wurde, da diese unkontrolliert aufeinander schlugen und teilweise auch wieder seine Zunge getroffen hatten. Er bemerkte noch wie sein Blickfeld, von Herzschlag zu Herzschlag, immer kleiner wurde, dann erlosch auch der letzte Punkt und katapultierte ihn in die Dunkelheit.

~~~***~~~



Ducky blickte schnell zum Fenster und verwünschte Jimmy aufs Neue. Wo blieb der Junge nur so lange? Mit einer Hand versuchte er Anthonys Bein unter Kontrolle zu halten, aber der junge Mann krampfte zu stark und gleichzeitig konnte er spüren wie Tony immer schwächer wurde.
„Tu mir das nicht an Anthony, hörst du?“, sagte der alte Mediziner und versuchte an Tonys Handy auf dem Tisch zu kommen, ohne ihn dabei los zulassen. Beim dritten Versuch hatte er es endlich in den Händen und wählte die 911.

„Sie sprechen mit dem medizinischen Notdienst, wie können wir helfen?“, fragte ihn wenig später eine Frauenstimme.

„Mein Name ist Dr. Mallard, wir brauchen dringend einen Krankenwagen zur Tempelton 1756, akuter Krampfanfall.“

„Sind sie Arzt, Sir?

„Ja, ich bin Mediziner. Bitte sagen sie dem Notarzt dass er Botulinumtoxin mitbringen muss. Der Patient leidet an multiplen Spasmen.“

„Ist verständigt“, kam es wieder von der Frauenstimme.

Mit dem Daumen drückte er den Anruf weg. „Hast du gehört, Anthony? Ein Notarzt ist unterwegs.“

Mittlerweile hatte sich auch Tonys zweites Bein dem Reigen angeschlossen und dem Pensionär fehlte es bereits an Kraft. Er schaute in die Augen, aber die Pupillen waren weit nach oben gedreht und nicht sichtbar. Wo blieb nur der Rettungswagen? Mit zwei Fingern kontrollierte er Tonys Pulsschlag. Es wurde Zeit. Sein Herz hämmerte ohne Unterlass.

„Du musst das hier noch ein bisschen durchhalten. Hilfe ist unterwegs.“ Ein leichtes Panikgefühl überfiel den alten Mediziner.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, die er neben Tony auf dem Sofa verbrachte, konnte er endlich die Sirene des Rettungswagens hören. „Ich muss dich jetzt mal kurz alleine lassen und die Leute reinholen. Es dauert nicht lange.“ Noch einmal drückte er kurz Tonys Hand, dann lief der los und öffnete die Tür. „Hierher, bitte schnell.“

Zwei jüngere Männer rannten daraufhin auf das kleine Einfamilienhaus zu, bepackt mit einer Trage und dem medizinischen Koffer.
Für eine Vorstellung blieb keine Zeit und Ducky brachte sie sofort zu dem noch immer stark krampfenden Anthony ins Wohnzimmer. Dann konnte er nur noch zusehen und die beiden Männer ihre Arbeit tun lassen.

„Mein Name ist Dave. Was ist das Problem?“

„Schussverletzung mit Rückenmarksquetschung. Vollständige Lähmung der unteren Extremitäten. Spastische Parese. Bereits der zweite Anfall innerhalb der letzten 24 Stunden. Dr. Mallard, ich bin ebenfalls Mediziner“, stellte er sich den Männern vor, während diese Tony schon einen Anschluss legten und ihn an diverse Apparate anschlossen. „Haben sie das Botulinumtoxin mit?“

„Natürlich. Wie alt ist die Schussverletzung?“

„Zwei, nein drei Monate.“

„Gut, was ist mir seinem Kopf passiert?“

„Platzwunde, ungeschickt gefallen.“

„Okay, sind wir fertig Mike?“, fragte der Notarzt seinen Partner.

„Jepp“, kam es von diesem und schnell hatten sie Tony zusammen mit den Apparaten auf die Trage gehoben und waren bereit ihn hinaus zu tragen.

„Wo wollen sie ihn hinbringen?“

„Center Memorial.“

„Er ist NCIS Agent, Navy Angehöriger. Könnten Sie ihn bitte ins Bethesda bringen? Dort ist er bekannt und man hat seine Akten. Ich komme dann später nach.“

„Kein Problem“, sagte Dave und hob zusammen mit seinem Partner die Trage an.

Schnell war Ducky noch einmal neben ihm. „Ich warte bis ich etwas in Erfahrung gebracht habe Tony, dann komme ich zu dir“, sagte er ihm und wusste gleichzeitig dass der Jüngere ihn nicht gehört haben konnte.

~~~***~~~



Traurig und niedergeschlagen blickte er den mit Blaulicht fortfahrenden Rettungswagen hinterher, als er aus dem Augenwinkel Jimmy auf das Haus zu rennen sah.

„Dr. Mallard, ich habe mich beeilt, aber das Medikament war schwer zu beschaffen und ich musste verschiedene Apotheken abklappern.“ Völlig außer Atem versuchte er sich zu rechtfertigen. Als der alte Mediziner nicht antwortete fügte er hinzu: „Ist etwas passiert?“

„Zu langsam, Mr. Palmer. Sie waren zu langsam.“

 

 

26. Kapitel


„Was haben wir?“, fragte die junge Ärztin, als sie die Trage aus dem Rettungswagen in Empfang nahm.

„NCIS Agent, Spastische Parese. Auch nach maximaler Botulinumtoxin-Gabe immer noch krampfend, “, sagte Dave, der neben der Bahre herlief.

„Haben sie seine Personalien?“, kam es von der Ärztin und sie überprüfte schon die medizinischen Geräte. „Sein Blutdruck ist viel zu niedrig.“

„Im Moment, auf der Fahrt war er dermaßen hoch, das ich schon in Sorge war. Special Agent Anthony DiNozzo....“

„TONY?“, rief sie überrascht und sah ihrem Patienten zum ersten Mal bewusst ins Gesicht. „Mein Gott. Wussten Sie das er eine Lungenschädigung hat?“

„Nein, das war uns nicht bekannt“, sagte Dave entsetzt und zog eine Augenbraue hoch. „Sie kennen Ihn?“

„Lange Geschichte. Umschreiben wir es einmal so, ich war schon mehrfach seine behandelnde Ärztin. Gut, wir übernehmen jetzt“, teilte sie ihm mit und zusammen schoben sie Tony in einen Schockraum. In dem Moment änderte sich der unruhige Peepton in einen Dauerton.

~~~***~~~


Unruhig lief Anthony Senior in seinem Zimmer auf und ab. Das gestrige Gespräch mit seinem Sohn war nicht so verlaufen wie er es sich erträumt hatte. Er wollte Frieden sähen und hatte doch nur wieder Sturm geerntet. Was war es nur das zwischen ihnen lag? Früher hatte sie sich doch verstanden. Wann war es nur zu dem Bruch gekommen? Oder war er schon immer da gewesen? Versteckt unter Ausflüchten? Resigniert fuhr er sich über die Augen. Er wollte doch nur ein schönes Weihnachtsfest feiern. Seinem Sohn etwas von seiner Gutherzigkeit zurückgeben. Und jetzt hatte die Wirklichkeit ihn eingeholt. Sein Sohn saß im Rollstuhl und ob er jemals wieder laufen würde, stand noch in den Sternen. Er hatte erfahren dass er Großvater wurde und zu allem Übel war die schwangere Ziva entführt, von Gibbs gar nicht erst zu reden. Gestern hatte er Anthony zwar gesagt, dass er auf ihn hier warten würde, doch er wusste dass der Junge ihn niemals anrufen würde. Dazu war Tony viel zu stur und darüber wunderte er sich auch nicht, denn immerhin hatte er ihn dazu gemacht. Also wenn der Apfel nicht zum Baum kommt, dann musste halt der Baum zum......das Telefonschellen riss ihn aus seinen Gedanken. Verwirrt, wer ihn hier erreichen wollte, nahm er den Hörer ab und meldete sich.

„DiNozzo?“

„Rezeption, wir haben hier ein Gespräch für Sie. Eine Sekretärin vom NCIS. Möchten Sie das Gespräch annehmen?“

Kurz stutzte er. Vom NICS? Was wollten die denn nun von ihm? „Ja natürlich. Danke“, teilte er ihr mit und konnte hören wie sie die Verbindung herstellte. „Ja“, sagte er kurz in den Hörer.

„Mein Name ist Miriam Meyers, ich bin Direktor Vance‘ Sekretärin. Spreche ich mit Anthony DiNozzo Senior?“, fragte eine junge Frauenstimme.

„Ja, was kann ich für Sie tun?“

„Sir, wir haben gerade einen Anruf aus dem Bethesda erhalten. Dort wurde Ihr Sohn eingeliefert. Ich habe daraufhin seine alte Benachrichtigungsliste abtelefoniert und von unserem ehemaligen Pathologen Dr. Mallard erfahren, dass Sie sich im AdamsHouse einquartiert haben.“

„Wissen Sie was ihm fehlt?“, hakte Tonys Vater besorgt nach.

„Nein Sir, tut mir leid, aber an Aussenstehende werden keine Informationen weiter gegeben.“

„Okay, danke für die Benachrichtigung. Ich fahre hin“, sagte er und legte den Hörer auch schon auf. Schnell hatte er sich seinen Mantel gegriffen und lief zur Rezeption um sich ein Taxi rufen zu lassen.

~~~***~~~


„Na komm schon!“, schrie sie ihn an. „Du hast schon schlimmeres überstanden, da wirst du dich doch nicht von einem Krampfanfall schlagen lassen. Atme, verdammt noch mal!“ Ihre Anweisungen an das Pflegepersonal dagegen kamen präzise und schnell. „Überdosis Botoxin. Susan, Gegenmittel startklar machen. 150 ml Botulismus-Antitoxin. Jetzt.“ Sie hielt den Blick weiterhin auf die Lungenfrequenz gerichtet. Immer noch zu unregelmäßig aber schon wieder messbar. Zum ersten Mal erlaubte sie sich selber durchzuatmen. „Die Sauerstoffsättigung ist immer noch zu niedrig. Legt ihm eine Nasenbrille.“

Dann wandte sie sich wieder zu Tony um, dessen Lippen sich bereits blau verfärbt hatten. „Ich möchte dich nur ungern künstlich beatmen, aber wenn sich deine Werte nicht bald bessern lässt du mir keine Wahl. Komm schon, atme.“ Niedergeschlagen blickte sie auf den Monitor der ein Röntgenbild seiner Lunge zeigte. „Wir legen ihn Intensiv. Seine Lunge ist zu stark angegriffen. Höchstmögliche Sauerstoffzufuhr. Und sobald er zu sich kommt, will ich informiert werden.“ Ein letztes Mal blickte sie zu ihm. Und dann wirst du mir sagen, warum du wieder hier bist, fügte sie in Gedanken dazu, während sie den Raum verließ.

~~~***~~~


Mit wehendem Mantel rannte er so schnell er konnte auf das Krankenhaus und die Information zu. „Mein Name ist DiNozzo. Mein Sohn ist heute früh hier eingeliefert worden. Wie komme ich zu ihm?“, fragte er die junge Frau die ihm mitfühlend anlächelte.

„Anthony DiNozzo, NCIS Special Agent?“ Als sie ihn nicken sah, fuhr sie fort: „Dritter Stock, Intensiv Station. Melden Sie sich dort bitte im Schwesterzimmer. Dort wird man sich Ihrer annehmen.“

„Intensiv Stadion?“, fragte er nach und die junge Schwester schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Danke.“ Mit einem Seufzer auf den Lippen dreht er sich zum Aufzug um.

~~~***~~~


Leon Vance parkte in der Einfahrt und warf noch vom Wagen aus einen Blick auf sein Haus. Der Vorgarten wirkte aufgeräumt und der Rasen war ebenmäßig kurz geschnitten. Er legte viel Wert auf solche Dinge. Sie waren ihm wichtig. Er liebte dieses Haus, diese Straße und dieses Leben. Aber wenn der SecNav seine Drohung ernst machen würde, dann mussten sie dies alles hinter sich lassen. Dann würde er seine Familie nehmen und gehen. Leon hatte noch genug Kontakte auf der Welt, die ihm etwas schuldig waren. Bei einem würden er und seine Familie schon Unterschlupf finden. Vor seinem geistigen Auge sah er LiIy und Jared über den Rasen trollen. Mit einem wehmütigen Grinsen im Gesicht stieg er aus und ging auf das Haus zu.

Leise schloss er die Tür auf und entledigte sich seines Mantels und der dicken Winterboots. Von der Küche hörte er Geräusche.

Verwundert blickte ihn Jackie, seine Frau, an, die am Tisch stand und einem Kuchenteig rührte. „Hallo Schatz, du bist viel zu früh dran. Ist etwas passiert?“, fragte sie, als sie ihn an der Türzarge lehnend bemerkte.

„Nein nein, alles in Ordnung ich dachte nur ich könnte heute einmal ein paar Überstunden abbauen“, teilte er ihr mit, kam näher und nahm sie in den Arm.

„Pass auf, ich hab dreckige Hände.“ Sie lächelte ihn an und hielt ihre Hände von ihm entfernt, schmiegte sich aber in seine Arme.

„Da ist doch was faul, wenn du Überstunden abbaust?“, zweifelnd sah sie ihn an.

„Nein, ehrlich“, er versuchte ein Lächeln. „Es ist so ruhig, wo sind die Kinder?“

„Noch in der Schule, wo sollten sie denn sonst um die Uhrzeit sein?“ Belustigt über seine Frage, machte sie sich von ihm los und wandte sich wieder ihrem Kuchenteig zu. „Weißt du, heute Morgen als ich die Kinder zur Schule gefahren habe, hat mir doch tatsächlich einer die Vorfahrt genommen. Ich....“ weiter kam sie nicht, weil Leon sie an den Armen zu sich herum drehte.

„Was? Was ist passiert“, mit großer Besorgnis sah er sie an.

„Nichts, hey lass mich los, du tust mir weh“, kam es von ihr und sie blickte auf seine Hände an ihren Armen herunter.

„Entschuldige“, verwirrt ließ er sie los.

„Was regst du dich so auf? Sowas passiert doch jeden Tag und es ist ja auch nichts passiert. Ich bin ausgewichen und er ist abgehauen“, resigniert zog sie die Schultern hoch.

Leon atmete tief durch. „Du hast ja keine Ahnung“, flüsterte er und drehte sich wieder in Richtung Flur. „Ich hab noch etwas zu erledigen. Wartet nicht auf mich.“ Damit ließ er seine Frau stehen.

~~~***~~~


Unruhig lief Ducky durch Gibbs‘ leeres Wohnzimmer, während Jimmy mit bebenden Fingern durch die verschiedenen Kanäle des noch immer flimmernden Fernsehgerätes zappte. Grad hatte der ehemalige NCIS-Pathologe mit den behandelnden Ärzten des Bethesda gesprochen und von Tonys schlechtem Zustand erfahren.

„Mr. Palmer...Können Sie diesen Lärm nicht abschalten?... Bitte!“

Doch Jimmy schüttelte nur den Kopf und starrte ungläubig auf den Bildschirm. „Dr. Mallard...“

„Was? Was denn, Mr. Palmer?“ Wieder verfiel der alte Mann in seine altbekannten Verhaltensmuster, ohne es wirklich zu registrieren.

Mit entsetztem Gesichtsausdruck deutete der Angesprochene auf die Meldung, die in den Nachrichten gebracht wurde.

„... können wir Ihnen jetzt berichten, dass in unmittelbarer Nähe der Tankstelle die Leiche eines Mannes gefunden wurde. Ersten Angaben zufolge ist das Gesicht der Leiche bis zur Unkenntlichkeit entstellt Ob. aufgrund des Feuers oder anderer Ursachen, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Das Opfer war ein männlicher Weißer. Sein Alter wird auf rund 50 Jahre geschätzt.“

Mit einem qualvollen Stöhnen ließ Ducky sich auf das Sofa sinken. „Mein Gott... Mein Gott...“
Der alte Mediziner verbarg das Gesicht in den Händen und zuckte unwillkürlich zusammen als die Haustür aufgestoßen wurde. Blinzelnd schaute Ducky auf und musterte die drei durchgefrorenen Leute forschend. Sie schienen müde und mutlos, aber nicht verzweifelt, so wie er es erwarten würde, wenn sie vor kurzer Zeit Gibbs‘ Leiche gegenüber gestanden hätten.
„Was habt ihr gefunden?“, fragte er mit rauer Stimme und stemmte sich mühsam aus den weichen Polstern.

„Wo ist Tony?“, fragte Tim anstatt eine Antwort zu geben und schaute sich suchend um. Sein Blick blieb an dem verwaisten Rollstuhl hängen. „Ducky?“, hakte er noch einmal nach.

Dr. Mallard stützte sich schwer auf die Lehne des Sofas. „Er hatte einen weiteren Anfall... Ich musste den Notarzt anrufen. Er... es geht ihm nicht gut. Anthony hatte... Seine Lungen verkraften diese Strapazen nur schlecht und...“

Tim ließ sich am Türrahmen hinabsinken und stützte den Kopf in die Hände. Nach einer Weile, in der das bedrückte Schweigen sie eingehüllt hatte wie ein eisiger Mantel, sagte Tim leise: „Wir haben Kampfspuren gefunden und Blut - viel Blut. Eric wird gleich zur die Uni fahren und damit anfangen es zu analysieren. Wir sind den Spuren gefolgt, aber bei dem Schneesturm...“

Kristen hatte auf der Treppe gesessen und ihre Schneenasse Hose hochgekrempelt. Nun tappte sie auf Socken in Richtung des Gästezimmers. In der Tür blieb sie stehen und beobachtete das friedliche Bild, das sich ihr bot. Caras drei winzige Welpen lagen dicht an die Hündin gedrängt da und schliefen selig. Die Hündin blinzelte müde und wedelte träge mit dem Schwanz.

„Meine Gute...“, murmelte Kristen und lehnte den Kopf an den Türrahmen. Sie hatte eiskalte Füße. Obwohl sie feste Winterboots getragen hatte, waren ihre Socken feucht. Sie seufzte und wandte sich ab. Sie würde sich umziehen müssen, wenn ihr wieder warm werden wollte.

Als die Brünette an dem Wandschrank vorbeikam, in dem Gibbs neben Staubsauer und Bügelbrett auch Jacken und Schuhe untergebracht hatte, öffnete sie diesen und ließ den Blick über die wenigen Gegenstände gleiten. Bislang vermutete sie schon, dass er keine Jacke trug, denn die Jacken sowohl von Ziva und auch Gibbs hingen im Flur. Als sie seine festen gefütterten Winterschuhe entdeckte, schloss sie die Augen und presste sich eine Hand vor den Mund. Jethro hatte genau zwei Paar Schuhe, die er stets trug. Seine abgewetzten Turnschuhe oder, je nach Wetter und Jahreszeit, passende lederne Boots. Die Turnschuhe fehlten.

„Die Schuhe sind schon ganz löchrig! Was bist du für ein Geizkragen? Man muss die Klamotten nicht bis zur Unkenntlichkeit auftragen!“ zog Kristen ihren Partner lachend auf, als dieser auf der Veranda ihres Hauses stand und an einer Boxentür arbeitete, die auf zwei Holzböcken lag.„Sie sind bequem...“, hatte die brummige Antwort gelautet. Dann hatte er aufgeschaut und war in ihr Lachen eingefallen. Damit war das Thema neue Schuhe für Gibbs erledigt gewesen.

Noch während sich das Schluchzen seinen Weg bahnte, hallte ihr Jethros Lachen in Gedanken entgegen.

„Mum?“, ertönte Erics Stimme dicht neben ihr. „Mum...“ Mit einem schmalen Lächeln zog der Blonde seine Mutter in die Arme.

Sie befreite sich aus seiner Umarmung und schüttelte nur abwehrend den Kopf. „Ich... ich bin ok. Alles gut!“, log sie und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Klar, Mum, weiß ich doch. Du hockst ja ständig heulend im Besenschrank...“, erwiderte der Jüngere schnaubend.

Kristen schmiss die Hände in die Luft. „Er... Jethro hat nur seine verfluchten, löchrigen Turnschuhe an...“ Sie kniff die Augen zusammen und verbarg das Gesicht in einer Hand, sichtlich bemüht nicht die Fassung zu verlieren. „Wir waren nur zwei... drei Stunden in dem Schnee unterwegs und... meine Füße sind taub gefroren und Ziva und Jethro...“ Ihre Stimme brach.

Erneut zog ihr erwachsener Sohn sie in die Arme und strich ihr beruhigend über den Rücken. „Gibbs ist ein Marine, er spürt weder Hitze noch Kälte. Von einer Silberkugel kriegt er lediglich Sodbrennen und Kryptonit gibt es in seiner Welt nicht. Abby könnte es dir bestätigen.“

Kristen verpasste ihrem Sohn einen leichten Schlag gegen den Oberarm und wandte sich ab. An der Tür zu Caras kleinem Reich blieb sie stehen und beobachtete ihre Hündin.
Aus dem Flur hörte sie leise Stimmen. Als sie sich umwandte, sah sie Eric und Ducky auf sich zu kommen. Fragend zog sie die Augenbrauen hoch.

„Kristen...“ Duckys Stimme klang rau und seine Augen schimmerten feucht. Die Brünette legte dem alten Mann eine Hand auf den Arm.

„Ducky, Sie sollten sich eine Pause gönnen.“

Dieser nickte und nahm seine Brille ab. „Ja, vermutlich haben Sie recht, meine Liebe. Nur vorher... Kristen, in den Nachrichten wurde von der Explosion berichtet und... davon, dass unweit der Tankstelle eine Leiche gefunden wurde. Nicht zu identifizieren, da das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit... Ein männlicher Weise, vermutlich in den 50gern.“

Kristen schluckte schwer und versuchte die Worte zu begreifen. Sie spürte eine Berührung auf ihrer Schulter, hörte wie zu ihr gesprochen wurde, doch die Stimmen erreichten sie nicht. Das Rauschen in ihren Ohren wurde immer lauter und überdeckte alle anderen Geräusche. Sie wusste, dass sie sich besser setzen sollte, doch sie hatte den Gedanken kaum zu ende gedacht, als die Knie unter ihr nachgaben.

 

 

27. Kapitel


Mit schnellen Schritten hatte er das Schwesternzimmer auf der Intensiv Stadion erreicht. „Ich möchte zu meinem Sohn“, sagte er und bemerkte wie sehr seine Stimme zitterte. Sein Blick wanderte dabei fast panisch umher.

„Und wer bitte ist ihr Sohn?“, hackte die junge Schwester, die ihm entgegen kam, freundlich nach.

„Anthony DiNozzo. Er wurde heute Morgen hier eingeliefert.“

„Nehmen Sie doch bitte kurz hier Platz, ich werde Dr. Davidson rufen“, sagte sie und verschwand durch eine Tür.

Wenig später kam sie mit einer zweiten Frau zurück.

„Mr. DiNozzo?“, fragte die zweite Frau und nachdem er nickte, gab sie ihm die Hand. „Dr. Sarah Davidson. Ich bin die behandelnde Ärztin Ihres Sohnes. Wenn Sie möchten, bringe ich Sie zu ihm.“

Als sie kurze Zeit später wieder stehen blieben, konnte er durch die Beobachtungsscheibe einen ersten Blick auf seinen Sohn werfen. Hatte Tony gestern schon angeschlagen ausgesehen, so sah er jetzt noch weit schlimmer aus. Sein Gesicht wirkte eingefallen und soweit er sehen konnte, hatten sich seine Lippen blau verfärbt. Er schien um jeden Atemzug kämpfen zu müssen. Dazu kam ein Pflaster an der Stirn, das gestern auch noch nicht da gewesen war. Was war nur passiert?

„Oh Gott Junior“, entfuhr es ihm und fragend blickte er die Ärztin an.

Doch diese sah nur seinen Sohn an und bemerkte seinen Blick nicht. „Können Sie mir sagen was passiert ist?“, fragte sie ihn in dem Moment ohne ihn anzuschauen.

Verwirrt sah er sie an. „Ich? Ich denke da sind sie die Fachkraft.“

Noch immer blickte sie starr auf Tony. „Das meine ich nicht. Die Fakten kenne ich. Was ich wissen möchte ist, wie es dazu gekommen ist.“ Endlich wandte sie den Blick von der Scheibe ab und sah ihn an, aber als er nicht die Initiative ergriff, fuhr sie mit einem Seufzer fort. „Als uns Ihr Sohn vor ein paar Wochen zur Reha verließ, war er wunderbar eingestellt. Die Anfälle hatten wir im Griff und selbst wenn sich doch noch einer durch schlich, dann nicht mehr in einer solchen Intensität.“

„Von was für Anfällen sprechen Sie?“, fragte er besorgt.

„Tony leidet an spastischen Störungen. Krampfanfälle des Nervenkostüms, aber wie gesagt, er befand sich auf dem Weg der Besserung und auch der Druck auf sein Rückenmark hatte sichtlich abgenommen. Was ist passiert, dass er einen solchen Rückfall erlitten hat? Und wo ist Ziva? Sie weicht sonst nie von seiner Seite.“ Verständnislos sah sie ihn an und legte die Stirn in Falten.

Anthony Senior schloss kurz die Augen. Wie sollte er das ganze Drama, von dem er selber nur die Hälfte wusste und verstand, plausibel einer für ihn fremden Person erklären? Und wie viel durfte er überhaupt sagen, ohne die Ermittlungen zu gefährden?

„Sie kennen Ziva?“, fragte er sie stattdessen.

„Ich glaube ich kenne sie alle. Ziva, Gibbs und Dr. Mallard waren von der ersten Stunde an, nach Tonys Verwundung hier gewesen. Selbst als er noch im künstlichen Koma lag, war er nie allein. Aber wo waren Sie?“, fragte sie ihn geradeaus und blickte wieder durch das Fenster zu seinem Sohn.

Der Charmeur alter Schule setzte sein DiNozzo Lächeln auf, mit dem er meistens Erfolg hatte. „Geschäftlich verreist.“

Sarah blickte ihn erstaunt an, dann lächelte sie plötzlich wissend. „Und da hielten Sie es nicht für Ihre Vaterpflicht nach ihm zu sehen? Ihr Sohn hatte eine verdammt schwere Zeit. Aber dafür treten Sie jetzt wieder in sein Leben. Okay“, sagte sie abwertend. „Ich verstehe......“

„Nein“, kam es von ihm aufgebracht. „Da liegen Sie falsch. Es liegt nicht an mir, es ist...“ Irgendwie fehlten dem Trickser die Worte. „Ziva und Special Agent Gibbs wurden entführt.“ So, jetzt war es raus.

„Oh“, kam es von der Ärztin, überrascht wandte sie den Blick von Tony zu seinem Vater. „Jetzt wird mir einiges klar. Enormer Druck, Stress, das hat die Anfälle wieder aufleben lassen.“

„Und Junior?“, fragte er und wollte endlich ihre „Fakten“ hören.

„Sie haben recht, Entschuldigung. Sie wissen das Ihr Sohn vor ein paar Jahren an der Lungenpest erkrankte?“

„Agent Gibbs erwähnte so etwas mal.“

„Gut, dabei kam es zu einer Schädigung seines Lungengewebes. Das ist es, was ihm jetzt zu schaffen macht. Es ist ein Kreislauf. Das Botoxin, das gut gegen die Spasmen hilft, setzt leider seiner Lunge zu. Wenn seine Lungenwerte sich nicht bessern, muss ich ihn künstlich beatmen. Ich hoffe aber, das wir das Gegenmittel noch rechtzeitig genug verabreicht haben. Jetzt liegt es an ihm.“ Plötzlich erklang ein Piepton aus ihrer Kitteltasche. Rasch nahm sie den Pager heraus und warf einen Blick auf das Display.

„Kann ich zu ihm?“, fragte Anthony Senior schnell.

„Ja natürlich. Die Schwester wird Ihnen in einen Kittel helfen. Mich entschuldigen Sie jetzt bitte. Ich muss zu einem anderen Patienten.“

~~~***~~~



Anstrengend und mühsam war jeder Atemzug. Der Schmerz nahm ihm die Kraft zum Atmen, und das Gefühl, seine Lunge wäre auf Erbsengröße geschrumpft, nahm Überhang. Alles Symptome die er kannte, die er aber gehofft hatte nie wieder zu spüren. Müde blickte er sich in dem kleinen Intensivzimmer um. Über seinem Kopf an der Instrumentenleiste, war ein kleiner Sauerstoff Inhalationsapparat angeschlossen, der ihm über eine Nasenbrille mit Sauerstoff versorgte und ihm das Atmen erleichtern sollte. An seinem linken Arm war ein IV-Zugang gelegt worden und irgendwo piepte es nervig. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er in Watte gepackt und seltsamerweise sendete sein rechter Oberschenkel dumpfe Schmerzsignale. Irgendwie versuchte er gerade seine Hand zu überreden dem Befehl zu folgen und nach seinem Oberschenkel zu greifen, als die Tür zu seinem Zimmer aufging.

„Junior“, kam es sichtlich besorgt von seinem Vater.

„Dad“, versuchte er zu antworten, doch sprechen und atmen zugleich war keine gute Idee.

„Anthony, du machst mir Angst“, sagte sein Vater und setzte sich auf dem Stuhl, der neben dem Bett stand.

Mit Entsetzen sah Tony das seinem Vater Tränen über die Wangen liefen. Er hatte seinen Vater noch nie weinen sehen, noch nicht einmal auf der Beerdigung seiner Mutter.
„D..a..d“, versuchte er wieder zu sprechen.

„Nicht sprechen. Deine Ärztin hat mir erzählt dass dein Problem mit deinen Lungen zusammen hängt. Tony du musst jetzt noch einmal kämpfen. Hörst du?“

Klar hörte er, aber er konnte seinem Vater beim besten Willen nicht antworten. Es fehlte ihm dafür schlicht und einfach die Luft. All seine Kraft verbrauchte er um wach zu bleiben und zu atmen.
„Z..i..va?“, presste er zwischen Tonnen schweren Atemzügen hervor.

„Tony, du sollst nicht sprechen.“

„Zi..v..a“, sagte er wieder und hinter ihm änderte sich der Piepton bedrohlich.

„Sssscchhh Junior, ich versteh dich ja, aber wenn du dich anstrengst, dann wird das nur alles noch schlimmer. Deine Ärztin spricht schon davon dich künstlich zu beatmen. Also bitte atme ruhig weiter. Ich fahr jetzt zu Gibbs‘ Haus und sehe ob sie etwas neues haben. Dann komm ich wieder. Ja?“ Besorgt sah er ihn an. „Und deine Aufgabe ist es jetzt zu atmen, ich kümmere mich um Ziva.“
Als er das blasse Gesicht seines Sohnes nicken sah, beugte er sich herunter und hauchte ihm einen Kuss auf die bleiche Stirn. „Wir schaffen das, du bist nicht allein.“ Dann wandte er sich um und verließ das Zimmer. Draußen blieb er noch kurz stehen und sah noch einmal durch das Fenster. Ein stummes Gebet konnte jetzt nicht schaden.

~~~***~~~



SwiftCat setzte sich atemlos in den Eingang des Erdloches. Er hasste sich für seine Schwäche. Immer wieder passierte es ihm, dass er anfing Zuneigung für seine Beute zu empfinden. Genau aus dem Grund war sein Vater immer dafür gewesen, dass ihr Spiel schnell und tödlich verlief. Doch schon als kleiner Junge hatte er sich kleine Vögel oder Nager gefangen und diese behalten. Er hatte mit ihnen gespielt, seine Fähigkeiten geübt und verbessert und am Ende hatte er es nicht über sich gebracht, seine Beute zu erlegen. Dass die Tiere in der Regel ohnehin dem Tod geweiht waren, da seine Spiele oft zu brutal gewesen waren, hatte Otaktay in tiefe Trauer gestürzt. Er litt mit jedem seiner Schützlinge, wenn diese am Ende qualvoll verendeten. Mit Ausnahme von Moira hatten sie ihn alle verlassen. Bei der schwarzhaarigen Frau gab er besonders große Acht darauf, sie nicht schwer zu verletzen. Sie war seine größte Trophäe, sein größtes Glück.

Mit bekümmertem Blick schaute er hinab in das Erdloch, auf dessen kaltem Boden seine neusten Schützlinge lagen. Reglos vor Erschöpfung und Schmerzen. Nach dem langen Marsch hatte keiner von ihnen noch genug Kraft gehabt um auch nur einen winzigen Bissen der Energieriegel nehmen zu können.
Die Kleidung der beiden NCIS-Leute war nass und stellenweise gefroren. Sie waren verletzt und... sie würden sterben, erfrieren, heute Nacht. Und er würde es nicht verhindern können. Oder doch? Vielleicht, wenn er ihnen warme Kleidung bringen würde, dann würden sie am Leben bleiben. Aber... er war sich sicher, dass sie sich nach dem heutigen Tag, unter diesen Umständen, kaum soweit erholen würden, dass sie erneut zusammen auf die Jagd gehen konnten.
Swiftcat erinnerte sich daran, dass dies das Ziel gewesen war. Das war sein Auftrag: Das Leben der beiden Agenten beenden!
Er seufzte und stand langsam auf. Bekümmert blickte er auf Ziva und Gibbs nieder, bevor er sich abwandte und die schwere Falltür hinter sich schloss.

~~~***~~~



Besorgt musterte Eric seine Mutter. Kristen stierte mit emotionslosem Blick auf den verschneiten Gehweg, der durch einen kleinen Park zu einem großen Ärztehaus, unweit des Bethesda, führte. Eine Ärztin, mit der Ducky gelegentlich die Oper besuchte, hatte dort ihre Praxis. Der alte Pathologe hatte nicht mit sich reden lassen, er hatte darauf bestanden, dass Jethros Lebensgefährtin sich in medizinische Hände begab. Er wusste, dass sich ihre Kreislauf-Probleme mit einer guten Mahlzeit, Ruhe und einer Tasse Kaffee fürs Erste beheben lassen würden, doch das erklärte immer noch nicht die Ursache. Sollte es sich bei der gefundenen Leiche nicht um Jethro handeln, würden sie den Silberfuchs finden, womöglich verletzt, vielleicht sogar schwer verletzt, dann würde er seine Partnerin brauchen. Mit diesem Argument hatte er die Brünette von dem Arztbesuch überzeugen können.

Nun standen Eric und Kristen vor dem Aufzug, der sie in die richtige Etage bringen würde und warteten schweigend. Als die Türen sich öffneten, hielt die ehemalige Ermittlerin ihren Sohn zurück.

„Fahr ins Labor und kümmere dich um die wichtigen Dinge!“, sagte sie leise und mit trostloser Stimme.

„Mum, ich lasse dich jetzt nicht allein... Nicht wenn...“

Doch Kristen schüttelte den Kopf. „Mach deine Arbeit!“

Mit ihren Blicken fochten sie ein stummes Duell aus, bis der angehende Labortechniker sich mit einem unwirschen Schnauben abwandte. „Und wie willst du zurück zu Gibbs‘ Haus kommen?“

„Ich rufe mir ein Taxi. Nun geh!“, forderte sie nun mit mehr Nachdruck auf und stieg in den Aufzug, dessen Türen sich nur einen Moment später schlossen.

Kristen lehnte sich an die Wand und schloss die Augen, während sie sich eine Hand auf ihren Bauch presste. Diese unangenehmen Krämpfe schienen ihr den letzten Nerv zu rauben. Sie wollte einfach ihre Ruhe haben. Sie wünschte sich zurück in die stille Abgeschiedenheit ihrer Farm. Sie sehnte sich nach den friedvollen Momenten, den ruhigen Abenden, an denen sie Hand in Hand mit Jethro über den Hof, die Wiesen und den im Herbstlaub vergoldeten Wald geschlendert war.
Als die Türen des Aufzuges sich öffneten, verließ Kristen die enge Kabine und schaute sich suchend um. Eine zierliche, kleine Frau älteren Semesters, mit blonden, kurzen Haaren, kam ihr lächelnd entgegen.

„Ah, Sie müssen Mrs. Brown sein. Heather Elliot. Donald hat mich bereits angerufen. Kommen Sie, meine Liebe“, begrüßte die Ärztin Kristen freundlich und deutete auf einen weiteren Gang.

Die Praxis war hell und großzügig, aber menschenleer.

"Meine Helferinnen sind noch in der Mittagspause. Es ist gut, dass Sie so schnell hier sein konnten, so haben wir ein wenig Zeit und sind ungestört. Hier rein, bitte."

Als Kristen einen momentlang zögernd in der Tür stehen blieb und den behaglich eingerichteten Raum musterte, ging die Ärztin zu ihr und legte ihr eine Hand auf den Rücken und dirigierte sie zu einer kleinen Sitzgruppe.

„Donald sagte mir, dass Sie ohnmächtig geworden sind und schon häufiger mit Kreislauf-Problemen zu kämpfen hatten“, hackte die Ärztin freundlich nach und setzte sich Kristen gegenüber auf einen Stuhl.

Die Brünette nickte nur müde. Immer wieder tauchte in ihren Gedanken das Bild von Jethro auf. Bis zur Unkenntlichkeit entstellt, tot. Oder verletzt und halb erfroren in dem erbarmungslosen Schneesturm, der nur ein wenig an Intensität verloren hatte.

„Ihr Lebensgefährte wird vermisst? Die Ungewissheit muss furchtbar sein, aber wenn es Ihnen gelingt ihren Partner zu finden, wird er auf Ihre Stärke und Kraft bauen müssen. Wir sollten herausfinden was Ihnen fehlt, Mrs. Brown. Damit wir etwas dagegen tun können. Was meinen Sie?“

Kristen nickte und räusperte sich. „Ja...“. sagte sie leise. „Ducky... er hat die Vermutung geäußert, dass...“ Sie lachte leise und humorlos auf. „Er denkt, dass ich schwanger sein könnte.“
Dr. Elliot legte den Kopf schief und musterte die brünette Frau fragend. „Und was denken Sie?“

Kristen schüttelte den Kopf. „Ich bin Mitte 40 und... wir haben immer verhütet. Außerdem haben mir die Ärzte nach der Geburt meines Sohnes gesagt, dass es ein Wunder wäre, wenn... Wir... Ich kann mir das nicht vorstellen.“

Die Ärztin lächelte nachsichtig. „Das glaube ich Ihnen gern, besonders unter den momentanen Umständen. Aber Kinder sind nun einmal kleine Wunder, die sich in den seltensten Fällen an die Pläne ihrer Eltern halten. Und falls es doch so sein sollte...“

Kristen verbarg das Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf.

Heather Elliot stand auf und legte der mutlosen Frau eine Hand auf die Schulter „Kommen Sie, wir sollten uns Gewissheit verschaffen. Dann wird es Ihnen besser gehen. Bestimmt.“

Die ehemalige Ermittlerin schaute auf und legte die Stirn in Falten, doch sie schwieg und warf der Ärztin nicht die Dinge an den Kopf, die ihr auf der Zunge lagen. Diese nette einfühlsame Frau traf schließlich keine Schuld an ihrer Misere.
Wie hoch waren wohl die Chancen, dass die gefundene Leiche nicht Jethro war? Warum sollte es helfen zu wissen, ob ihr auch noch der Rest ihres Lebens aus den Fingern gleiten würde? Sie wollte keine Zukunft ohne Jethro, und schon gar nicht allein mit einem schreienden Säugling!! Es war alles gut gewesen, so wie es war!

Kristen war dankbar für die stützende Hand der Medizinerin, während sie den Raum verließen und in ein steril wirkendes Behandlungszimmer gingen. Heather Elliot führte ihre Patientin zu einer Untersuchungsliege und bat sie sich hinzulegen.
Kristen kam der freundlichen Aufforderung nach. Sie schlüpfte aus den Schuhen, legte sich hin und schaute starr an die Decke, während sie die warmen Hände der Medizinerin an ihrem Bauch spürte.

„Kristen, machen Sie bitte den Bauch frei. Ich werde eine Ultraschalluntersuchung machen."

Die Brünette folgte der Anweisung und schluckte schwer. Die Ärztin strich ihr beruhigend über den Arm und begann mit der Untersuchung. Für einen Moment schaute Dr. Elliot schweigend auf den Bildschirm ihres Gerätes, dann warf sie ihrer Patientin einen nachdenklichen Blick zu und drehte den Monitor so, dass auch Kristen ihn sehen konnte.



Kapitel 28


Völlig in Gedanken lief Tonys Vater durch die Gänge des Bethesda. Er wollte das Krankenhaus nicht verlassen und er wollte auch seinen Platz an Anthonys Seite nicht verlassen. Alles in ihm zog ihn zurück in dieses kleine, schreckliche Intensivzimmer, aber er hatte es nun einmal seinem Sohn versprochen. Er musste sich schlau machen, was da genau mit Ziva und Gibbs passiert war, was Tony einen solchen Zusammenbruch beschert hatte.

Dem Blick starr auf den Boden gerichtet, lief er weiter auf den Ausgang zu. Was würde passieren, wenn Junior den Kampf nicht gewann? Wie sollte er das Ziva erklären? Aber vielleicht gab es ja auch schon keine Ziva mehr, der er irgendetwas erklären musste. Voller düsterer Gedanken, schlich er weiter und bemerkte die Person, die sich ihm schnell von vorne näherte, kaum, erst als ihm jemand an der Schulter berührte wandte er den Blick vom Boden auf und sah in das Gesicht des Team Pathologen.

„Dr. Mallard, ich…ich war gerade auf dem Weg zu Ihnen. Wollen Sie….warum sind Sie hier?“ Etwas konfus sah er den Mediziner an.

Ducky fasste den älteren Mann am Arm und zog ihn an den Rand des Ganges, damit sie niemand im Weg standen.

„Chief Brown, Gibbs‘ Lebensgefährtin hatte einen Kreislaufkollaps. Im Moment wird sie untersucht. Ich dachte ich schau in der Zwischenzeit einmal nach unserem Jungen. Wie geht es Anthony?“

Tonys Vater schluckte, plötzlich wurden seine Knie weich und er ließ sich dankbar gegen die Wand sinken. „Nicht so gut, Doktor Davidson, seine Ärztin hofft…..“

Resigniert schloss der Senior die Augen. Als er sie wieder öffnete war sein Blick hoffnungslos und Ducky bemerkte zu ersten Mal das es Anthonys Augen waren, die ihn da anblickten. Diese Ähnlichkeit war verblüffend.

„Dr. Mallard, es ist seine Lunge. Die Ärztin meint, wenn sich seine Werte nicht bessern, dann muss sie ihn ins Koma versetzen und künstlich Beatmen. Er bekommt keine Luft, kann kaum sprechen und ist ganz blau….es ist schrecklich. Ich hab ihn noch nie…..Junior ist doch sonst….“

Ducky strich ihm mitfühlend über den Arm. „Na kommen Sie, gehen wir zu ihm“, sagte er, nahm den Älteren am Ellenbogen und schob ihn wieder in Richtung Intensiv Stadion.

„Halt“, kam es plötzlich von Tony Senior, er machte sich los und drehte sich zu dem Mediziner um. „Ich hab versprochen mich für Junior schlau zu machen. Was ist mit Ziva passiert?“

„Lassen Sie uns weiter gehen, ich erzähle es Ihnen unterwegs“, sagte Ducky und nahm seinen Weg wieder auf. „Ziva hatte sich auf Anthonys Handy gemeldet und wollte..“

„Sie lebt also“, rief Tonys Vater aufgeregt dazwischen.

Traurig nickte Duck ihm zu. „Ja, doch dann ist die Tankstelle, zu der sie geflüchtet sind, explodiert.“ Schnell brachte er Tonys Vater auf den neusten Stand der Ermittlungen.
„Oh Gott, Sie haben sie nicht gefunden.“ Wieder sah er Ducky nicken, als dieser weiter sprach. „Blut? Sie sind verletzt?“

„Das müssen wir noch heraus finden. Ziva sprach davon das Jethro verletzt sei. Eric wird nachher die sichergestellten Beweise untersuchen. Dann wissen wir vielleicht mehr.“
Endlich waren sie vor Tonys Zimmer angekommen und stellten sich vor die große Scheibe.

„Ich werde erst einmal mit Sarah reden. Gehen sie ruhig schon einmal vor.“ Als er den verständnislosen Blick von Anthony Senior sah, sprach er weiter. „Sarah, seine Ärztin. Dr. Davidson. Wir kennen uns noch von früher“, teilte er mit und ging in Richtung Ärztezimmer, während der Senior wieder das Zimmer seines Sohnes betrat.

~~~***~~~



„Ich möchte nicht stören, aber wollten wir nicht zum Bethesda?“, fragte Jackson Gibbs den Fahrer, der neben ihm im Wagen saß.

Irritiert sah Jimmy Gibbs‘ Vater an. „Ich dachte Sie kennen sich hier nicht aus?“, fragte er, während er sich durch den immer noch heftigen Schneesturm quälte.

„Aber ich kann lesen und auf dem Schild dahinter stand gut leserlich, Bethesda und der Pfeil zeigte nach rechts.“

„Mist“, fluchte Palmer verhalten. „Jetzt muss ich bei dem Sturm auch noch drehen.“

Aufmunternd lächelte Jackson dem etwas überforderten jungen Mann zu.
„Warum haben Sie kein Navi, ihr jungen Leute habt doch sonst alle so ein kleines modernes Ding?“

„Ich hatte eins, aber Dr. Mallard hat das irgendwann einmal aus dem Fenster geworfen, weil er der Meinung war, wir brauchen kein Navi und es würde uns nur in die Irre führen.“

Noch immer jammerte Palmer dem kleinen Gerät hinterher, aber im Moment hatte er einfach nicht das Geld sich ein neues und Dr. Mallard konnte oder wollte sich an nichts mehr erinnern und bestritt vehement diese Tat.

Die letzten Minuten der Fahrt verliefen schweigend. Als sie endlich am Navy Krankenhaus einen Parkplatz fanden und Palmer seinen kleinen Wagen abschloss, ließ er den heutigen Tag noch einmal Revue laufen. Zivas Anruf, Tony Anfall, die Nachrichten im Fernsehen und zum Schluss noch Chief Browns eigener Zusammenbruch, nach der Mitteilung das eine männliche Leiche gefunden wurde. Irgendwie waren plötzlich alle mehr oder weniger beschäftigt gewesen und so hatte Jimmy sich bereit erklärt Gibbs‘ Vater vom Flughafen abzuholen. Doch dazu hatte er aber erst einmal seinen Wagen aus dem Hafenviertel abholen müssen, der tatsächlich immer noch an der Stelle stand, an der er ihn vor einer gefühlten Ewigkeit geparkt hatte. Die anschließende Fahrt zum Flughafen fiel nicht ganz so bequem aus, aber sein Rabbit brachte ihn, trotz starkem Schneefall, zum Ziel.

Überaus freundlich, aber doch bestimmend hatte Gibbs Vater‘ alle Informationen aus Jimmy heraus gequetscht und Palmer war sich sicher, dass er jetzt wusste, von wem Agent Gibbs diese Art gelernt hatte. Danach hatten sie beschlossen zuerst einmal zu DiNozzo ins Krankenhaus zu fahren. Denn untätig im Haus sitzen und warten, wollte Jackson nicht und außerdem war ihm das Schicksal des jungen Mannes ans Herz gegangen.

„Na kommen Sie schon“, holte ihn Gibbs‘ Vater in die Wirklichkeit zurück. Der rüstige Rentner war schon auf seinen Gehstock gestützt, ein ganzes Stück voraus gestampft. „Sie schneien sonst noch ganz ein“, sagte Jack freundlich und kämpfte sich weiter durch den Schnee.

Die Kälte drang eindringlich in seine Knochen und es wurde Zeit, dass sie ins Warme kamen. Doch gleichzeitig lief es ihm heiß den Rücken herunter, wenn er sich vorstellte dass sein Sohn bei dem Wetter, Gott weiß wo, verletzt herumlief. Ohne Jacke und vernünftige Schuhe. Dazu noch die schwangere Ziva. Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass die gefundene Leiche sein Sohn seinen sollte. Alleine das reichte aus, das sich seine Schritte noch einmal beschleunigten.

~~~***~~~



Leise öffnete sich die Tür zu dem Intensivzimmer in dem Tony lag, eine Schwester betrat den Raum um noch einmal nach dem Patienten zu sehen und um die neuen Werte abzulesen. Ihr mitfühlender Blick galt den beiden Männern, die neben dem Bett saßen und den jungen Mann nicht aus ihren Augen ließen. Schnell verrichtete Sie ihre Arbeit und huschte wieder aus dem Zimmer.

Genauso leise wie die Schwester verschwand, stand Ducky auf und ging ebenfalls zu den Geräten um einen Blick darauf zu werfen. Nicht weil er das Pflegepersonal kontrollieren wollte, sondern einfach nur um sich selbst zu beschäftigen.

„Hat sich etwas verändert?“, fragte Anthony Senior und sah den Mediziner auffordernd an.

Stumm schüttelte Duck mit dem Kopf und bemerkte sofort wie DiNozzos Blick von hoffnungsvoll zu betrübt wechselte. „Das einzige, dass ich sagen kann, ist das sich seine Atmung etwas gebessert hat. Das Beruhigungsmittel, das sie ihm vorhin gespritzt haben macht seine Arbeit. Er wird es schaffen“, sagte er schnell, um den anderen aufzubauen, obwohl ihm selbst nicht danach so zumute war. „Anthony hat schon schlimmeres überstanden.“

Obwohl er von Natur aus eher der gemächliche Typ war, ging ihm die Untätigkeit auf die Nerven und er zermarterte sich schon die ganze Zeit den Kopf, wie er es anstellen sollte, an die männliche Leiche zu kommen. Der gefundene John Doe war ins städtische Leichenschauhaus nach Winchester, Virginia gebracht worden. Jedenfalls war es das, was Timothy vorhin schon ausfindig machen konnte. Vielleicht, mit Mr. Palmers Hilfe und einer mehr oder weniger offiziellen Bescheinigung des NCIS‘? Die Erkenntnis ging ihm durch Mark und Bein und er hatte einen Entschluss gefasst. „Mein lieber Junge“, sagte er leise zu Tony. „Ich werde dich jetzt eine Zeitlang alleine lassen, denn ich muss mir etwas Unerfreuliches anschauen, aber das sollte dich jetzt nicht weiter belasten. Du musst einfach nur sehen, das du schnell wieder auf die Beine kommst.“ Mit einem aufmunternden Grinsen strich er Tony über den Arm und wandte sich an seinen Vater. „Ich denke Sie kommen hier alleine klar? Wenn etwas passieren sollte, dann rufen sie mich bitte an“, sagte er und ging zur Tür.

Anthony Senior blickte dem Pathologen hinterher. Diesen Gang würde er ihn für nichts auf der Welt abnehmen wollen.

~~~***~~~



Schnellen Schrittes verließ Ducky das Krankenhaus und lief geradewegs in Jimmy Palmer und Jackson Gibbs hinein.

„Jackson“, sagte er und reichte ihm die Hand. „Schön Sie wieder zu sehen, auch wenn der Anlass nicht der beste ist.“

„Donald. Auch ich freue mich Sie zusehen“, kam es von dem Älteren.

Schnell hatte der alte Pathologe ihnen von seinem neuen Plan erzählt, worauf hin Jimmy sein Handy nahm und sich schon einmal von Gibbs Senior verabschiedete. Er musste sich irgendwie eine offiziell aussehende Bescheinigung besorgen, aber er wusste schon, wen er damit beauftragen könnte. Mit langen Schritten lief Palmer gegen den Schneesturm, zu seinem Wagen, um ungestört telefonieren zu können. Die beiden allen Männer wollten sich gerade trennen, als Duck am Taxistand eine bekannte Person bemerkte die gerade in ein Taxi steigen wollte.

~~~***~~~



Immer wieder dämmerte Jethro in einen unruhigen Schlaf. Er träumte sich zu Kristen, hörte ihr Lachen, ihre fröhliche Stimme, nur um immer wieder aufzuschrecken und Ziva zu spüren, die zitternd und bebend neben ihm lag. Genauso unfähig sich zu bewegen wie er.
Ein leises kratzendes Geräusch drang in die finstere Stille des eisigen Erdlochs, gefolgt von einem leisen Quietschen.

Schritte näherten sich und Gibbs‘ Gedanken fingen an sich zu überschlagen. Das verhasste Gesicht ihres Peinigers mischte sich unter Kristens liebevollen Blick. Ihre Stimme ging in seiner unter. Wärme verblasste, Kälte blieb zurück. Starke raue Hände bewegten seinen vor Kälte tauben Körper. Mit aller Kraft kämpfte der Grauhaarige sich zurück an die Schwelle seines Bewusstseins.

„Was tun Sie da?“, klang Zivas Stimme ungewohnt dünn, aber dennoch schrill vor Furcht und Erschöpfung.

„Ich will nicht, dass er erfriert. Das habe ich dir doch schon gestern gesagt. Und du auch nicht. Komm, zieh die nassen Sachen aus“, sagte Otaktay mit leiser, deutlich unzufriedener Stimme, während er Gibbs aus dessen nasser Hose befreite. Vorsichtig rieb der verrückte Mann den Grauhaarigen mit einem weichen Baumwolltuch ab, bis Gibbs schmerzerfüllt aufstöhnte. „Gut, es ist gut, wenn es weh tut. Dann sind es nur leichte Erfrierungen. Warte, gleich wird es besser.“

Voller Argwohn betrachtete Ziva ihren Entführer, nahm ihm aber ein weiteres weiches Tuch ab.

„Na mach schon! Zieh die Sachen aus. So wirst du nicht wieder warm!“, forderte er sie erneut auf. SwiftCat griff in eine Tasche und holte mehrere kleine Pakete heraus. „Das sind Thermopads, die sich erwärmen, wenn man die Schutzfolie entfernt. Dann wird eure Nacht wenigstens erträglicher...“

Ziva schüttelte den Kopf und wechselte so schnell ihre zitternden Glieder es zuließen die Kleider und stieg unwillkürlich dankbar in eine dickgefütterte Thermohose. Otaktay reichte ihr drei kleine Pakete.

„Je eines an jedes Bein und eines an Rücken oder Brust, dann dürftest du heute Nacht warm bleiben.“

„Warum? Warum tun Sie das? Bringen Sie uns doch endlich um! War das nicht Ihr Ziel? Für den zukünftigen Präsidenten?!“ Zivas Stimme klang aufgebracht. Wütend funkelte die Dunkelhaarige den Halbindianer an.

Traurig schaute er von seiner Arbeit an dem Grauhaarigen auf, der vollkommen apathisch schien. „Ja, das werde ich tun müssen. So lautet mein Auftrag...“

„Warum nicht jetzt?“, fragte Ziva erschöpft.

„Ich will euch noch eine Weile behalten...“, sagte SwiftCat schlicht und drehte sich weg.

 

 

Kapitel 29

In Gedanken versunken und nichts Böses ahnend, bemerkte der dunkelhaarige Mann nicht wie Jethro den Kopf hob und ihn verstohlen musterte. Gibbs legte den Kopf zurück, hoffte, dass dieses dumpfe Pochen in seinen Schläfen nur einen Moment Ruhe geben würde. Er sammelte all seine verbliebenen Kraftreserven und holte tief Luft. Als Otaktay sich erneut seiner Tasche zu wandte winkelte Gibbs die Beine an und ließ sie mit aller Kraft vorschnellen. Ihr Peiniger fiel auf die Seite und Gibbs schaffte es auf die Beine zu kommen. Das Adrenalin peitschte durch seinen Körper und schien ihn zu beflügeln. Bevor sein Widersacher auf die Beine kommen konnte, hatte Gibbs sich auf ihn geworfen und hieb verzweifelt mit seinen Fäusten gegen das Gesicht des Mannes.

Ziva hatte keine Sekunde zu spät reagiert und war dem Grauhaarigen zur Hilfe geeilt. Sie griff nach dem erstbesten Gegenstand und hatte Glück. Sie hatte eine schwere Maglite aus der Tasche des Mannes gezogen. Mit aller Kraft hieb Ziva die Taschenlampe gegen Otaktays Kopf, in sein Gesicht, bis Gibbs‘ Ruf sie inne halten ließ. Erschöpft sank die Dunkelhaarige in sich zusammen und musterte ihren ehemaligen Boss mit fragendem Blick.

Gibbs kniete sich neben den bewusstlosen Mann und legte eine Hand an dessen Hinterkopf und eine an sein Kinn. Das Blut rauschte in seinen Ohren, seine Hände fühlten sich kraftlos und taub an. Mit einem tiefen Grollen riss der Grauhaarige den Kopf des Indianers herum. Es knackte leise und Gibbs schloss die Augen, dann bewegte er den Kopf des Mannes und schüttelte mit einem unwirschen Laut den Kopf.

Ziva tastete mit bebenden Fingern nach dem Puls des Mannes und schluchzte leise auf. "Er lebt noch... Gott verdammt..."

Mit fahrigen Bewegungen und so schnell es ihre blutenden Hände zuließen, griff sie nach einem von Jethros Turnschuhen, die in kurzer Distanz neben ihr lagen. Mit schriller Stimme stieß sie Flüche aus und zerrte an dem nassen, halb gefrorenen Schnürband. Gibbs lehnte an einer Wand des unterirdischen Gefängnisses und hatte das Gesicht in den Händen verborgen.

Als Ziva das Schnürband endlich in Händen hielt, wand sie es ihrem Peiniger um den Hals und zog es, trotz ihrer Schmerzen mit einem kräftigen Ruck zu. Nach einer schieren Ewigkeit spürte sie eine Berührung an ihrem Arm und schrie leise auf.

"Genug..." murmelte Jethro und löste ihre blutenden Hände von der todbringenden Schnur.

Weinend sank Ziva in die Arme des Älteren. Gibbs hielt die junge Israeli eine Weile stumm in seinen Armen, dann schob er sie ein wenig von sich und deutete stumm auf die offene Luke.

Ziva nickte und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. "Sein Wagen... der wird irgendwo stehen, nicht?"

Der Silberfuchs nickte.

"Du musst dir endlich was anziehen, Gibbs! Aber vorher... wir müssen dein Bein verbinden." Hastig kroch Ziva auf allen Vieren über den kalten Boden.

Doch ein unwilliger Laut hielt sie auf. "Kaum Blut...Dein Fuß?"

Die Dunkelhaarige schüttelte den Kopf. "Ich schaff das so. Das ist kein Problem. Komm, zieh dich an. Sonst erfrierst du doch noch! Ich helf dir."

Gemeinsam brachten sie die anstrengende Prozedur des Anziehens hinter sich und hatten einander die wärmenden Thermopads auf die unteren Kleidungsschichten geklebt. Tatsächlich verströmten die kleinen Kissen eine wunderbare Wärme. Gerade als sie die verschiedenen Sachen zusammenraffen und Otaktays Tasche Schultern wollten, erklang das dumpfe Geräusch sich nähernder Schritte. Gibbs blinzelte um in der aufsteigenden Dämmerung etwas erkennen zu können. Das Gesicht einer Frau erschien für den Sekundenbruchteil über der Öffnung der Einstiegsluke, bevor der schwere Deckel zuschlug und sie in der Dunkelheit zurückließ.

~~~***~~~



„Sie sind definitiv schwanger, Kristen“, sagte die Ärztin mit leiser, ernster Stimme und suchte den Blick ihrer Patientin. Diese schloss die Augen und legte sich eine Hand über das Gesicht. Sie atmete tief durch und versuchte irgendwie nicht vollkommen aus allen Wolken zu fallen.

"Sie... Ok, allerdings... Ihr Tonfall klingt nach einem aber!", wisperte Kristen mit dünner Stimme.

"Ja, das stimmt. Es gibt Faktoren bei Schwangeren, die ein gewisses Alter erreicht haben, die Mehrlingsschwangerschaften begünstigen. Aufgrund verschiedener hormoneller Eigenschaften, die sich im fortgeschrittenen Alter entwickeln, kommt es bei Frauen über 40 öfter dazu, dass sich zwei oder mehr Embryonen entwickeln."

Kristen lachte schrill auf. "Nein... Sie sagen mir jetzt nicht, dass dort zwei Kinder... in mir... Nein!"

Beruhigend griff Heather Elliot nach der Hand der brünetten Frau. "Wollen Sie sie sehen? Ich weiß, dass es Sie grad ziemlich kalt erwischt, aber... Geben Sie sich und diesen beiden hier ein wenig Zeit zu verdauen. Und eine Chance!" Die blonde Ärztin reichte Kristen ein Taschentuch. Die unerwartet Schwangere konnte die Tränen nicht länger zurück halten.

Die Tränen wegblinzelnd, wandte Kristen den Kopf und betrachtete den Bildschirm ohne in dem schwarz/weißen Geflacker irgendetwas erkennen zu können.

"Soll ich es Ihnen erklären? Oder wollen Sie ein wenig Abstand zwischen sich und den Kindern?"

Die ehemalige Ermittlerin zuckte mit den Schultern. "Ich... Nein, ich will es verstehen."

Dr. Elliot nickte und erklärte die verschiedenen Konturen, die sich auf dem Bildschirm darstellten. "Die Föten sind unterschiedlich entwickelt, dass kommt in einigen Fällen vor und gleicht sich später in der Regel aus. Warten Sie, damit wir uns sicher sein können, würde ich die Zwei einmal vernünftig ausmessen, ja?"

Kristen wischte sich die letzten Tränen von den Wangen und betrachtete ungläubig den Bildschirm. "Diese... diese Bewegungen, kommen die... sind die echt? Oder..."

Die Ärztin lächelte. "Ja, die sind echt. Soll ich mit den Messungen einen Moment warten? Wollen Sie es sich anschauen?"

Die Brünette schüttelte den Kopf. "Nein, machen Sie nur."

Kristen wandte den Kopf ab und knetete das Taschentuch in ihrer Hand. Wie hatte das nur passieren können? Das alles. Wie hatte nur alles so aus den Fugen geraten können? Diese kleinen Zellhaufen hatten ihren Körper in Beschlag genommen, als wäre er eine Festung und sie die gegnerischen Truppen. Nun hatten sie sich häuslichen eingerichtet und wollten lieb gehabt werden. Aber... Wie sollte sie das anstellen? Sie hatte dieses trügerische Glück nicht gewollt! Sie war gar nicht darauf eingerichtet. Die Stimme der Medizinerin riss Kristen aus den Gedanken.

"Sind Sie ok?"

Die brünette Frau nickte nur und wandte sich wieder Heather Elliot zu.

"Aufgrund der Größe dieses Fötus hier, komme ich auf die 13. Schwangerschaftswoche. Der andere ist kleiner, das hatte ich schon gesagt, und ungefähr auf dem Entwicklungsstand der elften Woche."

Stirnrunzelnd rechnete Kristen die Wochen zurück. 13 Wochen, das schien ihr doch eine verdammt lange Zeit. Wenn Sie richtig gerechnet hatte, dann landete sie gedanklich etwa bei dem 5. bis 10. September. "Aber, das passt nicht. Jethro... er war erst ab dem 15. September bei mir. Wie können es dann 13 Wochen sein?"

Dr. Elliot rechnete ebenfalls nach und lächelte dann. "Vermutlich haben sie Anfang September ihre Periode gehabt. Die eigentliche Befruchtung wird dann etwa um den 20. September stattgefunden haben. Kommt das eher hin?"

Kristen nickte stumm. Ja, das kam hin. Abby war am 7. September gestorben und am 18. September hatte Gibbs durchgefroren und verletzt in ihrem Stall gesessen...

"Kristen, denken Sie über einen Abbruch nach?"

Kopfschüttelnd runzelte die Brünette die Stirn. "Ich weiß nicht..." Ihr Blick flog zu dem Bildschirm, auf dem noch immer die Aufnahme aus ihrem Bauch flimmerte. Zwei winzige Menschen mit Armen und Beinen... "Das kann ich nicht allein entscheiden und... Nein... Nein, ich glaube nicht. Ich weiß es nicht."

Die Ärztin nickte verständnisvoll. "Ziehen Sie sich an. Wir sind vorerst fertig. Ich würde Ihnen gern noch Blut abnehmen, ja?"

Als Kristen sich aufsetzte wurde ihr erneut schwindelig.

"Ihr Kreislauf ist ein wenig schwach momentan, das ist vollkommen normal und wird sich einpendeln. Genauso verhält es sich mit der Übelkeit. Sie scheinen mir recht sportlich. Bei Frauen mit sehr gefestigten Bauchmuskeln, kann es zu unangenehmen Unterleibsschmerzen kommen, wenn die Mutterbänder sich dehnen."

Kristen stieß Luft aus, ja, das kam ihr bekannt vor.

~~~***~~~



Die beiden Frauen sprachen noch eine Weile miteinander und als Kristen die Praxis verließ, schwirrte ihr der Kopf. Die Straßenbeleuchtung war bereits eingeschaltet und das Dämmerlicht des Tages wirkte finster und wenig einladend. Langsam und wie betäubt, ging sie den Lichtern des Bethesda entgegen.

Sie trug zwei kleine Leben in sich, deren Vater mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits tot in irgendeinem Leichenschauhaus lag. Wenn Jethro hier wäre... Dann wären sie gemeinsam überrumpelt und schockiert. Er würde sich vermutlich in seinem Keller verkriechen oder Zuhause in Newberry in der Scheune. Sie würde im Stall sitzen oder in viel zu schnellem Tempo mit Scotty über die verschneiten Wege galoppieren. Darüber würde Jethro sich ärgern und vermutlich hätten sie dann einen handfesten Streit. Danach konnten sie sich versöhnen und am Morgen würde sie ihren Silberfuchs in dem unbenutzten Raum des Hauses finden. Schweigend, nachdenklich und in Gedanken dabei dieses Zimmer kindgerecht zu gestalten... Vielleicht. Vielleicht wäre es so.

Und vielleicht war er einfach schon tot und würde niemals etwas von seinen Kindern erfahren. Kristen wollte es wissen! Sie brauchte Gewissheit. Sie könnte natürlich Ducky bitten den zuständigen Corona noch einmal anzurufen, vielleicht konnte dieser mittlerweile mehr sagen. Oder sie fuhr einfach hin und... schaute sich die Leiche an. Sie würde Jethro erkennen. An den Händen, am Körperbau, an der langen Narbe am Knie...

Kurz entschlossen wandte sich die brünette Frau dem Taxistand vor dem Militärkrankenhaus zu und war im Begriff in den ersten Wagen zu steigen, als sie zurückgehalten wurde. Kristen zuckte zusammen, als eine Hand sich auf ihre Schulter legte. Sie wirbelte herum und sah sich Ducky gegenüber.

"Kristen, meine Liebe. Geht es Ihnen gut? Sie sind ganz blass um die Nase." Der alte Pathologe beugte sich ein wenig hinunter und sagte zu dem Taxifahrer: "Die Dame hat bereits eine Mitfahrgelegenheit. Nichts für ungut."

Mit sanfter Gewalt zog er die Brünette mit sich und bevor Kristen wusste wie ihr geschah, sah sie sich einem Paar strahlend blauer Augen gegenüber.

Überrascht musterte die ehemalige Ermittlerin den Mann mit dem weißen Haar und den freundlichen, weichen Gesichtszügen.

"Kristen. Es wurde aber auch Zeit, dass wir uns endlich einmal persönlich gegenüber stehen."

Sie legte den Kopf schief und blinzelte überrumpelt. Was um alles in der Welt... Doch dann schien ihr Verstand wieder zu arbeiten und sie schüttelte mit einem Seufzen den Kopf. "Jackson, richtig?"

Der Großvater ihrer ungeborenen Kinder, schoss es Kristen durch den Kopf und schluckte schwer.

Der alte Silberfuchs nickte und musterte die Partnerin seines Sohnes forschend. "Dr. Mallard hat mir gesagt, dass es Ihnen nicht sehr gut geht. Kann ich irgendetwas für Sie tun, Kristen?"

Sie schüttelte hastig den Kopf. "Es ist... einfach ein bisschen viel. Ich wollte... Ich nehme mir besser ein Taxi. Ich werde nach Winchester zum zuständigen Corona fahren, Ducky. Ich muss wissen ob... Ich brauche Gewissheit." Mit dem Anflug eines schlechten Gewissens wandte die brünette Frau sich an Jethros Vater. "Wissen Sie von... Hat man Ihnen erzählt was in..." Ihre Stimme zitterte bei dem Gedanken daran, dass alle Hoffnungen verloren wären.

Jackson griff nach ihrer Hand und drückte sie beruhigend. "Ja. Ja, ich bin auf dem Neusten Stand. Ich habe Ducky gebeten hinzufahren und sich ein Bild zu machen von... von der... der Leiche. Ich werde lieber hier bleiben und dem Vater von Tony beistehen."
Jackson räusperte sich schwer und presste die Lippen fest aufeinander, während er Kristen nicht aus den Augen ließ. "Vielleicht sollten Sie auch hier bleiben. Gönnen Sie sich eine Pause. Wenn Sie wollen, fahre ich mit Ihnen in Leroys Haus und koche für Sie oder ich..."

Mit einem schmalen Lächeln und einem wagen Kopfschütteln brachte die Brünette den alten Silberfuchs zum Schweigen. "Danke, Jackson, aber ich muss... muss es mit eigenen Augen sehen."

Der Ältere nickte und senkte den Blick, dann, einer spontanen Eingebung folgend, zog er die Lebensgefährtin seines Sohnes in die Arme. Nachdem die erste Überraschung sich gelegt hatte, genoss Kristen den Trost und den Halt den ihr diese von Herzen kommende Geste gab, doch dann spürte sie, wie die eiserne Faust, die sich um ihre Brust gelegt hatte, löste und wie ihre Schutzmauern und Dämme zu brechen drohten. Hastig wandte sie sich aus Jacks Armen und brachte eine gewisse Distanz zwischen sich und Jethros Vater.

"Es ist schon spät und wir fahren eine Weile. Sie kommen also mit mir, Doktor?", richtete Kristen sich an Ducky.

Ducky schenkte ihr ein freundliches Lächeln, das seine Anspannung jedoch nicht verbergen konnte. "Oder Sie mit uns, Kristen. Wie man es nimmt!" Dr. Mallard deutete auf Jimmy, der an ein Auto gelehnt, dastand und telefonierte.

Sie verabschiedeten sich von Jackson und stiegen in den Wagen. Nachdem sie eine Weile gefahren waren, wandte Ducky sich um und suchte Kristens Blick.

"Hat Heather eine Ursache für Ihre Beschwerden gefunden, meine Liebe?"

Einen Moment lang schaute Kristen dem alten Pathologen nur stumm in die Augen, dann nickte sie. "Ja. Ja, das hat sie." Ohne eine weitere Erklärung wandte Kristend den Blick ab und starrte aus dem Fenster in die aufziehende Nacht.

~~~***~~~



Langsam wachte Tony auf. Sein Blick wanderte unruhig durch das Zimmer. Panik machte sich in ihm breit, als er sich fragte was das hier für ein Ort war. Doch die Geräte die endlose Geräusche von sich gaben, ließen keinen anderen Entschluss zu als das es sich hier um ein Krankenhauszimmer handeln musste. In dem Moment wo er sich fragte, warum er hier war, kamen mit einem Mal seine Erinnerungen zurück und zogen ihm den Boden unter den Füßen weg. Leichter Schwindel überfiel ihm und er versuchte sich mit den Händen am Bett festzuhalten, konnte aber nur über eine Hand frei verfügen, die andere wurde von irgendetwas festgehalten.

ZIVA, schoss es durch sein benebeltes Gehirn. Die Entführung der Beiden, seine Anfälle, alles war wieder da. Am liebsten wäre er aus dem Bett gesprungen und hätte sich eigenständig an den Ermittlungen beteiligt, aber die kurze Bestandsaufnahme die er von seinem Körper machte, zeigte ihm, dass er dazu nicht in der Lage sein würde. Das Atmen tat zwar nicht mehr so weh, aber er musste immer noch um jeden Atemzug kämpfen. Der Sauerstoff und die Medikamente, die ihm permanent zu geführt wurden, schienen allerdings zu helfen. Die Müdigkeit, die er vorhin gespürt hatte, war verflogen, nur die Schmerzen im Oberschenkel waren immer noch in gleicher Stärke vorhanden, doch sein Gehirn war noch nicht im Stande sich darüber Gedanken zu machen.

Mit Verwunderung stellte er fest, dass auf dem Stuhl neben seinem Bett noch immer sein Vater saß, seine Hand umklammert hielt und ihn aufmerksam, aber angespannt beobachtete. Bereit bei dem kleinsten Anzeichen eines weiteren Anfalls aufzuspringen und Hilfe zu holen. Vielleicht klappte es ja jetzt auch mit dem Sprechen besser, fragte sich Tony als die Tür zu seinem Zimmer langsam aufging und eine ihm vertraute Person den Raum betrat. Trotz seiner Schwäche schlich sich auf Tonys Gesicht ein Grinsen. Gibbs‘ alter Vater, kam ebenfalls in einem blauen Intensivkittel gehüllt, auf seinen Stock gestützt, ins Zimmer gehumpelt. Er nickte dem fremden Mann, von dem er wusste das es Tonys Vater seinen musste, zu, ging aber sofort zum Bett und legte dem Braunhaarigen eine Hand auf die Schulter.

„Na du machst ja Sachen“, sagte er leise, schüttelte dabei besorgt mit dem Kopf und drückte die Schulter des jungen Mannes kurz. Jack hatte Tony nach dem Überfall auf das HQ nicht mehr gesehen, aber der junge Mann, der nun vor ihm lag, hatte nichts mehr mit dem Tony gemeinsam, den er in Erinnerung hatte. Blass, schwer atmend und für seinen Geschmack viel zu dünn, aber am schlimmsten war der hoffnungslose Blick aus den grünen Augen.

Jackson wusste zwar, dass der junge Agent bei dem Versuch Abby zu retten, schwer verletzt worden war und er wusste auch über die Art der Verletzung bescheid, doch dass das Ausmaß so schwer für Anthony sein würde, hatte er nicht erwartet. Trotz all seiner Sorgen um seinen Sohn, konnte er nicht um her sich auch etwas über Leroy zu ärgern. Wie konnte er Tony nur in so einer Situation alleine lassen und sich in seinem Selbstmitleid auf irgendeiner Farm verkriechen? Immer noch grübelnd, wandte er sich nun an den zweiten Mann im Zimmer.

„Hallo, wir kennen uns noch nicht. Ich bin Leroys Vater.“ Als er den fragenden Blick des Mannes sah, zwinkerte er Tony kurz zu und erklärte dann: „Der Vater seines Bosses. Ich dachte mir, Sie könnten hier vielleicht ein wenig Unterstützung gebrauchen. Bei der Ermittlungsarbeit würde ich nur stören“, sagte er und wandte sich an den Jüngeren. „Weißt du Junge, ich habe dir extra eine Dose von Marys Weihnachtsplätzchen mitgebracht, aber die Schwester wollten mir einfach nicht erlauben die Süßigkeiten mit in dieses Zimmer zu nehmen. Du siehst also, du musst schnell gesund werden, damit sie dich auf eine normale Station verlegen können. Eher darfst du nicht naschen“, sagte er und ließ sich mit einen kleinen Ächzen auf dem zweiten Stuhl nieder.

Kurze Zeit später waren die beiden alten Männer fest in ein Gespräch versunken und Tony bereits wieder eingeschlafen.




Kapitel 30

Ziva lehnte an einer Wand ihres eisigen Gefängnisses, die Arme um ihren Körper geschlungen, während sie zitternd und schluchzend versuchte zu erkennen was Gibbs tat. Ein winziger Lichtschein fiel durch das Lüftungsrohr und einem winzigen Gitter in der Falltür. Mit unwirschen, unartikulierten Lauten versuchte der Grauhaarige einen Ausweg zu finden. Erst hatten sie gerufen, gefleht und gebettelt, doch alles war still geblieben. Die Frau war nicht wieder aufgetaucht.

„W-wer war... die Frau... Warum?“, fragte Ziva, während ihre Zähne vor Kälte und Verzweiflung aufeinander schlugen.

Von Gibbs kam nur ein unbestimmtes Grollen. Mit schleppendem Gang humpelte der Silberfuchs hinüber zu der großen Tasche, die Otatay mitgebracht hatte und schüttete kurzerhand deren Inhalt auf den Boden. Der kleine Gaskocher fiel heraus, gefolgt von einer kleinen elektrischen Lampe, Decken, einigen Schokoriegeln und den verhassten Betonkeksen. Camping-Geschirr, aber keine Getränke.

Die kleine Batterie betriebene Lampe spendete ihnen ein wenig Licht. Wie ein gefangener Wolf tigerte Gibbs durch den kleinen Raum, obwohl seine Muskeln brannten vor Anstrengung und sein Kopf so sehr schmerzte, dass es kaum möglich war einen klaren Gedanken zu fassen.

Ziva schloss die Augen und strich sich mit beiden Händen über den Bauch. Sie fühlte sich entsetzlich. Ihr Fußgelenk weigerte sich ihr Gewicht noch länger zu tragen, Hände und Füße schmerzten schrecklich, als sie nun nicht mehr der eisigen Kälte ausgesetzt waren. Sie schaute hinunter auf ihre Hände, die geschwollen und unbeweglich auf ihren Bauch lagen. Das Baby war wach und scheinbar ähnlich aufgeregt wie seine Mutter, immer wieder stieß es gegen die gespannte Bauchdecke seiner Mutter.

Langsam ließ die Israeli sich an der Wand hinab gleiten und verbarg das Gesicht in den Händen. Sie wollte hier raus. Zu Tony. Sie wollte sich nicht ausmalen was in ihrem Freund vorgehen mochte. Seine Stimme klang so voller Sorge und zeitgleich so erschöpft.

„Nicht... Boden ist... zu kalt...“, hörte sie neben sich Gibbs‘ Stimme und spürte, wie er versuchte sie auf die Beine zu ziehen. Doch der Versuch missglückte gründlich. Der Silberfuchs verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem gequälten Aufschrei zu Boden. Verzweifelt schluchzend, kroch Ziva zu ihrem ehemaligen Boss und strich ihm über die feuchten, halb gefrorenen Haare.

„Gibbs...Gibbs!“, wisperte die Dunkelhaarige mit matter Stimme. Mühsam und keuchend stemmte Jethro sich in eine kniende Position. Jeder Knochen in seinem Körper schien zu glühen, seine Nervenfasern schienen mit Schmerzsignalen nur so um sich zu schmeißen. Doch irgendwie schafften sie es die Thermodecke und den Schlafsack unter ihre Körper zu ziehen. Dank der Thermopads war es nicht länger unerträglich kalt, doch die Wärme schien ihre Haut zu verglühen und bereitete ihnen entsetzliche Qualen.

Gibbs schlang seine Arme um Ziva und zog eine Decke über sie beide. Obwohl er zu erschöpft war, um auch nur ein Augenlid zu heben, rasten die Gedanken scheinbar orientierungslos durch seinen schmerzenden Kopf. Er dachte an Tony und Tim. Seine Jungs. Keinem konnte er in die Augen schauen. Sie hatten verloren - Abby, ihre Freundschaft, ihr Vertrauen und nicht zu Letzt sich selbst. Er wusste von Ducky, dass es Tim kaum besser ging als DiNozzo. Er trank zu viel und hatte sich vollkommen in sich zurückgezogen. Gibbs hatte den Jungen sehen wollen, doch McGee hatte auf keinen seiner Anrufe reagiert, keine seiner Nachrichten beantwortet.

Gibbs spürte, wie seine Augen hinter den geschlossenen Lidern anfingen zu brennen. Seine Familie war zerbrochen und nun würde er mit Ziva in dieser Eishölle sterben. Er würde keine Chance bekommen seine Fehler wieder gut zu machen. Seine Gedanken wanderten weiter zu Tony. Was würde aus ihm werden, wenn Ziva nicht mehr da wäre? Unwillkürlich tauchte vor seinem inneren Auge ein Bild von dem brünetten Mann auf. Eine zitternde Hand, die den Lauf einer Waffe auf dessen Schläfe richtete. Ihm war beinahe, als könne er das Schwarzpulver riechen, als würde der Schuss der Waffe die bleierne Stille ihres Verlieses durchdringen. Unwillkürlich zog er Ziva fester an sich, verbarg sein Gesicht in der kalten Flut ihrer Haare.

Ziva spürte das Beben, das von Gibbs‘ Körper ausging und wandte sich mühsam um, ohne den engen Körperkontakt zu dem Silberfuchs zu verlieren. Im fahlen Schein der kleinen Lampe sah sie die gequälten Gesichtszüge ihres Mentors, die mehr als nur schmerzverzerrt waren. Seine Schultern bebten und ein gepeinigter Laut kam über seine Lippen. Sanft strich die Dunkelhaarige ihm über die geschwollene Wange, griff nach seinen Händen.

„Gibbs?!“

Er blinzelte kurz und zog dann ihre ineinander verschlungenen Hände vor sein Gesicht. „'tut mir... leid... alles...Tim... Tony... allein gelassen... Dich...“, murmelte Gibbs erstickt und undeutlich.

Ziva legte ihre Stirn an die seine und strich mit ihren Daumen sanft über seine eiskalten, bläulich schimmernden Hände. „Und wir haben dich allein gelassen. Wir hätten herausfinden können, wo du bist und es zusammen durchstehen können. Dich zurückholen... Damit wir wieder eine Familie sind. Wir hätten einmal für dich stark sein müssen... Wir haben nur an uns gedacht, nicht an dich.“

Gibbs löste seine Hände aus ihrem Griff, der seinen halb erfrorenen Fingern unglaubliche Schmerzen bereitete, und zog sie wieder in eine feste Umarmung. Sein Mädchen...

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Hastig rannte sie durch den tiefen Schnee, versuchte sich zu orientieren und den Weg zurück zum Wagen zu finden. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?
Moira hatte wie immer auf ihrem Platz warten sollen. Einem kleinen Windschutz, unweit seiner kleinen „Gästeunterkunft“, wie er das finstere Versteck im Wald nannte. Doch er hatte ihre Fesseln so locker gelassen, dass sie ihr einfach von den dünnen Handgelenken gerutscht waren. Sie hatte ihm nichts Böses tun wollen. Sie hatte ihm doch nur Bescheid geben wollen. Und als sie einen Blick in das Erdloch geworfen hatte, da hatte sie den Blick nicht abwenden können, von dem unwirklichen und abartig brutalen Schauspiel.

SwiftCat lag reglos am Boden… Sollte das womöglich bedeuten, dass sie frei war? Oder sollte sie ihm helfen? Vielleicht war er gar nicht tot, sondern nur verwundet und die beiden… Der halbnackte, verletzte Mann und die Frau mit den blutigen Händen, sie würden Otaktay sicher nicht helfen. Doch wenn sie nun einfach fortlief… zurück in ihr Leben, dass der Indianer ihr genommen hatte.
Unwillkürlich glitten Moiras Finger an das enge Halsband, das sich seit Jahren unangenehm in ihre Haut bohrte und das ihr beigebracht hatte den Worten ihres Peinigers zu folgen.

Dort unten waren drei Menschen, die ihr erneut unendliches Leid antun konnten. Das war ihre Chance zur Flucht und die würde sie nutzen! Mit einem leisen erschrockenen Ausruf griff sie nach der schweren Falltür, als die Frau und der Mann sich endlich regten. Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte sie, doch dann ließ die Dunkelhaarige die Klappe hinab sausen und schob schluchzend den Riegel vor. Niemand würde ihr auf dem Weg in die Freiheit im Weg stehen!

Moira weinte verzweifelt, während sie über den schneebedeckten Waldboden hastete. Was sollte nun aus ihr werden. Sie musste versuchen nach Hause zu kommen. Aber... Sie hatte keine Fahrerlaubnis. SwiftCat hatte ihr das Fahren nie beigebracht. All die Jahre hatte sie nie einen Schritt ohne ihren Gefährten machen dürfen und wenn sie doch den Versuch unternommen hatte, hatte der Indianer ihr weh getan.

SwiftCat hatte wohl einen besseren Menschen aus ihr gemacht, als Kind war sie häufig viel zu wild und ungehorsam gewesen, das hatte auch ihre Mum immer gesagt. Unwillkürlich glitten ihre Fingerspitzen an ihren Hals. Das Halsband schnitt ihr in die ihre Kehle, doch es half ihr auch sich stets für das Richtige zu entscheiden.
Aber nun war SwiftCat nicht mehr da. Sie war allein. Zum ersten Mal war sie ganz allein.

Die Angst und Verzweiflung hielten Moira fest in ihrem Griff. Der Tränenschleier nahm ihr die Sicht. Moira rutschte und schlitterte über die gefrorene Erde. Schluchzend wischte sie sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Sie wollte nach Hause. Einfach nur nach Hause. Aber es wurde bereits dunkel und sie wusste nicht, in welche Richtung sie gehen sollte. Wo war der Wagen? Wo war ihr eigener Unterschlupf?

Blind vor Furcht und Tränen stolperte Moira über eine Baumwurzel und schlug mit dem Kopf hart auf den Boden. Doch sie rappelte sich trotz der Platzwunde auf ihrer Stirn wieder auf und lief weiter. Sie bemerkte nicht, dass sie die Straße erreicht hatte. Tränen und Blut störten ihr Blickfeld, ihre Empfindungen waren gedämpft, sodass sie den Unterschied zwischen der asphaltierten Straße und dem unebenen Waldbogen nicht spürte. Als ein grelles Licht sie blendete, das Kreischen von abrupt bremsenden Reifen und das Brüllen einer Hupe ihre empfindlichen Sinne trafen, erstarrte die junge Frau vor Angst. Der Aufprall war hart und die Dunkelhaarige wurde durch die Luft geschleudert.

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„Danke, dass Sie sich so spät noch Zeit für uns nehmen, Dr. Talcott.“

Kristen hörte Jimmys Stimme wie von fern. Von dem jungen Mediziner war alle Unsicherheit abgefallen. Er wirkte in dieser Situation gefestigt und kompetent. Beruhigend, wie Kristen fand. Fröstelnd hatte die brünette Frau die Arme um sich geschlungen. Sie konnte nichts gegen das Zittern tun, dass sie, seitdem sie das städtische Leichenschauhaus erreicht hatten, fest im Griff hatte. Sie war froh, dass Ducky darauf bestanden hatte einen kleinen Imbiss einzunehmen, bevor sie ihren Weg zum Corona weiter fortsetzen würden. Es war eine Tortur gewesen den Bagel hinunter zu würgen, doch der Kaffee hatte für den Moment ihre Lebensgeister neu geweckt und hielt sie aufrecht. Eine Hand legte sich auf ihren Rücken. Ducky deutete mit einem Kopfnicken auf Palmer und den Coroner, die sich bereits einige Meter entfernt hatten.

„Wenn Sie wollen, gehe ich allein mit den Beiden und... und vergewissere mich, dass...“

Doch Kristen schüttelte nur energisch den Kopf. „Lassen Sie mich... ich werde es selbst...“

Der alte Pathologe musterte die schwangere Brünette mit sorgevollem Blick. „Kristen, Sie müssen auf sich achten. Es ist... Ich sollte es Ihnen verbieten. Diese Aufregung und...“

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich muss es tun, Doktor.“ Entschlossen ging Kristen hinter Palmer und Talcott her.

An der Tür zur Autopsie wandte sich der Coroner um und lächelte die ehemalige Ermittlerin freundlich an. „Ich wünsche mir für Sie, dass es nicht ihr Lebensgefährte ist. Meine Assistentin hat mit einer ersten groben Untersuchung begonnen, ich hatte bislang noch keinen Einblick in die Unterlagen. Hier geht es drunter und drüber. Die Leichen stapeln sich bis unter die Decke und... es tut mir leid, dass Sie extra herkommen mussten...“

Kristen kannte die chronische Überbelastung der städtischen Gerichtsmediziner. Das war eine Tatsache die sich nie ändern würde. Sie versuchte von besorgter Lebensgefährtin auf Ermittlerin umzuschalten, doch die Furcht hatte sie so fest im Griff, dass es ihr kaum gelang einen kühlen Kopf zu bewahren. Als ihr die üblichen Gerüche der Pathologie entgegenschlugen vollführte ihr Magen erneut die abenteuerlichsten Kapriolen. Sie blieb einen Moment lang stehen und presste sich eine Hand auf den Magen. Als sie weiter auf den Tisch zuging, spürte sie Jimmy und Ducky dicht neben sich. Ein Hauch Erleichterung machte sich in ihr breit.

Als sie neben dem Metalltisch stand, auf dem, mit einem weißen Tuch abgedeckt, die Leiche des Mannes aufgebarrt lag, schluckte sie schwer. Dann hob sie mit den Fingerspitzen vorsichtig das Tuch an, sodass sie freien Blick auf eine der Hände des Mannes bekam. Sie lege den Kopf schief und trat näher heran. Eine fleischige Hand mit kurzen, breiten Fingern ruhte auf der kalten Metallplatte.

Ein Schluchzen bahnte sich seinen Weg und Kristen spürte, wie ihre Beine erneut drohten unter ihr weg zu sacken. Doch die Hände von Palmer und Dr. Mallard griffen nach ihr und führten sie, beruhigend auf sie einredend, aus dem Raum.

Weinend ließ Kristen sich in Duckys Arme sinken. „Oh Gott... Gott sei Dank. Jethro... Ich... Oh Gott“, stammelte sie zusammenhanglos, während der alte Pathologe ihr beruhigend über den Rücken strich.

„Jethro ist am Leben, Kristen. Ganz ruhig.“

Sie nickte und griff dankbar nach dem Taschentuch, dass ihr von Jimmy Palmer gereicht wurde.

„Ich... lassen Sie uns weiter fahren nach Wardensville Pike und von dort aus morgen früh erneut suchen. Jethro ist verletzt und irrt durch die Kälte. Und Ziva und das Baby... Wir müssen sie suchen und wenn wir hierbleiben...“

Ein energisches Kopfschütteln von Ducky ließ Kristen inne halten. „Nein, Kristen, Sie brauchen Schlaf, vielleicht eine heiße Dusche und eine vernünftige Mahlzeit. Wir werden zurück nach DC fahren. Sie ruhen sich aus und ich kümmere mich, gemeinsam mit Dr. Palmer um eine vernünftige Struktur, bei der Suche in den Wäldern. Ansonsten könnten wir auch gleich die Nadel im Heuhaufen suchen.“

Kristen runzelte die Stirn und machte eine wegwerfende Handbewegung. „All das können wir vor Ort erledigen. Mit dem Unterschied, dass wir morgen in aller Frühe aufbrechen können! Doktor! Es sind -15 Grad da draußen und Jethro trägt nur Turnschuhe und keine Jacke! Ich kann nicht...“ Die Brünette verstummte, als das unangenehme Ziehen in ihrem Unterleib erneut einsetzte. Sie presste sich eine Hand fest auf den Bauch und krümmte sich leicht.

„Kristen!“, rief Ducky alarmiert und führte sie zu einer kleinen Sitzgruppe. „Sehen sie es als ärztliche Anordnung! Wir fahren zurück nach DC, wo Sie sich aufwärmen, essen und ausruhen werden! Jethro wird mir den Kopf abreißen, wenn Ihnen oder... oder dem Kind etwas passiert!“

Kristen schaute auf und suchte den Blick des Älteren. „Den Kindern... Es sind zwei!“
Ducky blinzelte und suchte in Kristens Blick nach irgendetwas, das daraufhin deuten konnte, dass sie scherzte, doch es schien ihr ernst zu sein. Der pensionierte Pathologe presste die Lippen fest aufeinander.

„Also haben Sie einen Grund mehr, um vernünftig zu sein, Chief! Kommen Sie! Wir machen einen Zwischenstopp im Krankenhaus. Die Pläne für die Suche, werden Sie mit Hilfe von Palmer, Jackson und DiNozzo Senior machen. Die beiden Väter brauchen eine Pause, eine Aufgabe. Ich werde bei Anthony bleiben! Wir fahren. Mr. Palmer!“

 

 

 

Kapitel 31


"Stellen Sie sich das einmal vor. Da steht er in nur seiner Unterwäsche vor mir, im tiefsten Winter, mit einer Duftnote um sich…“, wieder lachte Jackson leise auf. „….und als Erklärung gab er an, das seine Klamotten ihm abhandengekommen waren. Als ich ihn fragte, wieso er sie überhaupt erst ausgezogen habe, da baute er sich vor mir auf und sagte: Dad, das geht dich nun wirklich nichts an. Und rauscht mit hochroten Kopf an mir vorbei die Treppe hoch in sein Zimmer.“

Anthony Senior sah Jackson grinsend an. “Wie alt war Leroy zu dem Zeitpunkt? “

„Keine zehn Jahre“, teilte der alte Silberfuchs ihm mit. „Aber er war schon immer ein Sturkopf.“

„Haben Sie herausgefunden, wo seine Kleidung geblieben ist?“, fragte Tonys Dad.

„Jepp..“, kam es von Jack und er drehte grinsend den Stock in seinen Händen. „…ein befreundeter Nachbar hat sie uns am nächsten Tag vorbei gebracht. Leroy wollte sich heimlich sein Taschengeld aufbessern und hat dort mitgeholfen die Ställe zu säubern, dabei war er wohl unachtsam und ist in eine Jauchegrube gefallen…“, vor lauter Lachen hielt er sich eine Hand vor dem Mund und jetzt stimmte auch Tonys Dad ein und lachte herzlich mit.

„Er war nur zu stolz uns das zu erzählen“, nach Luft schnappend schielte Jack zum Bett, aber Tony schlief noch immer und schien von dem Lachanfall der Beiden nichts mitbekommen zu haben. Vor einer halben Stunde war die Ärztin noch einmal bei ihm gewesen. Seine Sauerstoffsättigung war nicht weiter gefallen, aber gestiegen war sie auch nicht. Dennoch hatte sie sich gegen eine künstliche Beatmung entschieden und ihm noch einmal ein Beruhigungsmittel gespritzt.

„Wie war Ihr Junge als Kind?“

Anthony Seniors schaute auf. „Junior? Oh ich weiß nicht. Lieb, ruhig, zuvorkommend?“

„Wo kommt die Unsicherheit her? Waren Sie nicht dabei?“

„Doch, aber solange seine Mutter lebte..“, er ließ den Satz unvollendet, in der Hoffnung das Jack ihn verstehen würde.

„Und danach?“

„Frech und unerzogen. Er verweigerte sich voll und ließ sich nichts sagen. Wir haben uns nur noch gestritten.“ Resignierend fuhr er sich durchs Haar.

„Bei Leroy war es, nach dem Tod seiner Mutter ähnlich, aber er war schon älter. Wie haben Sie das Problem gelöst?“

„Ich habe ihn auf ein Internat gesteckt. Wir haben uns dann nur noch in den Ferien gesehen.“ Er warf seinem Sohn einen Blick zu und drückte dessen Hand. „Heute bedauere ich das. Aber es ist nicht mehr zu ändern, und was haben Sie unternommen?“

Jackson zog eine Augenbraue hoch. „Leroy hat sich in der Armee eingeschrieben.“
Plötzlich war alle Heiterkeit verrauscht. „Er ist irgendwo da draußen, das spüre ich“, kam es von Gibbs‘ Vater leise und er atmete hörbar tief durch.

Anthony Senior stand auf, ging schnell um das Bett seines Sohnes herum und legte dem Älteren seine Hand auf die Schulter. „Sie dürfen auf keinem Fall die Hoffnung aufgeben. Wir werden sie finden.“

„Aber ist das realistisch?“, kam es zweifelnd von Jackson.

Tonys Vater verzog das Gesicht. „Solange wir daran glauben, ist alles möglich. Das ist meine Lebensregel Nummer eins.“

„Aber was wenn.....“, versuchte Jack zu fragen, als er unterbrochen wurde.

„....Gibbs‘....Regel...33.. Befasse dich nie.... mit dem ‚Was ...wäre wenn...!‘“, kam es stockend und kraftlos vom Bett.

„Junior“, sagte sein Vater und warf dem älteren Mann einen Blick zu und nicht zum ersten Mal an diesem Tag, dachte Tonys Vater, wie ähnlich sich doch ihr Leben abgespielt hatte und er konnte es seinem Sohn nicht verübeln, dass er sich Gibbs zum besten Freund gewählt hatte.

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Mit besorgter Miene wandte Ducky den Kopf und betrachtete die schlafende Kristen. Sie hatte sich bereitwillig auf die Rücksitzbank von Jimmys altem VW Rabbit gesetzt und jetzt war sie kurz vor Erreichen des Bethesda eingeschlafen.

„Sollen wir sie einfach schlafen lassen, Dr. Mallard?“, fragte Jimmy leise, während er den alten Wagen mühsam in eine Parklücke zwängte.

Der pensionierte Pathologe schüttelte mit dem Kopf. „Nein, Mr. Palmer, das würde sie uns vermutlich übelnehmen. Sie hat vorhin gesagt, dass sie Tony sehen will, bevor sie mit Jack und Tony Senior zurück fährt. Bleiben Sie bei ihnen, Jimmy. Nicht, dass…. Es war für alle ein harter Tag. Geben Sie gut Acht…“

Palmer lächelte seinem ehemaligen Mentor zu und verstand dessen wage Anspielung. Der alte Pathologe sorgte sich um ihre Gefährten. Mit einem leisen Ächzten stemmte Ducky sich aus dem Beifahrersitz und öffnete die hintere Wagentür.

Orientierungslos blinzelte Kristen ihm entgegen. „Oh, ich muss eingeschlafen sein…“, murmelte sie leise und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht.

„Ich hätte Sie schlafen lassen, meine Liebe, aber Sie haben gesagt, dass Sie Tony sehen wollen!“

Gähnend stieg die brünette Frau aus dem Wagen und folgte den beiden Gerichtsmedizinern durch die langen Flure der Klinik. Ihre Gedanken schienen zäh durch ihren Kopf zu wabern. So müde und erschöpft hatte sie sich lange nicht gefühlt.

Das Prozedere des Ankleidens der sterilen Kittel ließ sie stumpf über sich ergehen und fand sich kurze Zeit später in einem kleinen Raum wieder, der nur durch ein fahles Nachtlicht erhellt wurde. Blass, beinahe durchscheinend, lag Tony auf den weichen Kissen, die geöffneten Augen dem Fenster zugewandt.

Im Fernsehen lief ein Footballspiel, das von Jackson und Tony Senior nur halbherzig verfolgt wurde. Vorsichtig setzte Kristen sich auf die Kante von Tonys Bett und strich dem Jüngeren über den Arm.

„Was machen Sie denn für Sachen?“ sagte die Brünette leise.

Langsam wandte der ehemalige Agent sich ihr zu und musterte sie forschend. „Es war nicht Gibbs. Dazu sind Sie zu ruhig.“

Sie schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem kleinen Lächeln. „Nein… Nein, er war es nicht.“

„Was aber nicht heißt, dass sie noch am Leben sind. Ich… ich fühle nichts mehr…“ Tonys Stimme brach. Er rang gleichermaßen um Luft und um seine Fassung.

Kristen griff nach seiner Hand und legte ihre andere an seine Wange.

Er schloss die Augen und versuchte sich für einen Moment nur auf das Atmen zu konzentrieren. „Ziva… das Baby…“, keuchend legte er sich eine Hand auf die Brust. „Hier… ist alles leer. Sie… kommen nicht zurück…“

Kristen spürte wie die Tränen in ihr aufstiegen, wie das Zittern erneut einen Weg in ihre Hände fand. Es kostete sie alle Mühe nicht einfach weinend einzubrechen, doch damit wäre niemandem geholfen. Beinahe liebevoll strich sie Tony durch das dichte braune Haar. „Geben Sie nicht auf, Tony. Ziva braucht ihre Hoffnung. Wir dürfen sie nicht aufgeben. Bitte…“

Jeder seiner Atemzüge ging in einem Keuchen unter. Kristens Sorge um den jungen Mann wuchs sekündlich. „Tony, bitte, beruhigen Sie sich.“ Aus einem Impuls heraus, legte sie dem kranken Mann eine Hand auf die Brust und streichelte ihn, sowie sie es vor Jahren bei ihrem Sohn getan hatte, als diesen eine hartnäckige Bronchitis um den Schlaf gebracht hatte.

„Wie kann… kann man das überleben, Kristen? Wenn… wenn sie nicht wieder kommen. Ziva und… und unser Kind… Wie kann das jemand… Ich will nicht allein sein… Seit Mum… ich will nicht mehr alleine sein… Und alle gehen und ich… ich bin hier?“ Tony schaffte es nicht länger die Tränen zurück zuhalten. Sein Leben schien so leer ohne seine Familie. Ohne Ziva und das Baby, ohne Abby, ohne Gibbs und Tim. „Gibbs wüsste wie… Er… Warum ist er so stark? Warum… warum ist er nicht bei mir?“

Kristen zog den Jüngeren in ihre Arme und hielt ihn fest. Sie konnte nicht sprechen, dann würde sie genauso enden wie der ehemalige Senior Field Agent. Also gab sie ihm nur Nähe, die er scheinbar so schmerzlich vermisste.

„Gibbs… Ich… ich brauche Gibbs. Er kann helfen… Er macht es wieder gut…“ Tony rang um Luft, krümmte sich leicht zusammen. „Gibbs“ Sein kraftloser Aufschrei ging der ehemaligen Ermittlerin durch Mark und Bein.

Leises Gemurmel drang zu Kristen und durch den Tränenschleier, der ihre Sicht verschwimmen ließ, erkannte sie, wie Jackson Gibbs leise und eindringlich zu Tony Senior sprach und Ducky zur Tür deutete und gemeinsam mit den beiden alten Männern den Raum verließ.

„Oh, Tony…“, sagte Kristen leise, legte dem gebrochenen Mann erneut eine Hand an die tränennasse Wange und zwang ihn somit sanft sie anzuschauen. „Tony, Sie müssen sich ausruhen und zu Kräften kommen. Ich fahre morgen wieder raus nach Wardensville Pike und suche nach Ziva und Gibbs und diesmal werde ich mich nicht von ein paar Schneeflocken vertreiben lassen! Wir dürfen nicht aufgeben, Tony! Bitte, atmen Sie weiter, so schwer es auch fällt. Es gibt immer Hoffnung! Ziva und Gibbs wurden dafür ausgebildet in den extremsten Bedingungen zu überleben. Vergessen Sie das nicht!“ Sie hauchte dem Jüngeren einen Kuss auf die Stirn und strich ihm durch die schweißnassen Haare.

Der Zusammenbruch hatte Tonys winzige Kraftreserven aufgebraucht. Er schaffte es nicht länger seine Augen offen zu halten und sank in einen tiefen traumlosen Schlaf. Immer schwerer ruhte sein Körper auf den weichen Kissen, und je mehr sein Körper an Anspannung verlor, desto leichter schien dem Mann das Atmen zu fallen. Kristen hoffte, dass er die Erholung finden würde, die er so dringend nötig hatte. Leise stand die brünette Frau auf und ging aus dem Raum. Sie mussten Ziva und Gibbs finden, sonst war Tony nicht der einzige, der Verloren zurück blieb.

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Bleich sah Anthony Senior durch das Fenster, wie die fremde Frau seinen Sohn in die Arme nahm und tröstete. Der Schmerz, den er dabei empfand, war ungewohnt und ging tief. Wie ein dummer Schuljunge war er aus dem Zimmer verwiesen worden. Junior war völlig außer sich gewesen und die Worte die er in seiner Verzweiflung ausgesprochen hatte, würde sein Vater nie mehr vergessen. „Gibbs… Ich… ich brauche Gibbs. Er kann helfen… Er macht es wieder gut…“

Gibbs, nicht Dad! Sein Sohn verlangte tatsächlich nach seinem BOSS? Einmal mehr erinnerte er sich daran, wie der grauhaarige Vorgesetzte seines Sohnes, ihm im Besucherzimmer des NCIS‘ ins „Gebet“ genommen hatte. Wie er ihm erzählt hatte, das Tony an der Lungenpest erkrankt gewesen war und wie er ihn gefragt hatte: „Und wo waren SIE? Ich hätte erwartet Sie dort zu sehen?“ Scheinbar war damals noch mehr passiert und der Grauhaarige hatte seine Rolle übernommen. Neid fraß sich tief in seine Seele. Neid auf einen Mann, der wahrscheinlich schon erfroren war. Junior war sein Junge, sein Kind, sein Fleisch und Blut. Wütend ballte er seine Hände zu Fäusten. Er würde nicht hier draußen stehen, wenn dort eine Fremde sein Kind….Die Hand die sich weich auf seine Schulter legte, ihm aber von der Scheibe wegdrehte, gehörte Jackson. Der ältere Mann sah ihn freundlich an und schüttelte mitfühlend den Kopf.

„Ich weiß wie sie sich fühlen. Es gab zwischen Leroy und mir auch eine Zeit des Schweigens. Aber egal was passiert und egal wie sie sich benehmen, sie bleiben immer unsere Kinder“, sagte der alte Mann und lächelte ihm wissend zu. „Kommen Sie, gönnen wir Tony etwas Ruhe damit er sich wieder finden kann.“

„Aber…“, machte Anthony Senior und wollte sich wieder zum Fenster drehen. „…ich möchte lieber hier bleiben. Er soll nicht allein bleiben.“

„Er wird nicht allein sein“, teilte ihm Jack mit und deutete zur Tür. Dort stand Ducky und wartete nur darauf dass er Chief Brown abwechseln konnte. „Donald bleibt bei ihm und wir beiden alten Haudegen helfen jetzt dem Jungvolk bei der Suche“, kam es von ihm grinsend und DiNozzo Senior musste ihm Respekt zollen. Bei all dem Stress blieb der Mann doch immer er selbst. „Wir werden Sie finden. Ziva und meinen Sohn, lebend. Und was meinen Sie was Tony dann für Augen machen wird?“

Krampfhaft nickte Anthony Senior ihm zu, noch einmal warf er einen Blick durch das Fenster in das Intensivzimmer. Kristen hatte sich schon abgewandt und Junior schien sich wieder beruhigt zu haben. Jedenfalls sah es so aus, als wenn er schlief. Sein Herz war bleischwer, als er sich umdrehte und Jackson und den jüngeren Leuten folgte.

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Leon legte die Unterlagen aus der Hand und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Er hatte damit begonnen im Hauptquartier alles für sein Ausscheiden bereit zu machen. Nun saß er in seinem Haus, in seinem behaglichen Büro und ging letzte Akten durch. Er fühlte sich kraftlos, erniedrigt. Er hatte einem Packt mit dem Teufel zu gestimmt und war selbst im Fegefeuer gelandet. Niemals hätte er von Clayton Jarvis eine solche Entwicklung erwartet. Er kannte den Mann schon lange, doch für einen skrupellosen Wahnsinnigen hätte er ihn nicht gehalten. Nie! Doch mit der Aussicht auf den Einzug ins Weiße Haus, schienen bei dem Mann sämtliche Sicherungen durchgebrannt zu sein. Clayton war schon immer überdurchschnittlich ehrgeizig gewesen, nahezu verbissen, aber wie hätte Leon ahnen können, dass der Mann über Leichen gehen würde?

Die Angst um seine Familie hatte sich ihm unter die Nägel gebrannt und brachte Leon Vance beinahe um den Verstand. Die täglichen Drohungen waren eindeutig, doch heute würde sich die Situation noch einmal zuspitzen. Jarvis hatte seine Kündigung erhalten. Bislang gab es keine Reaktion, doch es schien nur eine Frage der Zeit.

Leon griff nach dem Foto seiner Familie, das auf dem Schreibtisch stand und betrachtete sie nachdenklich. Sie würden Weihnachten bei Jackies Tante in Brisbane, Australien verbringen und bis zum Abflug in drei Tagen, wären sie sicher. Die Theatergruppe von der Schule seiner Tochter hatte zu einer intensiven Probewoche in einem kleinen Schullandheim in New Jersey geladen. Seine Frau und sein Sohn waren mitgefahren. Jackie half mit Vorliebe bei den Schulaufführungen mit und unterstützte die Lehrkräfte auch dieses Mal.

Seine Familie war sicher!

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„HEY“, schrie Palmer und kämpfte mit der Steuerung des Wagen und dem Glatteis auf der Straße. „Was sollte das denn?“, rief er wütend und schaffte es gerade noch rechtzeitig den Wagen in Gibbs‘ Einfahrt zu dirigieren und langsamer zu werden. Kristen sah dem sich schnell entfernenden schwarzem Van hinterher, der ihnen gerade in Vollspeed aus der Einfahrt entgegen gekommen war und ihnen die Vorfahrt genommen hatte.

Während sich Palmer noch immer über die Fahrweise des Vans aufregte, machte sich die Ermittlerin ganz andere Gedanken. Sie stellte sich nicht die Frage, „Was sollte das?“ sondern „Was wollten die hier?“

„Ihr bleibt, bis ich Entwarnung gebe, im Wagen. Solltet ihr Schüsse hören, dann möchte ich, dass ihr abhaut und Hilfe holt“, sagte sie und ihre Stimme duldete keine Wiederworte.

Noch bevor der junge Pathologe die Handbremse anziehen konnte, hatte sie schon ihren Gurt gelöst und war aus dem Auto gesprungen. Schnell rannte sie die wenigen Stufen zur Eingangstür hoch und zog ihre Waffe. Mit einem unguten Gefühl im Magen bemerkte sie, das die Tür nur angelehnt war. Vorsichtig schob sie sie mit der Schulter auf und lugte in den Flur. Scheinbar war niemand im Haus und doch stand McGees Wagen in der Einfahrt.

„Agent McGee?“, rief sie leise in die Wohnung und machte sich mit der gezogenen Waffe auf den Weg ins Wohnzimmer. „TIM?“

War er vielleicht doch mit Eric zusammen zur Uni gefahren? Endlich hatte sie den offenen Wohnbereich erreicht. Aber auch hier war keine Gefahr mehr zu sehen. Kristen steckte gerade ihre Waffe weg, als sie ein leises Stöhnen hörte. Schnell trat sie durch die Tür und orientierte sich nach dem Geräusch. Hinter einem Sideboard wurde sie fündig.

„Oh Gott Tim“, flüsterte sie und fiel neben dem am Boden liegenden Agent auf die Knie. Sein Gesicht zeigte Spuren von Schlägen. Sein rechtes Auge würde demnächst von einem schönen Veilchen geziert, das bereits jetzt begann zu zuschwellen und seine Lippe hatte einen tiefen Riss. Wahrscheinlich würde sein Körper noch mehr Prellungen offenbaren. Leicht schlug sie ihm gegen die Wangen. „Hey Tim, aufwachen.“

Endlich regte sich der junge Agent neben ihr. Ruckartig setzte er sich auf und hob in einer Abwehrhaltung die Hände. Verwirrte Augen huschten durch den Raum und blieben an Kristen hängen, dann legte er sich eine Hand an die Rippen und stöhnte erbärmlich auf.

„Scheiße“, murmelte er undeutlich und nahm von Kristen ein Taschentuch entgegen das er mit einem kleinen ächzen gegen seine blutende Lippe drückte.

„Was ist passiert?“, fragte sie, drückte sich vom Boden hoch, hielt dem Agent die Hand entgegen und zog ihn auf die Füße.

„Ich habe sie erst bemerkt, als sie schon in das Zimmer stürmten. Zwei haben mich festgehalten und der Dritte hat auf mich eingeschlagen, dann haben sie sich die Notebooks genommen und sind abgehauen.“ Frustriert, rieb er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Rippen. „Es waren einfach zu viele. Ich hatte keine Chance.“

Chief Brown nahm Tim am Arm und zog ihn zum Sofa. „Ich weiß. Kann ich Sie kurz alleine lassen und die anderen holen. Sie warten immer noch im Wagen.“

„Natürlich, ich komm schon klar.“

Schnell lief die Ermittlerin nach draußen und erlöste die wartenden Männer, dann liefen sie wieder ins Wohnzimmer um sich von McGee weiter berichten zu lassen.




32. Kapitel


„Mensch Palmer“, maulte McGee. „Kannst du nicht ein bisschen vorsichtiger sein? Ich bin nicht tot!“

„Das muss stramm sitzen und das weißt du auch, immerhin hast du dir nicht zum ersten Mal die Rippen geprellt. Sei froh das sie nicht gebrochen sind“, verteidigte sich der junge Pathologe und fuhr stur mit seiner Tätigkeit fort. „So, fertig. Du kannst dein Hemd wieder anziehen und in den nächsten Tagen solltest du dich ein wenig vorsichtig bewegen“, teilte er ihm mit, was Tim dazu veranlasste stumm mit den Augen zu rollen.

Er hatte im Moment eher das Gefühl sich überhaupt nicht mehr bewegen zu können. Während Palmer sein Equipment wieder zusammenpackte, stand Tim mürrisch vom Stuhl auf und mühte sich mit dem Hemdärmel ab, bis es Kristen zu bunt wurde und sie ihm ins Hemd half.

„So“, sagte sie. „Und jetzt noch einmal langsam. Wie viele Angreifer waren es?“, fragte sie und deutete McGee wieder auf dem Sofa Platz zunehmen. Sie selbst blieb davor stehen.

„Drei“, kam es gepresst, als sich der junge Agent unter Schmerzen vorsichtig auf die Couch setzte.

„Und die haben Ihnen keine Chance gelassen, was Junge?“, fragte Jack und reichte McGee ein Kühlpad, das er aus der Küche geholt hatte.

„Danke“, nuschelte Tim und zischte noch einmal auf, als er das Pad auf sein zuschwellendes Auge legte. „Nein keine Chance. Das waren Profis und sie wollten die Notebooks.“

„Dann ist all das, was wir bisher zuwege gebracht haben, vernichtet“, kam es von der Ermittlerin und sie ließ sich in den freistehenden Sessel fallen. Irritiert stellte sie fest dass sich Tränen in ihren Augenwinkeln bildeten. Sie wollte nicht weinen, aber die Hormone setzten ihr zu.

„Nein“, kam es plötzlich von McGee.

„Nein?“, fragten vier Stimmen gleichzeitig und zum ersten Mal seit dem sie das Haus betreten hatten, drehte sich Tonys Vater vom Fenster weg und sah den angeschlagenen Agent fragend an.

„Weil, ich Abbys Laptop kurz vorher in der Küche, an der einzigen freien Steckdose in diesem Haus, zum Laden angeschlossen habe.“ Ein siegessicheres Grinsen zog sich über sein Gesicht und ließ ihm im gleichen Moment aufkeuchen, als sich der Riss in seiner Lippe wieder schmerzhaft öffnete.

„Sie haben das Haus nicht durchsucht?“, fragte Kristen neugierig, aber auch auf ihr Gesicht hatte sich ein Lächeln geschlichen.

„Nein“, sagte Tim und drückte sich ein Taschentuch gegen den Mund. „Sie waren zu sehr mit mir beschäftigt.“

„Was für Stümper“, kam es lächelnd von Jack und er klopfte dem jungen Mann aufmunternd auf die Schulter, was diesem wieder ein Stöhnen entlockte. „Oh Entschuldigung mein Junge“, sagte er und verzog kurz mitfühlend das Gesicht.

Plötzlich ruckte Tims Kopf zu Kristen hoch. „Was hat Ihr „Ausflug“ ergeben? Die Leiche?“, fragte er ängstlich und vergessen war sein Triumph von eben.

Doch die ehemalige Ermittlerin schüttelte nur beruhigend mit dem Kopf. „Es war nicht Jethro.“ Ein erleichtertes Seufzen bahnte sich über die Lippen des jungen Mannes.

„Wir sind uns also einig, dass wir die Suche wieder aufnehmen?“, fragte sie in die Runde und erntete von allen zustimmendes Kopfnicken. „Gut, ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber ich könnte jetzt etwas zu essen gebrauchen.“ Im Aufstehen klatschte sie sich auf die Oberschenkel und warf Gibbs Dad einen auffordernden Blick zu.

„Ich werde Ihnen helfen, meine Liebe“, kam es auch prompt von Jack und zusammen verließen sie das Wohnzimmer in Richtung Küche.

Tonys Vater dagegen sah den jungen Mann so eindringlich an, dass es Tim ganz unbehaglich wurde.

Nach einem Räuspern sah er hoch und fragte: „Wie geht es eigentlich Tony?“

„Wollen Sie das wirklich wissen?“, hakte der Senior nach und warf ihm einen abschätzenden Blick zu.

„Natürlich“, kam es von Tim. „Sonst hätte ich ja nicht gefragt.“

Während sich Anthony Senior zu McGee auf das Sofa gesellte um leise von seinem Sohn zu berichten, machte es sich Jimmy in dem freigewordenen Sessel bequem.

~~~***~~~



Unschlüssig ließ Kristen ihren Blick durch den Kühlschrank schweifen. Er war gut gefüllt, anscheinend hatte Dr. Mallard vor sie täglich nur mit den besten Lebensmitteln zu versorgen. Oder hatte Jimmy die Einkäufe erledigt? Sie wusste es nicht. Es schien als hätte sie nur die Hälfte von allem, was um sie herum geschehen war überhaupt mitgekriegt. Die vergangenen zwei Tage waren wie im Flug vergangen, ohne, dass sich etwas Wichtiges ergeben hätte.

Die Brünette griff nach einem Glas mit Rinderbrühe. Kritisch beäugte sie es von allen Seiten. „Eine Suppe wäre nicht verkehrt, oder? Ob das hier genießbar ist? Bislang habe ich das immer selbst zubereitet, oder gekörnte Brühe verwendet.“

Jackson schaute der Lebensgefährtin seines Sohnes über die Schulter. „Das Zeug ist nicht mal schlecht. Was wollen Sie denn daraus machen? Einen Eintopf?“

„Nudeln“, murmelte Kristen und ging in Gedanken durch was sie alles für eine kräftige Nudelsuppe brauchen würde.

Der Seelentröster ihrer Mum. Genau das was sie jetzt brauchte. Der Blick des alten Silberfuchs‘ lag fragend auf ihr.

Kristen schreckte aus den Gedanken und lächelte entschuldigend. „Tut mir leid, ich bin vermutlich heute nicht die beste Gesellschaft, die man sich wünschen kann.“

Jack schüttelte den Kopf. „Machen Sie sich keine Gedanken, Kristen. Also? Was ist jetzt mit den Nudeln? Hier sind Makkaroni... Nur Makkaroni. Das könnte in einer Suppe eine spannende Sache werden.“

Die brünette Frau runzelte die Stirn, während sie in den Untiefen des Kühlschranks nach geeigneten Zutaten suchte. „Dann müssen wir schauen, dass wir die in eine Suppen-Nudel taugliche Größe bekommen! Ha! Perfekt!“ Mit einem unwillkürlichen Glücksgefühl holte sie ein Paket Gehacktes aus dem Kühlschrank, legte eine Handvoll Mohrrüben dazu und griff nach einem Karton Eiern.

„So leicht kann man Sie glücklich machen?“, lachte Jack und holte ein kleines Schneidemesser aus einer Schublade. „Sie die Nudeln und ich die Möhren! Ich bin gespannt was das für eine Suppe werden soll!“

Kristen nickte und begann damit die Makkaroni klein zu brechen, während auf dem Herd von verschiedenen Töpfen anfing Wasserdampf aufzusteigen. „Meine Mum hat diese Suppe ständig für mich kochen müssen. Als Kind wollte ich mich beinahe ausschließlich davon ernähren. Als Jugendliche war es mein Seelentröster und später dann... Meine Mutter war sehr krank und hat am Ende kaum etwas bei sich behalten können. Doch eine kräftige Brühe mit Nudeln ging immer.“ Kristen zuckte mit den Schultern.

„Meine Frau hat für Leroy immer Schokoladenpudding kochen müssen. Pudding mit heißen Kirschen... Das stand auch auf dem Küchentisch, als wir vom Angeln wieder gekommen sind. Daneben lag ein Zettel... ihr Abschiedsbrief.“ Geschickt schnitt der alte Mann die Mohrrübe in dünne Scheiben. „Direkt in die Brühe?“

Die brünette Frau nickte. „Ein Abschiedsbrief? Ich dachte Jethros Mutter sei auch nach schwerer Krankheit gestorben. Er redet nicht gern darüber...“

Jackson lächelte nachsichtig, während er die zweite Mohrrübe schälte. „Ann war... Sie war eine tolle Frau, aber als ihre Krankheit ausbrach... Damals wusste ich nicht was genau ihr fehlte. Die Ärzte warfen mit Fachchinesisch um sich. Amyotrophe Lateralsklerose. Heute schaffe ich wenigstens schon es auszusprechen ohne mir die Zunge zu verknoten. Irgendwie... Ich war überfordert und habe mich, bewusst oder unbewusst, immer mehr von ihr entfernt. Es ging ihr zunehmend schlechter und nach einem bösen Sturz musste sie ins Krankenhaus. Ohne Ann in unserer Nähe, ohne ihren gequälten Gesichtsausdruck, schienen wir tatsächlich aufzublühen. Es war befreiend ihr Leiden nicht ständig vor Augen zu haben. Vor allem für den Jungen. Das wurde ihr wohl nur allzu bewusst. Sie hatte im Krankenhaus eine Frau kennengelernt, eine ehrenamtliche Helferin. Sie hatten sich angefreundet und irgendwann hatte Ann beschlossen zu gehen. Uns nicht länger mit sich zu belasten... Sie war dann bis zu ihrem Tod bei dieser Mary McPhearson.“

Kristen warf dem Vater ihres Freundes einen erstaunten Blick zu. "Das muss für Sie und Jethro eine schwierige Zeit gewesen sein..."

Jackson wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. "Ich glaube die Zeit danach war schlimmer. Und am Ende... Wir hatten über Jahre hinweg keinen Kontakt zu einander. Er hat Halt und Unterstützung im Corps und bei Shannon gefunden und ich... habe einfach weiter gemacht. Etwas was er mir bis heute anlastet."

Die Brünette warf die letzten Nudeln in einen Topf mit kochendem Wasser und begann das Hackfleisch zu würzen und kleine Bällchen zu rollen.
Sie erinnerte sich an ein Gespräch mit Jethro. An seine verzweifelten Worte kurz nach seinem Auftauchen bei ihr in Newberry.

"Es fühlt sich so an, als könnte ich mich nicht weiter bewegen, Kristen. Als würde alles einfrieren und nur noch... als würden sie immer und immer wieder sterben und ich müsste zusehen. Ich kann nicht einfach aufstehen und weitermachen."

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich glaube nicht, dass er Ihnen das ernsthaft vorwirft. Er kann es einfach nicht, glaube ich. Vermutlich würde er es gern genauso machen. Einfach weiter leben, aber für ihn fühlt es sich an, als wenn... Vielleicht verbietet er es sich selbst weiter zu leben..."

Jackson musterte die Jüngere nachdenklich, dann nickte er. "Ich glaube, ich verstehe was Sie meinen... Er kann nicht loslassen. Schon bei Shannon und Kelly war das so. Wie ging es ihm nach Abbys Tod? Am Telefon klang er wie immer."

Kristen warf das letzte Hackbällchen in den Topf mit dem leicht köchelnden Wasser und rührte in jedem der Töpfe einmal um, bevor sie die Eier aufschlug und mit diversen Gewürzen und ein wenig Milch verquirlte. Sie fragte sich wie viel von dem, was sich in den letzten Wochen abgespielt hatte, Jethros Vater wissen sollte. Ihr Partner hatte sich größtenteils zurückgezogen. Die Tiere hatte er in seiner Nähe ertragen können, doch bis zu dem Abend, an dem ihr Rüde Fox in ein Tellereisen getreten war, hatte Gibbs geschwiegen. Er hatte geschwiegen und sich in seiner Einsamkeit gesuhlt, ohne dass er ihr eine Chance gegeben hätte, ihm wieder hinaus zu helfen. Nach einigen vergeblichen Bemühungen hatte sie ihn in Ruhe gelassen und nur dafür gesorgt, dass er nicht zu viel trank und regelmäßig eine vernünftige Mahlzeit zu sich nahm. Kristen hatte sich seinem Zorn ausgeliefert, wenn sie ihn mit Nachdruck aufgefordert hatte sich zum Schlafen in ein Bett zu legen und nicht die Nächte auf der zugigen Veranda zu verbringen. Sie hatte es ungerührt hingenommen, wenn er vor Wut beinahe aus der Haut gefahren war und war da gewesen, wenn er doch einmal Halt gesucht hatte.

Nach Fox‘ Tod schienen ihn auch die letzten Kraftreserven verlassen haben und seine unnahbare Mauer bekam große Risse. Und endlich, während sie gemeinsam über den sinnlosen Tod des treuen Rüden trauerten, schien sich der Knoten in seiner Seele zu lösen und er hatte angefangen sich ihr mitzuteilen. Er hatte ihr gesagt, dass die Bilder in seinen Gedanken sich vermischen würden. Er hatte schon so viele Menschen ziehen lassen müssen. Aus Abby wurde sein Kamerad Cameron, aus einem Agenten namens Pacci wurde eine ehemalige Agentin aus seinem Team - Kate. Und so schienen sie ihn alle heimzusuchen und in die Knie zu zwingen. Und an jedem Tod schien er eine gewisse Schuld zutragen. Und immer wieder Shannon und Kelly. Und die Schuld, die er nie würde begleichen können.

Kristen seufzte. "Er belädt sich mit Schuld, so als würde alle Verantwortung in seinen Händen liegen. Jethro war wie erstarrt. Er hat verseucht sich mit Arbeiten am Hof abzulenken, doch er hatte nichts davon fertig gestellt. Ich habe irgendwann unsere vier jüngsten Pferde aus dem Stall geholt, ihn gezwungen in den Sattel eines reichlich ungestümen Wallachs zu steigen und habe ihm ein weiteres Pferd an die Hand gegeben. Wir sind dann hoch zum Lake Superior geritten und an dessen Ufer entlang. Wir haben im Zelt geschlafen und hatten alle Hände voll zu tun, um das Jungvolk in Schach zu halten. Seine Hände und sein Kopf waren beschäftigt. Jedes Mal, wenn er versucht hatte sich in seine Gedanken zu verkriechen, wurde es sofort bestraft. Pferde sind verdammt gut in sowas. Unachtsamkeit wird nicht geduldet. Nachdem Oreo ihn zum zweiten Mal unsanft abgesetzt hatte, war er bei der Sache. Und es hat geholfen."

Jackson nickte mit einem schmalen Lächeln. "Eine Rosskur." Der alte Mann betrachtete die Frau eine Weile, dann sagte er: "Danke... Danke, dass Sie da waren und... Egal wie alt die eigenen Kinder werden und wie sehr sie auch versuchen einen aus ihrem Leben rauszuhalten, man hört nie auf sich zu sorgen."

Kristen nickte wissend. "Da kann ich ihnen nur zustimmen!"

Leise Schritte waren zu hören. "Ha! Das kann ich bestätigen. Je älter ich werde, desto mehr verhält Mum sich wie eine Glucke. Sind Sie Jethros Vater? Hi, ich bin Erik. Der Sohn von dieser Oberglucke!" Der blonde Mann stand im Türrahmen und reichte Jackson mit einem gewinnenden Lächeln die Hand.

"Oh, das freut mich aber. Jethro hat Sie glaube ich mal erwähnt. Sie haben ihm geholfen bei..." Der alte Silberfuchs verstummte und schlug sich eine Hand vor den Mund.
Eric lachte und zuckte mit den Schultern. "Jupp!"

Fragend schaute Kristen von einem zum anderen, dann blieb ihr Blick bei ihrem Jungen hängen. "Das Blut, Eric?", fragte sie leise.

Woraufhin alle Fröhlichkeit aus dessen Blick verschwand. "Es passt zu den Blutspritzern im Flur und diese... Es ist Jethros Blut, Mum."

Sie nickte nur und presste die Lippen zusammen. "Ok" sagte sie leise und griff nach der kleinen Küchenwaage, die sie in einer der Schubladen gefunden hatte. Jethro hatte die meisten Küchenutensilien zurück gelassen.

"Was hat die Ärztin gesagt, Mum?" Erics Stimme klang besorgt, doch Kristen schüttelte nur den Kopf.

"Alles ok. Nur zu wenig Schlaf und..."

"Verarschen kann ich mich allein! Verdammt, Jethro hat mir gesagt welche Tabletten du in dich reinstopfst. Irgendwelches Magenzeug und so... Seid mindestens sechs Wochen! Ich bin nicht blöd, Mum, und ich weiß wie es bei Grandma..."

Kristen unterbrach ihren Sohn scharf. "Ich bin nicht krank, Eric. Es ist alles in Ordnung, ok?!"

"Willst du mich für dumm verkaufen? Verdammt, Mum!"

Sie schüttelte energisch den Kopf. "Wir reden darüber, wenn... bald, später. Nun muss ich mich um Cara kümmern. Sie war den ganzen Tag alleine. Mit ihren Welpen. Verdammt! In einer halben Stunde ist die Suppe fertig, dann essen wir!" Eilig verließ sie die Küche.




33. Kapitel


„Hallo Miss?“ Der Arzt leuchtete mit einer kleinen Taschenlampe in die Augen der jungen Frau, die widerwillig ihren Kopf wegdrehte. „Können Sie mich hören, dann versuchen Sie meine Hand zu drücken.“ Nur schwach vernahm er den Druck und strich der Patientin aufmunternd über den Arm. „Und jetzt versuchen Sie ihre Augen zu öffnen.“ Mühsam kam sie seiner Bitte nach und blinzelte ins Deckenlicht. „Na das ging doch ganze gut. Mein Name ist David Tanner, ich bin Ihr behandelnder Arzt“, kam es mit einem Lächeln von dem Mediziner. „Wissen Sie was passiert ist?“ Aufmerksam beobachtete er ihr Gesicht. Das Entsetzen, das er in ihren Augen ablesen konnte, sagte ihm alles und als sie sich aufrichten wollte, drückte er sie sanft, aber nachdrücklich zurück in die Kissen. „Langsam“, kam es warnend von ihm und er setzte sich zu der Frau auf die Bettkante. „Sie hatten einen Unfall und wurden von einem Auto angefahren.“ Wieder versuchte sie sich aufzusetzen und wieder hielt er sie auf. „Sie hatten Glück, dass sich zufällig ein Rettungswagen in der Nähe befand. Deshalb konnten wir Sie sofort aus der Kälte holen und versorgen.“ Als er ihren hilflosen Blick durch den Raum irren sah, nahm er den Faden wieder auf. „Die Stoßstange des Wagens hat Ihnen den rechten Unterschenkel gebrochen, den wir operativ versorgen mussten. Scheinbar wurden Sie einige Meter durch die Luft geschleudert. Der Aufprall auf die Straße hat zu diversen Prellungen, Stauchungen und einer größeren Kopfverletzung geführt. Aber alles in allem hatten Sie großes Glück. Ein paar Wochen Ruhe, ein wenig Reha für Ihr Bein und Sie werden wieder wie neu sein.“ Noch immer hatte sie kein Wort gesagt. „Haben Sie mich verstanden?“, fragte er und sah sie zaghaft nicken. „Können Sie nicht reden?“, hakte er nach.

„Doch“, kam es heiser.

„Schön, verraten Sie mir dann Ihren Namen?“

„Ich….“, sie stockte verwirrt und fasste sich an die Stirn. „Ich…“, hilfesuchend sah sie den Arzt an. „Ich weiß es nicht!“ Panik schwang in ihrer Stimme mit.

„Ruhig, versuchen Sie ruhig weiter zu atmen. Das kann schon einmal bei Kopfverletzungen passieren. Was ist das letzte an das Sie sich erinnern?“, fragte Dr. Tanner und legte seine Finger an ihren Puls und schaute auf seine Uhr.

„Ich wollte Bonbons kaufen, zusammen mit... Grandpa hatte uns Geld gegeben…“

„Sie wollten Bonbons kaufen?“, hakte der Arzt nach. „Wie alt waren Sie da?“

Unsicher sah sie ihn an, dann schloss sie resigniert die Augen. Sie konnte sich einfach nicht erinnern. Die Kopfschmerzen nahmen plötzlich überhand und auch ihr Bein meldete sich zum ersten Mal und dumpf pochte der Schmerz.

„Mommy stand am Fenster und winkte uns zu…“ Unbewusst versuchte sie ihren Körper zusammen zuziehen, doch ihr Bein ließ das nicht zu. Tränen liefen ihr über das Gesicht und sie konnte nicht länger den Blick des Arztes standhalten. Nur im Unterbewusstsein, bekam sie mit, dass sie etwas gespritzt bekam. „Mommy“, flüsterte sie leise. „Ich möchte nach Hause.“ Langsam verringerte sich der Druck auf ihren Kopf und die Welt um sie herum verfiel im Nebel, als das starke Beruhigungsmittel seine Wirkung zeigte.

~~~***~~~



Leise zog der Mediziner die Tür ins Schloss und näherte sich dem wartenden Polizisten.

„Und“, fragte dieser sofort. „Wissen wir jetzt wer sie ist?“

Dr. Tanner schüttelte mit dem Kopf und fuhr sich mit einer Hand über das müde Gesicht. „Nein. Sie leidet an einer teilweisen retrograden Amnesie.“

„Was bedeutet das?“, fragte der Polizeibeamte und sah zu dem großgewachsenen Mediziner auf. Dr. Tanner war wahrscheinlich nicht älter als vierzig, sah aber an diesem Abend, gut zehn Jahre älter aus. Um seine intelligenten dunkelblauen Augen hatten sich tiefe Falten eingegraben und sein hellbraunes Haar lichtete sich bereits an mehreren Stellen.

„Das heißt, wir wissen nichts über sie. Sie kann sich nur bruchstückweise an ihre Kindheit erinnern. Im Moment ist sie für uns eine „Jane Doe“. Tut mir leid, dass ich ihnen nicht mehr sagen kann.“

„Gut, dann werde ich gleich die Vermisstenanzeigen nach einer jungen Frau, Anfang zwanzig, mit braunen Augen und kurzem, braunen Haaren durchsuchen. Haben Sie nichts Auffälliges an ihr feststellen können?

Nachdenklich blätterte Dr. Tanner in der Krankenakte der unbekannten jungen Frau. „Das heißt, vielleicht kann ich Ihnen doch helfen. Ihr Körper weißt diverse ältere Brüche auf. Teilweise schlecht verheilt, was nicht unbedingt für eine fachärztliche Versorgung spricht. Ferner ist ihr Körper in einem schlechten Gesamtzustand und sie ist extrem untergewichtig. Ihre Haut ist fast Weiß und ihre Augen sind Licht empfindlich, so als habe sie viel Zeit im Dunklen verbracht. Die Erinnerungen die sie hat, sind alle aus ihrer Kindheit. Außerdem war ihre Kleidung alles andere als Zeitgemäß, dazu dieses Halsband, wie junge Hunde es bekommen. Ein Elektrohalsband . Ich werde das Gefühl nicht los…..“ Dr. Tanner ließ den Satz offen und sah wieder den Polizisten an. „Vielleicht war sie auf der Flucht?“

Der Polizeibeamte nickte ihm zu. „Danke dass Sie sich die Zeit genommen haben, Ich werde den Fall an die Medien weiter geben, vielleicht haben wir ja Glück.“

„Ja vielleicht“, murmelte Dr. Tanner, aber das hatte der Polizist nicht mehr mitbekommen.

~~~***~~~



Mit ungelenken und zittrigen Bewegungen schob Ziva sich durch ihr Verlies. Sie brauchte was zu Essen. Ihr war so flau im Magen, dass sie es trotz aller Erschöpfung nicht schlafen konnte. Sie versuchte sich nicht auszumalen was diese Unterversorgung ihrem Baby antun würde. Welchen Schaden ihr Kleines womöglich nehmen könnte. Mit bebenden Händen suchte sie nach dem Campinglicht und fand es schließlich.
Ihr Blick flog hinüber zu Otaktay. Noch immer befürchtete die Israeli, dass ihr Peiniger doch nicht tot war und am Ende wieder aufstehen würde, um sie und Gibbs weiter zu quälen.

Gibbs lag eingehüllt in Winterkleidung und Thermoschlafsack. Seine Hautoberfläche fühlte sich nicht länger eiskalt an. Allerdings hatte er Schmerzen. Nach kurzen Schlafphasen wachte er immer wieder auf und stöhnte gequält auf. Es brach Ziva schier das Herz. Doch auch sie spürte die vergangenen Stunden in jedem Knochen.

Das Baby strampelte heftig. Mit einem Schokoriegel in der Hand kroch Ziva zurück zu Gibbs unter die Decken. Während sie sich die süße Schokolade auf der Zunge zergehen ließ strich sie sich über den Bauch. Ihre Bauchdecke fühlte sich steinhart an. Vielleicht täuschte sie sich auch, aber... Es war wohl nicht verwunderlich, dass die Tortur ihre Spuren hinterließ. Ziva versuchte sich zu entspannen.

Unter all den Schmerzen, die seine Nervenbahnen glühen ließen, spürte der Silberfuchs kaum, dass seine halb erfrorenen Glieder allmählich wieder auftauten. Das Zittern schüttelte ihn so sehr, dass seine Kiefer hart aufeinander schlugen. Wenn er die Kraft dazu hätte, würde er schreien. Er legte sich seine tauben Hände an die Wangen, in der Hoffnung, dass er so seine Kiefer würde ruhig halten können. Von Fern drang Zivas leises Murmeln zu ihm, doch er schaffte es nicht sich auf sie zu konzentrieren. Wenn die Erschöpfung ihn überwältigte und er in einen Zustand zwischen Ohnmacht und Schlaf glitt, dann konnte er Kristens Lächeln sehen. Ihre Stimme hören und ihre Wärme spüren. Er sehnte sich so sehr nach ihr und befürchtete doch, sie nie wieder in die Arme schließen zu können. Ob Kristen ihn bereits vermissen würde? Nach Zivas Anruf würde Tony bestimmt alles organisieren um sie zu suchen, aber... Er würde offizielle Wege gehen müssen und das brauchte Zeit. Aber Zeit hatten sie nicht. Sie glitt ihnen durch die Finger. Wenn er sie doch nur noch einmal sehen könnte... Kristen.

~~~***~~~



Er hatte wirklich versucht wach zu bleiben, aber nachdem man Tony ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht hatte, und Ducky vom Bett nur noch leise und regelmäßige Atemtöne vernommen hatte, hatte er irgendwann den Kampf gegen die Müdigkeit verloren und war auch eingeschlafen. Jetzt weckte ihn das leise Öffnen der Tür. Sofort zog er sich auf dem Stuhl gerade und stöhnte unterdrückt auf, als seine alten Knochen gegen die Bewegung protestierten. Müde strich er sich den Schlaf aus den Augen.

„Guten Morgen Dr. Mallard“, hörte er in dem Moment eine Frauenstimme neben sich.
Ducky drehte seinen Kopf, um nach der Person zu sehen, aber ein scharf einsetzender Schmerz hielt ihn ab und mit einem Zischen schob er eine Hand an seinen steifen Hals und massierte ihn vorsichtig. Er wurde wirklich langsam zu alt, um seine Nächte außerhalb seines Bettes zu verbringen, dachte er resigniert.

„Auch ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, Dr. Davidson.“

Die Ärztin lächelte ihn an und ging dann zum Bett um die medizinischen Apparate zu überprüfen.

„Ich hörte, er hatte eine ruhige Nacht?“, fragte sie den alten Mediziner.

„So ruhig das ich selbst darüber eingeschlafen bin“, kam es von Ducky und er folgte ihr zum Bett. „Wie sind die Werte?“

„Überraschend Gut. Es ist immer wieder erstaunlich, was eine Nacht Ruhe und die richtigen Medikamente bewirken können. Seine Sauerstoffsättigung ist wieder auf einem nennbaren Wert gestiegen.“ Damit ging sie etwas näher an sein Bett. „Du hast es mal wieder geschafft Tony“, sagte sie anerkennend und bemerkte mit einem Grinsen das ihr Patient dabei war aufzuwachen.

Ducky, der Anthonys Regungen ebenfalls wahrgenommen hatte, legte der Ärztin seine Hand auf den Arm.

„Dr. Davidson. Können wir bitte draußen weiter reden?“

Neugierig sah Sarah den Älteren an. „Aber sicher doch“, sagte sie und zusammen gingen sie Richtung Tür.

~~~***~~~



Er wurde vom leisen Gemurmel zweier Stimmen geweckt. Nur undeutlich klangen sie an sein Ohr. Erstaunt und zugleich erleichtert stellte er fest, dass er zum ersten Mal, seit dem er in Krankenhaus aufgewacht war, wieder ruhig und gleichmäßig atmen konnte. Krampfhaft versuchte er dem Gespräch zu folgen, aber das Surren der Geräte, um ihn herum, lullte ihn ein, brachte den Schlaf zurück und sorgte dafür dass ihm die Augen wieder zufielen.

~~~***~~~



„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte Ducky, kaum dass sie das Zimmer verlassen hatten.

Sarah sah erst ihn und dann Tony durch die Sichtscheibe an. „Ich denke wenn die Werte so bleiben, kann er morgen schon wieder in die Reha entlassen werden.“

„Mmmhhmm, ich glaube nicht das das der richtige Weg wäre. Dort würde er wieder Probleme bekommen. Ich möchte ihn mit zu mir nehmen.“

„Dr. Mallard“, kam es von ihr aufgebracht. „Was ie von mir verlangen kann ich nicht mit ruhigem Gewissen befürworten. Tony braucht noch lange intensive medizinische und psychologische Hilfe. Reha. Alles andere ist für mich inakzeptabel. Wenn Sie ihn wieder mitnehmen und es zu einem weiterem Anfall kommt……“

Da sie den Satz unbeantwortet ließ, sagte er: „….wüsste ich was zu tun wäre. Außerdem werde ich darauf achten, dass er seine Medikamente regelmäßig nimmt.“

„Nein“, kam es von Sarah. „Ich kann das nicht zulassen.“

„Dann bin ich mir fast sicher, dass unser Anthony auf lang oder kurz wieder hier bei Ihnen landen wird. Er wird sich in der Reha verweigern, wenn er nicht aktiv bei der Suche nach seiner Partnerin und seinem Freund, helfen kann.“

Sarah sah ihm lange in die Augen und wiegte ihre Chancen ab. „Seine Muskeln und Sehnen müssen weiter therapiert werden. Täglich.“

„Dann verordnen Sie häusliche Pflege. Dann kann er sich seinem Training widmen und sich trotzdem an der Suche beteiligen.“

Sarah wandte sich wieder der großen Scheibe zu und sah auf ihren gerade erwachten Patienten, der sich im Bett versuchte aufzusetzen. „Und Sie versprechen mir gut auf ihn zu achten?“

„Zu jeder Zeit“, kam es mit Inbrunst von ihrem Gegenüber.

Nach einem Seufzer drehte sie sich wieder zu Ducky um. „Okay, ich verordne Tony eine tägliche Physiotherapie Stunde zu Hause und sie passen auf, das er seine Medikamente regelmäßig nimmt. Nur das und weniger Stress - aber das ist wohl ein Wunschdenken- kann einen erneuten Anfall abwägen.“

Mit einem Grinsen reichte Ducky ihr die Hand. „Wann kann ich ihn mitnehmen?“

„Hoooo“, machte Dr. Davidson. „Nun aber mal langsam. Ich will gleich noch ein paar Test mit ihm machen.“ Sie fasste sich kurz an die Stirn, als überlege sie. „Ich denke nicht vor heute Nachmittag.“

„Na das ist doch etwas mit dem Anthony und ich leben können“, sagte Duck und blickte ebenfalls durch die Scheibe zu Tony. „Sie entschuldigen mich? Dort drinnen wartet jemand auf mich.“




34. Kapitel


Lange konnte er nicht geschlafen haben und doch hatten sich die Geräusche verändert. Tony bemerkte sofort, dass er jetzt alleine im Zimmer war, denn nun drangen keine Stimmen mehr an sein Ohr und nur die Geräte surrten weiterhin vor sich hin. Mühsam öffnete er die verklebten Augen und schaute sich mit unklarem Blick im Zimmer um. Er hob eine Hand, bemerkte den IV Anschluss und rieb sich die Augen. Danach hatte sich sein Blick etwas geklärt und er konnte durch die große Sichtscheibe Ducky und seine Ärztin sehen, die sich intensiv auf dem Flur miteinander unterhielten. Das Gespräch wurde immer intensiver und Tony konnte sich vorstellen worum es dabei ging.

Er hob beide Hände an den Aufrichtbügel um sich in eine bequemere Position zuziehen. Mit einem Ächzen auf den Lippen versuchte er sich zu bewegen, spannte die Armmuskel an, um seine Beine hinterher zu ziehen. Ein Muskel in seinem rechtem Oberschenkel zog sich zusammen und ein leichter Schmerz machte sich bemerkbar. Verwundert hielt Tony inne und sah auf seine Beine herunter. Phantomschmerzen? Kurz nach der Schussverletzung hatte er regelmäßig darunter gelitten. Jedes Mal hatte er die Krankenschwestern und Ärzte verrückt gemacht, nur um dann wieder die Diagnose „Phantomschmerz“ zu hören.

Aber das war schon lange her und seitdem machte sich nur noch Hoffnungslosigkeit in ihm breit. Schwerfällig ließ er sich zurück auf das Bett plumpsen. Mit vor Aufregung zitternden Händen, schob er die Bettdecke etwas weiter herunter und sah staunend auf seine Oberschenkel. Vorsichtig legte er beide Hände auf die Beine und schüttelte ungläubig mit dem Kopf. Beide Oberschenkel zeigten Blutergüsse, von den gestrigen Schlägen, aber nur im rechten Schenkel spürte er so etwas wie ein Gefühl. Kaum fassbar und nur an wenigen Stellen, aber doch eindeutig war da LEBEN. Sein Gesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen, während seine Finger weiter über seine Beine strichen und nach weiteren Stellen mit Gefühl suchten. Das war es, wovon er seit Monaten träumte. Ein Anfang. DER ANFANG, wie man ihm immer wieder gesagt hatte. Er musste sich unbedingt bei den Beiden bemerkbar machen, dachte er und hob einen Arm um den beiden Medizinern zuzuwinken.

~~~***~~~



Die schwache Wintersonne strahlte in das freundlich eingerichtete Zimmer und wärmte Kristen sanft. Blinzelnd versuchte sie sich zu orientieren und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Abrupt setzte Kristen sich auf. Der Anflug eines schlechten Gewissens nagte an ihr, als sie erkannte in welchen Zimmer sie die Nacht verbracht hatte. Sie hatte in Shannons und Jethros Bett geschlafen. Eigentlich war es albern und dennoch verstand sie den Wunsch ihres Partners, dieses Zimmer unverändert zu lassen. Wenn man einmal von den an den Wänden entlang gestapelten Umzugskisten absah.

Ihr Blick folgte den Pappkisten und deren sorgfältige Aufschriften. Gibbs‘ Haus hatte einige Jahre leer gestanden. Er hatte nicht hierher zurückkommen wollen, hatte sich in hoffnungslose Ehen und Affären gestürzt, um die Leere in seinem Herzen zu füllen. Doch schließlich hatte er begriffen, dass dies nicht der richtige Weg war und hatte zurück in sein Haus gefunden.

Die Jahre der Missachtung hatten dem behaglichen Ort nicht gutgetan. Das Dach, oberhalb von Kellys altem Kinderzimmer war kaputt gewesen und das Zimmer in einem furchtbaren Zustand. Jethro hatte es ausgeräumt und die Spielsachen, die heil geblieben waren, liebevoll gereinigt, zum Teil repariert und verpackt. Er hatte vorgehabt, Kleidung und Spielzeug zu einem Kinderheim zu bringen, doch am Ende hatte er es nicht geschafft sich von den Dingen zu trennen. Und so waren all seine Erinnerungen an seine Mädchen in diesem Zimmer gelandet.

Gibbs hatte ihr nicht verboten diesen Raum zu betreten und Kristen hatte auch nie das Gefühl gehabt etwas Verbotenes oder Unangebrachtes zu tun, wenn sie hier hineingegangen war. Doch eine Nacht zwischen Kellys und Shannons Sachen zu verbringen war noch einmal etwas anderes.

Doch komischerweise fühlte sie sich heute Morgen zuversichtlicher. In vielerlei Hinsicht.
Langsam schob sie sich von dem Bett hinunter und strich die Decken glatt. Dann hielt sie irritiert inne und musste schmunzeln. Gibbs hatte ihr in einem Anflug von untypischer Offenheit verraten, dass er häufig den Duft von Lavendel und Nachtkerzenöl riechen konnte, wenn er in diesem Zimmer war. Der Duft von Kellys Badezusatz, der an so vielen vergangenen Abenden die Gerüche des Hauses dominiert hatte. Und nun konnte sie den Duft auch wahrnehmen. Vermutlich lag in den Untiefen der nicht ausgeräumten Kleiderschränke oder Kisten irgendwo noch ein letzter Vorrat davon und hielt den Geist der Beiden am Leben. Es hatte etwas Tröstliches und Kristen hoffte unwillkürlich, dass Shannon und Kelly noch immer irgendwo steckten und die Möglichkeit hatten Jethro zu schützen.

Sie seufzte schwer und schob die wenig weltlichen Gedanken von sich. Mit einem Gähnen warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr und zuckte zusammen. Sie war so ein Kamel!! Die Wintersonne am Himmel?! Es war bereits später Vormittag. Fluchend lief sie aus dem Zimmer. Warum hatte sie niemand geweckt?
Eilig lief sie die Treppe hinunter und hastete ohne zu zögern in das kleine Gästebad, wo ihr rebellierender Magen auf sein scheinbares Recht bestand.
Als sie sich langsam aufrappelte und sich am Waschbecken das Gesicht wusch und gründlich den Mund ausspülte, hörte sie leise Schritte.

„Warum hat es niemand für nötig gehalten, mich zu wecken?“ herrschte sie, während sie sich umwandte.

Mit einem nachsichtigen Lächeln stand Ducky im Flur des Hauses und hielt eine dampfende Tasse Tee für die schwangere Kristen bereit. „Guten Morgen! Ich habe das angeordnet, meine Liebe! Und wie durch ein Wunder haben sich alle daran gehalten!“ Er lachte leise. „Ich bin vor einer halben Stunde aus dem Krankenhaus gekommen. Anthony wird sehr wahrscheinlich am Nachmittag entlassen. Es geht ihm sehr viel besser.“

Verwirrt griff Kristen nach dem Tee und nickte dankbar, während sie sich auf die Treppenstufen setzte. „Aber... gestern Abend hat er kaum Atmen können und... Das ist viel zu gefährlich?! Und er soll dann wieder hier her kommen?“

Ducky nickte. „Sein Körper hat unter dem Einfluss des Medikamentes gestanden. Dies ist nun vom Körper abgebaut und es geht ihm viel besser. Alles andere lässt sich regeln, aber nun einmal zu den neusten Geschehnissen: Der Detectiv der Polizei aus Potomac war heute Morgen da. In der Nähe der ausgebrannten Tankstelle wurde eine junge Frau aufgegriffen. Sie lief orientierungslos durch die Wildnis und wurde von einem Auto angefahren. Jackson und Anthony Senior haben sich, gemeinsam mit den Polizisten, auf den Weg in die Klinik gemacht. Es besteht Grund zur Hoffnung! Die Beschreibung könnte auf Ziva passen! Der Detectiv will sich dafür stark machen, dass das umliegende Gelände abgesucht wird, für den Fall, dass Gibbs sich in der Nähe aufhält. Tim hat dem Mann die Umstände geschildert und sie werden versuchen einige Freiwillige zusammenzutrommeln für die Suche. Vor einigen Jahren hat unser Team einen Hund aufgelesen, einen Deutschen Schäferhund. Tim ist mit dessen aktuellen Besitzer befreundet und hat ihn gebeten sich mit dem Hund an der Suche zu beteiligen. Bislang hat das Tier immer nur zu Trainingszwecken Fährten finden müssen, aber vielleicht kann er ja eine Hilfe sein. Unsere Jungs sind schon auf dem Weg nach Wardensville Pike.“

Kristen hatte gespürt, wie ihre Handflächen bei dem Bericht des alten Mediziners feucht geworden sind. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Aber wir wissen noch nicht mit Bestimmtheit, ob es Ziva ist und trotzdem...“

„Ja, trotzdem versucht der junge Detectiv zu helfen. Allerdings nicht offiziell, doch das ist ohnehin sicherer!“

Ein leises Winseln erklang und das Tappen von Hundepfoten auf den Holzdielen näherte sich.

„Ich habe Cara in den Garten gelassen. Die Welpen scheinen wohlauf. Mr. Palmer hat die drei Kleinen heute Morgen noch einmal gewogen. Zwei haben sogar ein paar Gramm zugenommen und einer von ihnen hat das Gewicht gehalten. Ich war so frei und habe den ehemaligen Tierarzt von Mutters Corgies angerufen, er kommt im Laufe des Vormittags vorbei und schaut sich die Welpen an. Das dürfte in Ihrem Sinne sein, nicht wahr?“

Die Hündin schmiegte sich mit einem leisen Winseln an Kristen.

„Da hat aber jemand Sehnsucht, hm?“ Ducky ging in die Hocke und strich dem gutmütigen Tier über die Flanke.

„Es... es tut mir so leid... Es ist nicht richtig ihr so etwas zu zumuten. Der Stress, die fremde Umgebung, aber... Ich hätte sie doch nicht einfach zurücklassen können...“

Mit einem Seufzen ließ der Ältere sich neben Kristen auf die Treppe sinken. In einer väterlichen Geste legte er einen Arm um die Schulter der Frau.

„Vermutlich wäre es für die Hündin nicht unbedingt einfacher gewesen, wenn Sie sie allein zurück gelassen hätten. Es ist nicht immer die gewohnte Umgebung, die für das Wohl der Vierbeiner entscheidend ist. Jethro hat mir erzählt, dass Cara sehr an Ihnen hängt...“

Kristen schluckte schwer. „Ist es dann nicht umso schlimmer? Gerade jetzt in dieser Situation sollte sich doch alles um Cara drehen. Und ich habe sie allein gelassen...“

„Aber wirklich allein war sie nie. Es war immer jemand da und hat auf sie und ihre Welpen Acht gegeben, Kristen.“ Ducky suchte ihren Blick bevor zögernd weiter sprach. „Ich weiß, dass Sie nun am liebsten sofort aufbrechen wollen, um in Wardensville zu Ihrem Sohn und unseren Jungs zu stoßen, aber... wenn ich Ihnen einen Rat geben darf... Gönnen Sie sich ein wenig Ruhe. Bleiben Sie hier, duschen Sie ausgiebig. Warten Sie den Tierarztbesuch ab. Und vor allem essen Sie! Ihr Sohn vergeht beinahe vor Sorge. Sie haben gestern Abend kaum etwas angerührt. Das geht so nicht!“

Verzweifelt schloss die ehemalige Ermittlerin die Augen und schüttelte den Kopf. „Jethro und Ziva sind seit Tagen in der Eiseskälte da draußen, Doktor. Wenn wir Sie heute nicht finden, dann... Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich kann doch nicht einfach hier im Warmen sitzen und darauf warten, dass ein Wunder geschieht.“

Tröstend strich Ducky der Brünetten über den Rücken „Trinken Sie Ihren Tee, bevor er ganz kalt ist. Sie sollen sich ja auch nicht vollkommen aus der Suche heraushalten. Vielleicht können Sie heute Nachmittag zu den Suchtrupps dazu stoßen. Außerdem... die Suche an dem Ort, kann sich noch immer als falsch herausstellen. Vermutlich wäre es das Schlauste, wenn Sie sich in die Daten und Akten auf Tims Computer einlesen würden. Vielleicht finden Sie noch eine weitere wichtige Spur, Kristen!“




35. Kapitel


Langsam und schwer auf seinen Stock gestützt, humpelte Jackson den langen Gang des Krankenhauses hinunter und versuchte mit Anthony Senior Schritt zuhalten. Der Weg hierher hatte länger gedauert als erwartet. Der Schneesturm hatte seine Spuren deutlich hinterlassen, die Straßenverhältnisse waren sehr schlecht.
Die Männer erreichten ein Zimmer vor dessen Tür eine junge Frau und ein Mediziner standen und miteinander sprachen. Als Jack und Tony sie erreicht hatten, wandte die Frau sich ihnen zu.

„Ah, sie sind sicher Mr. Gibbs und Mr. DiNozzo. Ich bin Detective Clarice Milton, mein Kollege hat mir gesagt, dass sie kommen würden. Sie vermissen ihre Schwiegertochter, Mr. DiNozzo?“

Tonys Vater setzte sein strahlendstes Lächeln auf und schüttelte der jungen Frau die Hand. „Ja, ja, das tun wir.“ Er seufzte schwer.

„Aber Sie haben sie nicht als vermisst gemeldet, oder? Warum nicht?“

„Der Wagen meines Sohnes wurde aus dem Potomac geborgen. Wir sind uns sehr sicher, dass Ziva mit im Wagen gesessen hat. Die Polizeitaucher haben bereits nach ihnen gesucht, aber bei den Wetterverhältnissen...“

Die junge Kommissarin nickte mitfühlend. „Ich hoffe für Sie, dass es sich bei der Frau um ihre Vermisste handelt. Kommen Sie bitte mit.“

Detective Milton klopfte leise an die Tür des Krankenzimmers und öffnete diese dann.
Jackson und Tony Senior warfen einen Blick auf die Frau im Bett.
Es fühlte sich an, als würde in seinem Inneren ein Kartenhaus einstürzen – Jackson holte tief Luft und lehnte sich einen Moment an die Wand. Senior legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter, wandte sich ab und ging langsam den Flur hinunter.

„Darf... darf ich kurz mit ihr sprechen, Ma'am?“, bat der alte Silberfuchs mit rauer Stimme.

Die Polizistin schüttelte den Kopf und schob den Älteren sanft aus dem Zimmer, in dem die unbekannte Frau schlief.

„Es tut mir leid. Sie ist sehr verängstigt und durcheinander. Sie hat keinerlei Erinnerungen an die vergangenen Jahre und die Ärzte haben uns ermahnt sie weitestgehend in Ruhe zu lassen. Es tut mir leid, Sir.“

Jackson nickte nur und wandte sich DiNozzo Senior zu. „Kommen Sie, Tony. Lassen Sie uns einen Kaffee trinken, bevor...“

Die Männer nickten der Kommissarin zum Abschied zu und wandten sich ab.

„Ich würde lieber direkt zu meinem Sohn fahren, Jackson!“

Gibbs Senior betrachtete nachdenklich den grauen Linoleum Fußboden, dann schüttelte er den Kopf. „Ich will mit der Frau reden. Wir warten bis die Polizistin weg ist und gehen zurück.“

Senior musterte Jackson mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wozu? Warum sollte sie etwas mit dem Verschwinden von Ziva und ihrem Sohn zu tun haben?“

„Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass an einem Tag in einem winzigen Ort – einer total verschlafenen Gegend wie dieser hier – eine Tankstelle in die Luft fliegt, zwei Bundesagenten gefangen gehalten werden und eine verwirrte Frau auf einer Straße herumtorkelt – und das alles nichts miteinander zu tun hat? Niemals!“


~~~***~~~




Bereits seit einer ganzen Weile saß Kristen nun schon auf dem Boden des kleinen Gästezimmers, Tims Notebook auf den Beinen balancierend und lesend. Eine kleine Notiz hatte sie erkennen lassen, dass der Agent, der im September durchgedreht ist, die gleiche Akte bearbeitet hatte, wie Ziva. Doch sie konnte nichts Verdächtiges daran finden. Allerdings war sie mit den Fällen auch nicht vertraut, sodass ihr vielleicht das eine oder andere entging.

Missmutig strich sie Cara über den Kopf und genoss die tröstliche Nähe der Hündin.
Unwillkürlich legte die Brünette sich eine Hand auf den Bauch und lehnte den Kopf gegen die Wand. Sie hielt die Augen geschlossen und versuchte sich Jethros Gesicht in Erinnerung zu rufen. Sie liebte es, wenn sein Mund sich zu einem Lächeln verzog und dieses seine Augen erreichte. Unter diesem Blick schmolz sie stets dahin und war wie Butter in seinen Händen. Noch nie hatte sie einen Mann so überraschend und heftig geliebt.

Das Klingeln der Haustür ließ Kristen aufschrecken. Mühsam und steif vom Sitzen auf dem Boden rappelte sie sich auf und durchquerte den Flur.

"Ja?", sagte sie leise und zog unwillkürlich die Schultern hoch um tiefer in ihrem dicken Wollpulli verschwinden zu können, als ein eisiger Luftzug sie traf. Eine ältere Frau stand vor der Tür und blinzelte erstaunt.

"Ich... ich hatte nicht erwartet jemanden anzutreffen...", wisperte die Fremde verdutzt, doch dann stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. "Kann ich mit Agent Gibbs sprechen?"

Kristen legte den Kopf schräg und runzelte die Stirn. "Nein, er... er ist nicht da. Kann ich Ihnen helfen, Ma'am?" Unwillkürlich schlossen sich die Arme der Frau um die Stofftasche, die sie bei sich trug.

"Ich weiß nicht... Ich habe etwas für Agent Gibbs, nur für ihn. Kein anderer soll diese Sachen bekommen. Wer sind Sie?"

Misstrauisch musterte Kristen die andere. "Ich bin seine Lebensgefährtin, Kristen Brown. Wollen Sie vielleicht reinkommen?", bot die Brünette zögernd an.

Die Ältere zögerte ebenfalls, doch dann gab sie sich ein Ruck und trat über die Schwelle des Holzhauses.

"Vielleicht kann ich hier auf Agent Gibbs warten?", hakte sie nach.

Kristen seufzte schwer. "Wer sind Sie, Ma'am, und worum geht es denn?"

"Mein Name ist Margareth Whitefalls. Es geht um Unterlagen, die mein Enkel mir ausgehändigt hat, bevor... bevor er... Hören Sie, Miss, ich komme seit dem Tod meines Jungen regelmäßig hier her, doch... Agent Gibbs war nie da. Travor hat gemeint, dass diese Unterlagen wichtig seien, aber geheim bleiben müssen. Er hat mich schwören lassen, dass ich nicht in den Umschlag schaue!" Sie deutete auf die geblümte Tasche, die sie noch immer festhielt.

Kristen kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. "Setzen sie sich doch, Mrs. Whitefalls! Was genau soll mein Lebensgefährte denn mit den Unterlagen machen?"

Die Ältere ließ sich ächzend auf einem der Stühle am Esstisch sinken und zuckte mit den Schultern. "Travor hat gemeint, dass Agent Gibbs für Gerechtigkeit sorgen wird. Er hatte eine hohe Meinung von diesem Agent."

Die ehemalige Polizistin schnaubte. "Ihr Enkel hat auf Jethro geschossen! Er hat seine eigenen Kollegen umgebracht und dazu noch einen der sanftmütigsten Menschen, die ich je habe kennen lernen dürfen. Kannten Sie Mrs. Sciuto? Sie war wie eine Tochter für Jethro und Sie sprechen von Gerechtigkeit?"

Tränen traten in die Augen der alten Frau und Kristen wandte sich ab. "Trinken Sie einen Kaffee mit mir, Ma'am?", fragte die Blonde in gemäßigterem Tonfall. Die alte Dame konnte schließlich nichts für die Taten ihres Enkels.

"Ja, bitte..." wisperte sie mit rauer Stimme. "Wann... wann wird Agent Gibbs hier sein, Miss Brown?"

Kristen hielt inne beim Einschenken des Kaffees und holte tief Luft. "Jethro und Agent David werden seit Tagen vermisst, Ma'am. Ich weiß nicht einmal ob er noch am Leben ist..."

"Vermisst? Um Gotteswillen... Das... das tut mir leid. Ich hatte ja keine Ahnung."

Kristen schwieg und ging mit zwei Kaffeebechern zurück zu Travors Großmutter. Erst nachdem die beiden Frauen sich eine Weile schweigend gegenüber gesessen hatten, ergriff Kristen erneut das Wort. "Agent David hatte an einem Fall gearbeitet... Soweit ich das erkennen konnte, war dieser Fall auch der letzte Ihres Enkels. Hat Travor jemals etwas erwähnt, was..."

"Er hat gesagt, dass er diese Akte niemals zur Hand genommen hätte, wenn er vorher gewusst hätte was das für Folgen haben würde..."

Kristen horchte auf. "Wie bitte?" Sie war im Dunkeln getappt, hatte keinerlei Informationen gefunden, die eine Verbindung preisgegeben hätten. Doch es musste dieser Fall gewesen sein, der Ziva auf die Spur des Marineministers geführt hatte.

"Er hatte gesagt, dass es noch nie gut ausgegangen ist, wenn sich ein kleiner Mann wie er mit einem ranghohen Politiker anlegen wollte. Er gab dem SecNav die Schuld am Tod seiner Familie...", fuhr Mrs. Whitefalls fort.

Kristen stockte der Atem - lag hier vielleicht des Rätsels Lösung? "Bitte geben Sie mir die Unterlagen! Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang mit Jethros Verschwinden. Bitte!"

Nach einem Augenblick des Zögerns reichte die alte Frau ihr den Beutel. Eilig griff Kristen nach dem Umschlag und öffnete ihn.

Eine Wanderkarte, verschiedene handgeschriebene Seiten und Fotos fielen auf den Tisch.
Margareth Whitefalls schrie voller Entsetzen auf und es dauerte einen Augenblick, bis Kristen den Grund dafür entdeckte. Ihr Blick fiel auf ein Bild. Übelkeit stieg in ihr auf und sie musste sich zwingen ruhig weiter zu atmen...

 

 

 

36. Kapitel

Auf der Krankenstation war es ruhig. DiNozzo Senior und der alte Silberfuchs hatten abgewartet, bis die Krankenschwestern beschäftigt waren. Nur eine Pflegekraft saß im Schwesternzimmer, doch sie tippte emsig etwas an einem Computer und hatte dem Flur den Rücken zu gewandt.

Die beiden alten Männer hasteten auf das Zimmer der jungen Unbekannten zu und öffneten leise die Tür.
Die dunkelhaarige Frau lag in ihrem Bett und wirkte verloren. Sie hatte das Gesicht abgewandt und schaute zum Fenster hinaus, das den Blick freigab auf die hektargroße Waldfläche, die den Ort umgab.

Jackson räusperte sich und sprach sie leise an. "Miss? Entschuldigen Sie bitte..."
Die junge Frau erschrak und schien sich am liebsten die Decke über den Kopf ziehen zu wollen.

Anthony hob abwehrend die Hände, während Jackson der jungen Frau ein gutmütiges, beruhigendes Lächeln schenkte.

"Keine Sorge, Miss. Wir wollen Ihnen nichts Böses. Wir haben nur eine Frage an Sie. Bitte... Vielleicht können Sie uns helfen?" Er legte den Kopf leicht schräg und wartete darauf, dass sie sich entspannte.

Ihr Blick glitt über sie beide und schließlich schien ihr Blick weniger gehetzt, ihre Miene ein Hauch weniger angespannt.

"Mein Junge und eine ehemalige Mitarbeiterin von ihm werden vermisst. Das letzte Lebenszeichen von ihnen kam von einer Tankstelle, die nur wenige Meilen von dem Ort entfernt liegt, an dem Sie von dem Auto angefahren wurden." Jack seufzte schwer. "Würde es Ihnen etwas ausmachen einen kurzen Blick auf die Fotos der Beiden zu werfen?"

Unruhig schnellte ihr Blick von Tony Senior zu Jackson und wieder zurück. "Ich kann mich an nichts erinnern. Ich werde Ihnen keine Hilfe sein." Ihre Stimme klang wie die eines jungen Mädchens, nicht wie die einer Frau.

Jack ließ sich auf einem Stuhl nieder und griff behutsam nach der Hand der Jüngeren. "Wie heißen Sie?", hakte er mit einem väterlichen Lächeln nach. Ihre schmale Hand war eiskalt, um sie zu wärmen legte er seine zweite darüber.

"Sie erinnern mich an meinen Grandpa. Er hat immer..." Sie stockte und schüttelte leicht ihren Kopf. Die beiden alten Männer schwiegen und warfen ihr nur freundliche, aufmunternde Blicke zu. "Ich war noch so klein und dann... Ich wollte mit meiner Freundin... mit Ally zum Walmart. Wir hatten für meinen Grandpa das Unkraut gejätet und ein paar Dollar bekommen, aber.... ich weiß nicht, es ist wohl etwas passiert... Ich kann mich nicht erinnern." Wieder schüttelte sie den Kopf und legte sich eine Hand an die Stirn.

"Die Fotos!", wisperte Anthony mit einer Spur Ungeduld in der Stimme und deutete auf die zwei Aufnahmen in seiner Hand.

Jack warf ihm einen Blick zu, der dem eisigen seines Sohnes in nichts nachstand. DiNozzo unterdrückte ein Aufstöhnen. Sie hatten keine Zeit für die Hobbypsychologie eines Kleinstädters!

"Tut Ihnen der Kopf weh?", hakte Jack mit einfühlsamer Stimme nach und strich der jungen Frau mitfühlend über den Handrücken.

"Ja, ein wenig. Wie heißen Sie?", wollte die Dunkelhaarige wissen.

"Mein Name ist Jackson Gibbs und das ist Anthony DiNozzo", erwiderte der Weißhaarige geduldig.

"Und Sie vermissen Ihren Sohn?"

Jackson schenkte der Jüngeren ein Lächeln, als aus ihren Augen Mitgefühl sprach.

"Warum denken Sie, dass ausgerechnet ich Ihnen helfen kann?", fragte sie nur wieder.

"Es gab einen Anruf, der zu einer Tankstelle, ganz in der Nähe des Unfallortes zurückgeführt werden konnte. Es hat dort eine Explosion gegeben, aber von Jethro, meinem Jungen und der jungen Agentin, fehlt nach wie vor jede Spur."

Anthony beugte sich ein wenig vor und reichte der jungen Frau zwei Aufnahmen von Gibbs und Ziva

"Miss, schauen Sie doch mal. Dieser Mann und diese Frau... erkennen Sie die Beiden wieder?"

Blinzelnd schaute sie auf das Foto von Gibbs und schnappte nach Luft. "Er hat ihn umgebracht...", wisperte sie mit bebender Stimme und ließ das Bild fallen, griff aber sofort nach dem zweiten Foto. "Frauen töten nicht! Das tun sie nicht..."

"Wer hat wen umgebracht? Reden Sie doch, Mädchen!" Unwillkürlich hatte Jackson nach ihren schmalen Schultern gegriffen und schüttelte sie leicht.

Anthony legte ihm eine Hand auf den Arm. "Genug, Jackson!"

Weinend verbarg die Dunkelhaarige ihr Gesicht in den Händen. "Ich weiß es nicht... Ich weiß nicht was passiert ist und was richtig ist und... bitte gehen Sie! Gehen Sie weg!"

~~~***~~~



Unwillkürlich zog Tony sich den Kragen seiner Winterjacke hoch. Es war kalt im Taxi das ihn und Ducky zurück zu Gibbs‘ Haus bringen sollte. Langsam fuhr der Wagen durch die verschneiten Washingtoner Straßen. Bei einem Stopp an einer Ampel, sah Tony ein paar Kindern beim Schneemann bauen zu. Sein Gesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen und zum ersten Mal, seit dem er aus dem Koma erwacht war, war er bereit um seine Zukunft zu kämpfen.

Das Bild der Kinder verschwamm und ein neues schob sich vor sein geistiges Auge. Auch jetzt war es Winter, doch die Figuren die er sah, waren gänzlich andere. Eine ausgelassene Ziva tollte mit einem Kind über die verschneite Wiese und lieferte sich mit dem Kleinen eine heiße Schneeballschlacht. Er hörte das Lachen, des Kindes und sah das glückliche Gesicht seiner Mutter. Unbewusst hielt Tony die Luft an, als ein scharf geworfener Schneeball Ziva seitlich traf und sie mit einem leichten Schrei sich theatralisch zu Boden fallen lies. „Hab Erbarmen“, hörte er sie lachend rufen und konnte sich selbst ein Lächeln nicht mehr verkneifen, als er das Kind dabei beobachtete wie es sich langsam mit einem großen Berg Schnee in den Händen seiner Freundin näherte. Irgendwie hatte Tony das Gefühl, das es jetzt an der Zeit war einzugreifen. Unbewusst legte er die Hände an die beschlagene Scheibe und genoss die Kälte, die sich daraufhin in seinen Körper fraß. Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung war und bemerkte erst jetzt die dritte Person, die sich schnell von der Seite auf das Kind zubewegte.

Staunend sah er dass er es selber war, der geschmeidig und schnell über die verschneite Wiese rannte. Das Kind hatte ihn scheinbar entdeckt, ließ den Schnee fallen und rannte lachend davon. „Daddy“, hörte er es quieken. Fasziniert sah er sich auf das Kind zu rennen. Ein Junge oder ein Mädchen? Er konnte es nicht sagen, denn außer Schneeanzug und Mütze konnte er kaum etwas erkennen. „Daddy du bist viel zu schnell für mich“, hörte er das Kind wieder rufen.

„Anthony, mein Junge, alles in Ordnung?“, hörte er in dem Moment, wo er sich gerade fragte, wie alt das Kleine wohl seinen konnte, die Stimme des alten Pathologen. Schlagartig war seine Fiktion wie weggewischt. Mit einem Seufzen auf den Lippen drehte er sich zu ihm um.

„Alles in Ordnung. Mir geht es gut, mach dir keine Sorgen“, sagte Tony und drehte sich wieder zum Fenster um, doch das Bild seiner kleinen Familie blieb verschwunden.

„Gut“, sagte der Mediziner. „Wir sind gleich da und da fällt mir ein, das ich dringend mit Jimmy....“

Tony schloss die Augen, blendete Duckys Gebrabbel aus und dachte an die langwierigen Untersuchungen zurück, die er im Krankenhaus durchstanden hatte.


Er saß mit angespanntem Gesicht auf einer Untersuchungsliege. Seine Beine baumelten über dem Rand. Er hatte den Blick von seinen Beinen angewandt und konzentrierte sich voll auf das Gefühl, das in seltsamen Intervallen durch seinen Körper floss, als seine Ärztin mit einem Gegenstand über seinen rechten Oberschenkel strich.

„Jetzt“, sagte er mit einem Grinsen. „Und jetzt.“

Dr. Sarah Davidson schüttelte staunend den Kopf. Irgendwie hatte sie die ganzen Monate auf diesen Tag gewartet, doch jetzt wo es plötzlich passiert war, kam es ihr so unwirklich vor, wie ihrem Patienten selber.

„Und, Tony?“, fragte sie daher, als sie den kleinen medizinischen Hammer über seinen linken Schenkel gleiten ließ. „Spüren Sie das auch?“

Angestrengt verzog Tony das Gesicht, seine Zunge blitzte kurz hervor und befeuchtete seine Lippen.

„Nein“, sagte er dann bestimmt. „Dort spüre ich nichts.“

Wieder ließ sie den Hammer wandern. Diesmal wieder zurück zu seinem rechten Bein.

„Ja“, sagte er lachend. „Da ist es wieder.“ Glücklich wandte er den Blick seiner Ärztin zu. „Ist es das was ich glaube?“

Jetzt konnte auch Sarah ihre Freude nicht mehr verbergen. „Ja, ich denke das ist es. Es ist jedenfalls ein Anfang“, sagte sie, holte seinen Rollstuhl näher und deutete ihm darin wieder Platz zunehmen.

Langsam rutschte ihr Patient zu seinem Rolli, verlagerte sein Gewicht auf die Arme und bemerkte sofort das Brennen und Zittern der Muskeln.

Sarah bemerkte, dass Tony die Kraft fehlte sich alleine in seinen Rollstuhl zu setzen. „Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Nach dem Kraftakt, legte sie ihm eine Hand auf die Schulter. „Gönnen Sie sich und ihrem Körper heute und morgen noch etwas Ruhe, dann kommt auch ihre Kraft zurück. Das ist ganz normal nach so einem schweren Anfall.“ Als sie ihn nicken sah, zog sie ihre Hand zurück. „Gut, wir sehen uns dann nächste Woche wieder und ab morgen kommt der Therapeut täglich zu Ihnen nach Hause.“

Tony verabschiedete sich und rollte auf die Tür zu. Plötzlich drehte er seinen Stuhl noch einmal um und fragte: „Wann komme ich aus dem Stuhl hier raus?“ Hoffnungsvoll sah er seine Ärztin an.

Mit einem leichten Lächeln schüttelte sie ihren Kopf. Die ganze Zeit schon hatte sie mit dieser Frage gerechnet. „Wenn alles so weiter verläuft und die Prellung des Rückenmarks sich weiter abbaut, denke ich dass Sie es in sechs bis acht Monaten schaffen.“ Sie rechnete lieber etwas hoch, als ihm vorschnell verzweifeln zu sehen.

„So lange?“, fragte er und fuhr sich durch die kurzen Haare. Als seine Finger das Pflaster an der Stirn berührten, das die Platzwunde seines Sturzes verbarg, verzog er kurz das Gesicht. „Dann ist mein Kind schon geboren“, sagte er und fügte ein kleines Stoßgebet hinzu, dass es nicht sowieso schon zu spät für Ziva und Gibbs war.

Wieder legte sie ihm die Hand auf die Schulter. „Alles brauch seine Zeit. Ab jetzt geht es stetig bergauf. Sie werden sehen. Jetzt brauchen Sie erst einmal Ihre voll Kraft für sich.“ Sie zwinkerte ihm aufmunternd zu. „Ich wünsche Ihnen viel Glück Tony und finden Sie ihre schwangere Freundin und Ihren Boss.“


Zu deutlich waren ihre letzten Worte noch in seinem Ohr. Es war halt leichter Gesagt als getan, aber er schaute nun mit neuem Mut in die Zukunft.

„Anthony meine Junge, wir sind da, schaffst du es alleine, oder sollen wir dir helfen?“, fragte in dem Moment Ducky.

Plötzlich merkte Tony, dass der Wagen angehalten hatte und das der ehemalige NCIS Pathologe schon seine Tür öffnete. „Nein, ich schaff es schon alleine“, kam es von dem jüngeren und trotz schmerzender Arme zog er sich mit einem Sieges sicherem Lächeln in seinen Rollstuhl.




37. Kapitel


Das grelle Weiß des Schnees blendete die jungen Männer. Tim, Eric und Jimmy kämpften sich, zusammen mit zwei Männern aus dem Ort Wardensville, durch den tiefen Schnee.

Bereits vor Sonnenaufgang hatten die Drei dem behaglichen Haus in Alexandria den Rücken gekehrt und hatten sich auf den Weg in die Wildnis West Virginias gemacht. Doch zuvor hatte das Schicksal ihnen einen weiteren Wink erteilt. Ein junger Deputy hatte an Gibbs‘ Tür geklingelt, noch vor seinem Dienst und ihnen von einer jungen Frau berichtet, die am vergangenen Nachmittag unweit der Tankstelle, von der aus Ziva ihr letztes Lebenszeichen abgesetzt hatte, in einen Unfall geraten war. Es bestand Hoffnung, dass es sich um die Israeli handeln könnte, doch von Gibbs fehlte jede Spur und so hatten sich Tim, Eric und Jimmy auf den Weg gemacht um den Ermittler auf eigene Faust suchen zu können.

Das Glück war ihnen hold. Der Cousin des Deputys der Potomac PD, war der County Trooper im Bezirk und hatte ihnen – inoffiziell – dabei geholfen eine Suchaktion zu starten. In dem kleinen Ort hatte man die Jungs aus DC schon erwartet. Es kam immer wieder vor, dass Wanderer oder Reisende in den Wäldern verloren gingen. Suchaktionen waren hier nichts Neues und gerade in den beschaulichen Wintermonaten eine beinahe willkommene Abwechslung.

Der Pub des Ortes war gerammelt voll, so dass es den drei Männern beinahe die Sprache verschlagen hatte. Doch schnell hatten sie sich wieder gefangen und Tim fand – zum ersten Mal seit Abbys Tod – schnell zurück in die Rolle eines erfahrenen Field Agent. Er berichtete kurz und präzise in welchem Gebiet sie suchen sollten, von wo aus das letzte Lebenszeichen der Vermissten aufgefangen worden ist und gab zu bedenken, dass es sich womöglich um ein Verbrechen handelte und in den Wäldern ein bewaffneter Mann auf sie lauern könnte. Doch das schien die Männer nicht abzuschrecken, ganz im Gegenteil.
Tim hatte mit den Augen gerollt, als Eric Freudestrahlend das Gewehr an sich genommen hatte, das ein alter Mann mit nur einem Bein ihm gereicht hatte.

„Ich würde ja selbst mitkommen, aber bei den Schneemassen komme ich so schlecht voran!“

McGee war sich vorgekommen wie in einem von Tonys geliebten Spielfilmen. Die bourbon-rauchige Stimme des Alten passte nur zu gut in das Bild.
Schließlich hatten sie sich aufgemacht, in Gruppen zu je vier bis sechs, bis unter die Zähne bewaffneten Männern. Der NCIS-Agent hatte mehrfach angemerkt, dass niemand seine Waffe abfeuern sollte, sofern nicht eindeutig klar war, dass es sich auch um den Täter handelte.

Noch immer bereitete ihm die Vielzahl der schießwütigen Hinterwäldler mehr Sorge, als der Wahnsinnige, der Ziva und Gibbs in seiner Gewalt zu haben schien. Tim bemühte sich nach Kräften Kristens Sohn stets zu decken, nicht auszudenken, was Gibbs‘ Partnerin mit ihm anstellen würde, wenn ihr Junge eine Ladung Schrot abbekäme – oder großkalibrige Jagdmunition. Er stöhnte leise auf und kämpfte sich kopfschüttelnd weiter. Erneut hatte leichter Schneefall eingesetzt und machte das Fortkommen schwieriger.

Die Männer verständigten sich per Funk, doch die Suche nach zwei Menschen in einem so weitläufigen Gebiet schien nahezu aussichtslos.

Das Klingeln seines Handys riss den Computerspezialisten aus den Gedanken. Hastig zog er seine Handschuhe aus und fischte das Mobiltelefon aus der Jackentasche.
„McGee!“, bellte er leicht atemlos in den Hörer.

„Gibbs! Junge, es war nicht Ziva, aber…“

Timothy stöhnte auf, nur um direkt einige unwirsche Flüche auszustoßen. „Verdammt! Verdammt!“

Jacksons Stimme zwang ihn erneut zum Zuhören. „Hören Sie zu! Es war nicht Ziva, aber sie hat sowohl Leroy als auch Ziva auf den Fotos erkannt! Scheinbar haben die Beiden jemanden umgebracht, aber vielleicht auch nicht. Die junge Frau ist reichlich verwirrt. Sie hat ihr Gedächtnis verloren und weiß nicht einmal wie sie heißt. Aber sie bekam regelrechte Angst, als sie die Bilder gesehen hat.“

Tim lachte kurz auf. „Das heißt, dass sie wirklich irgendwo hier sein müssen, ja?! Gott, wenigstens das. Danke! Danke, Jack! Mittlerweile muss noch ein Freund von mir mit seinem Hund im Ort angekommen sein. Dann wird ein weiterer Trupp losziehen. Sie glauben gar nicht, wie hilfsbereit die Leute hier waren! Wir sind mit fünf Suchtrupps unterwegs. Wir finden den Boss! Ganz sicher!“

Der Ermittler wusste nicht woher der plötzliche Redeschwall gekommen war, doch plötzlich schien es Hoffnung zu geben und dieses Gefühl… dieses positive Gefühl hatte ihn schier überrannt.

Jacksons Stimme hingegen klang leise und gepresst. „Bringen Sie mir meinen Jungen wieder, Tim. Bitte…“

„Jackson? Ich werde alles tun… Jack?“ Die Verbindung war bereits unterbrochen. Mit gemischten Gefühlen verstaute Tim sein Handy und spürte die Blicke der anderen auf sich. „Es war nicht Ziva…“

Flüche und Resignation schlugen ihm entgegen, wichen aber der vorsichtigen Zuversicht, als er von den weiteren Neuigkeiten berichtete.

„Ich hoffe, dass wir sie finden werden. Meine Mum wird… Wir müssen Gibbs finden, verdammt!“ Eric machte ein entschlossenes Gesicht. „Und Ziva auch! Ja… Wir werden sie beide finden!“

Jimmy und Tim legten dem Jüngsten je eine Hand auf die Schulter und wandten sich dann weiter dem unwegsamen Gelände zu.

~~~***~~~



Resigniert und traurig zugleich, warf Tony die Fotos auf den kleinen Wohnzimmertisch und fuhr sich mit einer Hand über die Augen, doch er konnte die Bilder, die er gesehen hatte, nicht mehr aus seinem Kopf bekommen. Bilder von einer aufs äußerste misshandelten Frau und einem kleinen Kind. Bilder die er am liebsten gar nicht hätte sehen wollen. Bilder die ihn daran erinnerten, dass seine eigene Familie vielleicht auch zu den Opfern gehören könnte und Bilder, die Trevors Tat nicht auslöschen konnten, sie aber in ein anderes Licht setzten.

All die positive Energie, die er im Krankenhaus gewonnen hatte, war in dem Moment verpufft, als er zusammen mit Ducky durch die Haustür kam und Kristen, mit bleichem Gesicht und Tränen in den Augen, über einen Haufen Papiere am Esstisch sitzen sah. Mit stockender Stimme hatte sie ihnen von dem Besuch der alten Dame berichtet und obwohl alles in Tony nach Rache schrie, als sie Trevors Namen erwähnte, konnte er seine Wut zügeln und ihr bis zum Ende zuhören. Langsam hatte er seine Hände ausgestreckt und ihr die Fotos aus den Fingern genommen. Danach fiel ein Stück seiner Wut in sich zusammen. Niemand sollte so etwas erleiden müssen. Niemand. Schon gar keine unschuldige Frau und ihr Kind.


Etwas umständlich hatte Tony die weinende Frau in seine Arme gezogen und hatte versucht ihr Trost zu spenden, doch das was sie am meisten brauchte, konnte er ihr nicht geben. Ein paar Minuten ließ sie seine Fürsorge zu, dann zog sie die Nase hoch und löste sich von ihm. Ihre Hand donnerte auf den Tisch, wo eine aufgeklappte Wanderkarte lag.

„Das ist das fehlende Teilchen, Tony“, sagte sie und deutete aufgeregt auf den mit einem schwarzen Edding markierten Bereich. „Hier wurden Trevors Frau und Kind festgehalten, und hier...“, wieder fuhren ihre Finger über die Karte. „...hier ist die Tankstelle, die in die Luft geflogen ist. Das ist alles in dem gleichen Bereich. Wahrscheinlich halten sie Ziva und Jethro in dem selben Versteck gefangen. Und schauen Sie sich das an!“, sagte sie und drückte ihm einen Stapel schriftlicher Aufzeichnungen in die Hand.

Tony zog eine Grimasse, doch dann rollte er näher an den Tisch, um die Papiere zu sichten, während Kristen immer noch die Karte studierte. Schnell hatten ihn Trevors Aufzeichnungen in den Bann gezogen und auch Ducky, setzte sich auf einen Stuhl neben ihn und half Tony die Unterlagen zu sortieren.

Je länger er in der Akte las, um so mehr Wut machte sich in ihm bereit, bis er das Gefühl hatte jeden Moment zu explodieren. „Haben sie das gelesen?“, fragte er und drehte seinen Rollstuhl zu Kristen um.

Gibbs‘ Lebensgefährtin riss sich von der Karte los und sah ihn an, dann nickte sie langsam. „Ja, Trevor war da etwas ganz großem auf der Spur.“

„Etwas großem“, wiederholte Tony ungläubig. „Etwas großes, trifft es wohl nicht ganz.“

Kristen wandte sich ab und suchte nach ihrem Handy. „Ich muss Erik Bescheid geben und ihm den genauen Standort des Bunkers nennen.“

Tony nickte und wandte sich wieder den Unterlagen zu. „Das was Trevor hier ausgegraben hat, wird dafür sorgen das der SecNav seine Kandidatur zum Präsidenten zurück ziehen muss, ach was sage ich, es wird dafür sorgen, dass er hinter Schloss und Riegel kommt und zwar für eine sehr, sehr lange Zeit.“ Noch immer schüttelte er ungläubig den Kopf. Es war auch einfach nicht zu fassen. Waffenhandel im großen Stil, Entführung, Mord. Wer hätte das gedacht? Jede Tat für sich, würde schon für eine Verurteilung reichen, aber alles zusammen würde ihn für immer in die Versenkung verschwinden lassen. Als er hinter sich Geräusche hörte, drehte er sich um und erblickte Kristen, die sich gerade ihre Jacke anzog.

„Wo wollen Sie hin?“, fragte er irritiert, als er sah, wie sie nach ihrer Tasche griff.

„Ich halte die Untätigkeit nicht mehr aus. Ich werde meinen Sohn vom Wagen aus informieren und selber nach Wardensville Peak fahren. Dort kann ich am besten helfen.“

„Warten Sie“, kam es von dem Braunhaarigen. „Ich komme mit.“

„Anthony“, ergriff Ducky nun zum ersten Mal das Wort. „Ich halte das für keine gute Idee. Du bist gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden. Du musst dich schonen. Deine Ärztin hat gesagt, dass deine Kräfte...“

„Nein Ducky, meine Familie ist irgendwo da draußen. Wenn sie fährt, dann fahre ich mit“, unterbrach ihn der Jüngere heftig.

Kristen blieb stehen. Plötzlich schämte sie sich, dass sie nicht eher daran gedacht hatte. Tony, der schwere Anfall, das Krankenhaus. Der Mann hatte so viel durchgemacht und sie hatte ihn schon wieder mit neuen Sorgen überschüttet. Mit zwei großen Schritten war sie wieder neben seinem Rollstuhl und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. „Nein, ich denke Ducky hat recht. Sie müssen es langsam angehen. Außerdem brauchen wir hier jemanden, der die ganze Aktion überwacht und vielleicht fällt Ihnen auch etwas ein, was wir gegen Clayton Jarvis unternehmen können.“ Aufmunternd lächelte sie ihn an und sah dass der pensionierte Pathologe ihr zunickte.

Mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck sah Tony ihr zu, wie sie weiterhin ihre Sachen packte. Tief in sich drin wusste er, dass sie recht hatte. Was wollte er auch dort, bei Tiefschnee in seinem Rollstuh? Er würde keine Hilfe sein, eher alle anderen aufhalten. In dem Moment wurde Tony klar, wie sehr er doch seinen Job vermisste. Als Kristen sich wieder zu ihm umdrehte, hatte er einen Entschluss gefasst.

„Okay, Sie fahren alleine und Ducky und ich werden weiter die Beweise sichern um den SecNav. Dingfest zu machen. Allerdings werden wir dafür Hilfe brauchen.“

„An wen willst du dich wenden?“, fragte Ducky. „Direktor Vance fällt ja wohl wegen Befangenheit aus, oder?“

„Vance auf keinen Fall. Aber was hältst du von Fornell und dem FBI? Da wären wir doch an der richtigen Adresse, oder?“ Mit diesen Worten warf er dem Pathologen ein Lächeln zu. „Hast du eigentlich noch Kontakt zu unserem ehemaligen Direktor Tom Morrow?“

Jetzt zeigte sich auch auf Duckys Gesicht ein Lächeln. „Aber natürlich mein Junge. Wir gehen immer noch zusammen golfen.“

„Gut, dann ruf ihn an und frag ihn ob er ein wenig Zeit für uns hat“, sagte Tony und beugte sich schon wieder über die Unterlagen. Im Unterbewusstsein, bekam er noch mit, wie Kristen die Tür ins Schloss zog und Ducky zum Telefon griff.


Jetzt hieß es also warten. Morrow und auch Fornell hatten versprochen so schnell es ihnen möglich war, zu kommen. Aber die Straßenverhältnisse waren nach den letzten Schneefällen nicht besser geworden, und während Ducky in der Küche nach der Hündin und ihren Welpen sah, nahm Tony wieder die Bilder zur Hand. Automatisch wanderten seine Gedanken zu Ziva und ihrem ungeborenen Kind. Hoffentlich wurden sie noch rechtzeitig gefunden. Er wollte seine Familie zurück. Sein Leben.

 

 

 

38. Kapitel


Der Weg hinaus aus der Stadt und raus in die Wildnis verlangte Kristen einiges ab. Am liebsten wäre sie wie eine Wahnsinnige gerast, doch die Straßenverhältnisse waren katastrophal und sie hatte keine andere Wahl gehabt, als ihren New Beetle besonnen über die vereisten Wege zu steuern.

Quälend langsam fuhr sie Meile um Meile und erreichte endlich die dichten Wälder nahe Wardensville. Hier und da entdeckte sie zwischen den Bäumen Männer und Hunde, doch Tim hatte ihr geraten weiter zufahren, bis zu der Stelle an der die Rettungswagen standen, die der Agent bereits vorab geordert hatte.

Die Sanitäter hatten sich den Trupps angeschlossen, die nun auf deutlich eingegrenztem Terrain suchten, und hatten somit ein Notfallset für die Versorgung der beiden vermissten Personen dabei. Allen Mitwirkenden war klar gemacht wurden, dass von dem Entführer der Vermissten eine große Gefahr ausging. Kristen hatte Tim von Trevor Whitefalls Aufzeichnungen berichtet und von den misshandelten Leichen dessen Familie. Noch immer drehte sich der Brünetten regelrecht der Magen um, wenn sie sich unwillkürlich ausmalte, was die Frau und der kleine Junge hatten erleiden müssen – und wie furchtbar es möglicherweise Jethro und der schwangeren Ziva erging.

In einiger Entfernung erkannte Kristen ein unruhiges Treiben. Autos standen am Straßenrand, sowie zwei Rettungswagen. Einige Menschen standen über Motorhauben gebeugt da, Karten des Waldgebiets studierend, oder liefen gestikulierend umher. Langsam fuhr Kristen heran und entdeckte einige Frauen, die Heißgetränke austeilten.
Die ehemalige Polizistin staunte nicht schlecht. Mit so viel Hilfe hatte sie nicht gerechnet. Als die Köpfe einiger Männer in die Höhe schnellten, fuhr auch Kristens Blick hinauf in die Baumwipfel. Sie glaubte das dumpfe Dröhnen von den Rotorblättern eines tieffliegenden Hubschraubers zu hören. Unruhe stieg auf und Kristen entdeckte das hektische Sprechen in Funkgeräte und Handys. Sie brachte ihren Wagen abrupt zum Stehen und umklammerte einige Sekunden das Lenkrad. Hatten sie endlich etwas… jemanden gefunden, oder bekamen sie nur Hilfe aus der Luft?

Ihre Wagentür wurde geöffnet und ein einbeiniger Mann mit Zigarette im Mundwinkel und einem freundlichen Lachen reichte ihr die Hand. „Sie wurden uns schon angekündigt. Kommen Sie, Ma’am. Ich glaube es gibt Neuigkeiten!“

Eine bourbonreiche Duftnote schlug ihr entgegen, unwillkürlich presste sich die Schwangere eine Hand auf den Bauch, verließ aber eilends den Wagen.

„Was? Was für Neuigkeiten?“, hakte Kristen nach und eilte hinter dem Mann her, der in erstaunlicher Geschwindigkeit, auf seine Gehhilfen gestützt über die teils vereiste Straße lief.

Noch bevor der Einbeinige hatte antworten können, kam ein Mann in Polizeiuniform auf die Brünette zu. „Chief Brown? Ich bin Deputy Michael Foster, Potomac PD. Allerdings bin ich nicht im Dienst, die Suche sollte ja so wenig Beachtung bekommen wie möglich.“ Er zog sich Handschuhe an und rückte seine Mütze zurecht. „Agent McGee hat mir grad ihre Koordinaten durchgegeben. Die Hunde haben angeschlagen. Die Sanitäter haben Helikopter geordert, um die Vermissten so schnell und so gut wie möglich medizinisch versorgen zu können. So wie es aussieht… Ich weiß nicht recht. Ihr Agent meinte, dass sie keinerlei Spuren entdecken konnten, der verfluchte Neuschnee. Also werden sie graben und hoffen… hoffen dass…“

„… dass es nicht zu spät ist. Ich habe schon verstanden, Deputy. Bringen Sie mich dahin!“ Es fiel Kristen nicht schwer ihren autoritären Chief-Brown-Tonfall anzuschlagen. Eilig hastete sie hinter dem Jüngeren her in den Wald hinein, gefolgt von einigen anderen Männern, mit Hunden und schwer bewaffnet.

„Nur für alle Fälle, Chief.“

Kristen nickte nur und musste sich konzentrieren auf dem unebenen Boden nicht die Balance zu verlieren.

Minuten lang liefen sie schweigend durch den Wald, bis das Funkgerät des Deputy knackte und die Stimme eines weiteres Unbekannten rief: „Wir haben was! Himmel, was ist… Scheiße… Das ist verrückt! Total verrückt.“ Um ein Haar hätte die Brünette dem Deputy das Funkgerät aus der Hand gerissen, doch sie schaffte es sich zu zügeln, ließ den Mann antworten.

Nur wenige Meter weiter wurden die Bäume lichter und trotz des zunehmenden Schneefalls erkannte sie in einiger Entfernung mehrere Männer in der Nähe einer größeren Lichtung. Von Weitem erkannte die ehemalige Polizistin wie jemand sich hinhockte und schließlich scheinbar vom Erdboden verschluckt wurde. Das Selbe taten auch die deutlich erkennbaren Sanitäter. Das Erdloch in mitten der Wildnis...
Kristens Herz schien ihren Brustkorb sprengen zu wollen, atemlos erreichte sie die Menschentraube und drängte sich hindurch.

„Mum! Mum!“, kam es von Eric und Kristen spürte Arme, die sie zurückhielten. Leise Stimmen, die auf sie einredeten. „Mum, warte, lass erst Jimmy und die Sanitäter… Komm, komm schon.“

„Ruhig, Kristen. Es wird gut. Es wird alles gut!“

Tim, das war Tims Stimme. Doch Kristen konnte nicht warten und sich noch weniger beruhigen lassen. Sie musste wissen was mit ihrem Geliebten geschehen war. Sie riss sich aus den Griffen der beiden Männer los und funkelte sie finster an. „Wagt das nicht noch einmal!“, fauchte sie und ließ sich oberhalb des schwarzen Schlundes auf dem Schnee nieder. Obwohl sie sich langsam hinunter gleiten ließ, war ihr Aufprall auf dem Erdboden hart, doch darum scherte sie sich nicht. Es dauerte quälende Sekunden, bis sie etwas erkennen konnte. Schemen schlichen sich in ihren Blick. Leise, ruhige Stimmen drangen ihr entgegen. Sie erkannte eine routinierte Geschäftigkeit, Eile ohne Hektik.

„Jethro?“, wisperte sie ohne Details erkennen zu können.

„Kristen!“

Jimmy Palmer, die beiden Sanitäter. Endlich wurden die Bilder deutlicher und dennoch konnte sie sekundenlang nur einen unförmigen Haufen zu ihren Füßen erkennen.
Kristen kniff die Augen zusammen und ließ sich neben Jimmy auf die Knie sinken. Ein leiser Aufschrei entfuhr ihr, als ihr Blick auf das Gesicht ihres Lebensgefährten fiel. Im dämmrigen Licht, das durch die Luke fiel wirkte es verzerrt und fremd, das linke Auge zugeschwollen, die gesamte Gesichtshälfte unnatürlich gefärbt.

„Ich hab einen Puls…“, kam es von einem der Sanitäter und Kristens Blick schnellte in dessen Richtung. Blass und ohne erkennbare Lebenszeichen ruhte Zivas Kopf an Jethros Schulter. Behutsam schoben die Sanitäter die dicken Thermodecken zur Seite.
Erneut wanderte Kristens Blick hinauf zu Gibbs' Gesicht. Vor Entsetzen war sie wie gelähmt.

„Ist er… ist…“ Ihre Stimme brach und sie konnte nichts anderes als ihre Finger in die dicke Winterkleidung zu graben, die den Körper ihres Geliebten einhüllte.

Jimmy griff nach Kristens Hand und führte diese an Gibbs' Handgelenk. „Er lebt, Chief. Die beiden Sanitäter bereiten die Notfallmaßnahmen vor. Halten Sie seine Hand, Kristen. Das wird Ihnen guttun.“

Sie nickte nur stumm und schloss beide Hände um seine. Seine Finger waren eiskalt und schimmerten bläulich.

„Reiben Sie nicht über seine Haut, Kristen. Am besten wäre es, wenn Sie seine Hände unter Ihre Jacke stecken würden, um sie zu wärmen“, erklärte Jimmy Palmer leise, während er Jethros Körper vorsichtig nach Verletzungen absuchte. Immer wieder schaute er dabei auf und beobachtete die Sanitäter, die sich nun um Ziva kümmerten.

„Seine zweite Hand ist unter Zivas Körper, Jimmy“, wisperte Kristen, während ihr Tränen über die Wangen liefen.

„Das ist vermutlich ein Glück, Kristen. Das wird wieder… Das wird schon alles wieder…“. murmelte der junge Mediziner.

„Hey! Was ist los bei euch?“, erklang Tims Stimme ungeduldig über der Öffnung. „Tony hat versucht uns zu erreichen. Was soll ich ihm sagen, wenn ich zurück rufe? Leben… leben Gibbs und Ziva?“

„Sie sind beide am Leben. Allerdings haben wir hier unten eine Leiche. Männlicher Weißer – vielleicht der Entführer?! Wie weit ist der Rettungshubschrauber?“, antwortete einer der Sanitäter. Erleichterte Rufe erklangen laut und freudig.

„Alles wartet auf euch!“, rief einer der Männer, oberhalb der Falltür.

„Gut, erst die Frau. Ich kriege den Zugang nicht gelegt, das machen wir im Heli. Reicht die Bare runter!“

Wie durch dichten Nebel erreichte Kristen der knappe Dialog, während sie ihren Geliebten nicht aus den Augen ließ.


~~~***~~~


„Wie du meinst Leon“, sagte Jackie und unterbrach wütend die Handyverbindung. Irgendetwas ging da vor. Da war sie sich ganz sicher. Leon verhielt sich seltsam. Sie konnte es noch nicht in Worte fassen, aber alleine dieses Theater, das er letztens veranstaltet hatte, als sie den kleinen Verkehrsrempler hatte. Anschließend hatte er sie fast genötigt zusammen mit den Kindern zu dem Theaterworkshop zu fahren. Ganz so als wollte er sie nicht in seiner Reichweite haben. Und jetzt teilte er ihr am Telefon mit, das er seinen Job als Director des NCIS gekündigt hatte, um mit ihnen zusammen nach Israel auszuwandern. Das war der Gipfel. Niemals zuvor hatte er so schwerwiegende Entscheidungen getroffen, ohne ihre Meinung dazu zu hören. Und eins wusste Jackie mit Gewissheit: sie wollte nicht nach Israel.

Immer noch wütend legte sie das Telefon auf den Tisch. Wie sollte sie das nur ihren Kindern beibringen? Beide hatten einen funktionierenden Freundeskreis und Jared spielte seit diesem Sommer sogar in der ersten Footballmannschaft der Schule. Mit einem tiefen Seufzer und einer dunklen Verwünschung in Richtung ihres Mannes stand sie auf und machte sich auf die Suche nach ihren Kindern.


~~~***~~~


Ducky schloss hinter Fornell und Morrow die Haustür und rieb sich fröstelnd die Arme. Je später es wurde, desto tiefer fielen die Temperaturen. Für die kommende Nacht hatten die Medien einen Rekordtiefpunkt angekündigt und seit den frühen Morgenstunden waren die Hilfsorganisationen schon dabei Obdachlose in Auffanglager unterzubringen. Noch einmal fuhr er sich zitternd über die Arme, während er sich wieder auf den Weg zurück ins Wohnzimmer machte, wo Tony wahrscheinlich schon ungeduldig auf ihn waren würde. Es wurde einfach Zeit, dass sie Ziva und Gibbs fanden. Die Ungewissheit fraß an ihren Nerven.


~~~***~~~


Resigniert legte Tony sein Handy auf den Tisch. Er wusste nicht mehr wie häufig er schon versucht hatte Tim zu erreichen - immer ohne Erfolg. Wahrscheinlich wollte er nur nicht mit ihm sprechen und langsam wuchs in ihm wieder die Wut. Wut auf Tim, weil er ihn im Ungewissen ließ; Wut auf Ziva, weil sie ihre zugegeben niedliche Nase, in alles reinstecken musste; und Wut auf sich selber, weil er nur Untätigkeit herum sitzen konnte.

Wenigstens war das Gespräch mit Fornell und Morrow positiv verlaufen. Beide hatte ihre Mithilfe zugesagt und Fornell hatte sich der Beweise angenommen, allerdings nicht bevor Tony mit Tims kleinen Handscanner Kopien der Unterlagen angefertigt hatte. Nicht das er Fornell misstraute, aber sicher war sicher. Und Tom Morrow würde die Angelegenheit von der politischen Seite aus angehen. Mit so hochgradiger Unterstützung war es nur eine Frage der Zeit, bis sie den SecNav. überführen konnten. Politisch würde er schon bald keine Bein mehr auf den Boden bekommen und mit Hilfe des FBIs, würde auch die Privatperson ihre gerechte Strafe bekommen.

Wieder sah Tony nervös zum Telefon. Hinter sich hörte er Ducky ins Wohnzimmer kommen.

„Noch kein Anruf?“, fragte der Ältere.

„Nein und ich kann Tim auch nicht erreichen“, kam es enttäuscht von dem Braunhaarigen.

„Wenn sie sie gefunden haben, werden sie sich schon melden. Hast du deine Medikamente schon genommen?“

Tony nickte und hielt zur Bestätigung die leere Pillendose hoch.

„Gut, was macht das Gefühl im Bein?“, fragte er, um den jüngeren etwas von seinen Sorgen abzulenken.

Lächelnd strich sich Tony über den entsprechenden Oberschenkel. „Es ist noch da“, sagte er siegessicher und zuckte zusammen als sein Handy plötzlich läutete.

 

 


39. Kapitel

Jackie lief jetzt zum zweiten Mal durch die kleine Aula, als sie endlich ihren Sohn Jared entdeckte.

„Hallo mein Schatz“, sagte sie und zog ihn in eine mütterliche Umarmung aus der sich der Junge sofort wieder zu lösen versuchte.

„Mom, nicht. Ich bin langsam zu alt für so was.“

Jackie schmunzelte. „Zu alt? Für so etwas ist man nie zu alt.“ Belustigt schüttelte sie den Kopf. „Weißt du wo deine Schwester ist? Ich suche sie schon die ganze Zeit, kann sie aber nicht entdecken.“

„Oh, Lily wollte mit ihren beiden Freundinnen nach draußen einen Schneemann bauen.“

Sorgenfalten machten sich auf Jackies Stirn breit. „Wo nach draußen? Ich komme von draußen. Es ist niemand da draußen, außerdem ist es schon fast dunkel.“ Eine leichte Panik schwang in ihrer Stimme mit. Wo war nur Lily? Unruhig sah sie sich um, dann entdeckte sie in einiger Entfernung, eins der Mädchen mit denen ihre kleine Tochter befreundet war.

„Jenny, warte einmal“, rief sie und eilte auf das Kind zu. „Warst du mit Lily draußen?“

„Hallo Mrs. Vance. Nein, wir wollten, aber es hat so stark geschneit. Da haben wir das lieber gelassen.“

„Weißt du denn wo sie jetzt ist?“ Aufgebracht hatte sie das Kind an den Schultern gepackt.

„Nein“, stammelte die Kleine. „Sie... sei wollte aufs ihr Zimmer.“

Ruckartig ließ Jackie das Kind los und nahm ihren Sohn an die Hand. Als Jared sich wieder befreien wollte, zischte sie ihm zu: „Du bleibst bei mir. Verstanden?“ Dann eilte sie mit ihm in Richtung der Schlafzimmer.

~~~***~~~


Eine Stunden später war klar, das Lily nicht mehr im Landschulheim war. Sie hatten mit vereinten Kräften jeden Winkel abgesucht, ohne Erfolg. Jetzt saß Jackie zitternd auf einem Sofa und dreht das Handy in ihren Fingern. Leon, sie musste es Leon sagen. Entschlossen drückte sie die Kurzwahltaste.

~~~***~~~


Das Schellen ließ Vance zusammen zucken. Mit krauser Stirn legte er die Akte aus der Hand in der er gerade gelesen hatte und griff, ohne aufs Display zu schauen, zu seinem Handy.

„Vance!“, sagte er in den Hörer. Was er als erstes hörte, war ein tiefes Schluchzen. Aber selbst das hätte er unter tausenden erkannt. Alarmiert sah er auf. „Jackie?“

„Leon“, kam es weinend von seiner Frau. „Lily“.

„Was ist mit Lily?“, fragte er aufgebracht.

„Sie ist weg. Wie vom Erdboden verschwunden. Wir...“, wieder hörte er sie schluchzen. „...wir können sie nicht finden.“

Bevor er es selbst bemerkte, war er schon auf den Beinen. „Bleibt wo ihr seid und pass auf Jared auf. Ich komme sofort zu euch.“ Hastig legte er auf und griff nach seiner Jacke. Angst jagte ihm die Kehle hoch und ließ ihn nur schwer Luft holen.

~~~***~~~


Unwillkürlich zog Tim den Sohn von Gibbs Lebensgefährtin in seine Arme. „Gott sei Dank… Verdammt…“
Eric stieß einen leisen Triumphschrei aus und fuhr sich dann mit den Händen über das Gesicht. „Denkst du… dass Jethro und Ziva den Kerl umgebracht haben?“ Wollte Eric wissen und der Zwiespalt, den dieser Gedanke in ihm auslöste war ihm deutlich anzusehen.
„Gut möglich… Aber… Das wichtigste ist, dass die beiden am Leben sind! Ich muss Tony und Ducky anrufen! Gott verdammt… Endlich!“ Die Erleichterung war Tim deutlich anzumerken. Beinahe beschwingt wählte er die entsprechende Kurzwahltaste.

~~~***~~~


„Das wurde jetzt aber auch Zeit McGee“, blaffte Tony ins Handy und nickte Ducky zu, der ihn neugierig ansah.

„Hier ist Vance.“

Überrascht zog Tony seine Stirn kraus. Was wollte der Director denn jetzt noch von ihm?

„Kann ich noch etwas für die tun? Oder wollen Sie mir noch einmal ihr Beileid aussprechen? Wenn ja, dann können Sie sich das...“

„Halten Sie ihre Klappe DiNozzo“, schrie Leon ihn an. „Meine Tochter wurde wegen ihrer Einmischung entführt. Ich habe sie gewarnt, aber sie und ihre neugierige Partnerin konnten ja nicht ihre Finger davon lassen. Sie mussten sich ja unbedingt um Sachen kümmern, die Sie nichts angehen.....“

„Nichts angehen?“, unterbrach Tony ihn aufgeregt. „Nichts angehen? Sitzen Sie im Rollstuhl, oder ich? Und Abby? Geht sie uns auch nichts an? Sie ist tot, weil sie mit diesem Schwein gemeinsame Sache gemacht haben. Gut, ihre Tochter ist verschwunden, aber mehr wissen sie im Moment nicht, vielleicht ist sie auch nur weggelaufen. Ich weiß aber das der SecNav meine gesamte Familie auf dem Gewissen hat. Ziva, mein Kind und Gibbs. Und McGee ist seit Abby Tod nur noch ein Schatten seiner selbst. Und was machen Sie? Sie stecken ihren Kopf in den Sand. Nicht wahr Leon, das ist doch eine ihrer Stärken“, sagte Tony mit zittriger Stimme.

Auf seiner Schulter spürte er die Hand des Pathologen, die versuchte ihm Trost und Halt zu geben. Er war einfach am Ende seiner Kräfte. Die Sorge um Ziva und seinem Kind, um Gibbs und der schwere Anfall, taten ihr Übriges. Tony war müde.

Am anderen Ende der Leitung wurde es ruhig, dann hörte er Vance tief atmen. „Was haben Sie bisher unternommen?“ Seine Stimme erklang jetzt wieder in einer normalen Lautstärke.

„Wir haben das FBI und Director a.D. Morrow eingeschaltet und ihnen die uns zugespielten Beweise zu kommen lassen. Die Ermittlungen laufen.“ Müde fuhr sich Tony mit einer Hand über die Augen. Das Gespräch zerrte an seinen letzten Kraftreserven.

„Lily“, kam es von Leon kläglich. „Sie ist noch so klein. Ich weiß nicht wie ich damit fertig werden soll!?“

Plötzlich klopfte es in der Leitung. Ein schneller Blick aufs Display offenbarte den Anrufer und panikartig krampfte sich Tonys Herz zusammen. „Ich muss jetzt auflegen. Melden Sie sich wenn sie was Neues wissen“, sagte Tony und nahm den anderen Anruf entgegen.

 

 

 

TBC................................

 

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Kommentare: 2
  • #1

    lara (Mittwoch, 20 März 2013 20:36)

    Ich finde die geschichte spannend.BITTE schreib schnell weiter

  • #2

    xxtivazonexx (Sonntag, 16 Februar 2014 16:04)

    Bin genau Lara's Meinung. Bitte schreib schnell weiter. Deine Fanfiction ist seeeeehr, sehr gut geschrieben und seeeehr, sehr spannend :). Mach weiter so!